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25.09.1992 - 

Repository-Rückzug der IBM hat den Markt verunsichert

Das Renommee des Markführers ist angekratzt

Als die IBM im September 1989 ihr AD/Cycle-Konzept und dessen Herzstück, den Repository Manager/MVS, vorstellte, atmeten die CASE-Vordenker auf: Jetzt, da der Markführer das Computer Aided Software-Engineering propagierte, würden ihre Ideen auch in den Führungsetagen der großen Anwenderunternehmen ernstgenommen werden. Knapp drei Jahre später ist dieser Traum fürs erste ausgeträumt. Nachdem die Versionen 1 und 2 des Mainframe-Repositories durchweg schlechte Noten bekamen, hofften die Pilotanwender auf eine verbesserte dritte Ausführung; die wird es aber nicht geben. Konkrete Erfahrungen mit der Metadatenbank konnte nur eine Handvoll Software-Entwickler sammeln. Doch viele andere haben sich ebenfalls an der von IBM angezeigten Richtung orientiert - und befinden sich plötzlich in einer Sackgasse. Ihrer selbstgewählten Rolle als Wegweiser der Branche ist die IBM wieder einmal nicht gerecht geworden.

Der ursprüngliche - nur IBM-intern benutzte - Name steckt voller ungewollter Komik: "AD/Vision" hatte das Anwendungsentwicklungskonzept heißen sollen, und eine Vision wird es bis auf weiteres bleiben. Weder gibt es für das in Aussicht gestellte objektorientierte LAN-Repository einen Zeitplan, noch mögen Marktbeobachter und Anwender darauf wetten, daß IBM dieses Unterfangen erfolgreich abschließen wird.

Das Vertrauen in den blauen Riesen ist erschüttert; aus den Stellungnahmen der Anwender spricht Resignation. Zwar ist kaum einer bereit, mit seinem Namen dafür zu stehen, doch hinter vorgehaltener Hand fallen unmißverständliche Worte: Die Rede ist von einem Renommee-Verlust des Anbieters und von der Verunsicherung des Marktes.

In der Vergangenheit hätten sich die User darauf verlassen können, so der Tenor, daß die IBM ihre Statements of Direction in die Realität umsetze - auch wenn die ersten Produktversionen oft noch zu wünschen übrig ließen wie bei dem relationalen Datenbank-Management-System DB2. Jetzt habe sich die Hoffnung, daß IBM "es schon richten" werde, als Illusion entpuppt. Die Konsequenz daraus ist eine gewachsene Skepsis auf seiten der Kunden. "Künftig werden wir die Ankündigungen der IBM kritischer prüfen", faßt einer von ihnen die vorherrschende Meinung zusammen.

Dabei ist das Konzept an sich eigentlich recht plausibel: Ihrer eigenen Ankündigung zufolge hatte die IBM mit dem Repository eine auf DB2 basierende Plattform für die Integration unterschiedlicher Anwendungsentwicklungs-Werkzeuge zur Verfügung stellen wollen. Mit Hilfe des Repository Managers sollten alle für die Software-Erstellung relevanten Unternehmensdaten erfaßt und verwaltet werden. Als Orientierungsrahmen war das Information Model geplant, an dem die IBM im übrigen noch fleißig arbeitet.

Doch schon bei der Ankündigung war Mother Blue kritisiert worden, weil sie ihr Konzept in erster Linie auf das Großrechner-Betriebssystem MVS stützen wollte (vgl. CW Nr. 40 vom 29. September 1989, Seite 1: "IBM-Repository vorerst nur für Mainframe-Kunden"). Außerdem beobachteten die Branchenauguren mit wachsender Sorge, wie IBM einen Partner nach dem anderen ins AD/Cycle-Boot zog und selbst kaum etwas zur Realisierung dieses Entwurfs beitrug.

AD/Cycle ist ein Phantom", urteilt Dieter Mutschmann-Sanchez, ehemals Manager im Wiener Software-Labor der IBM und heute im Rang eines Direktors für die österreichische Niederlassung der Oracle Corp. tätig. "Es ist wie ein abstraktes Gemälde; man muß sehr viel an eigener Leistung hinzufügen, um dieses Bild als AD/Cycle zu erkennen."

Nach Ansicht des österreichischen CASE-Experten ist das Konzept von seiner Architektur her bereits überholt. Während bei den CASE-Umgebungen anderer Anbieter jedes Werkzeug eine geschlossene Einheit bilde und lediglich über geeignete Daten-Schnittstellen mit den anderen kommuniziere, verlange die IBM, daß die - zumeist von Dritten zur Vefügung gestellten - Tools alle Zwischenergebnisse im Repository ablegen können. "Diese Architektur ist unrealistisch, weil hier nicht ein gut aufeinander abgestimmtes Toolset durch den Lifecycle führt, sondern eine Reihe von zur extremen Öffnung gezwungenen Werkzeugen, die alle über das Repository arbeiten müßten."

Solche Tools existierten kaum, konstatiert der Oracle-Manager, und sie herzustellen sei sehr aufwendig. Außerdem könne der Benutzer ohnehin wenig damit anfangen, daß die Werkzeuge sich sozusagen interfunktionell überlappen.

Der Zweck, den die IBM damit verfolgt habe, war laut Mutschmann-Sanchez, eine gute Cross-Lifecycle-Kontrolle zu ermöglichen und so die Tools der unterschiedlichlichen Softwarepartner einfacher kombinierbar zu machen. Dabei habe der Anbieter allerdings nicht bedacht, daß er die Benutzer dadurch mit einem enormen Aufwand an Integrationsarbeit belasten würde. Die Konsequenz daraus sei nämlich die Notwendigkeit eines geradezu monströsen Repositories. "Und wie sich das für solch ein Monster gehört, ist es irgendwann einmal niedergebrochen", spottet der ehemalige IBM-Mitarbeiter.

Rund ein Dutzend deutscher Anwenderunternehmen hatten sich das Monster ins Haus geholt; eine weitere Handvoll stand kurz davor, ein entsprechendes Lizenzabkommen zu unterzeichnen. Nach Angaben der Stuttgarter IBM-Zentrale hat zwar keiner dieser Kunden tatsächlich mit dem Repository Manager gearbeitet, doch in den strategischen Überlegungen vieler Großunternehmen spielte die Metadatenbank eine tragende Rolle. Daß die jüngste IBM-Entscheidung die Anwender wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf, zeigt sich unter anderem daran, daß nur wenige bereit sind, über die Konsequenzen für das jeweilige Unternehmen zu sprechen.

Mit einem blauen Auge davon gekommen ist das Bundesamt für Wehrverwaltung in Bonn. Wie der Leiter des unter anderem für Anwendungsentwicklungsumgebungen zuständigen Referats ZD3, Adolf-Peter Bröhl, berichtet, war die Behörde gerade im Begriff, den Repository Manager/MVS zu installieren, als der Anbieter seine strategische Kehrtwendung bekannt gab.

Bröhl setzt seit 1986 auf die Information Engineering Workbench (IEW) beziehungsweise die Application Development Workbench (ADW) des AD/Cycle-Partners Knowledgeware. Voraussichtlich gegen Ende dieses Jahres wird das außerhalb der USA über Ernst & Young vertriebene Anwendungsentwicklungs-System um eine Host-Komponente ergänzt. "Was die Entwurfsphase angeht, so nehmen wir dieses Instrument zunächst einmal als Ersatz für das Repository", erläutert der Bundeswehr-Informatiker.

In bezug auf seine tägliche Arbeit mußte Bröhl also eigenen Angaben zufolge durch den Rückzug des blauen Riesen keine Nachteile hinnehmen. Er habe sich ohnehin nicht unmittelbar an der IBM orientiert, weil dort kaum Know-how vorhanden gewesen sei. "Von daher tut es uns nicht allzu weh, wenn wir die Sache jetzt ohne IBM weitermachen müssen", lautet sein Fazit. Zwar mißt Bröhl der Idee eines Repositories "sicher eine zentrale Bedeutung" bei, aber es müsse schließlich nicht unbedingt das IBM-Repository sein. Die MSP GmbH in Pinneberg sowie die R&O GmbH in München bieten seit vielen Jahren schon Data-Dictionary-Produkte für den Mainframe an.

Gleichwohl sieht Bröhl die Tatsache, daß der Repository Manager/MVS ein derart unrühmliches Ende genommen hat, mit Bedauern - wegen des "Marketing-Aspekts", wie er sich ausdrückt. "Damit ist es für Leute wie mich ungemein schwierig geworden", klagt der DV-Manager, der sich auf mehreren Kongressen einen Namen als CASE-Experte gemacht hat. Von dem jetzt eingetretenen Vertrauensverlust gegenüber der IBM sei die "ganze Sache" betroffen: "Die Gegner der CASE-Welt nehmen das zum Anlaß, um den gesamten Ansatz als Quatsch hinzustellen."

Auch Mutschmann-Sanchez registriert die negativen Auswirkungen der neuen IBM-Politik auf die CASE-Entwicklung insgesamt: "Die IBM hat der systematischen Anwendungsentwicklung einen Bärendienst geleistet", resümiert er. "Sie hat die Kundenerwartungen auf AD/Cycle fokussiert und dann enttäuscht, weil ewig nichts Vernünftiges dabei herauskam."

Zwei Seelen wohnen denn auch in der Brust von Franz Neef, bei der DG Bank in Frankfurt verantwortlich für Daten- und Funktionsmodellierung.

Seit Mitte der 80er Jahre arbeitet der Dachverband der Volks- und Raiffeisen-Banken mit dem Data Manager von MSP. Da das passive Dictionary-Produkt nicht mehr dem Stand der Technik entsprochen habe, stellte Neef vor etwa einem Jahr den Einsatz des IBM-Repositories zur Diskussion. Dabei ist es jedoch bislang geblieben: "Uns war relativ bald klar, daß wir uns zunächst einmal verschlechtern wüden", berichtet der Frankfurter.

Jetzt fühlt sich der DV-Experte in gewisser Weise bestätigt: "Wir haben eine abweichende Position vertreten und gesagt, daß wir, bevor wir unsere funktionierende Umgebung aufgeben, wissen wollen, was wir konkret als Gegenleistung bekommen." Neef behielt recht mit seinen Zweifeln daran, daß das IBM-Modell "in dieser Form" erfolgreich sein würde.

In Triumpfgeheul mag der CASE-Experte deswegen noch lange nicht ausbrechen - im Gegenteil: "Mir wäre es lieber gewesen, wenn ich mich in meinen Vorahnungen getäuscht hätte; denn die Notwendigkeit eines aktiven Repositories bleibt nach wie vor bestehen." Der Data Manager sei in dieser Hinsicht keine Alternative, aber er funktioniere wenigstens.

Andere Anwender sind da möglicherweise schlechter dran: Sie hatten und haben das Data-Dictionary (DD) der IBM im Einsatz, das nach Ansicht von Analysten und Anwendern mit eklatanten technischen Mängeln behaftet ist. Um diese Kunden bei der Stange zu halten, spricht IBM Empfehlungen für die Reischmann-Informatik GmbH, München, aus, die unter der Bezeichnung "Toolbus" eine Reihe von Schnittstellen-Produkten anbietet - unter anderem für die Verbindung zwischen dem DD und diversen CASE-Werkzeugen.

Die Aussicht auf ein LAN-basiertes Repository wird von den deutschen Anwendern keineswegs mit ungeteilter Begeisterung aufgenommen. Viele halten an der von IBM geprägten Vorstellung eines "Single Point of Control" fest und akzeptieren ein verteiltes Datenverzeichnis allenfalls als eine Ergänzung zur zentralen Metadatenbank.

Neef hingegen steht dem Repository-Downsizing grundsätzlich positiv gegenüber: "Ein LAN-Repository scheint mir die einzige Möglichkeit, einen qualitativen Schritt nach vorn zu tun." Allerdings rechne er damit, daß eine solche Lösung in einem Unternehmen wie der DG Bank, "wo die Mainframe-Kultur relativ unerschüttert dasteht", Probleme aufwerfen wird. "Voraussetzung dafür, daß ein derartig komplexes System wie ein LAN-basierter Repository Manager überhaupt existieren kann, ist, daß die Unternehmenskultur eine solche Technologie verinnerlicht."

Nach Ansicht von Mutschmann-Sanchez rückt die IBM mit der Ankündigung eines LAN-Repositories gleichzeitig von ihren allzu hochgesteckten Zielen ab. "Das zentrale Repository hatte den Anspruch, alles zu kontrollieren; den erhebt das LAN-Repository nicht - jedenfalls nicht in dieser zentralistischen Form. Der Anwendungsentwickler weiß hier, daß er sich, wenn er auf das Informationsmodell zugreifen will, den Zusammenhang erst erarbeiten muß." Der für das MVS-Repository erträumte hohe Automatisierungsgrad werde auf der LAN-Ebene nicht angestrebt.

Diesen Rückzug hält der Oracle-Manager für notwendig. Die IBM müsse ihr Konzept vereinfachen und Zusammenhänge schaffen, die auch für die Mitarbeiter in den Entwicklungsabteilungen nachvollziehbar seien. Auf diese Weise müßten nicht mehr "Stäbe von Spezialisten wie Hohepriester etwas interpretieren, das kein Mensch mehr versteht". Allerdings werde damit gleichzeitig die Idee eines allmächtigen Repositories ad absurdum geführt: "Das kann ich mit lokalen und verteilten Repositories leichter haben."