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17.11.2004

Daimler-Chrysler setzt Standards

Mit einer integrierten Anwendungsplattform für Java-basierende Anwendungen definiert Daimler-Chrysler konzernweite Standards für die Softwareentwicklung und Rechenzentrum.

Stell dir vor, es gibt IT, und keiner blickt durch. Die Zahl der IT-unterstützten Geschäftsprozesse nimmt rapide zu. Mittlerweile existieren in der modernen Arbeitswelt kaum noch Bereiche, in die die IT noch nicht Einzug gehalten hat. Parallel dazu sorgte der 80er-Jahre-Trend zur Ablösung von Großrechnerarchitekturen durch Client-Server-Strukturen und der zur Jahrtausendwende losgetretene Internet-Boom für eine Dezentralisierung der Technik und des Know-hows. Die Folge war der allseits bekannte IT-Wildwuchs. Der ist nicht nur schlecht zu beherrschen, sondern vor allem teuer.

Neben der beliebten Konsolidierung von Rechenzentren galt bislang die Einführung von Enterprise-Application-Integration-(EAI-)Lösungen als wirksames Mittel, die aufgebauten Datensilos und Anwendungen zu strukturieren und miteinander zu verbinden. Dies führte allerdings in global agierenden Großunternehmen mit komplexen Strukturen häufig dazu, dass zahlreiche EAI-Systeme parallel aufgebaut wurden.

Abgestimmtes Produktportfolio statt Papiertiger

Versuche, die Vielfalt lediglich über unternehmensweit gültige Standardisierungsvorschriften in den Griff zu bekommen, sind in der Regel nicht von Erfolg gekrönt. "Standards niederzuschreiben und dann zu hoffen, dass sich jemand danach richtet, war uns zu wenig", erklärt Wilfried Reimann, Senior Manager Technology-Integration bei Daimler-Chrysler.

Zusammen mit seinen Mitar-beitern hat Reimann von Juli 2002 bis Januar 2004 im Rahmen der Initiative "Proaktive Infrastruktur" eine integrierte Anwendungsplattform (IAP) entwickelt, die bei Daimler-Chrysler die Trägerplattform für alle künftigen Individualsysteme auf Java-Basis bildet. "Wir integrieren zuvor abgestimmte Standards und Produkte in diese Plattform. Wir arbeiten also mit einem implementierten Standard und nicht mit Papiertigern", so Reimann.

Bei IAP geht es jedoch nicht nur darum, einheitliche Standards durchzusetzen. Vielmehr dient die Plattform auch als strategisches Instrument, um neue Anwendungen schneller zu implementieren sowie Projektkosten und -risiken zu reduzieren. Daneben soll sie die flexible Integration bestehender Anwendungen unterstützen. "Im Prinzip verfolgen wir mit IAP eine Komponenten- und Plattformstrategie, wie sie in der Automobilindustrie auch in der Fahrzeugentwicklung und Fertigung eingesetzt wird", umschreibt Helmuth Ritzer, in Reimanns Team für den IAP-Produkt-Support zuständig, den Ansatz des Großprojekts.

IAP setzt sich aus einer Reihe von Teilplattformen zusammen. Dazu zählen die Applikationsplattform "IAP J2EE" zur Entwicklung von Java-Anwendungen, das "IAP Portal" zur Realisierung von Unternehmensportalen, die Process-Integration-Plattform "IAP PIP" zur Realisierung von Workflow-orientierten Business-Anwendungen sowie der Business-Information-Broker "IAP BIB" zum Austausch von Informationen zwischen IAP- basierenden und sonstigen Anwendungen im Rahmen einer Service Oriented Architecture (SOA). Hinzu kommen die Security-Plattform "IAP Security" und die daran angeschlossene Directory-Lösung. Zu allen Teilen werden ferner integrierte Entwicklungs- und Installations-Tools bereitgestellt.

Komponenten in Gesamtarchitektur integriert

Die in den Plattformen enthaltenen Produkte kommen von Herstellern wie IBM, Sun, Novell, Netegrity, Mercury und Merant. Innerhalb von IAP wurden diese Komponenten in einer produktübergreifenden Gesamtarchitektur mittels selbst entwickelter Integrationskomponenten miteinander verbunden. "Wir nehmen die Produkte der Hersteller aus dem Regal, packen sie aus und bauen die Teile in einem speziellen Daimler-Chrysler-Karton wieder zusammen", umschreibt Michael Klingler, als Manager für die IAP-Plattformentwicklung zuständig, die Vorgehensweise.

Brücke zwischen Rechenzentrum und Anwendungsentwicklung

Die Programmierer können sich mit Hilfe von IAP vorwiegend auf die Entwicklung der Anwendungslogik konzentrieren, da sie sich beispielsweise um Security- oder Directory-Aspekte kaum kümmern müssen. Vielmehr steht ihnen eine Vielzahl von wieder verwendbaren Komponenten und Architekturen zur Verfügung. Statt sich mit aufwändigen Tests zu beschäftigen, können die Entwickler auf sichere, skalierbare Plattformen zurückgreifen und von der dazugehörigen Supportorganisation profitieren.

Andererseits stellt IAP für die Rechenzentren die Integra-tion der Anwendungs- und Infrastrukturkomponenten sicher. "Wir bilden die Brücke zwischen den Data-Centern und der Anwendungsentwicklung", erläutert Reimann. Hardwareseitig bringt IAP eine Reihe von Vorteilen. Durch das zentrale Management der IAP-Komponenten können unter anderem die standardisierten Hardwareumgebungen effizienter ausgelastet werden. Dies gilt nicht nur für den laufenden Betrieb, sondern genauso für den Aufbau von Testumgebungen.

Plattform erleichtert das Release-Management

Noch wichtiger sind die Auswirkungen auf die Anwendungslandschaft. "Die starke Trennung der Anwendungslogik von den Technologiekomponenten erlaubt uns beispielsweise, das Directory-Produkt eines anderen Herstellers zu implementieren, ohne dass alle betroffenen Anwendungen einzeln umgestellt werden müssen." Was sich in der Theorie so einfach anhört, hat sich in der Praxis schon bewährt: So konnte der Wechsel auf ein neues Directory-Produkt laut Reimann ohne große Mehraufwände für die vielen Applikationsprojekte vorgenommen werden.

Aber auch die Migration der in IAP enthaltenen Basisprodukte, beispielsweise der Websphere-Applikations-Server, auf einen neuen Release-Stand lässt sich so günstiger bewerkstelligen. Durch das zentrale Bundling notwendiger Fixes und Service-Packs aller Basisprodukte konnte die Anzahl entsprechender Eingriffe stark verringert werden. Zudem ließ sich der Testaufwand drastisch reduzieren.

Das Release-Management spielt nicht nur für die in IAP integrierten Produkte eine wichtige Rolle. Auch die integrierte Anwendungsplattform selbst wird ständig weiterentwickelt, was sich in drei bis vier neuen Versionsständen pro Jahr niederschlägt. Damit die nachgelagerten Applikationsentwickler nicht fortlaufend neue IAP-Release-Stände beachten müssen, werden diese heute bis zu zwei Jahre vorgehalten. "Wir verfolgen hier einen flexiblen Top-down-Ansatz", beschreibt IT-Manager Ritzer die Vorgehensweise. Die Anwendungsbereiche würden nicht gezwungen, sofort auf neue IAP-Versionen zu wechseln. "Wir geben mit unserer Release-Planung lediglich den groben Takt vor", so Ritzer. Zu lange sollten die Applikationsverantwortlichen mit ihren Updates allerdings nicht warten, damit die Zahl der vorgehaltenen IAP-Versionen nicht zu stark ansteigt. Derzeit verwaltet das IAP-Release-Management zirka 25 Release-Stände für alle Plattformen und Betriebssysteme.

Auf der Kostenseite erwartet Daimler-Chrysler von IAP erhebliche Vorteile: Eine bei Gartner in Auftrag gegebene Best-Practise-Untersuchung ergab, dass sich die weitaus größten Sparpotenziale beim Operations-Management erzielen lassen. Insgesamt rechnet Reimann für Applikationen, die auf IAP-Basis entwickelt wurden, über den gesamten Lebenszyklus dieser Lösungen mit Einsparungen zwischen 25 und 30 Prozent.

Trotz hoher Kosten bereits rentabel

In den vergangenen einein-halb Jahren wurden rund 70 Applikationen auf IAP-Basis aufgesetzt. Viele dieser Systeme haben ein Entwicklungsbudget von mehr als einer Million Euro. Selbst wenn man zugrunde legt, dass die anfängliche Lernkurve das genannte Einsparvolumen nicht immer erreichen ließ, ergibt sich daraus ein deutlicher Kostenhebel, der die Ausgaben für den IAP-Aufbau recht überschaubar aussehen läßt: In den Jahren 2003 und 2004 investierte Daimler-Chrysler einen zweistelligen Millionenbetrag in die Entwicklung und den Support von IAP. Die Rentabilitätsgrenze hat IAP bereits überschritten, wobei Reimann davon ausgeht, dass die Initiative mindestens noch bis in das kommende Jahrzehnt weitergetrieben wird. Während der Spitzenzeiten beschäftigte sein Team bis zu 100 Mitarbeiter, heute arbeiten zwischen 50 und 60 interne und externe Mitarbeiter an der Pflege und Weiterentwicklung.

Wie alle IT-Vorhaben mit großer Tragweite ließ sich auch die IAP-Initiative nicht ohne Widerstände durchsetzen. Intern profitierte Reimanns Team vom starken Rückhalt des IT-Managements. Dennoch vermieden es die IAP-Verantwortlichen nach Möglichkeit, Standards zu verordnen. Stattdessen setzte Reimann auf eine gute Öffentlichkeitsarbeit, um bei den entscheidenden Leuten für Verständnis zu werben. "Die Top-down-Keule mussten wir nie hervorholen", resümiert der IT-Manager. So zieht er eine durchweg gute Bilanz: "In den vergangenen eineinhalb Jahren gab es bei Daimler-Chrysler keine größere Java-Entwicklung, die nicht IAP als Basis genutzt hätte."

Schwieriger war die Überzeugungsarbeit bei den IT-Lieferanten und Implementierungspartnern. Schließlich mussten auch Branchengrößen wie IBM, T-Systems oder Cap Gemini die von Daimler-Chrysler verabschiedeten Standards einhalten. "Da gab es bei den Entwicklern der Zulieferer Anfangswiderstände zu überwinden", so Reimann. Mittlerweile hätten sich aber auch die IT-Anbieter bewegt, weil sie sähen, dass es bei der Realisierung ihrer Projekte weniger Schwierigkeiten gebe. Insgesamt habe die Zusammenarbeit zu einer engeren Kooperation geführt. So hat Daimler-Chrysler mit den Entwicklungslabors von IBM, Sun und Novell auf internationaler Ebene zusammengearbeitet. Ferner bildet IAP auch die Basis für Techniktrends wie Computing on Demand. Derzeit evaluiert der Automobilhersteller zusammen mit Sun das automatisierte Provisioning und die Virtualisierung von Hard- und Software-Infrastrukturen unter den Betriebssystemen Sun Solaris und IBM AIX. Im Bereich virtuelle Verwaltung von Blade-Servern erprobt Reimanns Team die Computing-on-Demand-Plattform von IBM.

Erweiterung auf .NET-Anwendungen geplant

Zudem soll sich IAP künftig nicht auf den Java-Bereich beschränken. Derzeit prüft Daimler-Chrysler, ob sich der Ansatz auch auf die .NET- und SAP-basierende Anwendungswelt erweitern lässt. Während Reimann die Ergebnisse der Evaluierung von SAPs "Netweaver"-Plattform noch abwarten will, laufen mit Microsoft bereits erste Gespräche für eine engere Integration. Wenn für diese Bereiche der Startschuss fällt, können sich Reimann und sein Team auf weitere spannende Jahre einstellen, in denen es kaum an Arbeit und Herausforderungen mangeln dürfte.