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05.05.1978

Das ganze Anwendungs-Know-how kann kein Hersteller bieten

Mit Peter Dietz, Dietz Computersysteme (Mülheim), sprachen Dieter Eckbauer und Elmar Elmauer

- Herr Dietz, es sieht so aus, als ob der Anwender bei der Realisierung von großen integrierten Projekten die Betreuung aus einer Hand, von einem Hersteller haben möchte. Dies aber können heute nur die großen Mainframer. Das würde, so meinen wir, doch dazu führen, daß einige Hersteller vom Markt verschwinden. War Krantz ein Beispiel für diesen Trend?

Ich rede nicht gerne über das Unglück anderer. Der Fall Krantz, den ich persönlich sehr bedauere, liegt anders. Daß nun die großen Unternehmen in der Datenverarbeitung jetzt auch via Minicomputer die dezentrale Datenverarbeitung erschließen, ist

ja ganz klar. Ich wundere mich, daß die das jetzt erst tun. Was die faktische Lage angeht, so muß man da differenzieren. Ich will keine Namen nennen, aber wenn Sie sich die Produkte mal ansehen, dann besteht die Kompatibilität wirklich nur auf dem Typenschild. Das heißt, diese Dinge, die aus teilweise unterschiedlichen Produktfamilien kommen, müssen auch erst integriert werden. Das werden die Hersteller sicher schaffen aber ich glaube nicht, daß sich der Anwender, nachdem er sich gerade emanzipiert hat, einer einheitlichen Doktrin unterordnen wird.

- Meinen Sie eigentlich im Sinne aus einer Hand?

Richtig.

- Und Alternativen werden ja nach wie vor geboten...

Ich meine, der Anwender sollte sich eines Tages einmal zwischen großen Gesamtlösungen entscheiden, die ideologisch homogen aus einer Hand kommen - und einer breiteren Angebotspalette, die unterschiedliche Produkte verschiedener Hersteller innerhalb eines Gesamt-Konzeptes zuläßt. Zumal sich speziell die Philosophien, wie man Netzwerke aufbaut und Schnittstellen definiert, nun doch wieder einem einheitlichen Level nähern, auf dem der Anwender auch mal problemlos das Fabrikat wechseln kann. Da kommt ja noch eine Komponente dazu: Ich glaube nicht, daß es den großen Unternehmen gelingen wird - und daß es überhaupt ihr Interesse sein kann -, nun auf der Ebene der dezentralen Datenverarbeitung auch noch alle Problemlösungen anzubieten. Das gesamte anwendungsorientierte Know-how anzubieten, das der Anwender wirklich braucht, das können auch große Hersteller nicht. Das ist völlig ausgeschlossen. Die wirklichen Rationalisierungs-Fortschritte der Zukunft liegen ja da, wo die dezentralen Systeme mehr tun, wo sie in Fertigungen eingreifen, sie organisieren, wo sie Computer Aided Design machen oder auch speziell kommerziell orientierte Applikationen mit Anwendungs-Know-how haben. Genau das ist aber mit einem einheitlichen Typenschild nicht getan. Da muß eben spezielles Know-how, da müssen spezielle Zusatzdaten rein. Und das können die großen Unternehmen unmöglich akquirieren Ich glaube sogar, die Universalrechner-Hersteller müssen zwar auch Peripherie anbieten, um Marktanteile zu gewinnen und um überhaupt funktionsfähige Verbundsysteme etablieren zu können. Ich bin aber umgekehrt der Meinung, daß die Mainframer darauf angewiesen sind, daß in diesen Verbund auch fremde Hersteller mit eigenem Know-how nahtlos hineinpassen: Sonst bricht das große Verbundsystem zusammen.

- Es kann doch auch betriebswirtschaftlich nicht im Interesse der Unternehmen liegen, alle diese Produkte selbst herzustellen? Tut sich hier eine Chance für den OEM-Markt auf, diese Lücken zu schließen?

Ja. Nur stellt sich hier die Frage: Ist es überhaupt vernünftig - was in Amerika teilweise läuft -, daß auch große Unternehmen echt von Dritten Produkte kaufen und sie integrieren? Das trifft bei uns auch auf gewisse Widerstände, weil hier offensichtlich die Meinung der betreffenden Firmen vorherrscht, daß eben möglichst alles aus ihrem Hause kommen muß.

- Also Socken, Unterhosen, Hemd und Anzug von einem Schneider?

Ich meine, der Erstanwender muß vom Know-how her in die Lage versetzt werden, sich im Rahmen eines größeren Rechnerverbundes - ob dies nun ein enger oder ein sehr großer Verbund ist - für ein bestimmtes Fabrikat, einen bestimmten Hersteller und einen bestimmten Teil dieses Netzes entscheiden zu können. Das ist im wesentlichen ein Problem der Vereinheitlichung der Philosophien von größeren Verbundsystemen.

- Darf ich da einhaken: Sie sprechen vom mündigen Anwender. Ich meine aber, gegenüber den Online-Lösungen, die zu realisieren sind, befindet sich der Anwender wieder beim Stand Null. Er ist in bezug auf die Lösungen, die jetzt zu realisieren sind, Laie,

wie er es vor zehn oder fünfzehn Jahren war. Hier ist ein besonderer Support notwendig - und die Großen argumentieren, nur wir können ihn geben.

Sicher können sie mehr geben als die kleinen Unternehmer. Auf der anderen Seite ist es so, daß der Anwender, der heute das Bedürfnis nach einem so großen spinnenartigen Gebilde eines Verbundsystems hat, kein Anfänger ist. Und wenn es die Größe des Komplexes rechtfertigt, besorgt er sich das Know-how von dritter Seite. Überdies wird sich in den nächsten zwei, drei Jahren auch bezüglich tatsächlich hardverbundener Netze, also bei onlineverbundenen Computern mit hoher Komplexität, ein Standard herausbilden. Typisch die X.25 Schnittstelle. Diese Vereinheitlichung kommt - und ich bin froh, daß sie kommt. Und wer auf dem europäischen Markt bestehen will, muß sich diesen Standards unterwerfen. Zugleich führt diese Vereinheitlichung zu einer größeren,

Unabhängigkeit des Benutzers.

- Glauben Sie daran, daß dies in zwei drei Jahren realisiert ist?

Ich glaube, daß wir in zwei bis drei Jahren die ersten Installationen außerhalb des Hochschulbereiches haben werden.

- Ich möchte jetzt Sie selbst zitieren. Sie haben vor einem Jahr zu uns gesagt: "Die Grenzen zwischen kommerzieller Datenverarbeitung und dem, was da so in der Fabrik passiert, verschwimmen." Und wenn heute ein Distributed Processing Konzept erarbeitet wird, dann müssen sich eben der RZ-Mensch und der Ingenieur an einen Tisch setzen: Das unterstützt aber den Trend "Alles aus einer Hand".

Worauf müssen die Leute sich einigen? Sie müssen sich darauf einigen, daß sie bestimmte Konventionen einhalten, Schnittstellen-Konventionen beispielsweise oder gemeinsame Konzepte der Datenhaltung in der Struktur von Datenbanken. Ob sie klein oder groß sind. Im übrigen bin ich der Auffassung: Lieber ein bißchen mehr Arbeit, vielleicht auch in der Systemtechnik, als nachher keine Anwendersoftware haben. Es gibt eben überhaupt kein Unternehmen, von den Großen einmal abgesehen, das auch nur annäherend in der Lage ist, das ganze Spektrum zu bieten. Also muß der Anwender auch künftig zu einem anderen Hersteller gehen. Das ist in Zukunft auch nicht mehr so schwierig, wenn man durch Standards Gemeinsamkeiten schafft. Wir müssen natürlich alle dafür sorgen, daß die Großen bei diesen Standards auch mitmachen.

- Nach Ihrer Meinung böte also ein Schnittstellenstandard auch für viele kleine Unternehmen eine Voraussetzung, weiter im Geschäft zu bleiben? Sie würden also X.25 von unterstützen wollen?

Natürlich, uneingeschränkt, zumal die Unterschiede der Philosophie zum SNA-Konzept des Marktführers zu groß sind.

- Aber glauben Sie, daß diese Geschichte bei internationalen Gremien in den richtigen Händen ist? Daß mehr als debattiert wird?

Ich bin ein Feind von Kommissionen, weil nie etwas Gescheites dabei herauskommt. Aber in dem Fall war wirklich phantastisch, wie schnell X.25 bis Level drei diskutiert und verabschiedet worden ist. Ich finde es phantastisch; daß das alles innerhalb von eineinhalb Jahren von der CCITT durchgeboxt worden ist. Natürlich hat das auch politischen Hintergrund: Dahinter stand einfach der Wunsch, sich nicht von einem Großunternehmen abhängig zu machen.

- Dennoch glauben wir gerade im EDV-Bereich nicht an das Entstehen einer wirklichen Norm, der sich tatsächlich alle vorbehaltslos anschließen. Offene Systeme, die den Anwender wirklich hardwareunabhängig und damit herstellerunabhängig machen, bleiben Utopie.

Ach, wissen Sie: Natürlich tut jeder Hersteller nur das, was in seinem unmittelbaren Interesse liegt, das ist klar. Aber es gibt einfach die Frage sieht er dieses Interesse kurzfristig oder langfristig? Ich glaube, hier hat die öffentliche Hand,

hat der öffentliche Käufer in Europa einen gewissen Einfluß. Und wenn einfach in ein paar Jahren die öffentliche Hand nur noch solche Systeme abnehmen soll, die im Verbund liegen, dann schafft sie damit eine normative Kraft.

- Ist die X.25-Schnittstelle technologisch eine progressive Lösung oder ist das ein Produkt, das unter der normativen Kraft des Faktischen ein akzeptabler Kompromiß wurde?

Man kann natürlich immer darüber diskutieren, ob es nicht noch bessere Lösungen gibt und vor allem, ob die Lösungen, die wir heute konzipieren, noch das Vernünftige sind, wenn wir sie dann mit der Technologie von morgen implementieren. Ich glaube schon, daß es ein sehr modernes Konzept ist. Ich glaube, das ist ganz eine vernünftige Lösung. Man wird damit noch lange Zeit leben können, bis mal wieder was Neues kommt.

- Generell ist hier die manchmal als Technologie-Bremse verrufene Norm also sogar Technologie-Förderung?

Ich würde sagen: Sie ist zumindestens nicht technologiehemmend. Aber Sie haben völlig recht, deshalb bin auch ich immer gegen zu frühe Normung. Aber ich glaube, sie ist auf jeden Fall nicht fortschrittshemmend, sie ist aber extrem wettbewerbsfördernd - und deshalb bin ich dafür.

- Nun sprachen Sie vorhin das Thema Kompatibilität an. Es ist schwer vorstellbar, wie die sich weiterentwickelnde Hardware Dinge, die einmal festgeschrieben sind, adaptieren will. Irgendwann wird man zwangsläufig an der Norm vorbei entwickeln müssen, um

zu besseren Lösungen zu kommen.

Nun, gerade bei den Datenfernübertragungsdingen ist es ja so, daß das physische Netz eine bestimmende Komponente darstellt. Irgend jemand hat nun erzählt, daß für zwanzig oder vierzig Milliarden Mark Leitungen in unserer deutschen Erde stecken. Damit ist das ähnlich wie mit dem Eisenbahnnetz: Das können Sie auch nicht von heute auf morgen ändern. Es geht nur darum, vernünftigen Gebrauch davon zu machen. Ob sich jetzt die Technologie in den Computern selbst so oder so entwickelt, ist weniger relevant: Die Computer werden dann einfach etwas anders aussehen, aber sie werden das gleiche tun. Ich glaube, es geht hier fast um Philosophiefragen. Vergleichen Sie doch mal frühere Konzepte mit denen wir ja heute noch durchaus arbeiten, mit HDLC oder X.25, da sehen Sie den wirklichen Fortschritt.