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16.04.1999 - 

Vorgehensmodell plus Case-Tool

Daimler-Chrysler reduziert Projektlaufzeiten

Ein modernes Vorgehensmodell und ein Case-Tool unterstützen beim Automobilkonzern Daimler-Chrysler AG die objektorientierte Software-Entwicklung. Laut Wilfried Reimann* lassen sich nun durch einfachen Know-how-Transfer, einheitliche Vorgehensweise und konsistente Dokumentation die Projektlaufzeiten verkürzen.

Wie in vielen großen Unternehmen, so gibt es auch bei der Daimler-Chrysler AG seit langem ein Handbuch, das die Vorgaben und Richtlinien zur Software-Entwicklung festhält. Als sich die internen Vorgaben änderten, wurde es 1996 gründlich überarbeitet und in ihm ein im wesentlichen iteratives Vorgehensmodell festgehalten. Seitdem gliedern sich Projekte und die Arbeit der Teams in drei detailliert beschriebene Phasen: Anforderungsspezifikation, Design und technische Realisierung sowie Einführung. Wichtigstes Ziel war es, die Laufzeit von Projekten drastisch zu verringern, so daß die Entwickler beispielsweise auf acht Jahre veranschlagte Großprojekte mit gleicher Qualität in maximal 36 Kalendermonaten und mit einem Gesamtaufwand von bis zu 180 Mann-Monaten realisieren konnten.

Das neue Vorgehensmodell hat vor allem deswegen Erfolg, weil alle Projektbeteiligten ihr Wissen und ihre Vorschläge bezüglich der Methoden, Werkzeuge und Dienstleistungen einbringen können. Nur wenn die Projektteams einen spürbaren Vorteil vor Augen haben, wird ein derartiges Angebot angenommen. Theorie alleine genügt nicht. Pluspunkte kann das Modell erst sammeln, wenn die Arbeitslast leichter wird, etwa weil sich Komponenten oder Dokumentationsteile wiederverwenden lassen.

Zugleich machten sich die Initiatoren auf die Suche nach Produkten, die die eigentliche Entwicklungsarbeit erleichtern sollten. Dabei war zu beachten, daß bereits seit 1993 und 1994 im Daimler-Chrysler-Konzern in einigen Bereichen objektorientiert entwickelt wird und entsprechende Anwendungen wie das Materialeinkaufs-System oder die Konzern-Abschlußplanung für Informationssysteme entstanden sind. Da dieser Weg weitergegangen werden sollte, kam der Einsatz eines objektorientierten Case-Tools (Case = Computer Aided Software Engineering) in Frage. Die Entscheidung stieß zunächst aber auf wenig Gegenliebe, da Case-Werkzeuge in früheren Jahren die in sie gesetzten hohen Erwartungen wie die Unterstützung des gesamten Entwicklungsprozesses nie erfüllen konnten. Doch schließlich überzeugte die Tatsache, daß heutige Produkte Schwächen wie beispielsweise fehlende Modellierungsmöglichkeiten überwunden haben, konfigurierbar sind sowie eine offene Architektur aufweisen.

Bei Daimler-Chrysler hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt ein Sammelsurium von Werkzeugen angehäuft wie beispielsweise "ADW" beziehungsweise das heutige "Key", "Promod", "Teamwork", "Objectory", "Designer 2000", "Rational Rose", "Innovator" und "Stp". Das hatte spürbare Nachteile, denn Projektergebnisse ließen sich nicht zum Know-how-Transfer weiterverwenden. Auch mußte ein vielfältiges Wissen und Support im Hause aufgebaut werden, und nicht alle Werkzeuge unterstützten durchgängig den gesamten Entwicklungsprozeß. Diese Fehler der Vergangenheit galt es deshalb bei der Positionierung eines neuen CASE-Tools von vornherein auszuschließen. Das künftige Werkzeug sollte sich daher für den gesamten Entwicklungszyklus verwenden lassen sowie die für den Konzern strategischen Programmiersprachen, Datenbanken und Plattformen unterstützen. Außerdem sollte es offene Schnittstellen etwa zur Anbindung von MS-Project oder Aris bieten und Multiuser-fähig sein.

Von acht Case-Produkten kamen nur vier in die engere Wahl und wurden nochmals anhand von Pflichtenheften näher unter die Lupe genommen. Von den dabei verbliebenen zwei Werkzeugen entschied sich Daimler-Chrysler für "Innovator" der Nürnberger MID GmbH. Diese Software bietet Module für den gesamten Entwicklungsprozeß, von der Geschäftsprozeßmodellierung über Analyse und Design (SA, SD, OOA und OOD) bis hin zur Einführung, und gestattet die komplette Abbildung eines Vorgehensmodells. Das Werkzeug soll strategisch eingesetzt werden und deshalb möglichst schnell zum Standard avancieren. Daß es sich bei MID um einen kleinen Anbieter handelte, wird unserer Ansicht dadurch aufgewogen, daß er in Deutschland ansässig ist und schneller auf unsere Bitten nach Support eingehen kann. Skeptisch standen wir zuerst auch der integrierten, herstellerspezifischen Datenbank gegenüber, doch sie ist performant und benötigt kein spezielles Know-how zur Administration des Repositories. Bei dem Alternativprodukt hätten wir dagegen extra Erfahrung mit dem Sybase-Datenbanksystem aufbauen müssen, das in unserem Haus kein strategisches Produkt ist.

Die Arbeit mit einem Case-Tool hat uns viele Vorteile gebracht. So dienen die Repositories als wichtigste Informationsquelle, da Projektteams dort ihre Daten lokal oder dezentral speichern können. Als Novum bei Daimler-Chrysler können zudem teamfremde Mitarbeiter über eine Gastbenutzer-Erlaubnis ausschließlich lesend auf diese Bibliotheken zugreifen. Auf diese Weise können nun unternehmensweit Informationen ausgetauscht und Ressourcen in Anspruch genommen werden. Wesentlich ist aber die Möglichkeit, durch das Tool Ergebnisse zeitsparend wiederzuverwenden, und zwar nicht nur als Quellcode, sondern auch als Dokumententeile und Modelle.

Durch die Kombination eines Vorgehensmodells mit Case wird für uns aktives Qualitäts-Management erst möglich: Während die schriftliche Vorgabe die Qualitätsstandards festlegt, erhalten die Qualitäts-Manager über die Repositories einen einfachen Einblick in die Projekte.

Die Entwicklungen laufen zudem ISO-9000-konform, Inkonsistenzen zwischen Programmcode und Dokumentation werden durch Möglichkeiten wie Forward- und Reverse-Engineering verhindert. Nutzen die einzelnen Unternehmensbereiche das strategische Case-Tool, ist ein schnellerer Projektstart garantiert, denn das Team muß sich nicht erst mit der Auswahl und der Finanzierung eines Werkzeugs beschäftigen.

Vorteile von Tools

- Standardisierung der Software-Entwicklung (einheitliches Vorgehen und Dokumentation);- Wiederverwendung von Ergebnissen;- leichterer Informationsaustausch zwischen den Projekten;- ISO-9000-Konformität;- Ansatzpunkt für projektübergreifende Dokumentation;- Unterstützung von Multi-Projekt-Management;- einfacheres Qualitäts-Management;- Grundlage für eine einheitliche Methoden- und Tool-Umgebung;- einfacherer und schnellerer Projektstart;- verbesserte Ergebnisse durch Erfahrungsaustausch sowie- geringere Fremdsteuerung durch externe Firmen.

*Winfried Reimann war als Leiter IV-Methoden und Verfahren federführend für die Einführung des Vorgehensmodells bei der Daimler-Chrysler AG zuständig.