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16.02.1990

Das Programm SARA bildet grammatikalisch richtige Sätze

Um zu fabulieren, brauchen Computer nicht unbedingt Shakespeare oder Goethe durch die Mangel zu drehen - es geht auch ohne literarische Vorlage. Das beweist SARA, ein Programm, das im Rechenzentrum der Universität Zürich installiert ist. SARA produziert dem Vokabular verschiedene Kleinlexika (sie enthalten Wörter zu einem bestimmten Thema) grammatikalisch verstehbare Zufallssätze.

Eine Veränderung des Systems führt zu Veränderungen der Wortwahl, der Aktionsebenen und des syntaktischen Gefüges. Sozusagen auf Tastendruck kann SARA ihrer Poesie einen Hauch von Zerfahrenheit, Witz, Klebrigkeit, Depression oder Panik verleihen. Hier eine Kostprobe zum Thema "Wüste":

Wahrlich, die Beduinin schläft vor der gelben Schlange zitternd. Nicht reitet der Beduine im Teich.

Plötzlich frißt der Tiger am Abend das Feuer hinter der tiefen Sonne und das Kamel reitet vor der Sonne zitternd!

Seufzend schläft der Skorpion in der trockensten Sonne,

dann sitzt der Löwe vor dem trockensten Wasser.

Der Schöpfer von SARA, der Zürcher Gynäkologe Ulrich Müller, verfolgt mit seinen Sprachcomputereien eine doppelte Absicht. Einerseits möchte er herausfinden, was dahinter steckt, wenn ein bestimmter Text bestimmte Leser kaltläßt und andere zum Mitschwingen bringt. Erste Hinweise darauf erhofft sich Müller von computerisierten Textanalysen.

Das elektronische Sezieren von Literatur soll andererseits jene Regeln offenbaren, die SARA eines Tages befähigen könnten, stilechte Poesie zu produzieren. "Wenn der Literatur-Redaktor einer renommierten Zeitung Künstlertexte und SARA-Output nicht mehr auseinanderhalten kann", meint Müller schelmisch, "wäre das ein großer Triumph für mich."

Noch ist SARA allerdings nicht so weit. Ihr jetziges Vokabular ist zu klein, um hintergründig-tiefsinniges zusammenzuschustern: "SARA geht noch zur Schule", räumt ihr geistiger Vater ein. "Aber SARAs Horizont erweitert sich laufend. Sie wird lernen, längere Geschichten zu dichten und dabei den roten Faden nicht zu verlieren. Momentan leidet SARA an keinen psychischen Störungen. Wenn ich aber ihre Filter ändere, kann sie auch in den Randzonen der psychischen Normalität spazieren gehen." Das liest sich dann etwa so:

Wahrhaftig, die Schlange schwimmt in der fahlen Gegenwart behutsam.

Plötzlich riecht sie sorgfältig den blassen Schleim in der fahlsten Zukunft,

und sie trinkt den schwarzen Teufel vor dem fahlen Feuer nicht!

Wütend trinkt sie den giftigen Schleim auf dem fahlen Garten,

dann denkt sie im grausigen Garten stürmisch . . .

Talent zeigt SARA auch als Stil-Imitatorin. Hier ein Text von Thomas Bernhard ("Der Stimmenimitator", Frankfurt am Main 1982) und eine von SARA verfremdete Version:

Original von Th. Bernhard: Sorgfalt

Ein des Mordes an einer schwangeren Frau angeklagter Postbeamter hat vor Gericht angegeben, er wisse nicht, warum er die Schwangere umgebracht habe; er habe sein Opfer aber so sorgfältig als nur möglich umgebracht. Auf alle Fragen des Gerichtsvorsitzenden hatte er immer nur das Wort "sorgfältig" gesagt, worauf das Verfahren eingestellt worden ist.

Imitation von Sara Bernhard: Pfählung

Ein der Pfählung eines Chorknaben angeklagter Theologieprofessor hat am Hochzeitstag seiner Tochter angegeben, er wisse nicht, warum er das Opfer umgebracht habe, er habe es aber so behutsam als nur möglich umgebracht. Auf alle Fragen des Gerichtsvorsitzenden hatte er immer nur das Wort langsam gesagt, worauf er am Abend zerstückelt neben dem Geleise gefunden worden ist.