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22.05.1998 - 

Existenzgründer in der IT-Branche/Die alles andere als virtuelle Initiative eines badischen Brauereichefs

Cyberforum: Mit Realitätssinn Internet-Firmen an die Hand nehmen

Irgendwie hat jede Geschichte ihren Anfang, und die des Karlsruher Cyberforums einen ganz speziellen. Es ließe sich auch so formulieren: Besondere Männer braucht das Land - in diesem Fall die Region. Denn gäbe es Friedrich Georg Hoepfner nicht, könnte sich die badische Großstadt vermutlich auch jetzt nur mit dem Sitz des Bundesverfassungsgerichts, nicht aber mit dem, wie man es dort gerne nennt, ersten virtuellen Industriepark Deutschlands schmücken. Besagter Hoepfner ist Unternehmer, Geschäftsführer und - in der sechsten Generation - Besitzer der in Karlsruhe ansässigen Privatbrauerei Hoepfner. Viel wichtiger ist aber, daß Hoepfner, bevor er in den Betrieb seiner Eltern und Großeltern eintrat, "eigene" Erfahrungen als Unternehmer gesammelt hat - etwa in der Sportartikel- und Softwarebranche. Und er hat Freunde, die es in der IT-Industrie zu etwas gebracht haben.

So weit zur Vorgeschichte Teil eins, den man aber kennen muß, weil Hoepfner ein, wie der Volksmund es ausdrückt, Hans Dampf in allen Gassen ist und nach eigener Einschätzung mit seinem "Tempo gelegentlich aneckt". Vorwiegend bei den Politikern und Honoratioren seiner Stadt, womit wir im Prinzip schon bei Vorgeschichte Teil zwei wären. Der Brauereibesitzer kennt, wie schon angedeutet, nicht Hinz, aber Kunz in der deutschen IT-Szene, und ist persönlich dem Einsatz moderner DV- und Kommunikationstechnik gegenüber sehr aufgeschlossen. An den Osterfeiertagen im vergangenen Jahr hat es den Mann dann gepackt: Die fehlende (europäische) Dimension einer deutschen Internet- und Multimedia-Industrie, im Gegensatz dazu eine für dieses Business geeignete Infrastruktur in Karlsruhe - da müßte sich doch etwas machen lassen!

Von "Branchenkontakten" inspiriert, schrieb Hoepfner binnen drei Tagen auf seinem Laptop das Konzept für einen, wie er es nannte, "Industriepark mit Internet-Firmen". Selbiges ließ er dem Karlsruher Oberbürgermeister zukommen, ohne damit zunächst weitere Hoffnungen zu verbinden - "wohlwollend geprüft und an die Ausschüsse verwiesen", beschreibt er seine damalige Erwartungshaltung. Doch das Stadtoberhaupt rief drei Tage später an und sagte knapp: "Friedrich, Du machst das!" Und der Brauereichef machte es. Hoepfner: "Wir haben einen Verein gegründet, dessen Vorsitzender ich bin, und der Oberbürgermeister hat ein paar wichtige Leute angerufen, die etwas spenden können."

Von den wichtigen Leuten wird später noch die Rede sein. Doch bleiben wir zunächst bei dem, was Hoepfner und die anderen wenigen Mitstreiter der ersten Stunde mit dem Cyberforum verknüpften. Hoepfner verweist noch einmal auf sein Konzept. Wenn man Firmen ansiedelt, dann aus einer Zukunftsbranche, stand darin etwa. Wer Interesse wecken will, muß zweitens entsprechende Standortvorteile bieten. Karlsruhe mit seinem universitärem Umfeld und zahlreichen angesiedelten Forschungseinrichtungen ist für die Cyberforum-Initiatoren geradezu prädestiniert für eine Art Multimedia- und Internet-Kultur. Und man muß(te) sich drittens, wie Hoepfner betont, darüber im klaren sein, daß man angesichts eines leeren Stadtsäckels und damit fehlender attraktiver Fördergelder keine Großfirmen anlocken, sondern Arbeitsplätze nur durch Gründung neuer Unternehmen schaffen kann. Diese aber, so der Cyberforum-Vorsitzende, "fördert man zunächst nicht, indem man Geld bereitstellt, sondern Beratung und praktische Hilfe anbietet".

Psychologischer Eignungstest für angehende Unternehmer

Entsprechend liest sich das, was sich der Verein in puncto Tätigkeit und Zielrichtung auf seine Fahnen geschrieben hat. Cyberforum ist kein Gebäude, sondern ein Dienstleistungspaket, heißt es zum Beispiel. Und so können potentielle Interessenten, so sie es wollen, einen regelrechten Parcours durchlaufen, an dessen Ende im Erfolgsfall der fertige Unternehmer steht. Einer speziellen Gründungsberatung, wo man sich die jeweilige Idee anhört und versucht, ein etwaiges Geschäftsfeld sowie eine Strategie zu skizzieren, folgt ein psychologischer Eignungstest, in dem der Bewerber Anhaltspunkte erhält, ob er überhaupt zum Unternehmer taugt.

Hilfe bei der Konzeption einer Geschäftsstrategie (Businessplan) und eine Subventionsberatung, die Unterstützung bei der Auswahl von geeigneten Förderprogrammen gewährleisten soll, sowie spezielle Seminare zu Themen wie Rechts- und Patentfragen, Marketing und Organisation, aber auch Ethik im Geschäftsleben schließen sich an.

Informationsangebote wie diese findet man "in der Regel an den Universitäten nicht", unterstreicht Hoepfner den praxisorientierten Ansatz des Cyberforums. Was sich dann auch in der weiteren Arbeit der Entwicklungshelfer in Sachen Existenzgründer widerspiegelt. Junge Firmen, die den Start geschafft haben, werden für zwei Jahre durch ein Zweierteam - je ein "gestandener" Unternehmer und ein Berater - laufend weiter in Dingen wie Unternehmensführung, Marketing und Vertrieb geschult. Wer besagte "gestandene" Unternehmer sind, kann man sich vorstellen: Hoepfner, Hoepfner und wieder Hoepfner - aber inzwischen auch immer mehr andere Wirtschaftsgrößen und Banker aus der Region, die der Brauereichef zur ehrenamtlichen Tätigkeit beim Cyberforum verpflichten konnte. Denn der Verein mit seinen mittlerweile mehr als 220 Mitgliedern lebt noch immer weitgehend von Spendengeldern, sieht man einmal von einer finanziellen Unterstützung der Stadt Karlsruhe sowie dem Land Baden-Württemberg ab.

Und Hoepfner ist stolz darauf, was er zusammen mit seinen Helfern bisher bewirken konnte. Nicht nur, daß die Infrastruktur des Cyberforums inzwischen mit einem Sekretariat und einer hauptamtlichen Geschäftsführerin aufgewertet wurde, sondern daß bis dato mehr als 80 "Gründungsvorhaben" beim Cyberforum aktenkundig wurden. Rund ein Drittel davon sind Firmen, die schon aktiv sind, ein Drittel hat gerade den Businessplan formuliert, und ein weiteres Drittel befindet sich in der Definitionsphase von Markt- und Geschäftsstrategie. Der Erfolg der Arbeit der Karlsruher "Existenzgründer-Paten" steht und fällt jedoch, daraus macht Hoepfner keinen Hehl, aus einem "Netzwerk persönlicher Beziehungsgeflechte". Der Cyberforum-Initiator gehört zum "Establishment" der Stadt, man kennt sich - und man kennt im Zweifel ihn.

Bei so manch kritischer Verhandlungsrunde mit den Banken löst dann halt doch ein Anruf des Brauereichefs das Problem. Trotzdem will Hoepfner alles andere als den Eindruck erwecken, "zaubern zu können". Ohne vernünftigen Businessplan könne man halt "keinen Banker überzeugen". Andererseits: Wer den "Check" des Cyberforums durchlaufen hat, sei bei Banken wie Venture-Capital-Gesellschaften "nicht in der schlechtesten Position". "Wir hören uns jede Idee an", betont Hoepfner. Festgelegt sei man lediglich, was die Fokussierung auf die Internet- und Multimedia-Branche angeht. Und es sollte zum Ausdruck kommen, daß "sich der oder die Betreffende selbständig machen möchte". Im Zweifel erlaubt man sich halt, irgendwann während der Gespräche höflich zu sagen: "Das wird nichts."

Wenn aber eine Idee, ein Konzept Perspektive hat, kann es ordentlich losgehen. Zehn Millionen Mark an Risikokapital hat allein die Deutsche Beteiligungsgesellschaft in Frankfurt für die von Cyberforum "geprüften" Startups bereitgestellt. Weitere Venture-Capital-Firmen und Kooperationspartner können dem Vernehmen nach vermittelt werden. Und die Liste der Interessenten wird Hoepfner zufolge immer länger - entsprechende Öffentlichkeitsarbeit, aber auch die Präsenz im Internet http://www.cyberforum.de tragen offensichtlich erste Früchte.

Aber auch das Ziel des Cyberforums ist ehrgeizig: Innerhalb der kommenden zwei bis drei Jahre sollen bis zu 100 Firmenneugründungen im Internet-Umfeld in der Region angesiedelt werden. Erste "Cyberforum-Firmen" wie der elektronische Kartenservice "Ticket/S", die Web-TV-Company INETV oder die Multimedia-Agentur cyberfactory haben sich in der einschlägigen Szene bereits einen Namen gemacht.

Politiker und Unternehmer am "Runden Tisch"

Doch Hoepfner wäre nicht Hoepfner, wenn er nicht die in Karlsruhe aufgekommene Euphorie mit einer Spur Realitätssinn wieder dämpfen würde. Ein Modell wie das Cyberforum funktioniere nur, wenn man die Kräfte in der Region bündelt - also "Handwerkskammer nicht gegen die Stadt, und die Stadt nicht gegen die Universität querschießt". Und man müsse "Politiker und Unternehmer an einen Tisch bringen". Hoepfner beläßt es dann im übrigen jedoch bei der Aussage, daß er mit seinem Oberbürgermeister "sehr zufrieden" ist. Jedenfalls interpretiert er die eingangs geschilderte Reaktion des Stadtoberhaupts auf sein Konzept so: "Wahrscheinlich hat er deshalb gesagt, mach Du es, weil er daran zweifelte, daß so etwas in einer reinen Verwaltungsumgebung realisierbar ist."

Doch auch den Unternehmern in spe, denen er im Rahmen von Cyberforum und nicht nur dort - Hoepfner engagiert sich auch als privater "Business Angel" bei jungen Wachstumsfirmen - Starthilfe geben möchte, schreibt der etablierte Firmenlenker Kritisches ins Stammbuch. Viele, die zu ihm kämen, hätten keine Ahnung, "wie es im Wirtschaftsleben draußen zugeht". Chef des eigenen Unternehmens zu sein sei nun einmal der härteste Job, den "die freie Marktwirtschaft zu vergeben hat". Träumen und im stillen Kämmerlein an der eigenen Idee basteln helfe auf Dauer nicht weiter. Zwischen Ausarbeitung des Businessplans und Gründung der Firma sollten, so sein Credo, "maximal drei Monate" verstreichen - wann will man sonst "die erste Rechnung schreiben"? Was hat Hoepfner den angehenden deutschen Internet-Firmen noch zu sagen? Keine Angst vor dem Kunden, mit dem man im Zweifel "gemeinsam das Produkt fertigstellen kann". Man sieht, der Mann hat Ahnung von der der IT-Branche.