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08.05.1981 - 

Sprachmanipulationen im allgemeinen Sprachgebrauch und im Computerslang:

Das Kommando kommt vom Rechner

Die Sprache vermittelt nicht nur Tatsachen, sondern auch Meinungen. Teilweise enthalten bereits einzelne Worte den Versuch, das Verhalten einer Person zu beeinflussen. Das Wort "Entsorgungspark" klingt beispielsweise so, als könne man an diesem Ort spazieren. Weit gefehlt. Jemand brachte den Begriff auf, um Öl auf die Gemüter der Atomkraftgegner und deren Sympathisanten zu gießen. In der Datenverarbeitung bestimmt die Hard- und Softwarestruktur der Maschine, in welchen Sprachformalien der Dialog zwischen Benutzer und Computer geführt wird. Kommt deshalb dem Rechner eine leitende Funktion zu, dem DV-Leiter eine untergeordnete?

Nachdenken über Sprachregelungen ist ein bißchen in Mode gekommen. Die Frauenbewegung machte auf den diskriminierenden Inhalt des Wortes "Dame" aufmerksam: Wenn sich eine Frau heute "damenhaft" benimmt, ist das noch lange kein Kompliment. Eher bedeutet es, daß sie sich ziert, nicht denkt, nicht anpackt, nur verziert. Frau kann auch mehr. Genau wie "man".

Wettbewerb macht frei

Wenn man der Wirtschaftssprache glaubt, ist kein Mensch und kein Unternehmen verantwortlich für die rund 1,3 Millionen Arbeitslosen in der Bundesrepublik. Die Konjunktur tragt die Schuld.

In "Der öffentliche Sprachgebrauch" - Titel eines Buches, das die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Darmstadt, jetzt in einem ersten Band zur Sprachnorm-Diskussion in Presse, Hörfunk und Fernsehen bei Klett-Cotta in Stuttgart herausgebracht hat, steht ein Aufsatz von Ernst Alexander Rauter, der sich mit "Wörtern, die von oben kommen" befaßt.

Rauter weist nach, daß der Einfluß von Kaufleuten auf unsere Sprache überproportional groß geworden ist. In unserer Gesellschaft bildeten sie eine Gruppe, die sowohl über wirtschaftliche als auch politische Macht verfügt, ihren und damit auch den ihr genehmen Sprachgebrauch durchzusetzen. Rauter zitiert Zeitungsüberschriften wie "Fortschritt macht arbeitslos" oder "Der Mikrocomputer frißt Arbeitsplätze". Unternehmer und Unternehmenssprecher verwendeten häufig folgende Satzkonstruktionen: "Der Wettbewerb zwingt uns zur Rationalisierung, zur Kurzarbeit, zur Entlassung." Die Presse übernehme die Sprachregulierung dankbar. "Solche Formulierungen", so Rauter wörtlich, "verdecken die Tatsache, daß Menschen verantwortlich sind für die Vorgange in der Produktion."

Der Wortgebrauch befreie den Unternehmer, die Aktiengesellschaft mit ihren Entscheidungsgremien oder der, Manager vor der Öffentlichkeit.

"Der Regelfall ist, daß von oben manipuliert wird", stellt Professor Fritz Eberhard in einem Referat über Sprachregelungen fest. Die Versuche gingen von der Seite aus, daß durch Worte etwas positiv dargestellt wird, was eigentlich negative Folgewirkungen sind. Keiner stutze, wenn er vom "Wettbewerb" hört, der solche Konsequenzen wie Rationalisierung zu verantworten hat. Der Leser der Journale habe sich so an diesen Sprachgebrauch, gewöhnt, daß er beifällig nicke und selbst so denke und rede. "Der Einfluß kommerzieller Interessen auf unsere Sprache führt in vielen Texten zu einer Neutronensprache, die die Menschen aus den Sachverhalten ausschließt", drückt Rauter seine Beobachtung der Sprache aus. Diese Art, Gedanken zu formulieren, schafft seiner Ansicht nach bei den Betroffenen eine politische Passivität, ein politisches Desinteresse. Welches Individuum möchte schon gerne gegen den Wettbewerb kämpfen, eine unabänderliche Tatsache, wie es scheint, den nur der Unternehmer bestehen kann, wenn er "rechtzeitig geeignete Maßnahmen" ergreift.

Rauter kommt es mit seinem Beitrag darauf an, "eine größere Empfindlichkeit für die soziale Wirkung von Formulierungen und Vokabeln zu kultivieren ".

Parteilichkeit der Sprache

Er möchte, daß Leser, Schreiber und Redende mehr Gespür entwickeln für die verborgene Parteilichkeit in der Sprache". Eberhard nennt als weiteres Beispiel für die beabsichtigte Tendenz beim Leser das Wort "Partner", das ihm in der Sprache auffiel. "Wenn das Wort "Sozialpartner" oder "Tarifpartner" verwendet wird, dann werde suggeriert, daß es sich hier um eine wirkliche Partnerschaft zwischen Gleichberechtigten handele. Vielfach jedoch würden Gegensätze unter dem Wort Partner freundlich zugedeckt.

Das Wort "Mitarbeiter" weist in eine ähnliche Richtung. Der Ausdruck "gewerbliche Arbeitnehmer" riecht geradezu nach Verschleierung. Der Gedanke an die Arbeiterbewegung komme bei diesem Ausdruck überhaupt nicht erst auf. Im Gegensatz zum Arbeiter hat der abgekürzt "gewerblich" Genannte auch kein Bewußtsein. Woher denn?

Ähnliche Verdachtsmomente steigen auf, betrachtet man sich "sensibilisiert" die Sprache, in der über Computer gesprochen wird. Ein Computer, bekanntlich eine Maschine, die nur Null und Eins zu unterscheiden vermag, rechnet nur. Doch mit fortschreitender Entwicklung von Hard- und Software dehnen sich die tatsächlichen Fähigkeiten der Apparatur aus. In automatisierten Personal-Informationssystemen beispielsweise kann ein Persönlichkeitsprofil aller "Mitarbeiter" gespeichert und beliebig häufig abgerufen werden, was die Möglichkeiten einer handarbeitenden Personalabteilung weit übersteigt. Zur für den Arbeitsprozeß relevanten Persönlichkeit gehören Krankheiten, akute und latente, gehört die politische Vergangenheit, zählen die Fehl zeiten wie die "qualifizierten Abschlüsse". Die einzelnen "Daten" sind beliebig kombinierbar.

Zu bedenken ist, daß diese Angaben - früher "Angaben zur Person oder "persönliche Angaben" genannt, heute "Daten" heißen. Das Wort bezeichnet, im Singular gebraucht, so wahre Daten wie den heutigen oder meinen Geburtstag. Friedhelm Wollner zeigt in einem Beitrag, erschienen in "Die politischen Kosten der Datenverarbeitung", Campus Verlag Frankfurt, daß der Einsatz DV-gestützter Informationsproduktion in der Öffentlichkeit zusätzliche Legitimität schaffen kann. Die Umwandlung aller Kriterien in Daten verenge den Lösungsraum, indem sie Qualitäten zugunsten von Quantitäten verschwinden ließe.

Nur Fußvolk betroffen

Die Gewerkschaften sprechen von den "Betroffenen", wenn sie den Menschen am Terminal meinen. Betroffen ist aber in ihrem Sprachgebrauch nur das Fußvolk der Datenverarbeitung, der oder die Sachbearbeiter(in) am Bildschirm. Ein "Macher wie der Programmierer, der über Befehle in einer hard- und softwaremäßig von der Maschine vorgegebenen Sprache Anweisungen erteilt, gehört nicht zum Personenkreis der,,Betroffenen". Dennoch - wenn er mit dem Rechner in "direkten Dialog" tritt, um sein Programm zu schreiben, wirkt eine ganze Hierarchie von Fachmann produkten auf ihn ein. Ein Team schuf den Compiler, eines die Betriebssystem-Software, ein weiteres hat die harten Teile an der Maschine verarbeitet. Will er das Instrument nun benutzen, so hat er sich den Vorgaben seiner Vorgänger und letztlich der Maschine zu beugen. Die Maschine bestimmt die möglichen Worte, die zulässigen Wortkombinationen. Sie legt auch den Rahmen fest, innerhalb dessen das Problem gelöst werden kann.

Auch der Wartungstechniker durchschaut häufig das Funktionsprinzip der Maschine nicht. Schon der Titel des Buches von Joseph Weizenbaum, bekannter Computerkritiker aus den USA, drückt das Verhältnis. Anwender-Rechner umgekehrt aus als es die Benutzer oder Hersteller gerne sehen wollen. In "Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft", 1978 herausgebracht als Suhrkamp-Taschenbuch, beschreibt: Weizenbaum die Unsicherheit im Umgang mit dem Rechner:

"Wir sind in der Tat oft beunruhigt, wenn uns ein Wartungstechniker die Maschine mit den Worten zurückgibt:" Ich weiß auch nicht, was daran nicht in Ordnung war. Ich habe sie bloß kurz geschüttelt, und jetzt geht sie wieder richtig." Er hat zugegeben, daß er nicht in der Lage war, das Gesetz der beschädigten Maschine zu entdecken, und wir schließen daraus, daß somit weder er, noch wir, noch irgendjemand anderer wissen kann, nach welchen Regeln die reparierte Maschine jetzt läuft. Wenn wir von dieser Maschine abhängig sind, so sind wir Diener eines Gesetzes geworden, das wir nicht kennen können, also die Diener eines unberechenbaren Gesetzes. Und das ist es dann, was uns so unruhig macht."

Auch der Leiter der Datenverarbeitung beherrscht damit wohl noch die Abteilung und seine Mitarbeiter. Der Datenverarbeitungsanlage steht er aber recht ohnmächtig gegenüber, da er sich ihren Funktionsprinzipien beugen muß, ohne sie auf die allgemeinen Regeln der Arithmetik, zurückführen zu können.

Die "tatkräftige Hilfe" (IBM) des Computers geht also über den Wert eines Instrumentes wie des Rechenschiebers hinaus. Sie beeinflußt die demokratischen Entscheidungsverfahren, indem nur diejenigen eine Berechnung noch überprüfen können, die über einen Zugang zum Computer und die zugehörigen Programme verfügen. Wollen zitiert in seinem Aufsatz Überschriften aus dem Spiegel.

"Auffallend oft erscheint der Computer als Subjekt - ja ihm wird direkt oder indirekt eine aktive Rolle zugewiesen." Der Computer simuliert, kann den sozialen Wandel nicht in Rechnung stellen oder behält recht. Noch weiter treibt Emil Zopfi die Darstellung des Machtverhältnisses zwischen Mensch und Maschine. In seinem Roman "Jede Minute kostet 33 Franken" wird das Handeln des Operators stellenweise zum Teil der Maschinerie, ein biologisch funktionierender Anschluß an die Konsole. "Es scheint, als ob nicht der Mensch an der Maschine arbeite, sondern als ob die Maschinerie mit den beiden Gestalten ihr Spiel triebe."

IBM stellt den Computer

IBM stellt den Computer keines wegs als ein übermächtiges Wesen dar, das Rechenzentrum oder gar die Welt beherrscht. Die Fähigkeiten des Computers werden vielmehr durch einen Vergleich mit dem menschlichen Prozeß der Informationsverarbeitung zu "Bekanntem gemacht. In der Broschüre "Wie erklären Sie jemand, der Sie fragt, wie ein Computer funktioniert, wie ein Computer funktioniert?" steht unter der Überschrift "Programmieren heißt vorkauen" die durchaus richtige, in, ihrer Einfachheit aber verfälschende, weil beruhigende Passage: "Das Programm erst macht den Computer zum Computer, mit dem man etwas anfangen kann. Das Programm jedoch macht der Mensch, es, ist "Menschlichste" am Computer. Ein Mensch muß dem Computer haarklein auseinandersetzen, was er soll." Diese Aussagen schaffen Vertrauen. Das Gerät ist beherrschbar. Es gibt Leute, die sich damit auskennen. Der Computer wird beherrscht. Doch hat der Marktführer ein Anliegen mit seinem reich bebilderten Erklärungsbuch: "Obwohl wir dem Computer einen großen Beitrag zu unserer heutigen Lebensqualität zu verdanken haben, stehen wir ihm mit gemischten Gefühlen gegenüber." In dem Computer steckt die Unfehlbarkeit. "Macht denn die Maschine Fehler? Nein! Das kann nicht sein. Das darf nicht sein! Wir müssen annehmen daß die Maschine fehlerfrei läuft." So läßt Zopfi seinen von Zweifeln hin und hergerissenen HeIden denken.

Die Sprache, das Wort "Computer suggeriert, daß das Instrument fehlerfrei arbeitet. Es muß. Denn ohne diese Annahme ist der Benutzer noch hoffnungsloser dem schwarzen Kasten ausgeliefert, als er sich so schön fühlt. Nicht ein Mensch erarbeitete die Programme. Viele, viele waren am Werk, die sich zum Teil gar nicht kannten. Grenzbereiche zwischen zwei Gebieten wurden eher geflickt, als ordentlich nach den Regeln zusammengebracht. Jeder weiß, daß manche Programme völlig unerklärlich laufen oder auch nicht laufen. Doch die Sprache, und besonders die Sprache der Hersteller, die von den Computer-Profis übernommen wird, deckt diese Zufälligkeiten alle zu. Er rechnet doch nur, der Rechner, er ist berechenbar.

_AU:Karin Groth