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17.03.1995

Das Forum InformatikerInnen fuer Frieden und gesellschaftliche Verantwortung Friedensbewegte Informatiker arbeiten jetzt an neuen Themen

Von Ina Hoenicke*

Mahnende Stimmen zur Entwicklung der Informatik sind hierzulande selten. Doch seit fast elf Jahren gibt es das Forum InformatikerInnen fuer Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (Fiff), ein Zusammenschluss kritischer Informatiker.

Das Beispiel hatten Informatiker aus den USA mit der Gruendung der Organisation "Computer Professionals for Social Responsibility" (CPSR) gegeben. Am 2. Juni 1984 trafen sich in Bonn mehr als 200 DV-Fachleute zur Gruendung einer aehnlichen deutschen Organisation. Der KI-Experte Joseph Weizenbaum von der US-amerikanischen Schwesterorganisation ermutigte die Teilnehmer, kuenftig in einem eigenen Forum vor allzu grosser Technikglaeubigkeit zu warnen.

Die Fiff-Gruendung war alles andere als selbstverstaendlich. Denn es ist nicht gerade ueblich, dass ein Berufsstand vor den Folgen seiner eigenen Taetigkeit warnt und dadurch eventuelle berufliche Nachteile in Kauf nimmt. Computerexpertin Helga Genrich, lange Jahre im Vorstand von Fiff taetig, beschreibt die damaligen Ziele: "Wir wollten uns intensiv mit den Wechselwirkungen zwischen Informatik, Gesellschaft und Umwelt auseinandersetzen. Dazu gehoerte auch die Diskussion ueber die anhaltende militaerische Beeinflussung unserer Arbeit sowie die grundsaetzliche Verflechtung zwischen diesen beiden Bereichen."

Mit entscheidend fuer die Gruendung des Fiff waren angesichts der Nachruestungsdebatte die Aengste vieler DV-Experten vor einem "Krieg aus Versehen". So hatten sich, angestossen durch die Arbeit der Naturwissenschaftlerinitiative "Verantwortung fuer den Frieden" bereits vor der Fiff-Gruendung an zahlreichen Orten betriebliche Friedensinitiativen von Informatikern gebildet. Hoehepunkt der damaligen Kampagnen: Den von Mitgliedern des Arbeitskreises "Informatik und Gesellschaft" der Gesellschaft fuer Informatik (GI) verfassten Aufruf "Informatiker warnen vor dem programmierten Atomkrieg" unterstuetzten rund 3500 DV-Profis.

Doch die Arbeit innerhalb der GI, die sich als Berufsverband politischer Ausgewogenheit verschrieben hatte, stiess rasch an ihre Grenzen. Mit ein Grund fuer engagiertere Informatiker, ihre Arbeit fuer eine friedliche Informatik ausserhalb der GI als bundesweite Initiative fortzusetzen.

Komplexe DV-Systeme bieten keine Sicherheit

Bereits auf ihrer ersten Jahrestagung, die sich mit dem von den USA geplanten Weltraum-Verteidigungssystem (SDI) beschaeftigte, richteten die Fiff-Mitglieder einen Appell an Bonn: "Wir fordern die Bundesregierung auf, sich nicht an SDI zu beteiligen." In einem Brief an Bundeskanzler Helmut Kohl begruendeten die Wissenschaftler ihre Forderung: Die Programme fuer dieses Computersystem bestuenden aus ueber zehn Millionen Zeilen, die mehrere tausend Programmierer in langjaehriger Arbeit erstellen muessten. Selbst bei dem groessten bisher entwickelten militaerischen Einzelsystem seien entscheidende Probleme der Sicherheit und Zuverlaessigkeit bisher nicht zu loesen gewesen. Dieses Einzelsystem entspreche jedoch nur einem Zehntel des Umfangs der geplanten SDI- Projekte. Die High-Tech-Spezialisten in ihrem Schreiben: "Einen sicheren Schutzschild kann es deshalb nicht geben."

Um die Oeffentlichkeit vor den Gefahren der Informatik in Militaersystemen zu warnen, gingen die sonst eher introvertierten Computerfachleute in einigen Staedten sogar auf die Strasse. So liessen Mitglieder der Fiff-Gruppen in Hamburg, Frankfurt und Muenchen Ruestungselektronik-Tagungen platzen, indem sie vor den Hotels demonstrierten.

Das Ergebnis: Viele Hotels sagten zu, kuenftig keine Veranstalter von Ruestungsseminaren mehr zu beherbergen. Auch waehrend der DV- Messen CeBIT und Systems, wo sonst die Technikeuphorie den Ton angibt, waren die Fiffler aktiv. Vor dem Messeeingang wurden die Besucher - von den eigenen Kollegen - auf die Risiken der Informations- und Kommunikationstechnologie hingewiesen.

Waehrend in den ersten Jahren militaerische Themen Prioritaet besassen, gerieten diese nach und nach in den Hintergrund. So lehnte das Fiff im Jahre 1986 in einer oeffentlichen Stellungnahme die fuer das folgende Jahr geplante Volkszaehlung aus Datenschutzgruenden ab. Wenig spaeter warnten die Fiff-Mitglieder vor den gesellschaftlichen Folgen von ISDN.

Um die Oeffentlichkeit auf die Probleme in diesem Bereich besser aufklaeren zu koennen, wurde 1987 ein bundesweiter ISDN-Arbeitskreis ins Leben gerufen. Dabei war den High-Tech-Experten durchaus klar, in welchem Dilemma sie stecken. Den Zwiespalt fasste ein Bremer Informatiker so zusammen: "Tagsueber im Beruf Telekommunikationsexperte, abends im Arbeitskreis Alternativen zu ISDN."

Im Dezember 1988 verabschiedete der Fiff-Vorstand eine Stellungnahme, die von Bonn einen offenen Dialog ueber die Ziele der Informations- und Kommunikationstechnik sowie die Erforschung moeglicher Folgen forderte. Waehrend der gewuenschte Dialog auf sich warten liess, erfuhren die Computerexperten Anfang 1989 dank einer "Monitor"-Sendung, dass sie von der Abteilung Psychologische Kriegsfuehrung

(PSV) im Streitkraefteamt der Bundeswehr wegen "Bestrebungen gegen die militaerische Sicherung des Friedens" observiert wurden.

Kritiker der Militaers wurden bespitzelt

Die Bespitzelung war "logisch", war doch die Idee von Militaerexperten, Computerviren als Kampfmittel einzusetzen, auf Kritik gestossen. Der Fiff-Vorstand lieferte dazu das Argument: Computersysteme seien auch ohne Viren unsicher genug.

Im Laufe der Jahre wurden Fiff-Argumente zunehmend salonfaehig, immer haeufiger wurden sie auch von Politikern und Medien aufgegriffen. So erhielt das Forum erst kuerzlich vom Buero fuer Technikfolgen-Abschaetzung beim Deutschen Bundestag (TAB) den Auftrag, Kriterien fuer die Bewertung der militaerischen Nutzbarkeit von Informatik zu entwickeln. Die Untersuchung soll zu einem Raster von Bewertungskriterien fuehren und als Ausgangspunkt fuer kuenftige Politikberatung und Methodenforschung dienen.

Gesellschaftliche Verantwortung betont

Bei den Fiff-Mitgliedern besteht indes bereits seit laengerem keine Einigkeit mehr darueber, wie wichtig ihnen heute noch die Auseinandersetzung mit der Verflechtung von Informatik und Militaer ist. So besitzt fuer den KI-Experten Reinhard Keil-Slawik aus Paderborn, derzeitiger Fiff-Vorsitzender, der gesamte Bereich der Militaerinformatik noch eine enorme Brisanz.

Dagegen ist fuer Christiane Floyd, Professorin fuer Softwaretechnik an der Universitaet Hamburg, der eigentliche Auftrag des Fiff in den Hintergrund getreten: "Urspruenglich schien vielen Mitgliedern das "und gesellschaftliche Verantwortung" als blosses Anhaengsel zum Namen. Inzwischen hat jedoch im Fiff ein tiefgreifender Wandel stattgefunden - ueber den Widerstand hinaus zum Einsatz fuer eine an menschlichen Belangen orientierte Informatik." Dies gelte vor allem auch fuer den Einsatz von Informationstechnik im Arbeitsleben.

Tatsaechlich geht es heute in den Regionalgruppen des Fiff hauptsaechlich um die Frage, welchen Beitrag Techniknutzung zur Beseitigung der Probleme des 21. Jahrhunderts leisten kann. Deshalb stehen auch bei der Bildungsarbeit Themen wie Datenschutz, Arbeitsrecht oder Computer-Recycling ganz vorn.

Auf dem Information-Highway moechte das Forum ebenfalls kritischer Reisebegleiter sein. So fand in der evangelischen Akademie Tutzing im Juni 1993 unter Mitwirkung des Fiff die Tagung "Multimedial vernetzt - Verantwortlichkeiten in der Informationsgesellschaft der Zukunft" statt.

Nach zehn Jahren mehr als ein pazifistischer Verein

Im vergangenen Jahr mischten sich die Fiff-Aktiven bei der politischen Diskussion um das von manchen Politikern gewuenschte Verbot von Mailboxen ein. Hintergrund war die zunehmende Infiltration der Mailboxen mit rechter Propaganda. Das Fiff begruesste es in einer Presseerklaerung, dass die Bundesregierung die Gefahr erkannt habe, die der Rechtsextremismus fuer die Demokratie bedeute. Gleichzeitig fragte es aber, warum fuer diesen Zweck die Grundrechte eingeschraenkt werden sollten.

Schliesslich waeren davon nicht nur rechtsextreme Mailbox-Benutzer betroffen, sondern vor allem die an internationale Datennetze angeschlossenen Unternehmen, Universitaeten und Forschungseinrichtungen. Die Informatiker verlangen, dass jede weitere Vernetzung von Nazigruppen zu verfolgen und oeffentlich zu machen ist.

Auf dem zehnten Fiff-Jahrestag, der im Oktober letzten Jahres in Bremen gefeiert wurde, war der Trend in Richtung erweitertes Themenspektrum deutlich erkennbar. Neben dem pazifistischen Ansatz aus Gruendungszeiten reicht heute die Palette der Arbeitsthemen von "Computer am Arbeitsplatz", "Medizinische Informatik" ueber "Internationale Vernetzung" und "Frauen und Computer" bis hin zu "Informatik und Oekologie".

Bleibt nur die Frage offen, wie denn die Fiffler all diese neuen Themen ausreichend abdecken koennen. Auch wenn das Forum mittlerweile auf fast 1000 Mitglieder angewachsen ist, sind nur wenige von ihnen wirklich engagiert dabei. So fragte Michael Kempf von der Regionalgruppe Muenchen in der Mitgliederzeitschrift "Fiff- Kommunikation":

"Wo bleibt der Nachwuchs, begeisterungsfaehige junge Menschen, die noch an die Zukunft glauben?"

Aber auch die "etablierten Fiff-Aktivisten", die inzwischen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen eine unangefochtene Position erreicht haben, muessen sich von ihm fragen lassen, warum sie so selten in der Oeffentlichkeit zu hoeren sind. Kempf: "In Talkshows finden immer haeufiger Diskussionen ueber den Information- Highway statt - allerdings ohne jedwede kritische Gegenstimme. Wo sind denn unsere Repraesentanten, die unter der Flagge des Fiff expressis verbis eine zum Nachdenken anregende Gegenposition in die Medien einbringen?"