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29.11.1985 - 

Count diskutiert über das Dienste-integrierende digitale Netz und die Auswirkungen auf die Datenkommunikation:

Das ISDN auf dem Prüfstand der DFÜ-Anwender

STUTTGART - Welche Vor- und Nachteile erwarten sich die Kunden der Bundespost vom ISDN? In welchem Maße sollte ISDN in die aktuellen Netzplanungen einbezogen werden? Wie wirkt sich ISDN auf die Datenübertragungskosten aus? - So und ähnlich lauteten die Fagen, die auf dem diesjährigen 7. Count-Fachsymposium Mitte Oktober in Stuttgart gestellt wurden. Wie schon in den vergangenen Jahren bot Count, das Benutzerforum über Netzwerktechnologie und Kommunikation e.V., eine gelungene Mischung aus Referaten. Mit rund 170 Teilnehmern war die Veranstaltung ausverkauft.

"Der Erfolg des ISDN hängt im wesentlichen vom Nutzen der Anwender ab", so formulierte es Theodor Irmer, Direktor der CCITT, Genf, und ehemaliger Mitarbeiter der Bundespost, in seinem Eröffnungsreferat. Die vier Buchstaben ISDN stehen eigentlich für Integrated Services Digital Network, allerdings gibt es inzwischen einige freie Übersetzungen, zum Beispiel die daraus abgeleitete Frage "Ist so etwas denn nötig?"

Das ISDN-Rezept ist, so jedenfalls Irmer, einfach und einleuchtend zugleich: Man nehme das wohl populärste, flächendeckende Kommunikationsnetzwerk, das Telefonnetz mit derzeit rund 25 Millionen Teilnehmern in der Bundesrepublik, digitalisiere es bis hin zur Anschlußdose eines jeden Teilnehmers - und kann dann nicht nur Sprache, sondern auch Daten über das gleiche Netz übertragen. Anders ausgedrückt: ISDN bedeute Verzicht auf mehrere koexistierende, kostspielige öffentliche Übertragungsnetze inklusive der ebenso teuren Vermittlungseinrichtungen (Telefon, Telex, Datex-Dienste etc.) zugunsten eines gemeinsamen Netzwerkes für die unterschiedlichen Übertragungsdienste der Post.

Weniger unterschiedliche Schnittstellen

Der gewünschte Nebeneffekt für Post und Anwender liege in der Begrenzung der Anzahl unterschiedlicher Schnittstellen. Der verbleibende Rest soll so universell wie möglich sein und zu einer Liberalisierung des Endgeräte-Marktes mit erheblichen Preisvorteilen für den Anwender führen.

In puncto Tarifgestaltung wies der CCITT-Direktor auf Befragen darauf hin, daß seine Behörde lediglich Grundsätze erarbeiten und diese an die einzelnen Länder als Empfehlung weiterleiten kann. Die endgültige Festlegung der Preisstrukturen liege allein im Bereich der Postverwaltungen.

Karl-Heinz Rosenbrock, Referatsleiter ISDN im Bundespostministerium, erläuterte die geplante Entwicklung des ISDN, beginnend mit den aktuellen Teilnehmerzahlen der

einzelnen Postdienste (Fernsprechnetz 25 Millionen, Datex-L 22 000, Telex Netz 160 000, Datex-P 12 000, HfD Direktruf 95 000). Die Planung für die Digitalisierung der Fernsprechnetzes reicht bis zum Jahr 2020. Innerhalb dieses Zeitraumes soll sich das ISDN vom schmal- zum breitbandigen ISDN mit vielen integrierten Diensten wie etwa Videoübertragung entwickeln.

Bis 1988 insgesamt 8000 ISDN-Anschlüsse

Das wohl Entscheidendste an ISDN: Jede Planungsstufe baut auf das bereits installierte Netz auf. Die Gesamtkosten betragen gemäß der zur Zeit vorliegenden Kostenberechnungen rund 40 Milliarden Mark.

Darüber hinaus gab Rosenbrock einige interessante Planzahlen zum ISDN bekannt: Bis 1988 soll es acht Ortsvermittlungsstellen und acht Fernvermittlungsstellen für das ISDN mit insgesamt 8000 Teilnehmern geben. 1990 soll die Flächendeckung 70 Prozent betragen beziehungsweise sollen digitale Vermittlungseinrichtungen für eine Million Teilnehmer vorhanden sein. Auf den ersten Blick keine schlechte Zahl. Verglichen mit den heute schon existierenden 25 Millionen Telefonanschlüssen zeigt sich jedoch die Langwierigkeit eines solchen Projektes.

Auf die von den Teilnehmern oftmals gestellte Frage, "Wie wird die Preisgestaltung der Bundespost aussehen?", gab Rosenbrock zumindest folgende Faustregel bekannt: Die Grundgebühr für die Steckdose beträgt zirka zweimal die heutige Telefongrundgebühr und entsprechende Zuschläge für die Nicht-Telefondienste. Die eigentlichen Übertragungskosten sollen für Sprache und Daten identisch sein. Klingt logisch. Denn wie es ein anderer Referent, Wolfgang Peters von SEL, richtig ausdrückt: Keine Postverwaltung der Welt kann es sich auf lange Sicht leisten, Bits abhängig davon, ob es Sprach- und Datenbits sind, zu unterschiedlichen Preisen im gleichen Netz zu übertragen. Das letzte Wort dazu hat jedoch wie immer der Postverwaltungsrat.

Nach so positiven Aussagen zum ISDN wurden zum ersten Mal im Laufe der Veranstaltung kritische Betrachtungen angestellt. Dieter Steuer aus Hannover leitete seine zum Teil scharfe Kritik mit den Worten ein: "Als Unternehmensberater in Sachen Telekommunikation habe ich den Eindruck, daß die Post dem Anwender mit dem ISDN schöne Südsee-Reisen anpreist, jedoch eher Ostsee-Reisen verkauft." Die Euphorie bei der Einführung des ISDN verglich er mit den überzogenen Erwartungen bei Bildschirmtext. Seiner Meinung nach zeigt die Planung der Post bei näherer Betrachtung einige krasse Widersprüche. So wies er darauf hin, daß, nachdem die Umstellung auf ISDN erst im Jahr 2020 abgeschlossen sein wird, noch 35 Jahre zum Teil analoge Übertragungstechnik vor uns liegen. Von 1990 bis 1993 zum Beispiel würden eine Million Kundenanschlüsse digitalisiert. Bedeutet dies einen Netzkollaps, vergleichbar mit einigen unangenehmen Begleiterscheinungen bei der Einführung des Datex-P-Netzes? Wo doch damals nur einige tausend Teilnehmer übernommen wurden, und es sich um eine Technologie handelte, die in den USA schon erfolgreich im Einsatz war.

Steuer äußerte Zweifel daran, daß die Post den Wandel von der konventionellen Nachrichtentechnik zum computerisierten Netzwerk reibungslos vollziehen kann. Er deutete auch darauf hin, daß die 25. Änderungsverordnung beim HfD-Netz eine Planung der nutzungsabhängigen Tarifierung aufzeigt, die ebenfalls bis in das Jahr 1992 reicht. Welche Gebühren soll also der Postkunde, insbesondere der Datenübertragungskunde, bei der Planung künftiger Netze ansetzen? Steuer ging im einzelnen auf die verschiedenen Postdienste und die heutige Kostensituation sowie auf die mögliche Integration dieser Dienste in das ISDN-Konzept ein. Datex-L wird danach als einer der ersten Dienste integriert, Datex-P soll folgen. Eine Verdrängung des Datex-P-Netzes durch ISDN dürfte aufgrund der international guten Akzeptanz nur sehr langfristig möglich sein.

Post sieht keine Realisierungsprobleme

Im Anschluß an den Vortrag von Steuer äußerten sich die Postvertreter Rosenbrock (BPM) und Kahl (FTZ, Darmstadt) zu dieser Kritik: Rosenbrock stellte einige Passagen des Vortages von Steuer als Verdrehung des Sachverhalts dar. Zu den Zweifeln an der Realisierung der ISDN-Planung gab er den forschen Kommentar ab: "Das werden wir schon in den Griff bekommen. Die bereits durchgeführte Teildigitalisierung im Fernsprechbereich hat auch im Zeitplan gestimmt." Sein Kommentar auf verschiedene Tarifanfragen zu ISDN aus dem Kreis der Zuhörer: "Bei Tariffragen verhält sich der Postkunde und Anwender wie eine Diode: Alles, was positiv ist, wird genommen, alles, was negativ ist, wird gesperrt."

Ähnlich äußerte sich auch Kahl. Einer seiner Kommentare: "Wer von einem möglichen Netzkollaps spricht, hat den Sinn und Zweck des IDN/ISDN nicht verstanden. Es gibt schon heute 25 Millionen vermittelte Anwendertelefone. ISDN bedeutet lediglich eine Realisierung einer neuen Benutzerschnittstelle."

Gleichzeitig gab er jedoch zu, daß es aufgrund der Schaltzeitkriterien weiterhin dedizierte Netze wie das HfD-Netz geben wird und geben muß.

Hersteller präsentieren ISDN-fähige Produkte

Wie bei Count-Veranstaltungen guter alter Brauch, hatten einige Hersteller die Gelegenheit, ihre ISDN-fähigen Produkte, also Nebenstellenanlagen und Meßtechnik, vorzustellen. Vertreten waren die Firmen SEL, Siemens und Telenorma aus dem Bereich der Nebenstellenanlagen sowie Tekelec aus dem Bereich der ISDN-Meßtechnik.

Kommentierendes Fazit: Wer schon ISDN-fähige Technik vorstellen konnte, tat es mit Stolz, so zum Beispiel SEL und Siemens. Das System 12 der SEL, bei der Post bereits im Rahmen der ISDN-Pilotinstallation im Einsatz, gibt es auch als Ableger in Form einer privaten Nebenstellenanlage. Siemens glänzte selbstverständlich mit dem Hicom-Konzept. Im Rahmen dieser Herstellervorträge hatte es manchmal den Anschein, daß es keine private Nebenstellenanlagen ohne ISDN mehr geben darf. Warum eigentlich? Dem Benutzer dürfte es doch gleich sein, mit welcher Technologie seine Leitungen vermittelt werden. Muß eine solche Anlage, 1985 gekauft, überhaupt ISDN-fähig sein? Ein Blick auf die Planungstermine der Post gibt eine ziemlich deutliche Antwort.

Wer zu den Glücklichen gehört, die in den nächsten 35 Jahren irgendwann einen ISDN-Anschluß bekommen, sollte mit seiner privaten Nebenstellenanlage, dem LAN, dem K-Rechner oder wie das jeweilige, an die Kommunikationsinfrastruktur des Betriebes angepaßte Gerät auch immer heißen mag, an das ISDN anschließbar sein. Ein Gateway zum Beispiel tut dann ebenso gute Dienste wie eine auch intern voll kompatible Anlage. Nicht immer sind 64 KBit/s pro Kanal oder Endgerät ausreichend, oftmals ist die sternförmige Verdrahtung sogar unmöglich oder zu kostenaufwendig. Besonders deutlich machte diese gesunde Einstellung Horst Schaub von der Telenorma. Telenorma verwendet neben ISDN-fähigen Schnittstellen die preisgünstige UP0 und UK0 Interfaces im Internbereich, ist jedoch jederzeit in Richtung Postnetz ISDN-fähig. Diese Haltung kann im Prinzip jeder Hersteller, auch im LAN-Bereich, einnehmen, ohne dabei denkende Kunden verlieren zu müssen.

Mit besonderer Spannung wurde natürlich der Vortrag von IBM zum Thema ISDN erwartet. Wolf von Hüls, IBM Stuttgart, hob hervor, daß ISDN für das Fernsprechnetz optimiert wurde. Ob es den Anforderungen des Datenkommunikationsbedarfs gerecht wird, muß im Einzelfall untersucht werden. Er gab zu bedenken, daß die durchschnittliche Vermittlungszeit pro Vermittlungsstelle im ISDN bei rund 0,5 Sekunden liegen wird. Bei nur vier zwischengeschalteten Vermittlungsstellen also etwa zwei Sekunden. Die Frage, ob eine solche Zeitverzögerung tragbar ist, hängt wohl sehr stark von der jeweiligen Anwendung selbst ab. Ebenso kann natürlich der Besetztfall innerhalb des ISDN zu Problemen bei Dialogsystemen führen.

Natürlich suche man, so von Hüls, nach Lösungen, wie dies auch bei Datex-P der Fall war. Ansonsten sei es nicht die Politik von IBM, über unangekündigte Produkte zu sprechen, und im Moment gäbe es keine Ankündigung. ISDN habe im übrigen nichts mit der IBM-Inhouse-Verkabelung zu tun. Wesentlich mehr gab es seitens der IBM zu diesem Thema nicht zu hören.

Dieses Informationsdefizit glich ein anderer Referent ein wenig aus: Otto F. Schröter, der lange Zeit leitende Positionen bei IBM und SEL innehatte und seit seiner Pensionierung als selbständiger Consultant arbeitet, berichtete von der Rolm-Übernahme durch IBM. In Wiltshire, England, bringen seinen Aussagen zufolge zur Zeit alte IBM-Hasen den Rolm-Mitarbeitern bei, welche Anforderungen der europäische Markt an Nebenstellenanlagen stellt. Dies dauert zum Leidwesen von IBM, Armonk/USA länger als zu Hause in den Staaten. Man wird also noch einige Jahre warten müssen. In der Zwischenzeit hat IBM keine andere Wahl, als weiterhin das eigene Verkabelungssystem zu empfehlen und gleichzeitig an Gateways zu arbeiten, so wie andere Unternehmen auch.

Nur wenige Referate machten deutlich, daß Kommunikation und Integration nicht eine Frage der Kompatibilität mit den Postdiensten bedeutet. Die Post mag traurig sein, wenn die Hersteller noch keinen einheitlichen Standard haben, dem Anwender jedoch ist das egal. Er möchte heute schon funktionierende Lösungen zum vernünftigen Preis, und nicht erst dann, wenn die Post soweit ist. Für den Anschluß der jeweils installierten Technologie beim Anwender an die verschiedenen Postdienste gibt es bereits genügend Hardware- und Softwarelösungen. Telexkonverter, Server, Protokollkonverter, Gateways. Der Beitrag von Hans Peter Boell gab interessante Impulse für die Beantwortung der Frage: Welche Technologie ist für welche Anforderung geeignet? Die Sprache der Praktiker und Profis sprach wohl am deutlichsten Otto F. Schröter.

Der in Fernmeldekreisen mittlerweise häufig benutzte Begriff "Kommunikationssteckdose" kann seiner Meinung nach einen erfahrenen Datenkommunikationsfachmann bestenfalls zum Lachen bewegen. Dort werden nämlich komplexe Protokolle abgewickelt und Abmachungen getroffen.

Ernüchterung unter den Teilnehmern

Während der Get-together-Party nach dem ersten Veranstaltungstag hatte man bei einigen Gesprächen mit den Teilnehmern noch den Eindruck, ISDN kann uns sicher einiges bringen. Im Laufe des zweiten Veranstaltungstages wich diese Einstellung zunehmender Ernüchterung. Die Post wählte eine Technik, um damit die nächsten Jahre, wahrscheinlich 50, zu überbrücken, Aber hat der Anwender denn auch diese Möglichkeit? Wohl kaum. Oder gibt es doch noch Anwender oder Hersteller, die fest daran glauben?

Count plant aufgrund der großen Resonanz eine Wiederholung der Veranstaltung im Januar nächsten Jahres. Den Tagungsband, also eine schriftliche Fassung der Referate gibt es bei: Count e.V, Starenweg 9, 7031 Gäufelden, Telefon 0 70 32/ 70 81.

Paul Hoffmann ist Leiter Produktmanagement/ Produktmarketing bei der Wetronic Automation GmbH, München.