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08.10.1993

CW 41, S.85/86 Die Militaernorm CALS wird zu einem Muss in der Wirtschaft Ohne Produktdaten-Verwaltung kein Concurrent Engineering Von Lothar Maeusl*

Concurrent Engineering - die Parallelisierung des Design- und Produktionsprozesses - gilt in Fertigungsbetrieben derzeit als Allheilmittel. Dieser Ansatz vernachlaessigt jedoch haeufig so wichtige Gesichtspunkte wie Wartung und Logistik. Die vom amerikanischen Verteidigungsministerium gestartete "CALS- Initiative" soll hier Abhilfe schaffen. CALS steht fuer "Computer Aided Acquisition and Logistics Support" und spannt den Bogen von der Anschaffung bis zum Betrieb von komplexen Produkten. Herzstueck dieses Konzepts ist ein leistungsfaehiges elektronisches Produktdaten-Management.

Probate Mittel gegen die derzeitige konjunkturelle Misere sind, forciert durch das Marketing-Getrommel der diversen Technologie- Anbieter, schnell zur Hand: Concurrent Engineering, Lean Production und Lean Management, Just-in-time-Konzepte etc. Dabei uebersehen viele freilich eines: Alle diese Ansaetze decken haeufig nur Prozesse im Unternehmen ab und erstrecken sich nicht weiter als bis zum Verkauf des Produkts.

Das kann sehr unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen, und zwar fuer den Anbieter wie den Benutzer eines Produkts. Kommt es doch bei komplexen Erzeugnissen wie zum Beispiel einem Flugzeug wesentlich darauf an, wie es mit der Wartbarkeit steht. Sie beeinflusst die Kosten fuer den Betreiber naemlich ganz erheblich. Ob dies auch den Abteilungen Konstruktion und Entwicklung, deren Arbeit auf die Wartbarkeit entscheidend einwirkt, immer bewusst ist, ist zumindest zu bezweifeln.

Es geht um die Handlungsfaehigkeit

Wenn eine komplexe Anlage Tage oder Wochen nicht betriebsbereit ist, dann geht das gewaltig ins Geld, und ebenso ans Image des Anbieters. Nicht um Geld oder Image, sondern um Handlungsfaehigkeit ging es allerdings Experten des amerikanischen Verteidigungsministeriums, als sie 1985 die CALS-Initiative starteten. CALS spannt den Bogen von der Produktidee bis zur Entsorgung und bindet alle Lieferanten innerhalb eines Projekts ein.

Die Pentagon-Fachleute zielen mit diesem Programm, dessen zweite Phase noch laeuft, auch auf die IT-Anbieter ab, weil Anschaffung und Betrieb von Fertigungserzeugnissen durch die Datenverarbeitung mittlerweile wesentlich unterstuetzt werden. Die Lieferanten aller militaerischen Produkte sind durch CALS gehalten, den Zugriff auf alle hierbei anfallenden Daten zu gewaehrleisten.

Da kommt beispielsweise dem elektronischen Dokumentenarchiv eine grosse Bedeutung zu. Kann man sich doch leicht vorstellen, dass die herkoemmliche Dokumentation fuer ein U-Boot in Form von sieben Tonnen Papier erhebliche Probleme mit sich bringt. Welche Information befindet sich wo? Bei einem derartigen Wust eine mehr als knifflige Frage, deren Nichtbeantwortung in einem sicherheitskritischen Bereich katastrophale Folgen haben kann. Fuer das Pentagon ist klar: Wer die CALS-Anforderungen nicht erfuellt, wird von der Lieferantenliste gestrichen. Ein wesentliches Kriterium ist dabei, dass sich der gesamte Informationsfluss im Rahmen eines Auftrags (und danach) elektronisch abwickeln laesst.

Dazu ist die Einhaltung bestimmter Standards bindend vorgeschrieben. Standards uebrigens, die beileibe nicht nur im militaerischen Bereich Bedeutung haben. Die im CAD/CAM-Sektor weitverbreitete Schnittstelle Iges beispielsweise oder die Uebertragung von Faxdokumenten nach CCITT Gruppe 4 gehoeren ebenso zu den CALS-Normen wie Step. Das Kuerzel steht fuer "Standard for the Exchange of Product Data" und wird als kuenftiger Standard fuer den Produktdatenaustausch und gleichzeitig als Erweiterung von Iges angesehen. In der Bundesrepublik ist die Automobilindustrie die treibende Kraft hinter Step. Alle hiesigen Hersteller von Rang und Namen gehoeren dem sogenannten Pro-Step-Konsortium an.

Wenngleich CALS bislang eher ein publizistisches Schattendasein gefuehrt hat, gibt es doch etliche Unternehmen, die sich an dieses umfassende Concurrent-Engineering-Konzept halten. Digital Equipment zum Beispiel, als DV-Anbieter schon fruehzeitig mit der CALS-Thematik als Lieferant befasst, hat sich die hieraus gewonnenen Erkenntnisse auch intern zunutze gemacht und sein Engineering-Konzept voll auf diese Methodik abgestellt.

Dies war primaer keine informationstechnische Loesung. Zuerst galt es, die Geschaeftsvorgaenge zu durchleuchten und den daraus resultierenden Informationsfluss zu analysieren. Erst am Ende dieser Kette stand die Informa- tionstechnik als nuetzliches Werkzeug zur effizienten Gestaltung des Informationsflusses.

So gehoerte die zeitweise Versetzung von Fertigungsleuten in die Konstruktion zu den wichtigen organisatorischen Massnahmen, um die zwischen Produktion und Entwicklung bestehenden Kommunikationsschwierigkeiten zu ueberwinden. Haeufig haben Entwickler naemlich gar kein Gespuer fuer die Produzierbarkeit bestimmter Bauteile.

Die bisher mit dem CALS-Concurrent-Engineering-Ansatz erzielten Resultate bei Digital koennen sich jedenfalls sehen lassen. So ist es dem Unternehmen bei der Entwicklung der VAX 7000 gelungen, drei Monate frueher als geplant auf den Markt zu kommen, die Produktkosten um 20 Prozent zu reduzieren und die Fehlerrate um weitere zehn Prozent zu druecken.

Eine wesentliche Komponente von CALS respektive Concurrent Engineering ist eine leistungsfaehige elektronische Verwaltung der Produktdaten. Vor welch hohen Anforderungen hier die DV-Anbieter stehen, macht eine Studie des Automobilherstellers BMW deutlich: Waehrend demnach der Lebenszyklus von Hardware heute bei maximal fuenf Jahren liegt und es Betriebssysteme sowie Applikationssoftware im Schnitt hoechstens auf acht beziehungsweise zwoelf bis 15 Jahre bringen, belaeuft sich die durchschnittliche Lebensdauer von Produktdaten auf 25 Jahre. Letztere lassen sich manuell zwar archivieren, von einer effizienten Verwaltung kann jedoch angesichts der schier unendlichen Datenfuelle keine Rede mehr sein. Produktdaten-Management wird also mehr und mehr zum DV- Thema.

Dass sich ein elektronisches Dokumentenarchiv rentiert, hat Digital Equipment in einer Fallstudie aufgezeigt: Ein Fertigungsbetrieb erstellt pro Jahr 10 000 neue Zeichnungen. Pro Zeichnung fallen 1500 Mark an Kosten (einschliesslich Verwaltung) an.

Durch die Anschaffung eines Produktdaten-Verwaltungssy- stems gibt es nun fuenf Prozent weniger neue Konstruktionen oder unnoetige Aenderungen, weil das System schnell darueber Auskunft gibt, ob ein bestimmtes Bauteil bereits konstruiert wurde und ob sich die dazugehoerige Zeichnung weiter verwenden laesst. Die hieraus resultierende Kostenersparnis belaeuft sich auf stolze 750 000 Mark pro Jahr.

Um derartige Ergebnisse erzielen zu koennen, muessen Produktdaten- Verwaltungssysteme freilich eine ganze Reihe von Anforderungen erfuellen. Dazu gehoeren vor allem eine effiziente Datenverwaltung und Zugriffskontrolle.

Die Anwendungen fuer Produktdaten-Verwaltungssysteme sind breit gefaechert. So sind spezielle Kundenapplikationen moeglich, etwa zur Einhaltung des ISO-9000-Standards. In einem entsprechend konfigurierten System ist beispielsweise festgelegt, welche Qualitaetsdokumente gefuehrt, benutzt oder verwaltet werden sollen.

Anwendungsspektrum sehr weit gefaechert

Freilich hat die elektronische Datenverwaltung immer noch mit dem Vorurteil zu kaempfen, dass die Archivierung elektronischer Informationen rechtliche Probleme aufwerfe. Hierzu gibt die geltende Rechtsprechung jedoch eindeutig Auskunft. Demnach ist jeder Kaufmann nach Paragraph 257, Absatz 1 des Handelsgesetzbuchs (HGB) verpflichtet, bestimmte Unterlagen (Handelsbuecher, Inventare, Bilanzen, Jahresabschluesse, Lagerberichte, Konzernabschluesse, Arbeitsanweisungen etc.) geordnet aufzubewahren.

Mit Ausnahme der Eroeffnungsbilanzen, Jahresabschluesse und der Konzernabschluesse, so Paragraph 257, Absatz 3 HGB koennen die Unterlagen auch als Wiedergabe auf einem Bildtraeger oder auf einem anderen Datentraeger aufbewahrt werden. Voraussetzung sind hier freilich elektronisch unterschriebene und freigegebene Dokumente sowie die Moeglichkeit, diese auf Hard-Copy ausdrucken zu koennen.

Damit ist auch auf der Seite des Gesetzgebers der Weg frei fuer Konzepte wie CALS, die bei groesseren Unternehmen schon recht gut etabliert erscheinen. Der Mittelstand zoegert freilich noch - was sich kuenftig als nachteilig fuer manchen Zulieferer herausstellen koennte.

Sind doch mehr und mehr mittelstaendische Lieferanten als Subunternehmer in Beschaffungsprozesse maechtiger Auftraggeber eingebunden. Und bei diesen hat Papier als alleiniger Datentraeger inzwischen ausgedient.

* Lothar Maeusl ist Geschaeftsfuehrer der Agentur Techno-Press in Muenchen.