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14.07.1995

Cybercash fuer das erhoffte Business im Cyberspace Unternehmen und Banken schielen auf das Internet als Umsatztraeger

Ueber ein Jahr haelt er nun schon an - der Boom bei den Online- Diensten, und mit ihm der des Internets. Waehrend man jedoch immer noch gespannt auf den heissen Herbst mit der Premiere von Europe Online und dem Microsoft Network (MSN) wartet, scheint sich die "Mutter aller Netze" laengst auf der Ueberholspur zu den Kunden zu befinden. Davon zeugen nicht nur die Internet-Gateways von Datex- J, Compuserve & Co., sondern auch eine sich veraendernde Anbieterstruktur. Surfen im World Wide Web (WWW) ist in, noch mehr neuerdings aber das vermeintliche Geschaeft mit den "Digeratis", der digitalen Info-Elite, aus dem Pool der geschaetzten

40 Millionen Internet-Anwender. Ein offensichtlich lohnenswertes Ziel, nicht nur fuer die einschlaegige Computerindustrie, sondern zunehmend auch fuer die bis dato eher konservative Bankenwelt - gilt es doch, nicht nur die Umsaetze der Service-Provider nach oben zu treiben, sondern auch die anderer Unternehmen und Dienstleister, die sich ueber eine eigene Home-Page mehr Publicity und erhoehten Absatz ihrer Produkte erwarten.

Veranstaltungen zum Thema Internet haben in Zeiten wie diesen Hochkonjunktur und Prognosen wie die folgende zwangslaeufig auch: Wenn die Internet-Gemeinde weiterhin so schnell wachse, sei schon relativ bald "jedes Bakterium am Netz", amuesierte sich Donatus Schmid, Leiter Produkt-Marketing bei der Sun Microsystems GmbH, kuerzlich auf dem Com-Munic-Kongress in Muenchen. Womit der deutsche Sun-Manager uebrigens keine Probleme haette, kommt doch so gut wie jeder zweite WWW-Server aus den Fertigungsstaetten seines Unternehmens - von zahlreichen Internet-Tools einmal ganz abgesehen.

Wer solche Sottisen nicht mag, kann sich aber auch an amtlichen Statistiken (sofern dies im Falle des Internets ueberhaupt moeglich ist) orientieren: 15000 WWW-Server waren nach Erhebungen der Internet-Society Anfang 1995 weltweit "am Netzwerk", aktuelle Schaetzungen gehen von bis zu 40 Millionen Menschen aus, die Zugang zum Internet haben.

Als Puristen-Spielwiese hat Internet ausgedient

Was also tun mit all den Internet-Freaks, die zudem taeglich mehr werden? "Wir sehen mindestens 30 Millionen potentielle Kunden", ist sich Schmid seiner Sache sicher. Die Zeit sei daher reif, um "ueber das Internet Geschaefte abzuwickeln". Vorbei mit den paradiesischen (weil weitgehend gebuehrenfreien) Zustaenden fuer die Digeratis, die uebers Netz der Netze kommunizieren, diskutieren und Informationen austauschen? Nicht unbedingt, wenn es nach Hubert Martens, dem Vorsitzenden der Deutschen Interessen-Gemeinschaft Internet (DIGI) geht.

Den Puristen und Arpanet-Veteranen freilich macht der Internet- Spezialist wenig Hoffnung: Der weltweite Rechnerverbund muesse sich auf eine erneute Phase des Umbruchs einstellen. Aus dem ehemaligen Forschungsnetz sei laengst ein gaengiges Transport- und Kommunikationsnetz geworden, bei dem die Ausruester und Service- Provider kraeftig absahnen. Nun stehe man bereits vor der naechsten Revolution - der, so Martens, "Kommerzialisierung der Anbieter im Internet".

Wie das zu verstehen ist, duerfte sich so manchem Beobachter erst auf den zweiten Blick erschliessen - ist doch die Debatte um die Kommerzialisierung des Internets so alt wie die Erkenntnis, dass man mit Hyperlinks, Gopher und Mosaic unter Umstaenden Geld verdienen kann. Nein, es geht hier in der Tat nicht um die Umsaetze von Firmen wie Eunet, die dem PC-User das Tor zur grossen weiten Online-Welt oeffnen, sondern um das offenbar glueckselig machende Verkaufs- und Marketing-Instrument Internet und damit um den derzeit zu beobachtenden Run der Industrie auf selbiges. Verstaerkt wird das Ganze noch durch eine Reihe von Zeitgenossen, die landauf, landab nicht muede werden, einer neuen "Internetmania" das Wort zu reden - frei nach dem Motto: Ein Unternehmen ohne eigene Home-Page ist wie eine Firma ohne Faxanschluss.

Wer jedoch fragt, was sich denn nun via Internet tatsaechlich erfolgreich an den Mann beziehungsweise die Frau bringen laesst, sieht sich mit schon weitgehend bekannten Tatsachen konfrontiert. Zum Beispiel der, dass Firmen wie Sun, Digital, Novell, IBM, Oracle, Siemens-Nixdorf, das "Who is who" der Hard- und Softwarebranche also, heute ihre Kommunikation mit Haendlern und Grosskunden groesstenteils (auch) ueber das Internet abwickeln - inklusive der Distribution von Patches und Softwarelizenzen.

Dass grosse Zeitungsverlage (in den USA mit mehr Energie und Pioniergeist als hierzulande) online gehen, ist auch laengst Realitaet. Und was hilft in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass sich "Hotwired", die digitale Ausgabe der Szene-Zeitschrift

"Wired", mit 30000 Dollar teuren Werbelinks ihr Netzdasein ohne Probleme selbst finanziert oder dass unter der Rubrik Business- Marketing mittlerweile sowohl US-Bestattungsunternehmen als auch Unternehmensberatungen wie Andersen Consulting im Internet auf Kunden- beziehungsweise Mitarbeiterfang gehen?

Banken entdecken das chaotische Bastlernetz

Ob all dies mit geschaeftlichem Erfolg verbunden ist, bleibt noch abzuwarten. Fest steht indes, dass die Zahl der Unternehmen, die auf der Infobahn Geschaefte machen wollen, staendig waechst, und dass in Zukunft zwar laengst nicht fuer alles, aber doch fuer vieles bezahlt werden muss - im Internet, online und damit in Form einer Art "Cybercash im Cyberspace", wie es im Jargon der Digeratis heisst. Dies wiederum ist ausschlaggebend dafuer, dass das bei den Banken bis dato als "chaotisches Bastlernetz" wenig geschaetzte Internet allmaehlich doch noch beginnt, interessant zu werden. In der Finanzdienstleistungsbranche hat sich jedenfalls, so scheint es, in den vergangenen Monaten eine totale Revision der Geisteshaltung vollzogen, ausgeloest durch, wie Insider spotten, zwei Ereignisse. Zum einen durch die derzeit wie Fleckfieber unter den Bankern grassierende Befuerchtung, der elektronische Zahlungsverkehr koennte eines Tages komplett ohne sie abgewickelt werden; zum anderen durch eine "Was-waere-wenn"- Hypothese im Zusammenhang mit der kuerzlich gescheiterten Uebernahme des Home- Banking-Software-Herstellers Intuit durch Microsoft.

Schon damals, hiess es unter Experten, sei die US-Bankenwelt auf dem falschen Fuss erwischt worden - eine Situation, die sich nun angesichts der vor kurzem erfolgten Ankuendigung von Master/Eurocard und Visa, gemeinsam einen sicheren Zahlungsstandard auf dem Internet zu entwickeln, zu wiederholen scheint. Zunaechst einmal hat aber der Schachzug der beiden Kreditkartenunternehmen fuer weitere Verwirrung im kuenftigen Electronic-Cash-Markt gesorgt; schliesslich ist es kaum drei Monate her, dass Mastercard mit grossem Tamtam eine strategische Partnerschaft mit dem WWW-Browser-Marktfuehrer Netscape publizierte, waehrend Visa schon seit laengerem nicht muede wird, seinen kuenftigen Online-Partner Microsoft ueber den gruenen Klee zu loben. Bei allen Raenkespielen scheint sich hier aber fuer die Banken, jenseits wie diesseits des Atlantiks, etwas Bedrohliches zusammenzubrauen - naemlich die Aussicht, in naher Zukunft nicht nur von den satten Einnahmen aus den Kreditkarten-Transaktionen des Gross- und Einzelhandels, sondern auch vom vermeintlich lukrativen Home-Banking-Markt und damit auf Dauer von der zahlenmaessig doch sehr ins Gewicht fallenden Privatkundschaft abgenabelt zu werden.

Gegensteuern ist also fuer die internationale Finanzwelt angesagt, und Flagge zeigen in einem Medium, dass man bisher nur aus Zeitungsberichten kannte und von dem man nichts wissen wollte. So bietet die kalifornische Wells-Fargo-Bank als erstes US- amerikanisches Kreditinstitut seit Mitte Mai ihren Kunden via Internet beziehungsweise WWW den Zugang zum aktuellen Stand ihrer Giro-, Spar- und Kreditkonten. Bei ihren Bemuehungen geht die Bank, wie es heisst, davon aus, dass die Nachfrage nach PC-Online-Banking via Internet in den naechsten beiden Jahren rapide ansteigen wird. Rund 400 US-Finanzdienstleister haben allein in den vergangenen zwoelf Monaten eine Internet-Domain beantragt, von mindestens zwei Dutzend wird demnaechst ein entsprechendes "Internet-Banking"- Angebot erwartet - fuer einen Markt, den diverse Auguren bereits im Jahr 2000 auf ein weltweites Volumen von rund zehn Milliarden Dollar schaetzen.

Dies sind Perspektiven, von denen die Internet-Freaks hierzulande momentan nur traeumen koennen. Einzig und allein der Marktfuehrer Deutsche Bank ist seit kurzem mit einer eigenen Home-Page vertreten. Warum nicht im Internet praesentiert sein, schliesslich habe sich dieses zu einem "veritablen Transport- und Kommunikationssystem entwickelt", heisst es hierzu lapidar von einem verantwortlichen Manager des Frankfurter Geldriesen, der aber lieber anonym bleiben moechte.

IT-Manager druecken fuer Internet die Schulbank

Online-Erfahrung haben die deutschen Banker natuerlich schon seit laengerem in Datex-J gesammelt; fuer das Internet hat man sich in "Mainhattan" aber mehr als das Home-Banking vorgenommen: zum Beispiel E-Mail-Kommunikation mit den Kunden sowie das Bereitstellen von rund um die Uhr abrufbaren Beispielrechnungen fuer Immobilien- und Verbraucherkredite.

"Die deutschen Banken haben durch den Erfolg des Home-Bankings in Datex-J Blut geleckt", interpretiert Sun-Manager Schmid die Internet-Gehversuche der Deutschen Bank, denen die anderer deutscher Kreditinstitute bald folgen duerften - jedenfalls wimmelt es derzeit in einschlaegigen Internet-Seminaren nur so von IT- Verantwortlichen der Banken und Sparkassen, die sich auf Geheiss von oben schlau machen.

Ob der von den Marketiers verordnete Kurswechsel der Banken letztlich aber das gewuenschte Ergebnis bringt, ist noch nicht ausgemacht.

Zumindest ist es ein offenes Geheimnis, dass nicht nur die jeweils eigene vornehme Zurueckhaltung, sondern vor allem die Bundesbank beim Online-Abenteuer deutscher Banken kraeftig auf die Bremse drueckt. Bei den obersten Waehrungshuetern der Nation sorgt man sich um die ureigene Domaene der Kontrolle des Geldmengenumlaufs - ein Unterfangen, dass angesichts der derzeit heiss diskutierten neuen "digitalen Waehrungen" unter Umstaenden voellig ad absurdum gefuehrt wuerde.

Cybercash naehrt die Angst vor kriminellem Missbrauch

Die Rede ist vom schon erwaehnten Cybercash, das aehnlich wie seine Pendants "Digicash" und "First Virtual" als Vorbote erster digitaler Abrechnungsverfahren gilt, allesamt Modelle fuer den kuenftigen Geldfluss im Internet - und zum Teil Sinnbild einer Art virtuellen Notenpresse, die dem waehrungspolitischem Missbrauch unter Umstaenden Tuer und Tor oeffnet.

Die First Virtual Holding ist zum Beispiel eine der wenigen Firmen, die derzeit elektronisches Geld im Internet zur Verfuegung stellt und mit Mastercard und Visa gleichermassen zusammenarbeitet. Das System, das angeblich von rund 150 Anbietern im Internet genutzt wird, handelt mit Informationen, Zeitungsartikeln, Buechern und anderen, wie es heisst, "vordigitalisierten" Waren zu einem Preis von 31 Cent an aufwaerts (30 Cent sind die Minimalprovision von First Virtual). Potentielle Kaeufer muessen sich via Telnet auf einem speziellen Server einloggen und ein Konto mit einer selbstgewaehlten ID-Kennung eroeffnen, von dem ueber Kreditkarte abgebucht wird. Mehr Kopfzerbrechen duerfte den Direktoren der Bundesbank aber der Digicash- und Cybercash-Ansatz bereiten, wo mit einem "Elektro-Dollar" als digitaler Waehrung anonyme Zahlungen moeglich sind. Mit anderen Worten: Die Signatur des digitalen Geldscheines ist ueber diverse Mechanismen abgesichert, so dass man die Spur zum tatsaechlich Ausgebenden nicht zurueckverfolgen kann - mit allen Konsequenzen fuer eine neue "Waehrungshoheit" im Internet.

Kehren wir zum Schluss noch einmal zurueck zu der Frage, was denn mit digitaler Waehrung ueberhaupt bezahlt werden koennte. Sun- Marketier Schmid sieht da vor allem Moeglichkeiten fuer die Medien- und Verlagsbranche sowie den klassischen Versandhandel, der kuenftig mit Teleshopping seine Muenze machen wird. Bis es soweit ist, freut man sich bei Unternehmen wie Sun oder Oracle zumindest ueber Einsparungen in Millionenhoehe beim Support, die sich allein durch die Kommunikation mit Kunden ueber das Internet ergeben. Nicht so auskunftsfreudig sind die Anbieter indes, was die derzeitigen Einkuenfte im Zusammenhang mit der Online-Distribution von Software angeht.

Was also bleibt noch zu tun, um erfolgreiches Business im Internet zu gewaehrleisten? Nicht mehr viel, wenn es nach Schmid und vielen seiner Kollegen geht. Die Frage fehlender Sicherheit gegenueber dem Internet ist, wie es heisst, mit ausgereiften Firewall-Produkten geloest, und noch spricht ja kaum einer von Dingen wie Datenschutz, Authentizierung und Dechiffrierung - Probleme, deren Loesung derzeit zwischen Technikern und Politikern hin- und hergeschoben wird. Natuerlich muss das Surfen im Internet, vor allem in Deutschland, noch preisguenstiger und schneller werden (siehe Abbildung) und das Angebot im Internet noch umfangreicher - und die Anbieter muessen sich, wie derzeit ganze Heerscharen von Marketing-Experten predigen, auf einen voellig neuen Typus von Konsumenten einstellen, was auch immer das heissen mag.