Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

18.11.1977 - 

Computer erzwingen Arbeitszeitverkürzung

Das Ende eines Tabus

Es wäre schlichtweg Selbsttäuschung anzunehmen, daß sich in den nächsten Jahren, ja in vielen nächsten Jahren, die Situation auf dem Arbeitsmarkt wieder zu den Konstellationen entwickelt, die in den 60er Jahren vorherrschten, als man sich keine Gedanken darüber zu machen hatte, ob durch Rationalisierungsmaßnahmen freigesetzte Mitarbeiter neue Arbeitsplätze im Unternehmen oder außerhalb finden würden, weil seinerzeit Arbeitskraft sogar "importiert" werden mußte. Und weil sich diese Situation so grundlegend geändert hat, gibt es heute neuartige Überlegungen über den gesamtgesellschaftlichen Nutzen weiterer Rationalisierung per EDV-Einsatz, selbst wenn sie betriebswirtschaftlich im Einzelfall angezeigt ist. Daß ein Mitarbeiter entlassen wird, weil der Einsatz einer Maschine dem Unternehmen jährlich einige tausend Mark spart, kann ja wohl dann nicht sinnvoll sein, wenn der Entlassene als Arbeitsloser - abgesehen vom Einzelschicksal - dem Staat und damit der Allgemeinheit ein Vielfaches dieses ,,Rationalisierungsgewinnes" an Sozial-Unterstützung "kostet".

Begreiflicherweise haben Computer-Industrie und Computer-Anwender diese Fragen bislang tabuisiert. Indes, der Zitatenschatz der Sonntagsreden zur Automatisierungsdebatte der frühen sechziger Jahre tut es heute nicht mehr.

HBV-Vorschlag nicht praktikabel

Es ist legitimes Recht, ja Pflicht der Gewerkschaften, die Öffentlichkeit über mögliche Gefahren für ihre Mitglieder oder für den Arbeitsmarkt zu informieren. Am Ziel vorbeigeschossen aber erscheint die Forderung der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, vorgetragen durch HBV-Vorstandsmitglied Ullrich Pagelsdorff, die Computer-Industrie müsse öffentlich kontrolliert werden, weil arbeitssparende Daten- und Textverarbeitungssysteme in den nächsten Jahren "Hunderttausende von Arbeitsplätzen vernichten werden" (siehe Seite 1). Der Zweck heiligt keinesfalls die Mittel. Staatliche Kontrolle der Computer-Industrie mit dem Ziel, Rationalisierungsmaßnahmen zu verhindern, kann doch wohl nur heißen, daß den Herstellern der Vertrieb von Systemen oder gar von Software verboten werden sollte. Gewiß hätte der Staat die Möglichkeit, über den Einfluß per Vergabe von DV-Fördermitteln, Siemens und die deutschen MDT-Hersteller, die allesamt vom Bonner Fördergeld-Kuchen naschen, dazu zu zwingen, gewisse Entwicklungen einzustellen. Davon würde nur die ausländische Konkurrenz profitieren. Man könnte zwar den Import von Bürocomputern und Textverarbeitungssystemen zusätzlich verbieten, aber ein schwarzer Markt von Schmuggelware würde entstehen. Man stelle sich vor, wie IBM darauf reagieren würde. Wofür gibt es in Bonn wohl eine amerikanische Botschaft? Soll es einen neuen Hähnchen-Krieg geben?

Im übrigen muß sich eine so stark exportorientierte, hochindustrialisierte Volkswirtschaft wie die unsrige stets darum bemühen, daß mit größtmöglicher Effizienz rationell gearbeitet wird, um die Produktionskosten niedrig zu halten. Andernfalls droht die "englische Krankheit". Aber hier sind sie schon wieder, die zitierten Sonntagsreden-Zitate von damals, die heute so nicht mehr angebracht sind. Denn zu den Gesamtkosten für ein Produktionsniveau zählen eben auch die Kosten sozialer Sicherung der nicht produktiven Bürger.

Umdenken tut not

Unbestritten ist, daß die Gefahren weiterer Rationalisierung per EDV erkannt werden müssen, wobei noch keineswegs feststeht, daß es sich wirklich um eine Gefährdung von Hunderttausenden von Arbeitsplätzen handelt. Oder vielleicht sind es gar mehr? Selbst dann wäre staatliche Kontrolle der Computer-Industrie im Rahmen der bestehenden Wirtschaftsordnung kein praktikabler Weg, um die Probleme in den Griff zu bekommen.

Umdenken tut not. Bisher sind folgende Lösungen angeboten worden:

Staatliche Kontrolle der Computer-Anwender im vollen Bewußtsein, daß das nur bei weitgehender Umgestaltung der Wirtschaftsordnung erfolgreich sein könnte.

Zweite Alternative:

Eine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeiten bei Verzicht auf vollen Lohnausgleich, um das Angebot von Arbeitsplätzen der größeren Nachfrage anzupassen. Das wäre eine solidarische Umlage der sozialen Kosten der Rationalisierung auf die Allgemeinheit.