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08.06.1984

Dank der japanischen Herausforderung?

Prof. Dr. Norbert Szyperski Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) St. Augustin

Im Fernen Osten hat sich im letzten Jahrzehnt ein technologischer Umbruch vollzogen: Man baut nicht mehr nur nach, sondern steht mit vielen ingenieurtechnischen Leistungen an der Weltspitze. Das trifft wohl insbesondere für die Informationstechnologie zu. Japans abgelaufene Zehnjahresprogramme für Forschung und Entwicklung (insbesondere zur Mikroelektronik und der Musterverarbeitung) fanden bei uns noch wenig Aufmerksamkeit. Über die Computer der fünften Generation und die Supercomputer für technisch-wissenschaftliche Aufgaben wird heutzutage viel gesprochen; werden diese Entwicklungen hier zulande aber auch ernst genommen?

Ganze Industriegruppen leiden derzeit unter ostasiatischen Konkurrenzentwicklungen, die in schöner Selbstverständlichkeit und Regelmäßigkeit jeweils zehn Jahre vorher in den langfristigen japanischen Perspektiven als Ziele genannt wurden. Warum wollten fast alle Verantwortlichen in unserer Wirtschaft dies "damals" nicht zur Kenntnis nehmen? "Not invented here" oder das Ignoranzrisiko der Erfolgreichen? Warum auch immer, das Japanbild war durch billige Massengüter und die deutlichen Lohnkostenvorteile gekennzeichnet. Und heute?

Mehr als fünftausend Bundesdeutsche sollen sich allein wegen der deutschen Leistungsschau in Tokio aufgehalten haben. Vom 24. 4. bis zum 6. 5. empfanden viele von uns in der Bundesrepublik und in Tokio die PR-Wellen der eigenen Anstrengungen: Das eigene Image sollte verbessert werden. Deutsche Technologie gestern, heute, morgen. Das Vorbild für viele japanische Industrieentwicklungen in vergangenen Jahrzehnten dieses Jahrhunderts schickt seine Vertreter ins "ferne Land", um dort eigene technologische Leistungsfähigkeit zu demonstrieren. Mehr als 800 000 Besucher nahmen das Angebot in Tokio an. Ein bisher einmaliges Ereignis für hochindustrialisierte Nationen. Ein sinnvolles? Ich glaube uneingeschränkt ja.

Es muß eingehenden Analysen vorbehalten bleiben, ob und in welchem Maß diese Veranstaltungen in Verbindung mit technologischen Symposien und dem deutschjapanischen Forum für Informationstechnologie das bundesdeutsche Technologie-Image in Japan positiv beeinflussen konnten oder ob sie die häufig anzutreffende Meinung "von dem Deutschland als einem Land hoher Kultur und erstklassiger Technologie ... von gestern" nur stabilisierten. Das ist die sicher äußerst wichtige Außenwirkung. Manchmal sind aber die inneren Konsequenzen von gleicher, wenn nicht ausschlaggebender Bedeutung. Und hier möchte ich anknüpfen: Die technologische Herausforderung scheint mir angenommen. Und dies hat für die deutsche Evolutionsmentalität eine tiefgreifende Bedeutung.

Vielleicht muß man etwas ausholen, um diese Zusammenhänge verdeutlichen zu können. Die jeweils erreichbare nationale Position im internationalen Technologiewettbewerb hat viel mit der nationalen Innovationskultur zu tun. Wie kann man die unserige beschreiben?

Wir sind erstens stark im Erfinden und analytischen Durchdringen komplizierter technischer Zusammenhänge, so daß uns häufig radikal neue Lösungen gelangen: Alle Antriebsmaschinen nach der Dampfmaschine gehen wesentlich auf deutsche Entwicklungen zurück (Otto-Motor, Diesel-Motor, Elektromotor, Wankel-Motor und Düsentriebwerke). Und auch die Computerwelt wurde mit Professor Zuse in Deutschland eingeläutet, was schon nach vierzig Jahren in der Welt vergessen zu sein scheint.

Wir haben aber zweitens eine negative Haltung zur Imitation. Die Nachahmung (auch des großen Meisters?) gilt als Untugend; im Gegensatz dazu ist dies eine herausragende Tugend im japanischen Verständnis. Wer nachgestalten will, muß sehr informationsbewußt sein. Verleitet uns unser Hang zur möglichst eigenständigen Entwicklung auch ein wenig dazu, weltweite Prozesse oftmals erst recht spät zur Kenntnis zu nehmen?

Viele Beispiele deuten drittens darauf hin, daß wir oft in wirtschaftlichen und technologischen Frühentwicklungsphasen unsicher sind. Man könnte auch sagen, wir haben ausgeprägte Schwächen im frühen Innovieren - so wie wir auch nicht zu den "geborenen Kolonialisten" gehören dürften. Düsentriebwerke werden heute noch kaum bei uns gebaut, den eigenen Computereinstieg haben wir industriell ebenfalls praktisch nicht nutzen können. Der fast spielerisch experimentelle Umgang mit neuen technologischen Möglichkeiten liegt uns im Schnitt wohl nicht so sehr: Konservative Beschaffungschancen sind gewiß auch eine Folge davon.

Unsere ausgeprägte Stärke liegt jedoch viertens darin, akzeptierte oder sich deutlich durchsetzende Techniken zu perfektionieren. Bei abnehmender Ungewißheit und sich abzeichnenden wirtschaftlichen Entwicklungspfaden intensivieren wir unsere Anstrengungen mit gezielter Konzentration auf verbesserte Lösungen. Damit erreichten wir in der Vergangenheit häufig im zweiten Anlauf internationale Spitzenstellungen.

Kann die jetzige weltweite informationstechnische Entwicklung ähnliche Reaktionen in unserem Lande auslösen? Lassen die so schnell aufeinanderfolgenden Technologie-Entwicklungsrunden dies noch zu? Kann sich das Auf- und Überholungsphänomen "Made in Germany" des vorigen Jahrhunderts in unseren kommenden Jahrzehnten wiederholen: Schwierige, offene Fragen; ihre positive Beantwortung setzt Willen und Engagement voraus. Hier liegt die Wurzel. Und darum sollten wir über die zustande gekommene Leistungsschau in Tokio froh sein.

Was werden wir aber im kommenden Jahr auf der Expo 85 in Japan vorstellen? Wie stehen unsere Chancen im informationstechnischen Wettwerb? Es zeigen sich deutliche Möglichkeiten. Die japanische Herausforderung hat vielleicht spät, aber nicht zu spät ihre Wirkungen gezeigt: Die Informationstechnik ist ihrer Schlüsselfunktion entsprechend im wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bewußtsein vorgerückt - mit allen damit zusammenhängenden Problemen.

Unsere Wege in eine starke informationstechnisch geprägte Industriewelt sollten sich strategisch von dem japanischen Weg abheben, aber nicht weniger energisch verfolgt werden. Die deutsche Industrie muß ihre Kompetenz bei Problemlösungen in die Waagschale werfen und bis in die Chips hineinzutragen versuchen. Wir brauchen dazu vermehrt weltweit bedeutsame Unternehmungen, die sich mit ganzer Kraft auf die Informationstechnik konzentrieren und nicht nur in sie hinein diversifizieren. Diese Branche kann auch nicht im Stil eines Steherrennens "an der Rolle" des "Schrittmachers" Bundespost gewonnen werden. Auch in diesem Sinne stellen die japanischen Deregulierungs-Bemühungen eine Herausforderung dar.

Und nicht zuletzt: Unsere Wirtschaft und Wissenschaft müssen sich dem asiatischen Raum insgesamt mehr zuwenden, und das heißt auch, auf ihn und seine besonderen Bedingungen eingehen. Die Welt zentriert sich nicht mehr auf Europa, aber deswegen braucht man wohl nicht in das Konzert der US-Presse vom Niedergang Europas einzustimmen. Dank der japanischen Herausforderung?