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Erfahrungen eines indischen IT-Beraters


23.06.2000 - 

Das Projekt war der Anreiz, nach Deutschland zu kommen

Die hohen Wogen der Green-Card-Diskussion sind etwas abgeklungen. Der amerikanische IT-Dienstleister CBSI beschäftigt weltweit 5200 Mitarbeiter, davon 1500 in Indien. Im CW-Gespräch* mit Melroy Pereira, Software Consultant, und Morten Rohlfes, Geschäftsführer von CBSI Deutschland, ging es um Karrierechancen und die Attraktivität des IT-Standortes Deutschland. CW:CBSI setzt bei seinen Projekten weltweit indische IT-Berater ein. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Bewerber aus?

ROHLFES: Entscheidend sind die Persönlichkeit und die IT-Kenntnisse. Zusätzlich bereiten wir die neuen Mitarbeiter kulturell darauf vor, was sie in der westlichen Welt erwartet.

CW: Welche Aspekte sind dabei besonders wichtig?

ROHLFES: Unsere indischen Kollegen müssen vor allem die westlichen Kommunikationsstrategien und Strukturen kennen, denn sonst können sie mit ihrer freundlichen Art schnell in Schwierigkeiten kommen. Besonders für die Projektarbeit in Deutschland halte ich diese Kenntnisse für existenziell wichtig.

CW: Haben Sie Schwierigkeiten, die begehrten indischen IT-Experten für CBSI zu gewinnen?

ROHLFES: Wir haben einige Vorteile gegenüber der Konkurrenz: Unser Geschäftsführer ist Amerikaner indischer Abstammung und kennt sich hervorragend mit den Ausbildungsinstituten in Indien aus. CBSI hat dort nicht nur eine der größten indischen Niederlassungen, sondern sponsert auch einen Studiengang am Indian Institute of Technology. Das sind alles Faktoren, die die Rekrutierung erleichtern. Trotzdem wird es mit dem großen Bedarf an Experten auch für uns schwieriger.

CW: Herr Pereira, Sie sind Softwareexperte, haben in Indien studiert und arbeiten bereits seit zwei Jahren in Deutschland. Weshalb haben Sie sich für einen Arbeitsplatz in diesem Land entschieden?

PEREIRA: Für mich war das Projekt entscheidend, nicht das Land. Ich arbeite seit zwei Jahren in München für Peoplesoft an der Entwicklung und dem Design eines Payroll-Programms. Als ich von CBSI dieses Angebot bekam, interessierte mich das Projekt mehr als der Arbeitsort.

CW: Ist es schwierig, einem indischen IT-Consultant den Arbeitsplatz in Deutschland schmackhaft zu machen?

ROHLFES: 80 Prozent von unseren indischen Kollegen wollen in die USA. Dort laufen aus ihrer Perspektive die interessantesten Projekte, sie haben keine Sprachprobleme und wissen, dass es dort Gesetze gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz gibt. Die teilweise verbreitete Fremdenfeindlichkeit hier ist ein weiteres Problem, von dem auch in den ausländischen Medien berichtet wird. In Indien wird diese Entwicklung sehr genau verfolgt. Das schreckt natürlich ab. Das ist sowohl in wirtschaftlicher als auch in gesellschaftlicher Hinsicht ein sehr großer Nachteil.

CW: Herr Pereira, wie haben Sie sich in München eingelebt?

PEREIRA: Ich fühle mich wohl, allerdings würde ich mir wünschen, dass die Leute etwas freundlicher und offener sind. Das würde vieles einfacher machen. Die größten Probleme sind das Wetter und das Essen. Für mich ist es hier einfach die meiste Zeit zu kalt. Da die Mehrzahl meiner Landsleute Vegetarier sind, wird Essen zu einem echten Problem, besonders in Bayern.

CW: Merken Sie etwas von der Fremdenfeindlichkeit?

PEREIRA: Ich persönlich nicht. Das wäre für mich ein Grund, das Land zu verlassen. Ich bin hoch qualifiziert und stelle mein Wissen einem fremden Land zur Verfügung. Wenn ich den Eindruck hätte, ich bin nicht willkommen, wäre ich auch nicht bereit, hier zu bleiben.

CW: Was ist denn die Geschäftssprache an Ihrem Arbeitsplatz?

PEREIRA: In meiner Projektgruppe ist Englisch Geschäftssprache. In meiner Freizeit lerne ich zwar Deutsch, aber es dauert. Die Sprache ist im Alltag hier eine weitere Schwierigkeit. Das ist auch der Grund, weshalb die USA oder Großbritannien interessantere Ziele sind.

CW: Ist CBSI Ihr erster Arbeitgeber nach der Universität?

PEREIRA: Nein, ich habe in Indien schon zwei Jahre für Siemens gearbeitet, bevor ich zu CBSI ging. Über Siemens bekam ich ein positives Deutschland-Bild. Siemens steht in Indien für eine eigene Arbeitskultur; wir sind beispielsweise von der Pünktlichkeit sehr beeindruckt.

CW: Wie sah Ihre Ausbildung aus?

PEREIRA: Nach der Highschool studierte ich am College und besuchte ein privates Weiterbildungsinstitut, um meine Computerstudien zu vertiefen. Dort arbeiteten wir in einer Art "Real-life-Training" und konnten uns mit den neuesten Entwicklungen beschäftigen. Ich habe einen Abschluss in Computer-Science und meinen Master in Commerce.

CW: Weshalb ist Informatik als Studienfach so beliebt in Indien?

PEREIRA: Informatik ist ein neues und kreatives Fach. Wir sind in vielen Bereichen ein technologisch hoch entwickeltes Land. Mich ärgert, dass hier in den Medien immer nur Armutsbilder gezeigt werden und ein schlechtes Image vermittelt wird. Es gibt viele Leute mit hervorragenden IT-Kenntnissen. Mich fasziniert vor allem der IT-Spirit in der Branche.

CW: Was verstehen Sie unter IT-Spirit?

PEREIRA: Die Leute in der IT-Branche sind hoch qualifiziert, die Branche ist global und ständig in Veränderung. Man kann richtig zusehen, wie sich alles bewegt. Das ist eine ständige Herausforderung. Dafür sind gute Kenntnisse und ständige Weiterbildung notwendig. Jobhopping ist deshalb eher die Regel, da man immer da sein möchte, wo neue Trends entstehen.

CW: Sehen Sie kulturelle Unterschiede zwischen indischem und deutschem IT-Spirit?

PEREIRA: Wenn ich von mir ausgehe, würde ich sagen, ich bin stärker arbeits- und karriereorientiert. Ich gebe immer 100 Prozent. Freizeit ist mir zwar auch wichtig, aber ich bilde mich auch ständig privat weiter.

CW: War Deutschland für Sie ein kultureller Schock?

PEREIRA: Es gibt große kulturelle Unterschiede. Familie und Freunde sind sehr wichtig für mich. Ich habe oft das Gefühl, dass meine Kultur und meine Werte attackiert werden. Fast alle meine Freunde kommen ebenfalls aus Indien. Das soziale Leben gestaltet sich hier eher spärlich.

CW: Können Sie sich vorstellen, für immer in Deutschland zu leben?

PEREIRA: Nein, auf keinen Fall. Das gleiche gilt für die USA. Das Wertesystem ist einfach zu unterschiedlich. Spätestens wenn ich Kinder habe, muss ich mir genau überlegen, wo sie einmal aufwachsen sollen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deutschland ein idealer Ort wäre.

*Das Gespräch führte Ingrid Weidner, die als freie Journalistin in München arbeitet.