Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

23.11.1979

Das Glessensche Gesetz über Die Grenzen der Textverarbeitung

ätten Sie geglaubt. daß man so falsch liegen kann? Da wird seit zehn Jahren der Siegeszug der elektronischen Textverarbeitung vorausgesagt, da wurde für die Jahreswende 1979/80 das Staatsbegräbnis der konventionellen Schreibarbeit verkündet, da erwarten die Arbeitsämter einen Beitrag zu ihrer Existenzberechtigung durch eine Armee stellungsloser Kontoristinnen . . .

Doch was passiert? Alles läuft wie gehabt: Das computergestützte "wordprocessing" dringt, wenn überhaupt, nur beim Fußvolk des allgemeinen Verwaltungsgewimmels langsam vor - genau wie die COM-Anwendungen übrigens. Sekretärinnen hingegen sind gesucht wie nie zuvor: jeder männliche Bürokrat, der etwas auf sich hält, beschäftigt eine solche. (Anmerkung zum Begriff: Jedwede Schreibkraft. ist für ihren direkten Vorgesetzten "Sekretärin ", ungeachtet der praxisfernen Terminologie interner a Personal-Einstufungspläne.)

Der aufmerksame Beobachter weiß natürlich oder ahnt zumindest, warum dies alles so ist. Gleichwohl sollte man darob die bahnbrechenden Analysen des nobelpreisverdächtigen EDV-Ideologen Professor Günther Glessen nicht verschweigen, der kürzlich die derzeitigen Grenzen der Textverarbeitung erstmals im Zusammenhang mit dem Sekretärinnen-Syndrom beleuchtete. Das sogenannte "Glessensche Grundgesetz " lautet:

1. Der Kommunikationszwang zwischen Mensch und Maschine nimmt auf höheren Hierarchiestufen immer mehr ab.

2. Wird die direkte Personalverfügbarkeit als Statussymbol gesetzt und erkannt, so verdrängt sie auf allen Ebenen die systembezogenen Arbeitsreize.

Glessens Theorie besagt nicht mehr und nicht weniger, als daß die persönlich verfügbare Sekretärin (beziehungsweise Phonotypistin, Stenotypistin) zu den untilgbaren Geltungssignalen der Arrivierten gehört und daß eine solche Errungenschaft notwendigerweise auch von allen karrierebewußten Aufsteigern angestrebt wird - ähnlich wie ein Dienstwagen, ein reservierter Parkplatz oder die gehobene Botanik auf der Fensterbank. Umgekehrt besagt die Erkenntnis: Wer büromäßig unbeweibt auf Textautomation angewiesen ist, steht außerhalb, das heißt unterhalb, des Middle- und Top-Managements.

Man braucht kein Psychologe zu sein, um zu sehen, wohin dieser Trend führt: hin zur "eigenen" Sekretärin und weg von der gleichmacherischen Ödnis der Systemnutzung Die Textverarbeitung findet dort ihre Grenze, wo die Hautnähe - Glessen spricht hier von der "dermatischen Proximität" - zur weiblichen Dienstbeflissenheit anfängt.

Sosehr man im Zeitalter der modernen Text-Fernübertragung die Beibehaltung von Sekretärinnen-Arbeitsplätzen begrüßen mag, so sehr muß man sich davor hüten, die nachteiligen Folgen des Rückzugs auf eine ausschließliche Statusposition zu unterschätzen, zumal hier fundamentale Belange der Emanzipation berührt sind. Denn wird eine Vorzimmer-Frau primär zum schreibmaschinellen Luxus und/oder Kaffeekochen gehalten und somit in ein überholtes Schema gepreßt, so besteht die Gefahr eines allgemeinen Wertverlustes der weiblichen Berufsleistung. Im Extremfall ergibt sich, was Glessen den "Habeas-Corpus-Anspruch des Mannes" nennt: Die Durchsetzung eines nur oberflächlich sublimierten Ritus, in dem die Frau Unterwerfung und Botmäßigkeit gegenüber dem - grundsätzlich vorgesetzten - Büro-Mann zu beweisen hat. Sie degeneriert, in Ermangelung sinnvoller Funktionen, zur humanreaktiven Software für die höheren Etagen. Übrig bleibt eine dekorative Konhktperson, die den vornehmen Abstand der Elite zur technischen Gerätschaft symbolisiert.

Es ist das Verdienst des Professors, bei seinen Untersuchungen über die Zukunft der Büroautomation auf diesen kulturtypischen Aspekt hingewiesen zu haben - und so muß an der Schwelle der 80er Jahre die evidente Gültigkeit des Glessenschen Gesetzes jeden Befürworter eines vermehrten Textverarbeitungs-Einsatzes mit tiefer Sorge erfüllen.

*Heinzgünther Klaus ist Pressereferent bei der Honeywell Bull AG. Köln.