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08.03.1996 - 

CeBIT '96/Der russische Spitzenentwickler Iwannikow im Gespraech

"Das Ende der Isolation stellt fuer uns den groessen Gewinn dar"

CW: Ihr Institut existiert erst seit Januar 1994. Was koennen Sie nach so relativ kurzer Zeit an Ergebnissen praesentieren?

Iwannikow: Das Institut fuer Systemprogrammierung (ISP) ist scheinbar jung. Aber viele der Mitarbeiter forschen bereits seit 20 und mehr Jahren gemeinsam. Was wir auf der CeBIT in erster Linie zeigen wollen, ist unsere Faehigkeit, grosse wissenschaftsintensive Projekte in hoechster Qualitaet zu realisieren - mit Forschungsinstitutionen oder auch fuer Unternehmen.

CW: Mit welchen Referenzprojekten wollen Sie grosse Auftraggeber auf der CeBIT akquirieren ?

Iwannikow: Aus den in der Vergangenheit bewaeltigten Projekten ragen drei heraus, die ich hier nennen moechte. Das erste Grossprojekt, das der Vorlaeufer unseres Institutes Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahre massgeblich verwirklichte, war die Entwicklung von Architektur und Systemsoftware fuer den Grossrechner BESM-6. Fuer diese Maschine haben wir das erste Betriebssystem D-68 und das Echtzeit-Betriebssystem ND-70 entwickelt. Dass 1989 immer noch einige dieser Systeme im Dauerbetrieb standen, kann nicht nur mit dem allgemeinen technologischen Rueckstand in unserem Land erklaert werden. Zum Erfolg dieser Methusalems trugen zweifellos die gewaehlten Architekturprinzipien bei.

Das zweite Projekt umfasste das Echtzeit-Betriebssystem AS-6 und viele andere Systemprogramme fuer inhomogene verteilte Rechnersysteme. Dieses Projekt wurde speziell fuer die Leitzentren der Kosmofluege in der Naehe von Moskau entwickelt, lief aber auch im Keldysch-Institut fuer angewandte Mathematik. Das System war bis 1991/92 im Einsatz, nachdem es 1979 in Betrieb gegangen war.

Beim dritten Grossprojekt schliesslich ging es um einen Superrechner, der im Westen "Red Cray" genannt wurde und bei uns die eher profane Bezeichnung "Electronica SS BIS" trug. Wir haben an der Architektur mitgewirkt sowie die System- und mehrere Pakete von Anwendersoftware geschaffen.

CW: Wie hat sich das Ende der Sowjetunion auf Ihre Forschungsarbeit an der Akademie der Wissenschaften ausgewirkt ?

Iwannikow: Mit dem Zerfall entstanden vollkommen neue Bedingungen. Wir mussten uns grundlegende Gedanken darueber machen, mit welcher Zielrichtung und wie ein neues Institut aufgebaut werden kann. Uns war vollkommen klar, dass die Hauptaufgabe eines akademischen Instituts in der Ausbildung von erstklassigen Fachleuten besteht. Wie soll man nun Fachleute ausbilden? Am besten natuerlich durch die Beteiligung an der Loesung bedeutender praktischer Aufgaben, also echter Projekte, damit die Studenten verstehen, wozu sie das alles lernen sollen.

CW: Gibt es nach wie vor interessante Grossauftraege, wie sie Ihr Institut in der Vergangenheit erhalten hat ?

Iwannikow: Die Situation bei uns im Lande ist durch den Mangel an potenten Auftraggebern fuer wissenschaftlich interessante Grossprojekte gekennzeichnet. Zur Zeit brauchen sowohl die staatlichen Strukturen als auch die private Wirtschaft lediglich Systemintegrations-Dienstleistungen. Das kann nicht die wichtigste Aufgabe eines wissenschaftlichen Instituts sein. Ich bin absolut sicher: Es vergehen nur einige wenige Jahre, und wir werden im eigenen Lande gerade auch als Forscher und Entwickler wieder gebraucht.

CW: Wie wollen Sie diesen Zeitraum ueberbruecken ?

Iwannikow: Wir stellen uns einer doppelten Herausforderung - Verbindung zu den akademischen Strukturen des Westens und Akquisition von Industrieauftraegen westlicher Laender. Wir wollen alle Moeglichkeiten ausschoepfen, die uns die Aufloesung unserer alten Gesellschaftsordnung gebracht hat. Obwohl vielen von uns die Einbusse der gesicherten Finanzierung erst einmal als Verlust erscheint, stellt das Ende der Isolation fuer uns den groessten Gewinn dar.

Deshalb verfolgen wir gemeinsame Projekte mit der Gesellschaft fuer Mathematik und Datenverarbeitung (GMD) in Deutschland, mit dem britischen Rutherford Appleton Applied Laboratory oder mit der New York State University at Stony Brook (USA). Portabilitaet zwischen verschiedenen skalierbaren massiv-parallelen Computersystemen - darum geht es bei einem Gemeinschaftsprojekt mit dem franzoesischen Institut National de Recherche en Informatique et en Automatique (Inria), und mit der Naval Postgraduate School in den USA arbeiten wir an dem vom Naval Research Office mitfinanzierten Projekt "Programming Environment for Scalable Massively Parallel Computer Systems".

CW: Was tun Sie fuer Auftraggeber aus der Industrie?

Iwannikow: Gegenwaertig beschraenken sich unsere Verbindungen zur westlichen Industrie noch auf ein kanadisches Unternehmen, die Bell Northern Research. Bei diesem Auftrag geht es um die Implementierung eines portablen Compilers fuer die Programmiersprache Protel/C und fuer die Spezifikations- und Beschreibungssprache SDL'92, die zur Entwicklung von Spezifikationen von Echtzeit-Telekommunikationssoftware dient.

CW: Wieviel Geld steht Ihrem Institut zur Verfuegung?

Iwannikow: Insgesamt betrug der 1995er Etat des Instituts mit seinen ueber 100 Mitarbeitern etwa 600000 Dollar; 70 - 80 Prozent davon wurden duch Vertraege mit russischen und internationalen Auftraggebern erwirtschaftet. Mit einer bis 1,5 Millionen Dollar koennten wir auf vergleichsweise stabilen Fuessen stehen - also mit dem Doppelten dessen, was wir im letzten Jahr zur Verfuegung hatten.

*Mathias Weber ist Geschaeftsfuehrer des Unternehmensverbandes Informationssysteme e.V. in Berlin.