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10.04.1981

"Das Losverfahren ist für den IBM-Kunden unzumutbar"

Mit Datev-Vorstand Heinz Sebiger sprach CW-Chefredakteur Dieter Eckbauer

- Herr Sebiger, Sie haben in der berühmt-berüchtigten IBM-Lotterie eine Niete gezogen und bekommen den neuen Prozessorkomplex 3081 nicht - wie erhofft - im November 1981, sondern erst im August 1982, also zehn Monate später.

Sie sprechen einen sehr schmerzlichen Punkt an. Ich habe das tatsächlich erfahren müssen, als ich von einer Amerika-Reise zurückgekommen bin. Dort wurden mir allerdings schon Andeutungen in diese Richtung gemacht - leider nicht von IBM, sondern von anderen Mainframern. Es ist so, daß wir als einer der ersten Kunden die 3081 bestellt haben. Wir haben uns nach dem Announcement fast überschlagen, noch am gleichen Tag die genauen Spezifikationen abzusprechen und unsere Bestellung aufzugeben. Und wir hatten deshalb die sichere Erwartung, bei den ersten Auslieferungen dabei zu sein. Jetzt hat man mir von der IBM gesagt, der Bestelleingang sei so außerordentlich groß, daß man unmöglich alle Erstbesteller sofort beliefern könne und wieder einmal das Los bestimmen müsse, wer der Glückliche ist. In der IBM-Lotterie hat Date v nunmehr zum zweiten Mal verloren.

- Vermuten Sie, daß IBM mit dem Lotteriespiel Produktionsschwierigkeiten bei der 3081 kaschieren will?

Das will ich damit nicht sagen. Ich bin nur sehr enttäuscht, denn wir sind sehr alte und sehr treue IBM-Kunden und haben alles getan, um bei der ersten Lieferung dabei zu sein. Aber man kämpft hier gegen Gummiwände. Ich kann natürlich unser Geschäft nicht auf solchen Unwägbarkeiten aufbauen. Wir brauchen dringend mehr Kapazität.

Bei der ganzen Sache ärgert mich, daß ich von einer ganzen Reihe von Leasing-Gesellschaften Angebote bekommen habe, die 3081 im Januar, im Februar, im April nächsten Jahres zu liefern.

- Welche Konsequenz hat es für die Datev, daß IBM nicht liefern kann 7

Dieses Mal trifft uns die Situation nicht unvorbereitet. Wir waren bei der 3033 in einer ähnlichen Situation und wollten das nicht ein zweites Mal erleben. Wir haben deshalb 1979 eine Siemens 7880 installiert und diese als autonomen Rechner, aber mit direktem Zugriff auf die Peripherie voll in die IBM-Umwelt eingefügt. Die Erfahrungen mit diesem System sind so gut, daß wir uns jetzt nicht gescheut haben, eine 7881 von Siemens zu bestellen, die uns noch im September dieses Jahres geliefert wird.

- Der 7881-Kauf sieht doch sehr nach einer Notlösung aus.

Wir betrachten die Siemens-Maschine nicht als Notlosung, sondern es war einfach in unserer zeitlichen Disposition so, daß wir für dieses Jahr ein großes IBM-System vorgesehen haben. Aber weil IBM die 3081 nicht liefern kann, haben wir uns jetzt für diesen großen Siemens-Rechner entschieden. Es wird dann erstmals in unserem Rechenzentrum bei den Host-Rechnern mehr Siemens- als IBM-Kapazität installiert sein. So wichtig es für uns ist, rechtzeitig diese Maschine zu bekommen: Das Preis-/ Leistungsverhältnis spielt natürlich eine große Rolle. Wir sind nach sorgfältiger Prüfung zu dem Ergebnis gekommen, daß das System 7881 mindestens die gleiche, eher die 1,2fache Performance einer 3081 und auch ein sehr günstiges Preis-/Leistungsverhältnis hat.

- Herr Sebiger, ist es Ihrer Meinung nach korrekt, daß ein Hersteller Termine nennt, sie de facto aber nicht einhalten kann - und diese Tatsache mit einem Lieferlotto zu bemänteln versucht?

IBM nennt ja niemals verbindliche Liefertermine. Das ist auch in diesem Falle nicht geschehen. Man hört nur, wann das First-Customer-Shipment sein wird. Im nachhinein muß ich feststellen, daß unsere Erwartungshaltung berechtigt war, sonst könnten uns jetzt nicht so viele Leasing-Firmen zu diesem Termin Maschinen anbieten, während die Lieferung vom Hersteller selbst - auch bei frühester Bestellung - so weit hinausgeschoben wird. Das kann ich einfach nicht verstehen. Und es ist natürlich für jemanden, der die EDV als Fabrikationsbetrieb betreibt wie wir, ein unmöglicher Zustand. Wir müssen verläßlich disponieren und können uns nicht auf Losentscheide verlassen.

- IBM kann es doch nur recht sein, wenn durch die Lotterie der Eindruck entsteht, daß die Maschine vom Preis/Leistungsverhältnis her ein Knüller ist, weil sonst nicht so viele Bestellungen vorlägen.

Darum haben wir ja auch die 3081 bestellt. Sie hat auch ein wesentlich günstigeres Preis-/Leistungsverhältnis als die 3033. Aber was nützt die schönste Maschine, wenn sie nicht lieferbar ist oder nur unter derartigen Unwägbarkeiten, wie sie jetzt in diesem Fall bei uns wieder aufgetreten sind.

- Sind Sie vom Vertrag zurückgetreten oder halten Sie die Bestellung aufrecht?

Wir werden selbstverständlich im August nächsten Jahres die 3081 abnehmen. Die können wir sehr gut gebrauchen. Wir sind dabei, unsere Kapazitäten stark auszuweiten. Dies trägt dazu bei, den Prozeß - uns auf zwei Beine zu stellen und damit von den Mainframern unabhängig zu machen - zu beschleunigen. Darin liegt überhaupt kein Risiko.

- Welche Vorteile sehen Sie darin zweigleisig zu fahren ?

Als uns die IBM vor drei Jahren bei der Bestellung mitgeteilt hat, die 3033 kann nicht geliefert werden, hatten wir kaum eine Ausweichmöglichkeit. Wir konnten allenfalls noch einmal eine 370/168 oder so etwas in Erwägung ziehen, aber wir mußten einfach abwarten, weil es nicht möglich ist, bei den Software-Investitionen, wie wir sie haben, von heute auf morgen auf ein anderes System umzuschwenken. Deshalb haben wir uns damals vorgenommen, wenn wir nicht unter Druck stehen, ein autonomes System - also nicht nur Mixed-Hardware - in unserem Betrieb zu installieren. Das war der Grund, warum wir auf Siemens gestoßen sind und hier nun versuchen, diese Maschinen vollkompatibel zu nutzen. Jetzt sehen Sie die Auswirkungen einer solchen Politik sehr deutlich. Wir müßten ja sonst jetzt - ich möchte fast sagen, mit zusammengebissenen Zähnen - weitere 3033 installieren, um die Kapazitätslücke bis zur Lieferung der 3081 zu überbrücken. Das brauchen wir heute nicht. Wir können mit der 7881 eine Alternative wählen, die, obwohl noch eine Maschine der alten Technologie, eine sehr gute Antwort auf die 3081 Ist.

- Hat die 3033 leistungsmäßig nicht das gebracht, was Sie sich von ihr versprochen hatten, so daß Sie jetzt Kapazitätsprobleme haben?

Nein, das kann ich nicht sagen. Es ist wirklich eine sehr große Ausweitung unserer Verarbeitungskapazitäten notwendig und zwar insbesondere wegen der neuen Dialoganwendungen. Wir wollen hier mit dedizierten Rechnern arbeiten, das heißt, wir werden einen Rechner ganz allein der TP zuordnen. Die Nachfrage nach unseren Dienstleistungen ist seitens der Datev-Genossen so stark gestiegen, daß wir echt Kapazitäten erweitern müssen.

- Nun ist die Dialoganwendung nicht wie ein Gewitter über Sie hereingebrochen - die war doch geplant. Stimmt demnach Ihre Hardware-Planung nicht?

Das ist einfach eine Frage der Antwortzeiten. Es hat sich gezeigt, daß wir bei den Antwortzeiten wünschenswerte Verbesserungen nur erzielen können, wenn wir den TP-Betrieb auf einen eigenen Rechner legen. Im Augenblick können wir die Bedürfnisse noch befriedigen, aber zum Jahresende und zu Beginn des neuen Jahres erwarten wir einen Zuwachs, den wir mit der bisherigen Kapazität nicht mehr bewältigen können.

- Zurück zum Losverfahren: Das Ganze wird doch fragwürdig,<wenn Leasing-Firmen gleichzeitig mehrere Systeme bestellen.

Das kann ich als Außenstehender nicht beurteilen. Es könnte natürlich sein - so ist mir erklärt worden -, daß Leasing-Gesellschaften immer gleich mehrere Maschinen bestellt haben und somit die Trefferwahrscheinlichkeit beim Losverfahren höher ist als bei einer Einzelbestellung. Es ist auch gesagt worden, daß derjenige Anwender, der eine der wenigen Maschinen bekommt, darüber natürlich nicht spricht, während derjenige, der sich wie wir enttäuscht fühlt, darüber schon spricht. So kann es sein, daß das, was man in der Öffentlichkeit darüber hört, kein allgemeines, objektives Bild gibt. Aber schmerzlich ist es schon für einen Kunden.

- Nun zeugt es nicht gerade von Mündigkeit, wenn sich Anwender bei IBM immer wieder bereitwillig diesem Losverfahren unterziehen.

Ich glaube, daß das die Anwender eben nicht tun werden. Wir tun es jedenfalls nicht.

- Kann es nicht sein, Herr Sebiger, daß die Lieferschwierigkeiten darauf zurückzuführen sind, daß IBM die Technik der TCM-Module, Wasser- und Heliumkühlung, noch nicht im Griff hat?

Darüber kann ich mir wirklich kein schlüssiges Urteil bilden. Es steh fest, daß solche Maschinen geliefert werden. Also muß das Verfahren funktionieren. Und ich habe sogar schon etwas in Betrieb gesehen. Ob nun dadurch die Produktion zeitaufwendiger wird oder ob die Produktionskapazitäten zu niedrig disponiert waren, weil man vom Markt her nicht die große Nachfrage erwartet hat, das kann ich nicht beurteilen. Störend ist es schon, daß sich das jetzt hier wiederholt. Die IBM-Kunden haben bei der 3033, bei der Serie 4300 und jetzt wieder bei dem neuen System 3081 erfahren müssen, daß sich die Lieferzeiten ungebührlich verlängert haben. Daß sich immer wieder dieselben Schwierigkeiten ergeben, daß der Hersteller auf eine so große Nachfrage nicht eingestellt ist und seinen Kunden übermäßig lange Lieferzeiten zumutet, das ist schon in irgendeiner Weise unbefriedigend.

Beim System /38 und bei der 3380-Dünnfilmplatte hat IBM technische Probleme offen zugegeben. Halten Sie es für möglich, daß eine offizielle Bekanntgabe der IBM, " die 3081 verspätet sich aus den und den Gründen", bevorsteht?

Ich kann diese Möglichkeit weder ausschließen noch bejahen. Ich glaube es deshalb nicht, weil man bei der 3380-Platte ganz nüchtern gesagt hat, daß sich die ursprüngliche Lieferung wegen technischer Schwierigkeiten um sechs Monate verzögert. Ich nehme an, man würde dieses bei einer 3081 genauso sagen, wenn es so wäre. Ich glaube, daß die 3081 weniger aus technischen Schwierigkeiten als aus Kapazitätsgründen verspätet ist.

- Das hört sich wie ein Rückzieher an.

Im Gegenteil. Das Losverfahren ist für den IBM-Kunden einfach unzumutbar. Das ist eine Art der Verteilung, die man nicht akzeptieren kann.