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08.10.2004 - 

Hypes in der IT/Die elektronische Zeitung schafft Differenzierung

Das E-Paper ersetzt keine Zeitung

Noch immer gibt es Zeitungen und Zeitschriften, das Internet hat sie nicht verdrängt. Aber das Netz hat einen Prozess angestoßen: Alte Print- und neue elektronische Medien müssen sich anders definieren und ihre Position in der veränderten Medienlandschaft neu erkämpfen. Von Peter Ilg*

Die Rhein-Zeitung in Koblenz war schneller als die New York Times: Bereits am 1. Juni 2001 konnten Abonnenten ihre Zeitung auch am Computer lesen, und zwar alle 18 Regionalausgaben. "Das Angebot war zunächst kostenlos", so Joachim Türk, stellvertretender Chefredakteur der Rhein-Zeitung und Geschäftsführer von RZ-Online. Seit gut zwei Jahren müssen die Kunden für ihre elektronische Zeitung bezahlen, bis zu fünf Euro monatlich zusätzlich zu den Kosten für das Print-Abo. 3000 E-Paper-Abonnenten zählt die Rhein-Zeitung derzeit und verdient Geld damit. "Unser Gewinn wird in diesem Jahr bei rund 60000 Euro liegen", blickt Türk hoffnungsvoll in die Zukunft.

Die Kosten sind gering, um die Druckdateien in HTML-Dateien umzuwandeln. Das erledigen herkömmliche Rechner auf Knopfdruck. Am Bildschirm des Kunden wird jeweils eine komplette Seite angezeigt. Klickt der Leser mit der Maus auf einen Artikel, so erscheinen Titel und Vorspann separat. Ein Klick darauf bringt den Text zum Vorschein.

Die Software ist eine Eigenentwicklung von RZ-Online. 500 000 Euro hat der Verlag in die Entwicklung von "E-Paper" gesteckt. "Der Aufwand soll sich rechnen", sagt Türk. Deshalb wird die Software an andere Verlagshäuser verkauft. Dafür wurde die Beteiligungsgesellschaft Kevag Telekom gegründet, deren Geschäftsführer der gelernte Journalist ebenfalls ist. Der Name E-Paper jedoch steht nicht zur Disposition. "Den haben wir warenrechtlich schützen lassen", stellt Joachim Türk klar.

230000 Abonnenten hat die Rhein-Zeitung. Im Vergleich dazu sind die 3000 Abos für E-Paper verschwindend gering. Doch es gibt auch Bereiche, in denen Online-Angebote gedruckten Versionen mächtig zusetzen. Dies gilt beispielsweise für Lexika, wo teuere Staubfänger in den Regalen durch günstige Multimedia CDs ersetzt werden. Auch im Bereich der Fachinformationen wie wissenschaftlichen Zeitschriften werden elektronische Medien schneller an Bedeutung gewinnen, meinen Experten. Wie unbedeutend der Markt bei Tageszeitungen und Magazinen ist, zeigt, dass lediglich 1,5 Prozent der gesamten Werbeeinnahmen im vergangenen Jahr auf Online-Medien entfielen.

Rein zahlenmäßig hat die Revolution nicht stattgefunden. Um 2000 wurde Zeitungen und Zeitschriften die Daseinsberechtigung komplett abgesprochen. Der Bildschirm sollte sie ersetzen. Gab es in der alten Welt noch den Stern allein, so ist das Magazin zwischenzeitlich kein reines Printmedium mehr, sondern ein integriertes Medienprodukt. Den Titel Stern gibt es zwar heute noch. Aber daneben wurden stern.de und Stern-TV aufgebaut.

Medienunternehmen, die klassischerweise früher sehr stark nach einzelnen Mediengattungen wie Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen aufgestellt waren, spezialisieren sich nicht mehr. Die Verlage stellen eine Marke in den Mittelgrund und vertreiben dieInhalte über verschiedene Medien.

Wenig Geld für digitalen Content

Dies ist das zentrale Ergebnis der Dissertation von Berthold Hass. Das Thema seiner Arbeit lautete: "Geschäftsmodelle von Medienunternehmen - Ökonomische Grundlagen und Veränderungen durch neue Informations- und Kommunikationstechnik". Abgeschlossen hat er sie 2002 am Institut für Unternehmensentwicklung und Organisation der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Heute ist Hass Juniorprofessor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere neue Medien, am Fachbereich Informatik der Universität Koblenz. Auch in der Zwischenzeit, so ist Hass überzeugt, würde mit digitalem Content selbst immer noch wenig Geld verdient werden. "Die Online-Präsenz dient vor allem als Werbung für den Print-Titel und zur Kundenbindung", nennt er als wesentlichen Grund für das Online-Engagement der Verlage. Doch es sei eine Investition in die Zukunft.

In der Wissenschaft geht man davon aus, dass verschiedene Medien ähnliche Aufgaben in den Augen des Konsumenten erfüllen. "Welches Medium er dann schließlich wählt, hängt von drei Faktoren ab, der so genannten PSF-Formel", berichtet Hass. Dabei steht P für Personell, S für Situativ und F für Funktion. Wer bestimmte Inhalte sucht, etwa in Rubrikanzeigen oder Archiven, ist heute schon mit elektronischen Medien besser bedient. Personenabhängige brauchen sehr viel länger als funktionelle Veränderungen. Deshalb ist Medienwandel in hohem Maße eine Generationenfrage, da ältere Leute eher Printmedien bevorzugen, während Jugendliche heute selbstverständlich mit Handy und Internet aufwachsen. Aber selbst für junge Menschen haben klassische Medien situative Vorteile gegenüber neuen Medien. "In manchen Situationen werden elektronische Medien gedruckte Versionen vermutlich sehr viel später oder gar nie ersetzen", orakelt Hass und nennt die Lektüre der Tageszeitung am Frühstückstisch oder die Zeitschrift am Strand im Urlaub als Beispiele. Die Medien ersetzen sich nicht komplett, sondern differenzieren sich neu aus, meint er. Es gebe Substitution, Komplementarität und Konvergenz. Beim E-Paper sei Konvergenz bereits deutlich sichtbar: Der Leser kennt sich mit dem Layout gut aus und kann auch von unterwegs aus oder im Urlaub seine Zeitung lesen.

"Der große Vorteil von Online-Nachrichten liegt in der Möglichkeit, jederzeit aktualisieren zu können", so Peter Christ, Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung. Ähnlich wie die Kollegen vom Rhein, bieten die Stuttgarter ihre Ausgabe digital, in der ebenfalls alle Seiten im Originallayout angezeigt werden. Leser der elektronischen Ausgabe sind in erster Linie Einheimische, die im Urlaub oder am Arbeitsplatz nicht auf ihre Zeitung verzichten wollen oder eine zusätzliche Ausgabe abonnieren. Aber auch ehemalige Stuttgarter beschreibt Christ als Leserschaft. Das Leseverhalten sei dabei dem der gedruckten Ausgabe sehr ähnlich: Gelesen wird morgens am Frühstückstisch oder im Büro.

Die sehr ferne Zukunft der Tageszeitung, meint der Stuttgarter Chefredakteur, liege im elektronischen Papier. "Sowohl das elektronische Papier als auch das E-Paper bieten die Möglichkeit einer individuell zusammengestellten Zeitung", so seine Begründung. Denn im Vergleich zur Tageszeitung erhält der Kunde in beiden Fällen nur das, was ihn auch interessiert. Und nur für das wird er auch bereit sein zu bezahlen. Doch es scheint noch ein weiter Weg zu sein, bis digitales Papier marktreif ist. Seit Jahren kündigen verschiedene Hersteller solche Versionen an, und verschieben die Markteinführung dann wieder (siehe "Elektronisches Papier"). (bi)

*Peter Ilg ist freier Journalist in Stuttgart.

Hier lesen Sie ...

- warum sich Print-Medien auf dem Weg zum integrierten Medienprodukt befinden;

- welche Inhalte für elektronische Medien prädestiniert sind;

- welche Faktoren für den Leser die Wahl des Mediums bestimmen;

- warum die "Fortsetzung" des Print-Mediums im Internet für bestimmte Produkte unabdingbar ist.

Elektronisches Papier

Seit Jahren wird an einem elektronischen Lesegerät geforscht, das in seinen Eigenschaften dem Papier ähnlich ist. Doch Display, Strom und Akku machen die bisherigen Erfindungen schwer, unhandlich und abhängig von Energiequellen.

Schon seit längerem kündigt Philips eine "millimeterdünne Folie, die mit digitalen Inhalten immer wieder neu befüllbar ist" an. Nun hat der niederländische Konzern ein Display auf einer nur 25 Mikrometer dünnen Folie hergestellt. Auch Xerox und Sharp arbeiten am elektronischen Papier. Sharp will 2007 ein Produkt auf den Markt bringen, das "etwa so dünn wie normales Papier sein wird". Sony bietet seit April 2004 ein elektronisches Buch an, Librié genannt, das kleiner als ein DIN-A5-Blatt und nur 13 Millimeter dick ist. Auf dem Schwarz-Weiß-Display können 10000 Buchseiten mit einer Auflösung von rund 160 Bildpunkten pro Zoll (dpi) angezeigt werden. Über eine USB-Schnittstelle lassen sich bis zu 20 Bücher auf das 190 Gramm leichte Gerät laden. Doch Librié ist immer noch deutlich erkennbar ein Computer und deshalb noch kein elektronisches Papier.

"Wir nähern uns der Gewinnschwelle"

Interview mit Barbara Hamm, Geschäftsführerin und Chefredakteurin von Stern.de.

CW: Was unterscheidet stern.de von der Printausgabe?

HAMM: Stern.de ist ein eigenständiges Produkt, das auf die Stärken des Mediums setzt. Während das Magazin "Stern" mehr Reportagen und Hintergründe liefert, bietet Stern.de mehr Nachrichten, interaktive Grafiken, Dossiers und Bilder. Die Fortsetzung im Internet ist für eine Marke wie dem Stern heute unverzichtbar.

CW: Rechnet sich Stern.de?

HAMM: Ja, Stern.de rechnet sich! Nach dem Start im Dezember 1996, den Höhenflügen und Ernüchterungen, nähert sich Stern.de jetzt der Gewinnschwelle, erste Monate in 2004 waren bereits profitabel.

CW: Wer liest Stern.de?

HAMM: Stern.de wird von Stern- Lesern und reinen Online-Usern gelesen. Im Altersdurchschnitt sind die Onliner etwas jünger als die Leser des gedruckten Magazins. Stern.de wird je nach Nachrichten- und Ereignislage von bis zu 1,4 Millionen Menschen im Monat genutzt.

CW: Was sind die wesentlichen Stärken des Online-Mediums?

HAMM: Der größte Vorteil besteht darin, den User aktuell und fast unmittelbar über Ereignisse informieren zu können. Darüber hinaus lassen sich die Inhalte im Internet viel umfangreicher und vielfältiger visualisieren und vernetzen. Schließlich kann Stern.de Inhalte sinnvoll vernetzen, zu komfortablen Dossiers bündeln und damit wertvolle Recherchemöglichkeiten bieten.

CW: Haben beide Medien auch in der Zukunft ihre Daseinsberechtigung?

HAMM: Auf jeden Fall. Print und Online werden sich noch stärker miteinander verzahnen. Gleichzeitig behalten beide Medien ihre typischen Charaktereigenschaften.