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28.02.1992 - 

"Die Europäer sollten ihre Produkte selbst entwickeln"

CW-Gespräch mit Hans Strack-Zimmermann über die Entwicklungen am Unix-Markt

Die europäischen Computerhersteller kämpfen ums Überleben. ICL mußte bereits die Segel streichen, die Groupe Bull hofft, daß ihr an der Seite des Mainframe-Riesen IBM eine bessere Zukunft beschieden ist. Auslöser dieser Krise war nicht zuletzt, daß die proprietären Hersteller den Trend zu offenen, bedienerfreundlichen und preisgünstigen Produkten verschlafen haben. In einem Gespräch mit CW-Redakteur Hermann Gfaller umreißt Ixos-Geschäftsführer und Unix-Guru Hans Strack-Zimmermann die derzeitige Situation im Betriebssystem-Markt. Vor allem aber hält er der europäischen Computerindustrie vor, daß sie selbst schuld an ihrer Misere ist: Anstatt selbst Produkte zu entwickeln, haben sich die Hersteller auf Zukäufe aus den Vereinigten Staaten verlassen.

CW: Was uns an der ganzen Diskussion um Unix stört, ist, daß das Betriebssystem den Anwender eigentlich gar nicht interessieren sollte. Schließlich geht es vor allem um die Anwendung.

Strack-Zimmermann: Das geht sogar noch weiter. Nicht nur die Anwender, auch die Programmierer interessieren sich im Grunde nicht für das Betriebssystem - wenn es nur offen ist. Schließlich versuchen Anwendungsentwickler normalerweise, auf höheren Schnittstellen aufzusetzen. Sie benutzen das Betriebssystem nur indirekt als Laufzeitsystem. Es gibt nur ganz wenige Leute, die wirklich gegen die Programmierschnittstellen der Betriebssystem-Hersteller programmieren.

CW: Es gibt also eine Art Kodex, nach dem das Betriebssystem unantastbar ist.

Strack-Zimmermann: Ja, und deshalb braucht man sich auch nicht dafür zu interessieren. Ich bezeichne die Betriebssysteme immer etwas lieblos als Ablaufumgebung für Anwendungen. Und so muß man das auch sehen. Es geht letztlich immer um die Anwendungen. Die Anwendungssoftware ist es, die den Rechner zu einem nützlichen Instrument macht.

CW: Die Hersteller sehen das offenbar anders. Sonst ließen sich die Rangeleien um Marktanteile für OSF/1, Unix V.4, New Technology, OS/2 etc. nicht erklären.

Strack-Zimmermann: Hinter diesen Auseinandersetzungen stecken natürlich kommerzielle Interessen und der Kampf um Einflußsphären. Außerdem gibt es eine von der IBM geschaffene Situation, in der es mehr um Visionen wie SAA geht als um Produkte.

Was konkret OS/2 betrifft, hat die IBM das Betriebssystem immer mit diesem SAA-Konzept identifiziert. Nun tut sich die IBM schwer, sich aus dieser Sackgasse herauszumanövrieren. Hinzu kommt, daß OS/2 weder rechtzeitig noch mit dem notwendigen Erfolg auf den Markt gekommen ist. Aus Sicht der offenen Systeme liefert IBM mit dem Betriebssystem heute eher Rückzugsgefechte. OS/2, so wie es die IBM heute anfängt zu definieren, ist etwas anderes als das proprietäre OS/2 Extended Edition, mit dem die VBs vor zwei, drei Jahren herumgezogen sind.

Es war für mich zum Beispiel überraschend zu hören, daß OS/2 mit Benutzeroberflächen Ó la X-Windows und OSF/Motif ausgeliefert werden soll.

CW: Wir hatten bei Gesprächen mit Software-Anbietern den Eindruck, daß OS/2 an Reputation gewinnt, auch wenn das keiner an die große Glocke hängt.

Strack-Zimmermann: Was jetzt zu sehen ist, sind die OS/2-Anwendungen, deren Entwicklung vor zwei Jahren in Angriff genommen wurden. Und es bleibt nun zu hoffen, daß diese Produkte wirklich Geld bringen, schließlich steckt in ihnen eine ganz beachtliche Ingenieurleistung. Das funktioniert nicht immer. So gibt es eine ganze Reihe besonders innovative Softwarehäuser, die ihr OS/2-Engagement bitter bezahlen müssen. Nicht wenige hatten ihre Zukunft auf OS/2 gebaut.

Dieses Risiko ist übrigens der Grund, warum ich der Meinung bin, daß man frühzeitige Vor-Vor-Ankündigungen nicht mehr zulassen sollte. Mit ihnen verwirrt man Software-Entwickler, die aufgrund solcher vagen Informationen knallharte unternehmerische Entscheidungen treffen müssen. Außerdem glaube ich, daß die meisten Firmen, die auf OS/2 gesetzt haben, inzwischen auch eine Implementierung für Windows 3.0 anbieten.

CS: Sie sehen also einen Markt für OS/2?

Strack-Zimmermann: Das Betriebssystem findet sicher im kommerziellen Bereich Anwender, etwa im Umfeld von MVS.

CW: Sie meinen die Großunternehmen, die auf True-Blue eingeschworen sind?

Strack-Zimmermann: Ja, die bleiben dabei. Schon weil die Entscheider dort teilweise ihre persönliche Karriere auf OS/2 gesetzt haben. Dort gibt es auch einen hohen Vertrauensvorschuß, daß IBM die Sache schon noch in den Griff bekommt. Außerdem laufen in diesen Unternehmen längst Entwicklungsarbeiten auf OS/2-Basis, und die wird man nicht wegwerfen.

Trotzdem finden selbst auf der "blauen Wiese" inzwischen andere Experimente statt, gerade in der Bankenwelt. Dort tauchen plötzlich Windows-Arbeitsplätze auf, und die offiziellen DV-Beschaffer können dann nur noch mit den Achseln zucken.

CW: Zugegeben, Windows ist ein Kassenschlager, aber wird das Produkt nicht überschätzt? Schließlich sagen viele Fachleute dramatische Innovationen bei Benutzeroberfläche voraus.

Strack-Zimmermann: Stimmt, aber Windows 3.0 ist im Moment ein Phänomen, an dem man sich nicht vorbeidrücken kann. Hier zählt einzig das Argument: Die Anwender haben Recht.

Außerdem gibt es inzwischen ganz vernünftige Anwendungen für Windows. Das interessiert auch die Großanwender - ob die DV-Strategen das mögen oder nicht.

Die nächste Frage ist, wie man die Windows-Systeme als Clients an Server anbindet. Auf der einen Seite werden die Services von den zentralen Datenverarbeitungsanlagen erbracht, auf der anderen Seite von PC-Servern, die immer größere Plattenkapazitäten zur Verfügung stellen, und auf denen ausgelagerte Datenbanken sitzen. Auch hier wage ich zu bezweifeln, daß OS/2 als PC-Server ideal sein wird. Dazu ist das Betriebssystem zu sehr auf das Leistungsspektrum von Intel-basierten Monoprozessor-Systemen fixiert.

Die Zusammenarbeit zwischen Windows und Unix-Servern funktioniert dagegen ziemlich reibungslos. Das bedeutet zum Beispiel, daß hinter einem Windows-Client ein Server mit dem Leistungsspektrum vom Unix-PC bis zum Multiprozessor-Superrechner stecken kann. Hier kann OS/2 nicht mithalten.

CW: Angesichts des Unix-Gerangels der letzten Jahre und der Diskussionen um die MS-DOS-Nachfolge scheint es, als hinge von der Betriebssystem-Wahl die Zukunft der Branche ab. IBM hat mit OS/2, AIX, OSF/1 und Pink gleich mehrere Eisen im Feuer. Sun setzt auf Solaris, die ACE-Mitglieder auf Unix und NT.

Strack-Zimmermann: Ich glaube eigentlich jeder Hardware-Hersteller begreift heute, daß er mehr anbieten muß als Rechner. Die Ablaufumgebung, das Betriebssystem, spielt hier eine Schlüsselrolle. Sie ist der Einstieg in den Softwarebereich. Über kurz oder lang kommen dann Datenbankprodukte. Auf diesem Weg gewinnt ein Unternehmen Einflußsphären.

Der nächste Schritt ist dann, die Software auch auf Systemen von Mitbewerbern anzubieten. Auf diese Weise werden neue Märkte erschlossen. Und das ist richtig so. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Betriebssystem - und vor allem Unix.

Geliefert wird dieses System von den Unix System Laboratories - einem 300-Mann-Softwarehaus. Als der Lizenzgeber noch AT&T hieß, war die Situation schlechter. Der Telefon-Riese wollte Hardwarehersteller werden und hat dabei die strategische Bedeutung des Betriebssystems aus dem Auge verloren.

CW: Kürzlich ist die USL wie die OSF der ACE-Gruppe beigetreten. Man munkelt, daß die ACE-Mitglieder lieber mit Unix V.4 als mit OSF/1 arbeiten wollen.

Strack-Zimmermann: lch muß das richtigstellen. Vor einigen Jahren hat AT&T mit einer sehr unschönen Unix-Politik begonnen. Über Lizenzbestimmungen und juristische Tricks hat das Unternehmen versucht, die Unix-Anbieter und -Anwender an sich zu binden. Das hat vor allem die Hersteller verärgert. Die Gegenwehr der Hersteller führte dann zu Aushöhlung der damaligen AT&T-Position.

Während in den AT&T-Labors an Unix V.4 entwickelt wurde, haben andere Unternehmen beschlossen, den Kern des Betriebssystems zu erneuern - ein sinnvolles Unterfangen, denn das klassische Unix war nach und nach zu einem großen monolithischen Gebilde geworden. Ergebnisse dieser Bewegung sind mittlerweile zum Beispiel mit OSF/1 am Markt sichtbar. Was ich damit sagen will, ist, daß es immer mehrere Unix-Varianten gegeben hat und geben wird. Sie werden allerdings nach außen die gleichen - von X/Open festgelegten - Schnittstellen haben.

CW: Nun hat aber zum Beispiel das OSF/1-Betriebssystem mit Mach einen ganz anderen Kernel. Spielt das keine Rolle?

Strack-Zimmermann: In der Tat beruht OSF/1 heute auf einem Mach-Kernel, leider nicht auf dem richtigen, nicht auf dem, auf den alle Fachleute gehofft hatten, nämlich nicht dem Micro-Kernel. Der ist lediglich in der OSF-Research-Edition enthalten, war aber immerhin schon im Januar auf der Uniforum-Messe in San Franzisko zu sehen.

Darauf aufbauend braucht man natürlich auch diese Schnittstellen, die Unix V.4 ausmachen. Derzeit ist die OSF dabei, diese nachzuentwickeln. Wann die OSF aufhört, Lizenzgebühren an AT&T zu zahlen, ist weniger eine technische Angelegenheit, sondern hängt vor allem von Rechtsanwälten ab.

CW: Die OSF ist Ende letzten Jahres aus dem Board of Directors von X-Open ausgestiegen, wie beurteilen Sie das?

Strack-Zimmermann: Das ist ein Prestigeverlust für X/Open und die OSF. Beide Organisationen geraten in ein unsicheres Fahrwasser.

CW: Was heißt das?

Strack-Zimmermann: OSF und X/Open stehen unter dem Druck, daß die Hersteller nicht mehr in dem Maße die Aktivitäten finanzieren können oder wollen. Nun meinen sie, in den Endanwendern neue Sponsoren gefunden zu haben. Ich bin nicht sicher, ob das die richtige Entscheidung ist.

CW: Sie haben gesagt, daß die Anwender bestimmen, was richtig ist.

Strack-Zimmermann: Ja, aber nur, was die Anwendungen betrifft. Ob die User jedoch in de Lage sind, komplizierte Normenarbeit zu machen und durchzuhalten, ob sie bereit sind, technisch versierte Mitarbeiter dafür abzustellen, bezweifle ich.

CW: Inzwischen nimmt ja auch die OSF Anwender auf ..

Strack-Zimmermann: Das scheint jetzt modern zu sein. Das ist halt das Ringen um "Schwurhände", um Leute und Organisationen, die sagen: "lch glaube an die Sache." Bekenntnisse zu Open-Systems-Gruppen haben den Charakter einer Südstaaten-Religionsbewegung, wo die Leute dem Pastor bei der Sonntagspredigt zurufen: "lch glaube, ich glaube." Ob das immer alles richtig ist und ob die Leute das überschauen, was sie da gerade glauben, wird sich dann ein paar Jahre später erweisen .

CW: Bedeutet nicht das Umschwenken der Siemens-Nixdorfer von OSF/1 auf Unix V.4 einen argen Prestigeverlust für die OSF?

Strack-Zimmermann: Ja, aber die Gründe lagen im Timing. Wenn zwei so große Gruppierungen wie Siemens Dl und Nixdorf zusammengehen, zwei so unterschiedliche Organisationen miteinander gemischt werden müssen, braucht es eine gemeinsame Zielvorstellung, an die die Mitarbeiter glauben. Damit bekommt man die Basis für eine Integration.

Zu dem Zeitpunkt, als die Zusammenlegung erfolgte, war OSF/1 in der Tat viel zu weit vom Markteintritt entfernt als daß man es als eine Zielvorstellung formulieren konnte. Und darum hat man V.4 genommen. Das war eine weise Entscheidung.

CW: Was bedeutet das für die OSF?

Strack-Zimmermann: Die OSF ist eine faszinierende Organisation, weil sie uns allen nicht nur Papier gibt, sondern Sourcecode. Ich als kleines Softwarehaus kann für sehr wenig Geld zum gleichen Zeitpunkt mit den gleichen Sourcen arbeiten wie jedes von diesen Multimillionen- oder Multimilliarden-Herstellerkonsortien.

Das ist ganz wichtig. Dadurch kriegen nämlich die Leute, die es am nötigsten brauchen, früh genug die Wahrheit in die Hand. Die Wahrheit ist nicht das Papier, die Wahrheit ist nicht das Marketing-Material, sondern die wirkliche Wahrheit in dieser Industrie ist der Sourcecode.

CW: Ein anderes OSF-Thema: Wie schätzen Sie das ANDF-Projekt (Application Neutral Distribution Format) ein, mit dessen Hilfe auch für Unix Software von der Stange verkauft werden soll?

Strack-Zimmermann: Darüber wird zuwenig geredet. Falls die OSF das hinkriegt - und ich betone: falls - dann ist das eine wesentliche Neuerung für die Softwareindustrie. Hier entsteht die Möglichkeit, einen Sourcecode bis hin in ein Zwischenformat zu übersetzen und dann für die verschiedensten Unix-Anlagen und -Architekturen zu vermarkten. Die Software wird dann erst beim Kunden zu Ende kompiliert. Das erschließt den Softwareunternehmen einen Massenmarkt.

Das ist das nächste, was für Unix das wichtige ist. Schaffen wir es, einen Softwaremassenmarkt für Unix-Systeme aufzubauen oder nicht? Das ist absolut entscheidend.

CW: Sie sind offenbar ein OSF-Fan.

Strack-Zimmermann: Was ich an dieser Organisation gut finde, ist, daß ich frühzeitig an Sourcecodes rankomme. lch sehe sehr wohl, daß auch an anderen Stellen wichtige Entwicklungen laufen.

CW: Wo?

Strack-Zimmermann: Lehnen wir uns einmal zurück, und machen uns von dem ganzen Alltags Hickhack frei. Bei der Frage, was wir brauchen, fällt mir ein, daß eine von den Datenstrukturen her abgeleitete Programmierung dem heute immer noch gängigen algorithmischen Ansatz überlegen ist. Das war jetzt ein langer Satz, um das Wort Objektorientierung zu vermeiden.

CW: Was fällt Ihnen noch ein, wenn Sie sich zurücklehnen?

Strack-Zimmermann: Immer mehr in unserer Gesellschaft hängt davon ab, daß die Rechner, die wir basteln, und die Software, die wir stricken, auch wirklich funktionieren. Sie können ja heute nicht mehr in ein Flugzeug steigen, ohne daß irgendwo das Buchungssystem davor auch einmal etwas richtig gemacht hat. Ich glaube deshalb, daß es wichtig ist, von Zeit zu Zeit einmal auch die Fundamente in Frage zu stellen und zumindest im theoretischen Ansatz über Systeme mit erhöhter Zuverlässigkeit nachzudenken.

CW: Aber zwingen die Marktmechanismen die Hersteller nicht, in immer kürzeren Zeitabständen immer unreifere Produkte freizugeben?

Strack-Zimmermann: Ja, aber gerade deswegen rede ich darüber. Es geht darum, den Entwicklern Mut zu machen, anders als bisher zu verfahren. Es geht nicht darum, in drei Quartalen ein fertiges Produkt zu bekommen, sondern den Job richtig zu machen. Dafür sind schon mal ein paar Jahre nötig. Dann dürfen allerdings die Marketing Strategen nicht das Sagen haben. Nicht vom Marketing, wohl aber von der Technik verspreche ich mir eine bessere Welt - obwohl das nicht en vogue ist.

lch stimme da mit Ihnen überein, die Computerindustrie macht unlauteren Wettbewerb, ständig. Wir haben uns dahin entwickelt, ich sage extra wir, daß wir uns im Endeffekt wie Roßtäuscher benehmen. Wie selbstverständlich arbeiten wir mit Vorankündigungen, unfertigen Produkte, kurzfristigem Denken, und schalten Anzeigen für Produkte, bevor der erste Befehl geschrieben ist.

Der Trend wird noch dadurch unterstrichen, daß, wenn Sie heute einer US- Softwarefirma zuhören, der Unterschied zwischen dem Präsens und dem Futur nicht mehr erkennbar ist. Die ganz Großen sind hier auch die allerschlimmsten.

Ich glaube kein Wort davon, daß Microsoft noch in diesem Jahr in vernünftiger Qualität ein Betriebssystem mit dem Namen Windows NT zur Verfügung stellt. Ich glaube es nicht.

Ich lasse mich gern einmal überraschen, aber schon jetzt mit Endanwendern darüber zu reden, was ich ein Jahr später vielleicht herausbringe, das ist unseriös. Das hilft auch niemandem. Wenn er nicht in den Laden gehen und es kaufen kann, interessiert es den Anwender nicht.

CW: Sie halten also nichts von dem Argument, die Kunden würden von ihren Herstellern strategische Konzepte, Orientierung für die künftige Entwicklung erwarten?

Strack-Zimmermann: Wir sollten zu einem Verhalten wie in der Automobilindustrie zurück finden. Wir stellen mittlerweile ja auch nur Commodities her. Ganz klar, eine Show im Jahr, da werden die neuen Modelle hingestellt und jeder weiß, was er kaufen kann.

Genau an diesem Tag kommen sie. Wenn die neuen Modelle nicht kommen oder unzuverlässig sind, so weiß es zwei Wochen später jeder. Also hüten sich die Hersteller, einen Schmarrn auszuliefern.

Soweit müssen wir wieder kommen. Aber das werden wir wohl nicht schaffen, weil die Computerindustrie von Amerikanern geführt wird. Wenn die Rechnerindustrie von den Japanern dominiert, oder - mein Gott, welche Vermessenheit - von den Europäern mitbestimmt würde, dann gäbe es einen Ehrenkodex und ein Qualitätsbewußtsein.

CW: Sie halten der Industrie eine Moralpredigt?

Strack-Zimmermann: Nein. Wenn ich von einem neuen Denkansatz rede, dann weniger aus moralischen Gründen. Die Zukunft gehört verteilten Umgebungen. Um die immer komplexer werdenden Systeme beherrschen zu können, müssen die einzelnen Komponenten sehr genau spezifiziert und sehr, sehr zuverlässig sein. Deswegen habe ich vorhin über einen neuen Ansatz geredet.

CW: Wie stellen Sie sich die Zukunft der DV-lndustrie vor?

Strack-Zimmermann: Betrachten wir uns das Workstation-Desaster in Europa. Keiner hat ein marktfähiges Produkt zustande gebracht außer einigen kleinen Nischenfirmen. Also sind die europäischen Hersteller zu Silicon Graphics und Sun gelaufen, um dort einzukaufen. Ich hätte es lieber gesehen, wenn sie in Ruhe und Zeit beschlossen hätten, gemeinsam eine Workstation zu bauen. Es reicht, 50 wirklich gute Leute zusammenzubringen und die Firmenpolitiker zu Hause zu lassen.

Die Hersteller glauben immer, sich Arbeit sparen zu können, wenn sie aus Amerika mal schnell was an Land ziehen. Das ist es nicht. Rechner zu bauen ist Knochenarbeit. Ich weiß nicht, vielleicht sind die Manager alle soft geworden, nicht mehr hart genug dafür.

CW: Vielleicht wäre das zu teuer?

Strack-Zimmermann: Überhaupt nicht, nicht im Verhältnis zu den Entwicklungsetats, die bereits existieren. Was den Europäern fehlt, ist nicht das Geld, sondern der Wille. Auf der anderen Seite werden krankhafte Versuche unternommen, mit Forschungsgeldern eine europäische Workstation zu bauen von einem Micky-Mouse-Haufen. Forschungsgelder sind sowieso tödlich.

Ich kenne gar keine Firma, die Forschungsgelder angenommen hat, die auf die Dauer überlebt hat. Ein Unternehmen muß mit eigenen Ressourcen hinter einem Projekt stehen, sonst ist der Wille nicht da.

Jetzt ein populärer Vergleich: Man kann einen Rechner nicht zusammenkaufen wie Bayern München die Fußballmannschaft. Denn, was dabei herauskommt, hat kein Ziel, keine Seele, keine Begeisterung, kein Identifikation.

Das ist die Krise, die wir in der europäischen Computerindustrie durchmachen. Wir schielen alle zu sehr nach Amerika. Wir denken, wir können uns die Arbeit sparen. Es ist Mühe, aber Kinder kriegt man eben unter Schmerzen

Eine Workstation zu bauen, ohne daß die Firmenpolitiker mitreden, eine Workstation, die im Bull-, und Siemens- und Olivetti-Kanal vermarktet wird, das wäre vielleicht etwas, das mich noch reizen könnte.