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Interview

"Das Jahr 1999 war gottgegeben"

01.12.2000
Mit Horst Nebgen, Geschäftsführer Novell Deutschland GmbH, sprachen die CW-Redakteure Martin Seiler und Peter Gruber

CW: Novell hat das Geschäftsjahr mit katastrophalen Zahlen abgeschlossen. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

NEBGEN: Der Hauptgrund ist der Einbruch bei der Small- Package-Software. Das ist primär das Netware-Geschäft für Unternehmen mit unter 150 Anwendern. Der Umsatz mit den roten Paketen in diesem Bereich ist um 47 Prozent gesunken, während wir im Netware-Segment mit Firmen über 150 User zugelegt haben.

CW: Wie sieht es in anderen Bereichen aus?

NEBGEN: Hier ist die Umsatzentwicklung durchaus positiv. Der Service- und Schulungsbereich ist um 17 Prozent, das Lizenzgeschäft um elf Prozent gewachsen. Schuld am Umsatzrückgang ist einzig das Geschäft mit der Small- Package-Software, weil es stärker gefallen ist, als die anderen Bereiche zugewinnen konnten. Wir lassen uns von den Zahlen und dem Börsenkurs aber nicht aus der Ruhe bringen.

CW: Warum ist Novell in diesem Marktsegment so eingebrochen?

NEBGEN: Wegen der Jahr-2000-Problematik waren zahlreiche Anwender 1999 gezwungen, auf Netware 3.2 oder Netware 5 aufzurüsten. Für viele Kunden bestand dieses Jahr also keine Notwendigkeit, noch einmal in ihre Netware-Systeme zu investieren. Wir müssen einfach akzeptieren, dass das Jahr 1999 gottgegeben war.

CW: Die Zentrale in Utah betrachtet das Jahr 1999 aber keineswegs als gottgegeben. Dort hieß es, die Netware-Zahlen würden zum Jahresende 2000 wieder steigen.

NEBGEN: Diese Prognose ist nicht eingetreten. Netware konnte weltweit nicht zulegen.

CW: Aus Amerika wird besonders am Europa-Geschäft Kritik laut.

NEBGEN: Ich bin nicht böse, dass die Amerikaner einen Schwarzen Peter brauchen und diesen nicht unbedingt in den USA suchen. Das Europa-Geschäft ist 1999 stärker gewachsen, dieses Jahr aber auch tiefer gefallen als das amerikanische.

CW: Nur das Jahr-2000-Problem für das Minus in der Novell-Bilanz verantwortlich zu machen erscheint zu einfach. Wie steht es um die Konkurrenz von Windows 2000, Windows NT und Unix- sowie Linux-basierten Betriebssystemen?

NEBGEN: Laut IDC haben wir 1999 gegenüber Linux und Windows NT Marktanteile hinzugewonnen. Es ist aber unbestritten, dass Microsoft Windows 2000 jetzt stark pusht und die Linux-Gemeinde immer größer wird. Netware hat deshalb dieses Jahr wieder Marktanteile eingebüßt.

CW: Welchen Anteil am Gesamtumsatz hat Netware heute noch?

NEBGEN: Der Anteil am Gesamtvolumen liegt bei rund 55 Prozent. Vor zwei Jahren waren es noch über 70 Prozent.

CW: Wie sieht es mit der Kundenbasis von Netware aus?

NEBGEN: Zahlen darf ich nicht nennen. Fakt ist aber, dass die Kundenzahl in den letzten zwölf Monaten rückläufig war.

CW: Findet sich Novell damit ab?

NEBGEN: Nein, es gibt klare Strategien. Wir haben für nächstes Jahr Netware 6 angekündigt, um dem Kunden zu signalisieren, es geht mit Netware weiter.

CW: Welche Neuerungen sollen mit Netware 6 kommen?

NEBGEN: Wir werden Netware jedenfalls noch mehr in Richtung Internet-Server ausrichten - sprich die Performance, Skalierbarkeit und Sicherheit weiter optimieren. Außerdem wird Netware 6 einen Zwei-Knoten-Cluster enthalten.

CW: Glauben Sie wirklich, dass Netware heute am Markt als Web-Server gesehen wird?

NEBGEN: Ich muss zugeben, dass Netware heute leider noch nicht als der klassische Internet-Server assoziiert wird.

CW: Hat Netware überhaupt noch eine Ausrichtung als Netzwerk-Betriebssystem?

NEBGEN: Für Novell bleibt der Bereich der Netzwerk-Betriebssysteme auch weiterhin wichtig. Wir haben ihn in den letzten Jahren aber kräftig um Lösungen rund um den Verzeichnisdienst ergänzt. Ein wesentlicher Schritt war dabei, den Verzeichnisdienst von der Netware-Plattform unabhängig zu machen. Leider dauert es eine Weile, bis dieser Cross-Platform-Ansatz im Markt Akzeptanz findet.

CW: Spüren die Netware Directory Services (NDS) nicht vielmehr die Konkurrenz der Active Directory Services (ADS) von Microsoft?

NEBGEN: Die ADS haben uns sehr geholfen, aber auch geschadet. Geholfen, weil sich die Kunden stärker denn je mit dem Thema Verzeichnisdienst auseinander setzen. Geschadet, weil die Evaluierung anderer Lösungen Projekte und Kaufentscheidungen verzögert. Der Markt lehrt uns aber auch, dass der Microsoft-Verzeichnisdienst für Kunden heute nicht unbedingt eine Alternative ist.