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06.04.2001 - 

Vom Marktführer zum Trendsetter für die PDA-Branche?

Das Palm-Problem

MÜNCHEN (ajf) - Persönliche digitale Assistenten (PDAs) waren der letzte Schrei der untergehenden New Economy. Doch Marktführer Palm hat mit seinen deprimierenden Prognosen für die nächsten Monate gezeigt, dass sich kein IT-Segment und schon gar kein Unternehmen von den traditionellen Regeln der Wirtschaft abkoppeln kann.

Der 27. März war eindeutig ein Tag des schlechten Timings. Am Morgen des besagten Dienstags veröffentlichte Bear-Stearns-Analyst Andrew Neff seine Prognose, wonach der Markt für "Smart Appliances", also PDAs mit verschiedensten Funktionen, in den nächsten fünf Jahren förmlich explodieren werde. Die Verbreitung der kleinen Begleiter nähere sich der Marktdurchdringung von PCs und Handys an, das Potenzial sei riesig. Es lohne sich daher für Anleger, in den Marktführer Palm zu investieren. Neffs Kursziel für das Unternehmen: 45 Dollar. Der Wert der Aktie legte im Laufe des Tages knapp sieben Prozent zu.

Kurseinbruch über Nacht

Ebenfalls am Dienstag meldete Palms Konkurrent Handspring, dass er seine PDAs künftig auch über den Distributor Ingram Micro an die Kundschaft bringen möchte. Im Mittelpunkt der Partnerschaft stünden die Unternehmensanwender, die man verstärkt ansprechen wolle. Bislang hatte sich Handspring in erster Linie im Retail-Sektor engagiert. Die Anleger honorierten die Kooperation und den strategischen Schwenk, die Aktie des Unternehmens stieg um 26 Prozent an.

Am folgenden Mittwoch, dem 28. März, waren die Gewinne schon wieder Geschichte. Wer Andrew Neff vertraut und in Palm investiert hatte, verlor mehr als 40 Prozent seines Einsatzes. Wer die Konkurrenz bevorzugte, musste mit ansehen, dass die Handspring-Aktie über Nacht um über 30 Prozent eingebrochen war. Die Marktkapitalisierung der Company hatte sich um mehr als 500 Millionen Dollar reduziert, Palm büßte rund vier Milliarden Dollar ein. Schuld an der Entwicklung war eine finanzielle Hiobsbotschaft von Palm, die am Vorabend nach Handelsschluss veröffentlicht worden war.

Von März bis Mai rechnet das Unternehmen damit, nur noch zwischen 300 und 350 Millionen Dollar umzusetzen. Demnach liegt die Firma sogar unter den Werten für das vergleichbare Vorjahresquartal. Damit nicht genug: Nach Angaben von Palm steigt der Nettoverlust im letzten Viertel des Fiskaljahres auf rund acht Cent je Aktie oder etwa 40 Millionen Dollar. Analysten waren von einem Gewinn von drei Cent je Anteilschein und einem Umsatz von mehr als 550 Millionen Dollar ausgegangen.

Dabei konnten sich die Zahlen für das abgeschlossene dritte Quartal (Ende: 2. März) durchaus sehen lassen. Palm steigerte den Umsatz von 272 Millionen Dollar im Vorjahreszeitraum um 73 Prozent auf 471 Millionen Dollar. Schließlich verkaufte das Unternehmen im letzten Quartal nach eigenen Angaben weltweit 2,1 Millionen Handhelds. Abzüglich außergewöhnlicher Belastungen und Zugewinne ergab sich ein Gewinn von 9,3 Millionen Dollar oder zwei Cent pro Aktie. Wallstreet-Analysten hatten mit einem Profit von einem Cent je Anteilschein gerechnet.

"Schwächephase der Wirtschaft"

Also alles übertrieben? Auf einmal war jedenfalls die gesamtwirtschaftliche Schwächephase in den USA wieder gut genug, um in offiziellen Statements der Firma als Sündenbock für die sich abzeichnende Katastrophe herzuhalten. Dabei war der ökonomische Niedergang in den USA von den Palm-Managern bislang nach außen hin stets mit einem Lächeln quittiert worden. Eingefrorene IT-Budgets? Das betraf vielleicht traditionelle PC-Anbieter, digitale Assistenten hingegen zeigten sich gegen die negative Entwicklung immun. Das Schreckgespenst der Marktsättigung? Im PDA-Segment nur ein blasser Schatten, denn Wachstumsraten von mehr als 100 Prozent waren die Regel. Die Zukunft schien rosig, Palm war mit weitem Abstand Marktführer, und eine neue Firmenzentrale wurde im kalifornischen San Jose geplant, um dem Wachstum und den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden.

"Die Aussichten sind erschütternd", kommentierte Palms CEO Carl Yankowski die jetzige Situation. Allerdings glaubt er eigenem Bekunden nach an eine Abschwächung des gesamten PDA-Sektors und nicht an eine auf Palm begrenzte Krise. Yankowskis nicht ganz unberechtigte Hoffnung ist, dass durch die ökonomische Situation in den USA die Konsumbereitschaft der Kunden insgesamt gesunken ist. Dies veranlasste die Konkurrenten Handspring sowie Compaq am folgenden Tag dazu, in einer schriftlichen Stellungnahme zu beteuern, dass man davon ausgeht, das laufende Quartal im Rahmen der eigenen Erwartungen abzuschließen.

Neues Gebot: Kosten sparen

Die aktuelle Großwetterlage im eigenen Haus scheint jedoch derart schlecht zu sein, dass Palm hastig Umstrukturierungsmaßnahmen ankündigte, um zehn bis 15 Prozent der operativen Kosten einzusparen. Traditionell lautet der erste Schritt: Rund 250 der knapp 2000 Vollzeitmitarbeiter und Freiberufler des Unternehmens müssen "ihre Bewerbungsmappen aktualisieren", wie ein US-Kommentator die angedrohten Entlassungen umschrieb. Gleichzeitig wurde der Neubau der Firmenzentrale gestoppt, und die Company kündigte an, ihre "Immobilienstrategie" zu überdenken.

Abseits aller Rezessionsspekulationen steht fest, dass Palms Hardwareumsätze vom zweiten zum dritten Quartal 2001 um elf Prozent gefallen sind. Auch sank der durchschnittliche Verkaufspreis pro PDA von 212 auf 197 Dollar. Im Gegenzug, so verkündete das Unternehmen, wuchsen die Lizenzeinnahmen mit dem Betriebssystem "Palm OS" um 28 Prozent an. Was auf den ersten Blick zumindest nicht schlecht klingt, entpuppt sich jedoch bei näherer Betrachtung als Ablenkungsmanöver: Keine zehn Millionen Dollar und damit lediglich zwei Prozent der Quartalsumsätze erzielt Palm mit der Vergabe seiner Software an Lizenznehmer.

Zudem finden sich noch weitere Anzeichen, dass das Palm-Problem nicht nur auf die wirtschaftliche Schwächephase in den USA geschoben werden kann, sondern zum Großteil hausgemacht ist. Beobachtern zufolge schmolzen die Bargeldreserven des Unternehmens von 743 Millionen im zweiten Quartal auf knapp 600 Millionen Dollar. Im gleichen Zeitraum stieg der Wert der Lagerbestände bei Distributoren und Resellern von 34 Millionen auf 102 Millionen Dollar an. Schlimmer noch: Im laufenden Quartal schließt sogar selbst Palms Finanzchefin Judy Bruner nicht aus, dass Geräte für zusätzliche 200 Millionen Dollar in den Großregallagern der Vertriebspartner auf Abnehmer warten werden.

"Channel Stuffing"

Palm hat folglich weiterhin munter den Vertriebskanal beliefert, obwohl absehbar sein musste, dass die Nachfrage zurückging - oder aber das Management ist seinen eigenen optimistischen Prognosen aufgesessen. Im florierenden Weihnachtsgeschäft mochte sich die Strategie noch umsetzen lassen, das erste Quartal eines Jahres fällt jedoch erfahrungsgemäß stets schwächer aus. Mit diesem "Channel Stuffing" ist Palm beileibe keine Ausnahme in der IT-Branche, mit den negativen Folgen des Verfahrens allerdings auch nicht. Die für das laufende Quartal befürchteten 300 Millionen Dollar, die sich bis Mai im Channel summieren könnten, reichen bei den aktuellen Umsatzprognosen theoretisch für eine Abverkaufsdauer von drei Monaten aus, ohne dass neue PDAs produziert werden müssten.

Gleichzeitig hat das Unternehmen schmerzhaft spüren müssen, dass die Position des Marktführers nicht nur Vorteile mit sich bringt. Während Wettbewerber wie Compaq in Ruhe am oberen Ende der Feature-Skala angreifen, setzt Konkurrent Handspring in seinen "Visor"-Geräten auf den gleichen Funktionsumfang wie Palm. Dabei ist die Firma, die von ehemaligen Palm-Managern gegründet wurde und ebenfalls das Betriebssystem Palm OS verwendet, dem Marktführer technisch häufig einen Schritt voraus.

Handspring hat den Druck erhöht

Als Handsprings neuer PDA "Visor Edge" unlängst angekündigt wurde (siehe CW 12/01, Seite 52), musste Palm schleunigst nachziehen und zur CeBIT eigene Innovationen vorstellen. Als Folge daraus verschieben potenzielle Palm-Kunden die Kaufentscheidung zunehmend und überspringen einfach eine Gerätegeneration, neudeutsch "Leapfrogging" genannt. Das Dilemma dabei: Die neuen Palms der Serie "M500/5" kommen europaweit erst im Sommer in großen Stückzahlen auf den Markt, derweil verstauben die PDAs der jetzigen Serien als vermeintlich veraltet in den Regalen.

Ein Grund für die Verzögerung in der Lieferkapazität ist die Arbeit an der Version 4 des Betriebssystems Palm OS, die benötigt wird, um neue und halbwegs zeitgemäße "Dragonball"-Prozessoren mit doppelter Taktfrequenz einzusetzen. Nach Angaben von Palms CEO Yankowski kommt das Release 4 "bald" auf den Markt. Hätte Handspring seinen Edge nicht so früh angekündigt, meint Goldman-Sachs-Analyst Vik Mehta, könnte Palm den Preis und die Marge seiner Kassenschlager der "Vx"-Serie länger stabil halten.

Starke Marke

Trotz der düsteren Prognosen sieht das Umfeld auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aus für die Anbieter und speziell für das angeschlagene Unternehmen: Was "Tempo" bei Taschentüchern ist, ist schließlich Palm bei Handhelds. Nach einer Studie von Dataquest hielt die Firma in Europa im Jahr 2000 einen Marktanteil von knapp 55 Prozent, Psion als größter europäischer Anbieter kam auf 16,8 Prozent. Die Fraktion der PDAs auf Microsoft-Basis - Compaq, HP und Casio - liegt zusammen bei rund 18 Prozent.

Insgesamt wurden 2000 in der Alten Welt rund 2,1 Millionen Einheiten verkauft, davon laut Dataquest allein 493000 Stück in Deutschland. Europaweit bedeutet dies eine imposante Steigerung von 123 Prozent im Vergleich zu 1999. Weltweit sind im vergangenen Jahr rund zehn Millionen Geräte abgesetzt worden, 2004 sollen es bereits 33,7 Millionen sein. Noch arbeiten rund 70 Prozent des PDAs mit dem Palm-Betriebssystem.

Das Wachstum schwächt sich ab

Allerdings schwächt sich die rasante Entwicklung merklich ab, auch wenn noch lange nicht von einer Sättigung die Rede sein kann. Nach Aussage von Dataquest-Analyst Thomas Reuner wird der Markt für Handhelds in Europa dieses Jahr lediglich um mehr als 50 Prozent wachsen. Im Vergleich zu den einstelligen Wachstumsraten im PC-Geschäft ist dies immer noch beeindruckend, für die erfolgsverwöhnten PDA-Lieferanten und die Wallstreet-Analysten jedoch zu wenig.

Zudem versuchen immer mehr Anbieter, Palm Anteile abzujagen. So erwartet Reuner in Europa den Markteintritt von großen OEMs wie Toshiba, nachdem bereits Sony und Siemens eigene Produkte angekündigt haben und auch HP inzwischen das Lowend-Segment beliefert: "Der Anteil von Palm wird wahrscheinlich nach unten gehen", spekuliert der Dataquest-Analyst. Sony hat eine starke Präsenz im Retail-Bereich, Siemens und HP haben einen langen Atem. In den USA hingegen trifft Palm auf Wettbewerber wie den kanadischen Hersteller Research in Motion (Rim), der mit seinen "Blackberry"-Pagern den Zeitgeist der Unternehmenskunden getroffen hat.

Überhaupt gelten Firmen seit kurzer Zeit als das gelobte Land der PDA-Anbieter. War es bislang so, dass Angestellte ihre Handhelds in erster Linie unter der Hand in die Unternehmen einbrachten, setzen Companies wie Palm inzwischen gezielt darauf, dass sich die kleinen Begleiter auch offiziell als neue IT-Plattform etablieren. Ein Beispiel hierfür ist das besagte Distributionsabkommen von Handspring und Ingram Micro, Palm hingegen übernahm für rund 270 Millionen Dollar Anfang März den Softwareanbieter Extended Systems, der Tools zur Integration von PDAs in die Corporate-IT entwickelt.

Großunternehmen zögern noch

Allerdings warnen Beobachter davor, rasche Erfolge zu erwarten: "In Großunternehmen sehen wir gegenwärtig kaum Pläne für den Einsatz von PDAs", lautet das Urteil von Dataquest-Analyst Reuner. Zwar gebe es spektakuläre Deals wie zwischen HP und den niederländischen Eisenbahnen, in dessen Folge alle Schaffner mit einem Gerät des Unternehmens ausgestattet werden. In der Regel handle es sich laut Reuner gegenwärtig aber nur um vertikale Lösungen, und nicht um einen Mainstream-Ansatz. Mit einem Durchbruch auf breiter Front rechnet er frühestens im Jahr 2003, wenn auch die Preise der Handhelds gesunken sind.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich der Markt für den Analysten noch "ziemlich offen" präsentiert. Es gebe kaum Standards, weder bei den Peripheriegeräten noch bei den Formfaktoren. So bietet HP neben den stiftbedienten Tablett-PDAs auch so genannte "Clamshells" an, die über eine - wenn auch winzige - Tastatur verfügen. Ebenso ungewiss sind die Auswirkungen der Smartphones auf das PDA-Segment. Während die ersten Handy-Hersteller zunehmend Organizer-Funktionen in die Telefone integrieren, sind bei den Handheld-Anbietern derartige Konvergenzgeräte noch Mangelware - man behilft sich mit GSM-Modulen, die auf den digitalen Assistenten gesattelt werden.

Die missliche Lage im PDA-Markt hat jedoch auch Vorteile, zumindest für die Kunden. Da die Lager voll sind und der Druck auf die Hersteller wächst, müssen diese ihre hohen Margen opfern, um überhaupt noch die reduzierten Prognosen zu erreichen. Folglich werden mittelfristig die Endkundenpreise sinken. Auch wenn die einschlägigen Hersteller und Analysten immer vehement abgestritten haben, dass sich der PDA-Markt mit dem stagnierenden PC-Geschäft vergleichen lässt, deutet alles darauf hin, dass die Anbieter der kleinen digitalen Begleiter inzwischen auf dem Boden der ganz normalen Wirtschaft angekommen sind: volle Bestände, sinkende Expansionsraten und Margen unter Druck. Welcher Hersteller sich dort ohne intensive Partnerschaften mit anderen IT-Lieferanten behaupten kann, wird sich noch in diesem Jahr zeigen.

Abb.1: Palms Quartalsumsätze

Schon das dritte Quartal fiel für Palm schwächer aus, doch es soll noch schlimmer kommen. Quelle: Palm

Abb.2: PDA-Marktanteile

In Europa ist Marktführer Palm immer noch unangefochten die Nummer eins. Quelle: Palm

Abb.3: Palms Nettoergebnisse

Erstmals schloss Palm ein Quartal mit negativem Nettoergebnis ab. Quelle: Palm