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02.12.1994

Daimler-Vorstand telefoniert kuenftig mit Netzwerk-Telefon Netzwerker wollen Rechner und Telefondienste integrieren

BREMEN (hi) - Waehrend die globale Integration von Multimedia- Diensten und Telekommunikation in Form von Information-Highways publikumswirksam diskutiert wird, vollzieht sich auf lokaler Ebene eine Revolution in aller Stille: Die Netzwerker entdecken die Welt der Private Branch Exchanges (PBX) und wollen die bisherige Domaene der TK-Anlagen-Monopolisten knacken, indem sie die entsprechenden Funktionen in ihre unternehmensweiten Datennetze integrieren. Auf der Novell-Fachhaendlertagung in Bremen hatten Grosskunden und Wiederverkaeufer die Gelegenheit, erste Integrationsloesungen zu begutachten.

An und fuer sich ist das, was die versammelte Haendler- und Kundengemeinde in Bremen in Sachen Telefonintegration zu sehen bekam, von der Idee her nichts Neues: Bereits vor zehn Jahren schlossen sich mehrere Hersteller unter dem Stichwort CTI zusammen, um an der "Computer Telephony Integration", einer Client-Server-Architektur, zu arbeiten, mit dem erklaerten Ziel, Computernetz und Telefon zu verbinden.

Unumstritten scheint, glaubt man verschiedenen Untersuchungen von Herstellern, dass der klassische Telefonapparat in Sachen Usability ausgereizt ist. Von den mehr als 20 Funktionen eines modernen Telefons, so ein Ergebnis, nutzen die Anwender in der Regel meist nur vier, da sich kaum ein User die mehrstelligen kryptografischen Personal Identification Numbers (PINs) merken kann, die man braucht, um die Sonderfunktionen einzusetzen.

Also liegt eigentlich nichts naeher, als die Telefonfunktionen via Maus auf einer grafischen PC-Oberflaeche ausfuehrbar zu machen, so dass beispielsweise zur Weiterleitung eines Anrufes nur noch der Name des gewuenschten Gespraechspartners angeklickt werden muss. Marktrelevanz in Sachen PC-gestuetztes Telefonieren haben zur Zeit vor allem zwei Ansaetze: Auf der einen Seite stehen Microsoft und Intel, auf der anderen Novell, das mit dem Mega-Carrier AT&T zusammenarbeitet.

Waehrend das Duo Microsoft und Intel mit seinem Ansatz "Telephony API Dynamic Link Library" (TAPI.DLL) jeden einzelnen Arbeitsplatz an die Telekommunikationswelt anbinden will, favorisieren Novell und AT&T mit den "Netware Telephony Services" eine Server-basierte Loesung. Novells "Telephony" besteht in der Version 1.0 aus einem Satz Netware Loadable Modules (NLMs) fuer die Netware 3.x-Welt. Bei Netware 4.x muss die Bindery-Emulation gefahren werden. Unter Verwendung spezifischer PBX-Treiber, die vom Hersteller der TK- Anlage zu entwickeln sind, laesst sich die Verbindung zwischen PC- Welt und Nebenstellenanlage herstellen.

Mit TSAPI weitere Dienste entwickeln

Darauf aufsetzend, koennen Dritthersteller mit Hilfe der Softwarebibliothek "Telephony Services Application Programming Interface" (TSAPI) die Dienste von Telephony erweitern. Allerdings, so schraenkt Novell-Program-Manager Michael Michler ein, lassen sich mit der heutigen Version 1.0 hauptsaechlich Call- Control-Funktionen verwirklichen. Features wie Voice-Processing oder Speech-Synthesis sollen in spaeteren Releases integriert werden.

Wie amerikanische Kollegen berichten, plant Novell fuer April bereits das Release 2.0, das eine Integration in Netware 4.x ohne die Bindery- Emulation erlauben und den Netware Directory Service (NDS) unterstuetzen soll. Zudem soll dann die Verwaltung von Telephony direkt ueber das Netware-Tool "Nwadmin" erfolgen. Darueber hinaus unterstuetzt, wie es aus den USA heisst, die neue Version eine groessere Auswahl an Clients, die unter den Betriebssystemen Macintosh, OS/2, Windows NT und Unixware laufen koennen. Dabei kann kuenftig neben IPX/SPX auch das TCP/IP-Protokoll verwendet werden.

Unabhaengig davon, ob die neue Version schon auf der CeBIT '95 gezeigt werden kann, wird Telephony fuer Novell ein zentrales Thema auf der Computermesse sein. So haben die Netzwerker in Sachen Telefonintegration bereits zehn Boxen fuer Partner reserviert. Zudem hofft man bei der deutschen Novell-Dependance in Duesseldorf, dass bis zur CeBIT entsprechende PBX-Treiber von Siemens, PKI, Telenorma und Alcatel vorliegen. Von den fehlenden Treibern einmal abgesehen, ist Michler ueberzeugt, dass Telephony ein Erfolg wird, da der MIS-Manager damit in Sachen TK-Anlage nicht mehr der hilflose Zuschauer sein werde, der den Anlagenbauern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist.

Um den Novell-Channel mit dem PBX-Kanal zusammenzufuehren, haben die Netzwerker im Rahmen des Telephony Solution Program ein Netware Telephony Solution Center, kurz TSC, ins Leben gerufen. Das TSC, das von der Data Voice GmbH betreut wird, hat sich zum Ziel gesetzt, Haendlern bei der Verwirklichung eines One-Stop- Telephony-Shops zu helfen. Dazu arbeitet das Center, das selbst keine Produkte an Endkunden vertreibt, am Aufbau von "David", der Data Voice Information Datenbank, die kuenftig Informationen ueber alle Anbieter enthalten soll. Innerhalb eines Monats hat das Center bereits 50 Partner gewonnen, wobei in der Endphase 120 bis 150 Kunden angestrebt sind.

Einen ersten umfassenden Telephony-Ansatz zeigte auf der Haendlertagung das Berliner Unternehmen Netserve. Unter der Bezeichnung "Netserve Voice Server" stellte Geschaeftsfuehrer Uwe Rademacher eine der ersten Loesungen vor, die Telefon und Netzwerk auf einem physikalischen Medium integriert. Mit seinem Ethernet- Telefon kann der findige Berliner auf eine parallele Infrastruktur bei der Gebaeudeverkabelung verzichten, da die Sprachdaten als IPX/SPX-Pakete ueber das Ethernet transportiert werden.

Dank Kompressionsalgorithmen benoetigt die Loesung pro Telefongespraech eine Bandbreite von 8 bis 16 Kbit/s. Um bei hoeherer Netzlast die notwendige Bandbreite zum Telefonieren zu garantieren, veraendern die Berliner den IPX/SPX-Header, so dass die Sprachpakete eine hoehere Prioritaet gegenueber den Datenpaketen haben.

Als Endgeraete dienen zum einen sogenannte "Netserve Lanfons", die einen kompletten PC samt Ethernet-Karte und Komprimierungschips beinhalten und direkt an das LAN angeschlossen werden. Zum anderen dient der PC als Interface, an den via parallele oder serielle Schnittstelle ein Telefon angebunden wird.

Telefonieren via Ethernet

Zwar hat die PC-Loesung den Nachteil, dass der Anwender zum Telefonieren seinen Rechner eingeschaltet haben und in das Netz eingeloggt sein muss; dafuer ist er aber, wenn er an einem anderen Rechner arbeitet, dort automatisch unter seiner Telefonnummer erreichbar, da diese mit seinem Login-Namen verknuepft ist. Zieht ein Mitarbeiter im Unternehmen um, ist also, anders als beim Einsatz einer klassischen TK-Anlage, keine Umkonfigurierung erforderlich.

Zudem kann mit dieser Loesung, von der Referenzinstallationen bei Kaufhof sowie beim Daimler-Benz-Vorstand geplant sind, ueber die vorhandenen Datenleitungen im ueberregionalen Unternehmensverbund ohne Mehraufwand auch telefoniert werden. Ist TCP/IP das eingesetzte Protokoll, so waere theoretisch ueber das Internet eine globale Telekommunikation verwirklichbar, ohne dass die Carrier auch nur einen Cent an Telefongebuehren kassieren koennten.

Doch abgesehen von solchen Gedankenspielen bietet die Server- Loesung - je nach Bedarf koennen aktive Karten mit zwei Kanaelen oder S2M-Boards eingesetzt werden - den Vorteil, dass der Netzadministrator kuenftig seine TK-Anlage ohne fremde Hilfe aehnlich wie ein Netware-Netz verwalten kann. Ist dabei eine besondere Ausfallsicherheit gefordert, so laesst sich die Anlage auch auf mehreren Servern installieren. Einer der Haendler in Bremen war von der Netserve-Loesung so ueberzeugt, dass er bereits das Aus fuer die klassischen TK-Hersteller kommen sah.