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11.11.1994 - 

Gastkommentar

Das organisatorisch Sinnvolle bestimmt die Projektziele

Downsizing, Rightsizing und Client-Server-Konzepte beschaeftigen heute die gesamte IT-Branche. Anbieter und Anwender sind gleichermassen fasziniert von den damit eroeffneten Moeglichkeiten. Kostensenkung wird versprochen bei gleichzeitiger Produktivitaetssteigerung. Welche Geschaeftsfuehrung, welcher IT- Manager kann ein derartiges Angebot noch ausschlagen, ohne den Job zu riskieren?

Doch Projekterfolge fallen auch bei Client-Server nicht vom Himmel. Im richtigen Leben, also ausserhalb von Messen, Kongressen und Praesentationen, gelten weiterhin die alten Regeln. Vor den Preis haben die Informatik-Goetter immer noch den Schweiss gesetzt. Und den Sachverstand und die soziale Kompetenz und und und ...

Downsizing-Projekte lassen sich nicht einfach mit den ueberkommenen Software-Engineering-Methoden bearbeiten, das ist eine erste bittere Einsicht. Andererseits existieren bisher nur relativ wenige Erfahrungen mit neuen Vorgehensweisen. Das darf jedoch kein Freibrief sein fuer Seiltanz ohne Netz und doppelten Boden.

Anforderungsanalyse und detaillierte Spezifikation sind auch im Client-Server-Umfeld wichtige Voraussetzungen fuer den Erfolg. Die Erarbeitung ist allerdings ungleich schwieriger, denn sie setzt tiefgreifendes Wissen ueber die Geschaeftsprozesse des Anwenders voraus.

Verpatzte Client-Server-Migrationen koennten haeufig werden, wenn Anbieter und Anwender nicht umdenken. Lehrgeld in Millionenhoehe ist mehr als schmerzhaft. Schwerer noch wiegt allerdings der damit verbundene Image-Verlust des Client-Server-Konzepts. Kleine und mittlere Unternehmen sind verunsichert und werden die Chance zu einer verbesserten Wettbewerbsfaehigkeit vielleicht zu spaet ergreifen. Und das bleibt nicht ohne negative Auswirkungen, auch auf die Loesungsanbieter.

Mit dem Client-Server-Konzept veraendert sich die Aufgabenverteilung bei Projekten dramatisch. Ging es bisher vor allem darum, komplexe Anforderungen der Anwender moeglichst DV- gerecht zu vereinfachen und technisch umzusetzen, so ist heute die Situation voellig veraendert. Nicht das technisch Machbare, sondern das organisatorisch Sinnvolle bestimmt die Projektziele.

Erfolg oder Misserfolg eines Client-Server-Projekts haengen entscheidend davon ab, ob sinnvolle Ablaeufe beim Anwender in geeigneter Weise abgebildet und unterstuetzt werden. Technische Aspekte haben nur noch untergeordnete Bedeutung, denn mit Client- Server ist heute technisch fast alles moeglich. Nach Jahrzehnten zentraler DV-Strukturen erlebt der Anwender aus der Fachabteilung somit eine nahezu grenzenlose Freiheit. Gleichzeitig erhaelt er aber auch die volle Verantwortung fuer ihre sinnvolle Nutzung.

Fuer Loesungsanbieter, Softwarehaeuser oder Beratungsunternehmen ergibt sich ebenfalls eine ungewohnte Situation. Projekterfolg ist nicht mehr allein durch die Lieferung des funktionsfaehigen Programms definiert. Statt dessen wird erwartet, dass die internen Geschaeftsablaeufe optimiert und durch die Loesung unterstuetzt werden. Dass die Software auch zuverlaessig laeuft, wird als selbstverstaendlich vorausgesetzt.

Weder Anwender noch Anbieter sind auf diese neue Rollenverteilung vorbereitet. Beiden Seiten fehlen die noetigen Erfahrungen. Die traditionell schwierige Kommunikation zwischen Fachabteilung und Datenverarbeitung, zwischen Anwender und Loesungslieferant bricht mangels gemeinsamer Sprache voellig in sich zusammen. Chaos ist angesagt.

Was also ist jetzt zu tun? Natuerlich muss sich der Anwender seiner gewachsenen Verantwortung bewusst werden. Er kann sich nicht mehr nur darauf verlassen, dass ihm ein Loesungsanbieter die bestmoegliche Technik realisiert, vielmehr muss er selbst seine Ziele neu definieren und den Weg zu ihnen ueberwachen. Dazu benoetigt er qualifizierte Unterstuetzung, aber eben als Beratung und nicht als Bevormundung.

Soziale Kompetenz und Fachkenntnis sind die wesentlichen Eigenschaften eines guten Coach. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen die am Projekt beteiligten Menschen. Er soll die Anwender in die Lage versetzen, ihren Aufgaben im Projekt gerecht zu werden.

Ganz so neu ist der Coaching-Gedanke ja nicht. Aber in der Vergangenheit ging es eben oft auch ohne. Da haben Techniker definiert, was machbar war, und die Anwender mussten die realisierten "Loesungen" in der gegebenen Form akzeptieren. Die Rollenverteilung war eindeutig, und jeder beherrschte seine Aufgaben.

In der Welt von Client-Server erhalten die Projektbeteiligten aber neue Verantwortlichkeiten, in die sie erst noch hineinwachsen muessen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Lektion moeglichst bald von der Branche gelernt wird, bevor noch mehr Porzellan zerschlagen ist.