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08.08.2007

Das größte Schweizer Linux-Projekt

Katrin Bendel 
Die Kantonsverwaltung Solothurn stellt 2000 Desktops von Windows auf Linux um.
Alle Desktops werden über den Secure Global Desktop an die zentralen Univention-Server angeschlossen, um auch Server-basierende Anwendungen verwenden zu können.
Alle Desktops werden über den Secure Global Desktop an die zentralen Univention-Server angeschlossen, um auch Server-basierende Anwendungen verwenden zu können.

Das größte Linux-Desktop-Projekt der Schweiz läuft derzeit im Kanton Solothurn: Die 2000 Arbeitsplätze der Verwaltungsmitarbeiter werden von Microsoft Windows auf Linux umgestellt. Die Kantonsverwaltung hat sich zum Ziel gesetzt, bis Ende 2008 nahezu flächendeckend einen Linux-Desktop einzusetzen.

IT-Management für Linux-Desktops

Wer Linux-Desktops einführen will, sollte auf ein durchdachtes Management der PCs achten. Eine gute Lösung erfüllt die folgenden Anforderungen:

Richtlinienbasierende Softwareverteilung, Software-Aktualisierung und Rollout;

Softwareinventarisierung;

zentrale Zuweisung von Desktop-Profilen (Desktop-Symbole, Programme im Start-Menü etc.);

Verwaltung von Client-Peripherie und Zugriffsberechtigungen;

Integration in das Drucker-Management;

Integration in das Identity- und Infrastruktur-Management der Organisation;

Helpdesk-Unterstützung;

Ressourcenzugriff (beispielsweise Drucker oder Shares).

Auf Linux-Desktops lassen sich viele Windows-Anwendungen integrieren. Dafür sorgen "Wine" beziehungsweise "Crossover Office" (eine Laufzeitumgebung für Windows-basierende Anwendungen), "rdesktop" und Virtualisierungslösungen wie "Virtualbox", "VMware", "Win4Lin" und "Xen".

Hier lesen Sie

was die Kantonsverwaltung Solothurn zum Wechsel von Windows auf Linux veranlasst hat;

wie die neue IT-Architektur aufgebaut ist;

welche Erfahrungen im Projekt bisher gemacht wurden.

Primäres Ziel dieses Migrationsprojekts ist es, die derzeit noch verwendete Desktop-Umgebung mit Windows NT 4.0 und Microsoft Office 97 auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Die Wahl ist dabei nicht auf neuere Microsoft-Software, sondern auf Linux und die Bürosoftware OpenOffice gefallen. "Erstens wollten wir unsere Unabhängigkeit von den Lieferanten erhöhen, und zweitens war die Kostenoptimierung ein wichtiger Grund", begründet Kurt Bader, Leiter des für die Migration verantwortlichen Amts für Informatik und Organisation (AIO) im Kanton Solothurn, die Entscheidung.

Der Kanton Solothurn setzt schon seit einigen Jahren viele Server unter Linux ein. Ferner hat die Verwaltung Erfahrungen mit Open-Source-Software gesammelt, beispielsweise mit einem E-Mail- und Groupware-System. Zudem führt sie Fachanwendungen seit Jahren nur dann ein, wenn sie Betriebssystem-neutral sind. Die größten Kostenvorteile will die Administration jedoch mit der Desktop-Umstellung erreichen. Die Kantonsverwaltung rechnet mit jährlichen Einsparungen von rund 300 000 Schweizer Franken durch Linux-Desktops gegenüber den erforderlichen Investitionen für eine Modernisierung der PC-Umgebung mit vergleichbarer Software von Microsoft.

Dem Murren der Mitarbeiter frühzeitig vorgebeugt

Grundsätzliche Akzeptanzprobleme bei den Mitarbeitern der Kantonsverwaltung befürchteten die Verantwortlichen dabei nicht und sie sollten Recht behalten. Dennoch waren sich die Verantwortlichen, so AIO-Chef Bader, sehr wohl der Tatsache bewusst, dass ein Abweichen vom heutigen Mainstream Murren hervorrufen könnte, wenn die Umstellung nicht gut vorbereitet und von angemessener Einbeziehung der Anwender begleitet würde. "Zu Hause arbeiten eben die meisten mit Windows", weiß Bader. "Und nun sehen sie sich damit konfrontiert, mit einer neuen Umgebung zurechtkommen zu müssen." Deshalb setzte die Kantonsverwaltung von Anfang an auf eine gute Projektkommunikation und auf eine schrittweise Verbesserung, bei der die Wünsche der Anwender Berücksichtigung finden. Alle Benutzer können an einer Schulung teilnehmen.

In acht Monaten zum fertigen Desktop

Nach einem umfangreichen Ausschreibungs- und Vergabeverfahren begann das Projekt im August 2006. Fünf Monate später übergab das mit der Umsetzung beauftragte Projektteam unter der Leitung des Schweizer Linux-Spezialisten Sygroup eine Pilotumgebung. Sie basiert Server-seitig auf dem "Univention Corporate Server" (UCS) und dem "Univention Corporate Desktop" (UCD) vom gleichnamigen Bremer Open-Source-Dienstleister. Auf den Desktops laufen die Linux-Variante Debian, die Benutzeroberfläche KDE, das Büropaket OpenOffice und weitere Open-Source-Anwendungen neben Wine und rdesktop für verbleibende Windows-Anwendungen. Zwischen Servern und Desktop erfolgt die Verbindung über den "Sun Secure Global Desktop" (ehemals Tarantella). Hierfür trug das Tübinger Softwarehaus science + computing als dritter Projektbeteiligter Kenntnisse bei.

Diese Pilotumgebung haben Mitarbeiter des AIO drei Monate lang getestet und an die bisherige Desktop-Umgebung angepasst. Von der Lösung ist Projektleiter Thomas Burki vom AIO überzeugt: "Der UCD lässt sich gut an die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer Benutzer anpassen und zentral über Richtlinien verwalten, so dass sich die Umstellung in vielen Fällen einfacher darstellte, als wir zunächst angenommen hatten."

"Wir wollen Lösungen statt Projektimplementierungen"

Seit April 2007 arbeiten etwa 300 Mitarbeiter mit dem Linux-Desktop, bis 2008 sollen alle 2000 Arbeitsplätze umgestellt sein. Vorerst können die Verwaltungsangestellten beide Desktop-Umgebungen parallel benutzen bis die zweite Phase des Projekts erreicht ist: Dann laufen nur noch einzelne Fachanwendungen unter Windows. In einer dritten Phase werden auch diese nach und nach durch Linux-fähige Anwendungen abgelöst. Wie schnell die nächsten Phasen eingeleitet werden, sei von Dienststelle zu Dienststelle unterschiedlich, erklärt Bader. "Bis jetzt funktioniert alles sehr gut."

Dabei standen die Spezialisten von Sygroup, Univention und science + computing anfangs vor keiner leichten Aufgabe. "Lösungen statt Projektimplementierungen" lautete die Forderung. Sie machten sich zunutze, dass die Betriebsumgebung Univention Corporate Server (UCS) elementare Bedingungen für das Solothurner Projekt bereits im Standardpaket erfüllt. So erlaubt UCS die zentrale Administration von Benutzern, Gruppen und Servern, eine einfache automatische Installation von zusätzlichen Servern, die Pflege der Desktop-Applikationen samt Softwareverteilung und die Konfiguration von Eigenschaften der Benutzer-Desktops über eine zentrale Instanz. Dazu kommt die Anbindung zahlreicher externer Dienste und Server an die Authentifikation. Weil UCS Druckservices "out of the box" mitbringt, setzt die Kantonsverwaltung diese ebenfalls ein.

"Notwendige Anpassungen waren kein Problem"

Der gewählte Ansatz erforderte nur geringe Änderungen, um den Anforderungen des Migrationsprojektes gerecht zu werden. "Dabei handelte es sich hauptsächlich um technische Anpassungen wie etwa bei der Anbindung von Benutzerprofilen. Die dazu notwendigen Erweiterungen waren aber kein Problem", bestätigt AIO-Chef Bader. Zu den Neuerungen gehören die Synchronisation von Benutzern und Passwörtern zwischen UCS und Windows NT, was einen problemlosen Parallelbetrieb gewährleistet, ferner die Berechtigungsadministration für Druckerzugriffe, Aktualisierungen der Desktop-Software und das Single-Sign-on von Linux-Desktops.

In der Schweizer Lösung übernehmen zwei UCS-Server die Administrations- und Anmeldedienste für zahlreiche Applikationen und stellen den Abgleich mit Windows NT sicher. Weitere UCS-Server bilden Druckdienste für die Linux-Desktops ab, und eine Terminal-Server-Farm bietet den Linux-Desktop an. Tarantella-Server stellen einen zentralen Login bereit, so dass bei jedem Benutzer gesondert entschieden werden kann, ob er noch einen Windows- oder schon einen Linux-basierenden Desktop erhalten soll.

Das Besondere an der Solothurner Lösung besteht darin, dass die Administration von Benutzern, Gruppen, Passwörtern, Softwareverteilung und Desktop-Eigenschaften über ein zentrales Management-System, "Univention Admin", erfolgt. Die Administration gestattet flexibel wandelbare Arbeitsplätze: Zusätzliche Benutzerrechte für Fachanwendungen lassen sich einrichten. Jeder Benutzer erhält trotzdem nur eine Benutzerkennung für Tarantella, Linux, Windows und diverse Fachanwendungen sowie E-Mail.

"Wir erwarten noch Probleme mit komplexen Office-Makros"

Vor allem die Stabilität der Systemumgebung überzeugt Projektleiter Burki. "Ich will aber nicht verschweigen, dass wir auch mit Schwierigkeiten rechnen. Zwar können die meisten MS-Office-Dokumente direkt in OpenOffice weiterverwendet werden, doch erwarten wir bei der Konvertierung von komplexeren oder Makro-basierenden MS-Office-Dokumenten Probleme, die es zu lösen gilt." Das sei aber im Vergleich zu Komplikationen früherer Projekte, so Bader, "ein riesiger Fortschritt". (ls)