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24.01.1975

Das Selbstverständnis der EDV-Spezialisten

MÜNCHEN - "Nestbeschmutzer" werden in der Bundesrepublik diejenigen ein wenig verächtlich genannt, die zurecht oder auch unberechtigt öffentlich als Kritiker der eigenen "Zunft" auftreten.

In den Vereinigten Staaten hat es jetzt Donald Ziter, Leiter der System-Analyse der Permutit Co., in Paramus, New Jersey, (einer bedeutenden Anwenderfirma) gewagt, das Selbstverständnis seiner eigenen Berufsgruppe scharf in Zweifel zu ziehen. Er wirft nämlich den Datenverarbeitern in den amerikanischen Anwenderfirmen schlichtweg vor, "als Berufsgruppe bisher hauptsächlich damit beschäftigt gewesen zu sein, die EDV-Anlagen zu vergrößern, beziehungsweise sie stets auf den neuesten, technischen Stand zu bringen und, >eingehüllt in Technik, vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen zu haben<."

Auftraggebern geholfen?

Zitter erklärt dazu schonungslos: "Wir haben in dieser Situation einfach zu wenig Zeit gehabt, unsere Maschinen so einzusetzen, daß sie unseren Arbeit- beziehungsweise Auftraggebern auch wirklich mit entscheidenden Problemiösungen geholfen hätten."

Seinen Zündstoff hat Zitter mit exakt abgepaßtem timing "explodieren" lassen. Vor dem Hintergrund einer anhaltender Stagflation, exorbitanter Kostensteigerungen (zum Beispiel Papierpreiserhöhungen) und drohender DV-Budget-Kürzungen für 1975 (Computerwoche 1/2 vom 10. Januar 1975 In den USA: "Düstere Aussichten für 1975"); angesichts einer lebhaften Dlskussion in der amerikanischen Öffentlichkeit um einen vollständigeren, gesetzlich verankerten Datenschutz. Im Hinblick auf einen, von der "Society of Certified Data Prosessors" (SCDP) eingebrachten Gesetzentwurf, das Berufs- und Ausbildungsbild des Datenverarbeiters gezetzlich zu regeln beziehungsweise zu schützen.

Mangelhafte Imagepflege

Auf letztere, von ihm bejahten Bestrebungen anspielend, meint Zitter: "Wir waren mit unserem Klagegeschrei um berufliche und gesetzliche Anerkennung zu nachlässig." Die EDV'ler hätten zwar richtigerweise und mit Nachdruck in der Öffentlichkeit darauf hingewiesen, daß der Bereich Datenverarbeitung einen komplexen Bestandteil der technologischen Gesamt-Entwicklung darstelle.

Nach Zitters Ansicht sei jedoch versäumt worden, eine Verbindung herzustellen zwischen der Technologie, "die wir beherrschen, und den Problemen, die durch deren Anwendung gelöst werden können".

Das tun die anderen

Was er damit meint, erläutert er mit folgenden Vergleichen: Ein Mediziner gebrauche sein Wissen, um Patienten zu behandeln. Der Jurist stelle durch sein juristisches Wissen und durch die Bewertung von Präzedenzfällen sicher, daß alle amerikanischen Bürger vor dem Gesetz gleich sind. Kurz gesagt: Jede dieser Berufsgruppen arbeite mit ihren speziellen Wissensgrundlagen in erster Linie darauf hin, die Probleme anderer zu lösen.

Zitter fragt in diesem Zusammenhang: "Kann man das auch von unserer Berufsgruppen behaupten? Haben wir die Zielsetzungen unserer Auftraggeber mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln wirksam unterstützt? Ich glaube, genau das Gegenteil ist der Fall!" Bezeichnend sei zum Beispiel der kurzsichtige Blickwinkel, unter dem Datenverarbeiter für offene Stellen gesucht werden.

Zitter fragt: "Stellen wir dabei folgende essentiellen Beurteilungskriterien bei einem Bewerber in den Vordergrund: Die Fähigkeit, eine Situation mit logischer Konsequenz anzugehen. Die ihr innewohnenden Probleme klar zu definieren; die Lösung organisch zu gliedern und letzten Endes diese Zielsetzung bis zur endgültigen Lösung energisch zu verfolgen"?

Stellenangebote "a la EDV"

Die antwort darauf lautet nach Zitters Überzeugung: "Nein". Stattdessen würden die Bewerber in den Stellenangebots-Anzeigen und in Vorstellungs-lnterviews mit der Forderung nach früheren Berufserfahrungen mit bestimmten EDV-Anlagen- und Betriebssystemen konfrontiert. Zum Beispiel mit: OS VS II in Verbindung mit einer 370/145 und 15/3330 Platten und sieben Bandeinheiten, "die CICS in einem >Cobol-Laden< am Freitag liefern. Ein gleichermaßen qualifizierter Bewerber, der "nur" in einem "Montag- bis Freitag-Rhythmus" unter gleichen Voraussetzungen gearbeitet hat, müßte bei dieser einseitigen Auffassung sogar mit einer Absage rechnen.

Bessere "Schreiberlinge"

"Das ist jedoch kein fachlich und sachlich gerechtfertiger Standpunkt", betont Zitter. Anstatt sich ausschliesen mit DV-Technik zu befassen, sollte lieber nach rationellen Anwendungsbereichen gesucht und darüber nachgedacht werden, wie der effektive Einsatz dieser Technologie besser dazu beitragen kann, die Probleme unserer Auftraggeber zu bewältigen. "Der Computer, einschließlich aller gängigen Betriebssysteme, Compiler und Projekt-Management-Systeme ist nur Werkzeug, ein Hilfsmittel, aber kein Endprodukt", betont Zitter. "Solange wir das nicht erkannt haben und uns nicht bei unserer Arbeit danach richten, werden unsere Auftraggeber, so fürchte ich, sehr bald der Überzeugung sein, daß wir nichts weiter als Techniker sind. Spezialisierte Arbeitskräfte, die viel eher als >bessere Schreiberlinge< behandelt werden können, denn als Professionelle, wie wir dies fordern."