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31.07.1992 - 

Grove: "Die Zukunft von Intel heißt Multimedia"

CW-Gespräch mit Intel-CEO Andy Grove

Intel, Quasi-Monopolist bei PC-Prozessoren, machte in den letzten Monaten vor allem von sich reden durch die Gefechte, die man mit Wettbewerbern vor Patentgerichten ausfocht. Die Cloner würden die Kaliforniern nämlich nur zu gern vom gewinnträchtigen Sockel stürzen. Intel weiß allerdings nur zu genau, daß man sich für die Zukunft nicht allein auf den Erfolg im CPU-Geschäft verlassen sollte. Im Gespräch mit COMPUTERWOCHE-Redakteur Jan-Bernd Meyer erläuterte Intel-CEO Andy Grove seine Vorstellungen über Krisen und erklärt, warum er in Zukunft keinen Telefonhörer mehr aufheben will.

CW: Eine unvermeidliche Frage an den Chef von Intel gleich am Anfang: Wann kommt der Nachfolger des 486-Prozessors?

Grove:Wenn alles gut läuft, wird der zum Ende des Jahres kommen.

CW: Bieten Las Vegas und die Comdex ein geeignetes Ambiente, um den P5 aus der Taufe zu heben?

Grove: Zumindest werden sie Technologiedemonstrationen sehen.

CW: Wichtiger vielleicht als ein einzelner Prozessor dürfte sein, wie die Computer-, die PC-Industrie aus ihrer momentanen Krise herausfindet. Intel ist mit seinen Mikroprozessoren einer der wichtigsten Spieler am Markt, wird somit mittelbar die Auswirkungen einer solchen Krise auch verspüren. In diesem Lichte besehen: Was hat sich Intel - das ja auch für Supercomputer, Flash-Speichertechnologien und Multimedia steht - für die nächsten, sagen wir fünf Jahre vorgenommen?

Grove: Diese Frage ist für uns von elementarer Bedeutung. Jeder weiß, daß wir einen sehr hohen Prozentsatz an Prozessoren für im Markt befindliche Computer bereitstellen. Dies wird wohl auch in Zukunft unser Brot-und-Butter-Geschäft sein. Damit allein können wir aber nicht weiter florieren, nicht weiter unser Geschäft ausbauen. Unser Interesse muß es also sein, die Benutzung aller Arten von Maschinen zu fördern, in denen Prozessoren eingesetzt werden.

CW: Sie sprechen da Intels Problem an, daß nur ein kleines Unternehmen seinen Marktanteil von zwei auf vier Prozent erhöht und damit auch sein Geschäft verdoppelt. Für Ihr Unternehmen käme solch ein Zuwachs einem Stillstand gleich?

Grove: Genau. Wir machen uns deshalb schon seit einigen Jahren Gedanken darüber, was Intel tun muß, um Anstöße für weitere Entwicklungen geben zu können. Die Antwort auf einige der Herausforderungen der DV-Branche ergibt sich aus den wenigen treibenden Kräften dieser Industrie - und ein bestimmender Faktor für die gesamte Geschäftswelt wird die Befähigung sein, immer schnell, also zeitkritisch auf veränderte Situationen reagieren zu können. Das gilt für alle möglichen Industriezweige: Man schlägt seine Konkurrenten und gewinnt Marktanteile, indem man schneller auf neue Gegebenheiten reagieren kann.

CW:Das gilt natürlich auch für Intel.

Grove: Natürlich. Unser Erfolg hängt im wesentlichen davon ab, daß wir Technologie früher als die Konkurrenz auf den Markt bringen. Nehmen Sie Dell: Die waren mit einem 486-System Monate vor anderen PC-Herstellern am Markt - das macht sich dann bezahlt. Nehmen Sie Kreditkarteninstitute: Ich habe neulich vom Flughafen London-Heathrow nach den USA telefoniert mit meiner Kreditkarte. Vor Jahren ging das noch nicht. Die Verifikation nämlich, daß ich kreditwürdig bin und so teure Gespräche führen kann, wickelt man heute über Tausende von Kilometern in kürzester Zeit ab. Das nenne ich just-in-Time-Business. Die Fähigkeit, den Aspekt Echtzeit in Kommunikationsvorgängen zu verwirklichen, schafft auch Kreditkarteninstituten eine neue Kundenbasis. Und es gibt eine Menge Leute heutzutage, die in der einen oder anderen Weise mit digitalen Hilfsmitteln ihrer Tätigkeit nachgehen.

CW: Sie meinen also, es ist zunehmmend ein Ausschlußkriterium, ob Unternehmen digitale Dienstleistungen vorhalten können?

Grove: Exakt. Schauen Sie, auf dem Flughafen Heathrow habe ich noch eine andere interessante kleine Beobachtung gemacht: Da wollte sich ein Herr mit seinem Laptop in das elektronische Mailsystem seiner Firma einloggen. Bei der Lufthansa hatten sie aber noch kein Modem. Also ist er zur Konkurrenz, zu British Airways, gegangen. Hotels sind ein anderes Beispiel: Ich bin sicher, in Zukunft wird man sich diese auch nach dem Gesichtspunkt aussuchen, ob sie in der Lage sind, bestimmte digitale Dienstleistungen bereitzustellen. Das geht schon los bei den Anschlüssen.

CW: Und Sie, Intel, wollen in diesem Geschäft mitmischen?

Grove: Genau. Intel will dazu beitragen, den Aspekt Real-time im tagtäglichen Geschäft zu etablieren.

CW: ... mit dem Computer als Gehilfen.

Grove: Wenn Sie sich einmal genau überlegen, dann war das Telefon die wesentlichste Entwicklung der Menschheit, die uns zeitkritisches Reaktionsvermögen Oberhaupt ermöglicht hat, und nicht der Computer.

CW:Sie wollen mir aber jetzt nicht sagen, daß Intel ins Telefongeschäft einsteigen wird?

Grove: Das natürlich nicht. Aber in der Tat wird in Zukunft ein wesentlicher Teil unseres Geschäfts geprägt sein davon, die Möglichkeiten der Telefonie zu verquicken mit denen des Computers und der Bildverarbeitung.

CW: Die Zukunft von Intel heißt deshalb Multimedia?

Grove: ja, definitiv ja. Obwohl ich es nur ungern Multimedia nenne. Viele Menschen verbinden nämlich mit diesem Begriff zwei Vorstellungen: Unterhaltung, Entertainment und Archivierung. Das ist der eine Aspekt von Multimedia. Mit diesem haben wir nicht so viel am Hut. Wir konzentrieren uns auf den anderen, der mit Real-time-Aktionen in der Geschäftswelt zu tun hat.

CW: Mit anderen Worten, Intels Entwicklungsansatz in puncto Multimedia unterscheidet sich von dem anderer Hersteller.

Grove: So ist es. Für die Verwirklichung von Multimedia braucht man im Business-Bereich zum Beispiel kein HDTV oder Stereo. Kein Mensch würde doch für ein Telefon, das Stereo ausstrahlen kann, auch nur einen Pfennig mehr bezahlen. Für Business-Video sind andere Voraussetzungen von Bedeutung: Synchronisation und die Unmittelbarkeit des Sprachaustauschs.

CW: Gibt es schon konkrete Ergebnisse solcher Entwicklungsarbeit?

Grove: Dieses Jahr im April demonstrierten wir eine Videokonferenz, bei der ich mich in den USA mit einem Partner in Tokio unterhalten habe. Sowohl ich als auch mein Gesprächspartner waren in geteilten Monitorhälften zu sehen. Das untere Drittel des Monitors blieb einer Tabellenkalkulations-Anwendung vorbehalten. Während wir uns nun unterhielten, versorgten wir beide diese Anwendung mit Daten und konnten in Echtzeit simulieren, wie etwa Geschäftsergebnisse sich entwickeln. Die gesamte Kommunikation lief über eine normale ISDN-Leitung. Wir hoffen, daß wir innerhalb eines Jahres mit einem Produkt auf den Markt kommen werden, das solch eine Kommunikation auf einer Wählleitung realisiert. Diese Anwendung wird dann möglicherweise als Add-on für einen 486- oder sogar 386-PCs verkauft, und das Paket kostet nicht mehr als 2000 Dollar.

CW: Ein PC also, der mir eine Video-Telefonkommunikation erlaubt, sowie die Unterstützung diverser Applikationen, also auch Datenbanken, Memosysteme, mit und über die ich quasi per Blickkontakt mit meinem Gesprächspartner auf einem anderen Kontinent am Computer diskutiere?

Grove: Ganz richtig. Der Mann am Flughafen Heathrow - das ist Intels Kunde, das ist der Markt, den wir mit solch einer Maschine abdecken wollen.

CW: Eigentlich braucht man dann gar nicht mehr nach Heathrow zu gehen...

Grove: Das stimmt. Unter Umständen brauchen Sie in Zukunft unter Windows nur noch ein Logo anklicken, um eine Leitung zu einem Gesprächspartner am PC herzustellen:

Ein sehr gutes Beispiel für Entwicklungen, die wir bei Intel anstreben.

Wir wollen Business-Kommunikation im weitesten Sinne vorantreiben, und dazu kann Intel zwar nicht alle, jedoch einige wesentliche Teile beitragen.

CW:Und eben nicht nur leistungsfähige Prozessoren...

Grove: Nicht nur, obwohl die eine wesentliche Grundlage darstellen für zukünftige computerisierte Geschäftsführung. Video etwa braucht enorme Rechenleistungen. Wir engagieren uns aber auch im Kommunikationsbereich mit Produkten, wir haben heftig investiert im Bereich Videoprocessing, also digitaler Signalprozessoren. Die Leser Ihrer Zeitung sollten wissen, wie die Zukunft des vernetzten PCs aussieht: Es wird ein Computer sein, der das Telefon in sich aufgesogen hat mit all dessen Möglichkeiten. Der PC der Zukunft ist das "Telefon plus".

CW: Die interessanten Entwicklungen der DV stehen uns also erst noch bevor?

Grove: Die eigentliche Revolution der DV - das bedeutet nicht, daß ich einen Telefonhörer abnehme und spreche, das ist auch nicht der PC, der eine Tabellenkalkulation abarbeitet, sondern die Kombination aus beidem. So wie wir jetzt hier zusammensitzen, so wird man in Zukunft über PCs kommunizieren.

CW: Intel visiert also eine völlig neue Klientel an?

Grove: In der Tat. Jeder Mensch, der ein Telefon benutzt, ist potentiell ein neuer Kunde für uns. Jeder Mensch, der auf Reisen geht ist ein neuer Kunde für Intel. Mir persönlich ist es dabei völlig egal, ob diese Anwender Softwareprogramme wie Excel oder Dbase benutzen. Wichtig ist nur, daß Sie sich einmal vorstellen: jeder Mensch, der sich auf eine Geschäftsreise begibt, zahlt dafür so viel wie für ein komplettes Computersystem. Mit dieser einen nicht gemachten Reise wäre er in der Lage, einen Großteil seiner Investitionen für die Zukunft zu tätigen. Von da an könnte er anfangen, eine Menge Geld zu sparen.

CW: Na, das sind ja auch für Intel schöne Aussichten...

Grove: Wir visieren mit unserem Geschäftsansatz Abertausende von potentiellen neuen Anwendern und damit von Kunden an: Natürlich kaufen die auch in Zukunft mit einem Computer einen Prozessor. Sie werden aber für die eben angesprochenen Kommunikationsanwendungen auch Videoprozessoren und Kommunikations-Zusatzprodukte erstehen.

CW: Es eröffnen sich auch Potentiale durch die von Ihnen schon beschriebenen mobilen Geschäftsleute.

Grove: Dazu wollte ich gerade etwas sagen: In der Tat ergibt sich aus der Zellulartechnologie eine weitere Option. Damit verbunden sind Kompressionstechnologien. Egal, welche Fortschritte bei den Übertragungswegen erzielt werden, sie werden nicht ausreichen für die Masse von Daten - denken Sie etwa an Echtzeit-Videodaten. Datenkompression ist also für uns auch ein großes Thema.

CW: Um Ihre Ziele zu verwirklichen, braucht aber auch eine so große Firma wie Intel Hilfe, andere Unternehmen, mit denen sich neue Technologien vorantreiben lassen. Wie steht denn Ihr Unternehmen zu sogenannten "strategischen Partnerschaften"?

Grove:Um ehrlich zu sein, es gibt wohl kaum ein Thema, über das so viel Mist gesagt und geschrieben worden ist, wie über diese "strategischen Allianzen". Ich kann diese Bezeichnung nicht leiden. Viele dieser Kooperationen folgen einer eigenwilligen Theorie: Um zwei Steine zum Schwimmen zu bringen, muß man diese nur zusammenbinden.

CW: Da muß ich im Physikunterricht geschlafen haben...

Grove: Ganz unter uns: Ich gehöre diesen Kongregationalisten auch nicht an. Viele dieser Verbindungen setzen sich aus Partnern zusammen, die jeder für sich schon ums Überleben kämpfen. Und die glauben jetzt, wenn sie sich zusammentun, dann geht das leichter - obwohl es schon für sie allein in Konkurrenzgeschäft nicht genug zum Leben gab.

CW: Sie lehnen aber Kooperationen nicht grundsätzlich ab?

Grove:Durchaus nicht. Wenn Unternehmen unterschiedliche Märkte bedienen, unterschiedliche Vorgehensweise haben, dann sind Zusammenarbeiten durchaus sinnvoll. Lassen Sie mich ein Beispiel hierfür geben: Wir unterhalten eine Kooperation mit Sharp. Sharp ist bekannt für Consumer Electronics und deren Know-how im Segment mobiler Computer. Wir andererseits haben viel Wissen bei Flash-Speichertechnologien aufgebaut, einem Bereich, der gerade für portable Rechner von großer Bedeutung sein wird. Diese beiden Aktivitätsbereiche berühren sich. Entsprechend wird die Zusammenarbeit sehr pragmatisch sein: Wir entwickeln, Sharp produziert und beide verkaufen das Endprodukt.

CW: Haben Sie bei dieser Zusammenarbeit Hintergedanken?

Grove: Hintergedanken insofern, als das hieraus entstehende Produkt ein Brückenglied sein wird für die Bereiche Computer- und Consumer-Anwendungen. Ob das funktioniert? Wir werden es sehen. Ich glaube jedenfalls, daß nur auf solch einer Basis Kooperationen sinnvoll sind.

CW: Intel ist ja in Sachen Allianzen ein gebranntes Kind.

Grove: Allerdings! Ich will mit meinen Aussagen auch gar nicht besonders clever wirken. Jeder weiß, daß wir in der Vergangenheit Partnerschaften pflegten, die gut und welche, die ziemlich schlimm waren. Denken Sie nur an jene mit AMD: Am Ende haben wir uns nur noch endlose Gerichtsauseinandersetzungen geliefert. Von daher muß ich sagen, ich bin nicht gerade ein Experte in Sachen gut funktionierender Partnerschaften. Mit der IBM andererseits unterhalten wir eine sehr gute Partnerschaft. Wenn es da auch ab und zu stürmische Zeiten gab - das gemeinsame Geschäftsinteresse hat immer alle Konflikte an Bedeutung übertroffen.

CW:Microsofts Ehe mit der Akers-Company lief nicht so harmonisch.

Grove: Genau. Sie sprechen ein typisches Beispiel zweier Unternehmen mit völlig unterschiedlichen Interessen an: IBMs Software-Entwicklungen sollten deren Enterprise- also Mainframe-Geschäft bedienen, Microsoft hingegen will Geld im PC-Desktop-Markt machen.

CW: Wir sprachen über Intels zukünftige Aktivitäten: In den vergangenen zwölf Monaten und auch jetzt noch hat Ihr Unternehmen eine ganz außergewöhnliche Produktoffensive initiiert - ungefähr 30 neue Prozessortypen muß der Anwender verkraften. Ihre Marketing-Aktivitäten sind ebenfalls exorbitant gewachsen. Besteht da nicht die Gefahr, daß der Anwender sich fragt, was ihm dieser Rummel eigentlich bringt? Der hat doch ein Problem, das er gelöst sehen will, den interessieren doch nicht zig neue Prozessorversionen.

Grove: Zum einen muß ich hierzu sagen, daß wir durchaus sehr engen Kontakt zu den Anwendern halten. Ich reise nicht nur immer wieder zu Beratertreffen mit MIS-Managern. Wir bei Intel haben darüber hinaus auch etwa zehn Prozent unserer Sales-Leute mit einem neuen Aufgabenbereich betraut: Die tun nichts anderes, als Menschen anzurufen, die nicht unsere Produkte kaufen, und erklären denen, was Intels strategische Ausrichtung ist - wir nennen sie "architecture managers". Zehn Prozent unserer Verkäufer damit zu beschäftigen, andere Menschen über unsere Absichten aufzuklären, ist eine große Investition. Außerdem: Der Anwender ist einfach verunsichert darüber, was von all den Aussagen, die er aus der DV-Branche hört, nun für ihn richtig und wichtig ist. Unsere, Intels, Aufgabe muß es deshalb sein, zu vermitteln, daß der Anwender sich auf uns -verlassen kann, wir müssen berechenbar sein, der Anwender muß wissen, was von uns zu erwarten ist. Deshalb müssen wir sagen, was wir mit den nächsten Prozessorgenerationen vorhaben. Abgesehen davon: Sie irren sich gewaltig, wenn Sie glauben, die Fülle an Informationen interessiere niemanden. MIS-Manager saugen diese Informationen geradezu auf, die brauchen all diese technologischen Details ja auch, um auf Jahre hinaus planen zu können. Ich bin jedesmal erstaunt, was für detaillierte Fragen diese Leute in Bezug auf Prozessortechnologien haben.

CW: Herr Grove, wir bedanken uns für dieses Gespräch.