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31.05.1991 - 

Phoenix aus der Robotron-Asche

Das Ost-DV-Puzzle formt sich langsam zu einem Bild

MÜNCHEN - Die Splitter eines Facetten-Feinschliffs - ob Diamant oder Glas - schimmern hundertfach und kurzzeitig im Licht. Mit diesem Bild ist das frühere Kombinat Robotron, einst Vorzeige-Unternehmen der Ex-DDR-DV, nach Wende und Vereinigung recht gut charakterisiert,

Es ist schwer auszumachen, welche Unternehmen sich aus Robotron formierten; Beobachter vor Ort berichten von fast 180 Briefkästen am ehemaligen Robotron-Hauptsitz - fast täglich mit wechselnder Optik. 1969 wurde der Kombinatsgigant aus klassischen

Unternehmen der Büroausstattung und -systemausrüstung aus Sachsen und Thüringen zusammengeschweißt. Die bekanntesten Namen, die sich unter dem Robotron-Signet wiederfanden, sind Astra-Rechenmaschinen aus Chemnitz und Mercedes-Hand-Kalkulatoren von Zella-Mehlis. 18 blühende Unternehmen vereinten sich zwangsweise unter dem Kombinats-Dach; 70 000 Angestellte standen auf der Gehaltsliste.

Robotron produzierte und vertrieb Hardware SO gut wie Software und baute auch ein Wartungs- und Servicenetz auf. Deshalb fanden sich in fast jeder größeren Stadt der ehemaligen DDR Abteilungen des Kombinats, die nun auf die eine oder andere Art privatisiert, an westdeutsche Unternehmen verkauft oder aufgelöst worden sind. Der Werdegang der Robotron-Ableger indes ist nicht nur eine Frage der rechtlich eingetragenen Firmierung, sondern auch eine der Menschen, die für Robotron tätig waren. So übernahm beispielsweise Garmhausen und Partner im Oktober letzten Jahres große Teile der ehemaligen Robotron-Unix-Crew.

Direkte Abkömmlinge von Robotron sind die Robotron Telecom GmbH, Radeberg (früher: VEB Robotron Elektronik Radeberg), die Robotron Elektronik GmbH Zella-Mehlis (vormals: VEB Robotron Elektronik Zella-Mehlis), die Robotron Automatisierungstechnik GmbH Weimar (früher: Robotron Rationalisierung), und die Robotron Export-Import GmbH, Berlin, die ehemalige Exportabteilung des Kombinats.

Die Robotron Telecom GmbH beschäftigt sich mit Telecom-Produkten und findet Unterstützung von ANT/Bosch bei der Entwicklung von drahtlosen Kommunikationsgeräten, Video und Hochfrequenz-Technologie. Dateneingabe und -kommunikation sind Bereiche, auf die sich die Robotron Elektronik GmbH, Zella-Mehlis, konzentriert; Benzig wird hier als Partner genannt.

Die Robotron Automatisierungs GmbH, Weimar, spezialisiert sich auf Robotersteuerungen und -systeme; partnerschaftliche Hilfestellung leisten die Selectron System GmbH, Nürnberg, und die Selectron Lyss AG aus der Schweiz. Interessant ist das Service- und Vertriebsangebot der Robotron Export-Import GmbH: Diese Neugründung besitzt Niederlassungen in Dessau, Suhl sowie Chemnitz und unterzeichnete Vertriebskontrakte unter anderem mit Wang und NCR. Der Distributor kooperiert zudem mit Kienbaum, um das Serviceangebot zu erweitern.

Einen Vertrag haben auch der Robotron Anlagenbau GmbH (RAB), Leipzig, und die Softwarekooperation Anwenderorientierte Systeme GmbH (AOS), Ingolstadt, geschlossen. AOS ist eine Marketing-Kooperation von 20 kleineren und mittleren

Software-Entwicklungsunternehmen aus den alten Bundesländern, die sich auf die Erstellung von MS-DOS- und Unix-Programmen spezialisiert haben. Als Teil des Kombinates Robotron beschäftigte die RAB 2700 Mitarbeiter, unter denen sich nur 60 Software-Entwickler befanden. Die Abteilung zeichnete damals verantwortlich für den Vertrieb von Hardware und Systemsoftware; Anwendungsprogramme entwickelten die Kunden - Kuriosum der ehemaligen DDR zumeist in eigener Regie.

Hardware-Unternehmen aus Westdeutschland versuchen ebenfalls, ein Stück vom großen Robotron-Kuchen abzuschneiden. So unterzeichnete Siemens beispielsweise einen OEM-Vertrag mit der Computer Elektronik Dresden GmbH (CED), einem Unternehmen, das direkt aus dem Robotron-Hauptquartier hervorging. CED wird ESITerminals der

Siemens-Abteilung für Automatisierungstechnik in den neuen Bundesländern und in Staaten des RGW-Blocks vertreiben.

Ehemalige Top-Manager tauche jetzt wieder auf

Die Vereinbarungen zwischen Siemens und CED umfassen aber nicht nur OEM-Aktivitäten. Eine Kooperation für die Hardware-Entwicklung und -fertigung der Siemens-Abteilung Daten- und Informationssysteme mit der neuen GmbH wurde ebenfalls verabredet. CED produziert danach unter Lizenz PCD-2-Rechner, das Sinix-Multiuser System MX300 und die 7.560-H6O-Mainframes für BS2000. Es ist nicht zuverlässig bekannt, ob auch Produkte der früheren Nixdorf Computer AG, die nun in der Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG aufgegangen ist, unter diese Vereinbarung fallen.

SNI und das Software- und Systemhaus SAP, Walldorf, engagieren sich, wie es heißt, gemeinsam mit der RPD Robotron Projekt Dresden GmbH in dem neuen Software-Unternehmen SRS Software- und Systemhaus Dresden GmbH. Das Unternehmen wird 400 Angestellte beschäftigen und sich auf die Entwicklung von Anwendungssoftware konzentrieren, Hard- und Softwareprodukte vertreiben und Schulungen anbieten.

Auch Unisys unterzeichnete einen Vertrag über die Distribution in den neuen Bundesländern. Ein Joint-venture mit der Computervertriebs-Union GmbH, Berlin, die ebenfalls aus dem Kombinat Robotron hervorging, firmiert unter Unicon, um Desktop-Systeme und Multiuser-Computer zu vertreiben.

Die Einrichtung eines Servicezentrums steht bei Electronic Data Systems (EDS) RÜsselsheim, in Zusammenar eit mit dem Robotron-Projekt Dresden (RPD) auf dem Programm. RPD war das frühere Software-Department von Robotron. Die zwei Unternehmen wollen ein breites Spektrum abdecken: Softwareberatung obliegt der RPD, Hardware-Installation und -betrieb laufen unter EDS-Führung.

DEC schloß, so verlautet aus den neuen Bundesländern, zwei Kontrakte mit Distributionspartnern, die die neuen Bundesländer betreuen. Die CVU wird DEC-Systeme in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin sowie Sachsen-Anhalt vertreiben, die Integrierte Informationssysteme GmbH (IIS), Dresden, konzentriert ihre Aktivitäten auf Thüringen sowie Sachsen.

Bei all diesen Formierungen darf aber nicht vergessen werden, daß Robotron ein künstliches Gebilde in bezug auf seine Struktur und Produktpalette war. Zudem gilt immer noch, daß die Situation in den neuen Bundesländern keineswegs stabil ist - Unternehmen werden gegründet und ebenso schnell wieder liquidiert. Das Puzzle formt sich erst langsam zu einem Bild. Zudem leidet nicht nur die DV-Szene der ehemaligen DDR unter der Verstrikkung ihrer Top-Manager mit dem damaligen politischen System. Der Verbleib einiger Manager ist rätselhaft. Aber: Irgendwie tauchen innerhalb der Branche alle wieder auf. So heißt es aus sehr verläßlicher Quelle, daß der ehemalige Robotron-Oberste Friedrich Wokurka sich in Berlin als Generalvertreter für Büromöbel niedergelassen habe. Sein Partner Berghofer spielte als Dresdner Bürgermeister unter der Regierung Modrow eine Rolle.