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Zwischen Profilierung und Kompetenz (Teil 3)

Das Postmonopol ist der IBM ein Dorn im Auge

28.03.1986

Als Systemlieferant und Kooperationspartner der Fernmeldeverwaltungen beim Angebot neuer Mehrwertdienste setzte IBM in den letzten Jahren zum Sprung auf den Telekommunikationsmarkt an. Der große Durchbruch in Europa blieb bisher aus - nicht zuletzt, weil sich die Armonker durch die staatlichen Fernmeldemonopole in ihren strategischen Zielsetzungen behindert sehen. Big Blue sucht daher das PIT-Monopol so weit wie möglich einzuschränken.

Im Unterschied zur Welt der Datenverarbeitung, wo der Marktführer nahezu ungehindert nach eigenem Belieben schalten und walten kann, muß sich IBM auf dem Feld der Telekommunikation insbesondere in Europa mit ernst zu nehmender, weil etablierter und potenter Konkurrenz herumschlagen: den staatlichen Fernmeldeverwaltungen, oft auch als "Gralshüter" des Monopols apostrophiert.

Sie erarbeiten die Normen und setzen die Standards für Netze und Endgeräte, treten als alleiniger Netzbetreiber und Diensteanbieter auf, entscheiden über die Zulassung von Enduser-Einrichtungen, sind der jeweils mit Abstand größte Abnehmer der nationalen Telecom-Industrien, erwirtschaften zudem auch noch dicke Gewinne - und all das als Ausfluß ihres Monopols. Mit diesem Instrument steuern die Fernmeldeverwaltungen direkt und indirekt einen wesentlichen Teil des Telekommunikationsmarktes: Allein in Europa wurden nach Branchenschätzungen im Jahr 1985 rund 150 Milliarden Dollar umgesetzt, das sind etwa fünf Prozent des in der Alten Welt erwirtschafteten Bruttosozialprodukts. 45 Prozent des Umsatzes oder 2,2 Prozent des europäischen Bruttosozialprodukts machte dabei die Informationsverarbeitung aus, 55 Prozent des Umsatzes oder 2,8 Prozent des Bruttosozialprodukts entfielen auf Telekommunikationsdienstleistungen und Endgeräte.

Angesichts dieser Größenordnungen, die sich mit der zunehmenden Verflechtung von DV- und Nachrichtentechnik und entsprechend mit dem Entstehen des ISDN in Zukunft noch vervielfachen werden, liegt es auf der Hand, daß auch die Industrie, insbesondere multinationale Konzerne wie IBM mit weltweiten Geschäftsinteressen, sich ein möglichst großes Stück aus dem Telecom-Kuchen herausschneiden wollen. Was liegt da näher, als die umfassenden Kompetenzen der Fernmeldeverwaltungen auf ein Minimum zurechtzustutzen?

Die Fernmeldeverwaltungen als Innovationsbremser

Big Blue hält da mit eigenen Vorstellungen über die künftige Rolle der europäischen PTTs nicht lange hinterm Berg. Auf nationaler wie auf EG-Ebene lassen die Repräsentanten des US-Multis keine Gelegenheit aus, das Fernmeldemonopol unter Beschuß zu nehmen, wobei die Palette der Kritikpunkte breitgefächert ist und mal hart, mal weich argumentiert wird.

So sorgt sich beispielsweise Kaspar V. Cassani, der Präsident der IBM-Europa-Zentrale in Paris, um die Konkurrenzfähigkeit der Alten Welt gegenüber den USA und Japan: "Europa muß weitere Fortschritte in Richtung auf offene, einheitliche und wettbewerbsfähige Telekommunikationsangebote machen, wenn es seinen Anteil am wachsenden Weltmarkt für solche Anlagen und Dienste erringen will." Mit den Beschränkungen der Vergangenheit riskierten die Europäer, ihre "beachtliche Leistungsfähigkeit" in der Telekommunikation aufs Spiel zu setzen. Hier und da fließt dann von seiten IBMs auch schon mal der Hinweis ein, daß die neuen Dienstleistungen natürlich auch neue Arbeitsplätze schaffen . . .

Dreh- und Angelpunkt der IBM-Argumentation gegen das Fernmeldemonopol ist die Forderung nach mehr Wettbewerb, nach einer Liberalisierung der abgeschotteten nationalen Märkte und, wie es der IBM-Deutschland-Chef Lothar F. W. Sparberg zum 75jährigen Firmenjubiläum formulierte, nach einer neuen Arbeitsteilung zwischen Post und Privaten.

Die Vereinigten Staaten als Vorbild für Europa

Dabei orientieren sich die Big-Blue-Manager vor allem an der Situation in den USA nach der Entflechtung des Telecom-Riesen American Telephone & Telegraph (AT&T) im Jahr 1984. Die Wunschvorstellungen der IBM für den europäischen Markt lassen sich demnach in etwa so skizzieren:

- eine flächendeckende Netzinfrastruktur, die auf Kosten eines Netzträgers erstellt wird und auf der alle übrigen Dienste erbracht werden können,

- Restriktionen bei der Zulassung von Endgeräten nur unter dem Aspekt, daß die Netzwerkfunktionalität nicht beeinträchtigt wird,

- Zulassung von Enduser-Einrichtungen in einem EG-Land schließt automatisch die Zulassung in allen übrigen Mitgliedsstaaten ein,

- Standardisierung der Netze nur bis zur Transportebene,

- Begrenzung des Monopols der Fernmeldeverwaltungen auf sogenannte Grund- oder Massendienste wie Telefon,

- Wettbewerb bei allen übrigen Diensteangeboten (Enhanced und Value Added Services) unter Beteiligung der PTTs,

- Dienstestandardisierung nur bei den Grunddiensten und

- Pauschaltarifierung bei Mietleitungen, das heißt billige Tarife für DV-Großkunden, wie Banken, Versicherungen, Fluggesellschaften etc.

Nicht auf der Prioritätenliste von Big Blue - zumindest nicht derzeit - steht dagegen die Übertragung des US-Modells auf Europa im Bereich der Netzträgerschaft. Angesichts des mörderischen Konkurrenzkampfes der sieben großen Carriers in den Vereinigten Staaten und nach den leidvollen Erfahrungen mit der eigenen Satellitenkommunikationstochter SBS ist IBM offenbar nicht gewillt, sich in absehbarer Zeit auch hier zu engagieren.

Aber auch ohne den Ruf nach Konkurrenz im Netzträgerbereich tun die PTTs die Attacken der IBM weh, zumal sich der DV-Marktführer in einer Front mit anderen gewichtigen Kritikern des Fernmeldemonopols weiß und er darüber hinaus auch noch deren Argumente in sein eigenes Repertoire aufnimmt.

Der Marktführer in einer Reihe mit seinen Kunden . . .

So unterstützt IBM unter anderem die Forderungen der großen DV-Anwender, die in der Regel natürlich auch Kunden von Big Blue sind, nach möglichst billigen Tarifen für die Datenübertragung oder warnt zusammen mit den Usern vor zu weit gehenden Standardisierungsvorschriften der Fernmeldeverwaltungen etwa beim Thema ISDN.

Die Reihe der Beispiele läßt sich noch beliebig fortsetzen, und auch die von Anwenderorganisationen wie der International Telecommunications Users Group (Intug) oder der International Chamber of Commerce (ICC) erstellten Papiere dokumentieren nachdrücklich, wie nahe sich Big Blue und seine Großkunden bei der Monopolistenschelte sind.

. . . mit der US-Regierung

Auf gleicher Wellenlänge funkt der DV-Multi auch mit der US-Regierung bei deren Protektionismusvorwürfen. Zur Verminderung seines horrenden Handelsbilanzdefizits drängt Washington seine westlichen Partner, daß diese ihre - aus der Sicht der Amerikaner - abgeschotteten Fernmeldemärkte endlich für ausländische Unternehmen öffnen, wie dies die USA im Zuge der Deregulierung von AT&T bereits getan haben.

In bilateralen Gesprächsrunden, die die Amerikaner nacheinander mit Vertretern der einzelnen europäischen Regierungen führen wollen, geht es dabei vorrangig um das Monopol und die darauf basierende Fernmeldepolitik. Den Auftakt bildeten im Dezember vergangenen Jahres in München die zweitägigen "fact finding talks" mit der Bundesregierung. Dabei sah sich Bonn mit einer ganzen Palette von Vorwürfen konfrontiert, die die US-Delegation mit der tatkräftigen Unterstützung ihrer DV- und Telecom-Großindustrie zusammengetragen hatte. Kritisiert wurden im wesentlichen

- die bestehenden Beschränkungen bei der Nutzung von Datennetzen.

Hier wurde und wird von den international operierenden Dienstleistungsunternehmen moniert, daß sie in der Bundesrepublik beim Betrieb ihrer Netze nur wenig flexibel sind, viel Geld dafür berappen müssen und auch noch strengen Auflagen seitens der Post unterworfen sind.

- die zu starke Standardisierung auf dem Endgerätesektor und die zu restriktiven Zulassungsbedingungen. Aus Sicht der USA stellen die Normen der Bundespost eine zu hohe Hürde für ausländische Anbieter dar, die auf dem deutschen Markt Fuß fassen wollen.

- die Beschaffungspolitik der Bundespost.

Hier bemängeln die USA, daß der deutsche Fernmeldemonopolist bei der Auftragsvergabe die heimische Telecom-Industrie unangemessen bevorzugt.

Nahezu die gleichen Punkte, wenn auch nicht als Protektionismusvorwurf formuliert, sondern als Plädoyer für mehr Wettbewerb, präsentiert so oder ähnlich Big Blue in seiner Argumentation gegen das Fernmeldemonopol.

. . . und mit der EG-Kommission

Unterstützung durch IBM - allerdings in diesem Fall wohl eher unfreiwillig - erfährt selbst die Brüsseler EG-Kommission, auch wenn ihre Initiative für die Harmonisierung und Vereinheitlichung der Telekommunikationsmärkte innerhalb der Gemeinschaft natürlich in erster Linie die Wettbewerbschancen der europäischen Industrie verbessern helfen soll und weniger die des DV-Marktführers aus den USA, wenngleich auch er davon sehr wohl profitiert.

Es verwundert daher nicht, daß trotz dieser unterschiedlichen Zielsetzungen Big Blues Bemühen um eine Öffnung der Märkte mit dem der EG-Kommission auf den ersten Blick nahezu konform erscheint (und sich IBM darüber hinaus auch noch als "guter Europäer" profilieren kann), wie das folgende Beispiel zeigt. Kaspar V. Cassani, Armonks Statthalter in Europa, propagiert einen "gemeinsamen und auf Wettbewerb basierenden Markt", der auf folgenden Prämissen beruht:

- einer gemeinsamen technischen Infrastruktur, bei der die Kompatibilität der nationalen "basic services networks" gewährleistet ist;

- einer offenen Beschaffung der für diese "basic services networks" erforderlichen zentralen Vermittlungstechnik sowie auf der Beseitigung nicht-tarifärer Handelsbarrieren;

- der Beschaffung von Enduser-Einrichtungen auf Wettbewerbsbasis;

- vereinfachten Zulassungsbestimmungen bei Endgeräten;

- der Zulassung von sogenannten Mehrwertdiensten im Wettbewerb. Die vergleichbaren Positionen der EG-Kommission unterscheiden sich meist nur um Nuancen und zudem erst im Detail.

Doch es ist im Grunde unerhebliche wo IBM überall Verbündete sucht beim Angriff auf die staatlichen Fernmeldemonopole, ob bei seinen Kunden, ob bei der US-Regierung, ob bei der EG-Kommission (oder ob auf nationaler Ebene, wie in der letzten Folge am Beispiel der Bundesrepublik dargestellt wird) - bemerkenswert am Vorgehen der Armonker ist, daß sie die für den Markt der Datenverarbeitung und -kommunikation entwickelte Strategie offenbar nahezu unbesehen auch auf den gesamten Telekommunikationssektor übertragen wollen.

SNA deckt auf der Anwendungsebene alles ab

Das heißt im Klartext: Statt einer Standardisierung bis in die Anwendungsebene und damit bis in die Endgeräte hinein hält IBM eine Standardisierung bis in die Transportfunktionen für völlig ausreichend. Alles, was darüber hinausgeht, wird entweder mit kundenspezifischen SNA-Lösungen abgedeckt oder ist über entsprechende Value-added-Dienstleistungen verfügbar, die nach der Lockerung des Fernmeldemonopols von mehreren Wettbewerbern, darunter natürlich auch von oder IBM, angeboten werden. Die freizügige Anschaltung einer Vielzahl von Endgeräten an die Netze sorgt dann automatisch sowohl für die entsprechende Nachfrage nach Enduser-Equipment als auch nach neuen Dienstleistungen.

Der Rubel rollt mithin ganz von alleine, vorausgesetzt, die Rechnung von Big Blue geht auf.