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06.06.1975 - 

EWAG Energie- und Wasserversorgung AG, Nürnberg:

Das Märchen vom billigen Auskunftssystem

Exklusiv für CW von Joachim Meister

Es war einmal, etwa eine halbe Computer-Generation zurück, Hauptspeicher-Platz war damals noch echt von Nöten, da hatte ein Computer-Hersteller einer Geschäftsleitung eine DV-Anlage vermietet. Preisgünstig natürlich, kleines Modell. Und Idealvorstellungen, völlig kostenfrei, gleich mitgeliefert. Bildschirme ließen sich anschließen, der Traum vom Kundeninformationssystem sei nur eine Frage der allerdings selbst zu erbringenden Programmierung. Und damit begann der Ernst des Lebens.

Wir: Die EWAG Energie- und Wasserversorsung AG in Nürnberg, Tochter der Städtischen Werke GmbH und beauftragt mit der Versorgung mit Strom, Gas, Wasser und Fernwärme.

Die Aufgabenstellung: Datenspeicherung für rund 250 000 Kunden und knapp 500 000 Zähler mit aktuellem Stand und notwendiger Historie für eine Sachbearbeitung ohne Akten und Listen in den Fachabteilungen. Nicht nur zwei oder drei Datenstationen für die Beantwortung von Kundenanfragen in der Auskunftsstelle, sondern sofortige Bereitstellung aller Informationen für 20 bis 30 Mitarbeiter in Auskunft, Verbrauchsabrechnung Debitorenbuchhaltung und technischen Abteilungen.

Lieber die billige Lösung

Zwei Lösungswege über Terminals wurden verworfen:

a) Tagsüber Beantwortung von Anfragen (1. Schicht), nach Schalterschluß Durchführung der Batch-Programme und Ausdruck der Ergebnisse bis in die Morgenstunden (2. und 3. Schicht). Mehrkosten für Bildschirme und 3. Schicht ca. 20 000 Mark.

Wir mochten nicht. Hätten Sie gemocht?

b) Aufstockung auf das nächst größere Modell Verdopplung des Hauptspeichers für TP-Software und Auskunftsprogramme. Mehrkosten für Bildschirme und größere CPU zirka 27 000 Mark.

Wir mochten nicht. Hätten Sie gemocht?

Welche Lösung wurde eingeführt?

Beschränkung der Auskunft auf eine schnelle Datenstation in Form eines Kartenlesers und eines Druckers. Statt über eine Tastatur einzugeben, wird eine Lochkarte gelocht und eingelesen, statt auf einem Bildschirm zu blättern wird für den Bearbeiter ein Kontoauszug ausgedruckt.

Mehrkosten für den Leser, Drucker und 3 Handlocher 4227 Mark, die zusätzlich im Hauptspeicher benötigten 6 K konnten verkraftet werden.

Dies schien uns eine praktikable und wirtschaftliche Lösung.

Hier nun einige Details: Die günstige Lage der am meisten tangierten Fachabteilung direkt über den Räumen des Rechenzentrums konnte ausgenutzt werden. Wo dies nicht möglich ist gibt es andere technische Lösungen. Dort wurde ein Kartenleser und ein Drucker aufgestellt, direkt am Multiplex-Kanal angeschlossen. Die Arbeitsgruppen die das Auskunfts-System am häufigsten benötigen, wurden direkt daneben eingerichtet.

Statt Dialog zu Fuß

Das Lochen der Anforderungskartell mit der siebenstelligen Kundennummer geschieht dezentral, an drei Stellen mittels Handlochern. Für die Arbeitsgruppen für die eine Pufferung der Anforderungen möglich ist (zum Beispiel Klärung von Zahlungseingängen, Postbearbeitung und dergleichen), wird so eine Sammlung der Anforderungen und eine gesammelte Ausgabe möglich. Für alle unmittelbar notwendigen Auskünfte, und dies ist die kleinere Zahl, wird der Vorgang einzeln ausgeführt.

Die Handgriffe sind folgende:

Einlegen einer Karte in den Handlocher.

Tippen von sieben Stellen Kunden-Nummer.

Karte herausnehmen.

Karte in den Kartenleser einlegen.

Taste START drücken. Es erfolgt unmittelbar der Druck des Konto-Auszugs.

Formular mittels Abrißvorrichtung abreißen.

Der Konto-Auszug enthält alle maschinell gespeicherten Daten eines Kunden. Für die Beurteilung des Verbrauchsbildes ist auch das Geschehen des vorangegangenen Verbrauchsjahres verzeichnet. Durch den Vordruck auf dem Formular ist eine gute Kennzeichnung der Felder gegeben. Es entfällt somit ein Dialogbetrieb, ein etappenweises Abrufen und Anreichern mit Feldbezeichnungen, wie beim Bildschirm üblich. Die CPU-Belastung ist dementsprechend niedrig.

Die Abdeckplatte des Druckers wurde von uns umgestaltet und mit einer Abrißvorrichtung versehen.

Ständiges Standard-Formular

Jegliche Formulareinstellung entfällt, das Konto-Auszugsformular ist ständig eingespannt. Das entsprechende Batch-Programm wird mit höchster Priorität den ganzen Tag bereitgehalten. Die Bedienung ist vollkommen unproblematisch und erfolgt durch eine große Zahl von Sachbearbeitern.

Eine selbst geschriebene Routine für den Kartenleser bewirkt die oben angedeutete Steuerung für das Nachschieben eines Leerformulars, abhängig vom Vorhandensein oder Fehlen weiterer Anforderungskarten.

Natürlich hat das System auch Nachteile. Wenn die Kunden-Nummer dem Sachbearbeiter nicht bekannt ist, gibt es keinen sogenannten Match-Code, der es nach Eingabe von Teilen der Adresse erlaubt, im Dialog mit der DV-Anlage recht schnell zur Kunden-Nummer hinzufinden. Zu diesem Zweck liegen bei uns mehrere Exemplare einer nach Straße, Hausnummer und Namen geordneten Kundenliste auf.

Was stört ein bißchen Gedrängel

Durch die Komprimierung aller Anfragen auf eine Station und einen Raum ergibt sich ein gelegentliches Gedrängel vor dem Drucker und naturgemäß entstehen Laufzeiten und Wartezeiten. Zusammenfassend kann jedoch festgestellt werden daß das einer aktenlosen Bearbeitung in den Fachabteilungen, ermöglicht durch ein reibungsloses Auskunftssystem, mit recht bescheidenen Mehrkosten erreicht wurde.

Das System läuft seit Mitte 1972, pro Tag werden etwa 2000 bis 2500 Kontoauszüge angefordert.

Ja, wie fast alle Märchen, so hat auch das unsere einen guten Ausgang. Die Geschäftsleitung war es zufrieden, die Fachabteilungen haben ihr Fenster in den Computer bekommen und die Org- und DV-Leute sind stolz, weil sie glauben, eine originelle Idee verwirklicht zu haben.

Man kann's natürlich auch viel, viel teurer machen.

Joachim Meister ist Leiter der EDV-Abteilung der EWAG AG, Nürnberg