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22.06.1990 - 

Die Perspektive " Wettbewerbsvorsprung" reicht nicht weit genug

Das "Werkzeug" Büro und seine globale Vernetzung

"Bürokommunikation" ist wohl einer der schillerndsten Begriffe, die gegenwärtig im Sektor Informationsverarbeitung kursieren. Immer und überall soll dieses kaum definierte Tool unter dem Aspekt des zu erzielenden Wettbewerbsvorspungs eingeführt werden. Der Autor des folgenden Artikels befaßt sich eingehend und kritisch mit diesem Phänomen.

Wer sich als Wissenschaftler mit Entwicklung und Nutzung der luK-Techniken im Büro auseinandersetzt, wird schnell mit einem "Alltagswissen" über die näheren und ferneren Entwicklungen und Anwendungen der Büroautomation und -kommunikation und mit

Vorstellungen, wie diese Büro und Büroarbeit verändern werden, konfrontiert. Die Konturen sind zwar nicht immer scharf, aber es fällt auf, daß ein weitgehend einheitliches Bild zum Vorschein kommt. Davon abweichende Vorstellungen sind relativ selten. In

vielen Beschreibungen ist das Büro ein zentral organisiertes, mit Hilfe von luK-Techniken immer stärker vernetztes und integriertes System. Die Vokabeln lauten: Integration, Systemintegration und -anbindung, Vernetzung, Flexibilität sowie Unabhängigkeit

von Ort und Zeit. Seltener, seit ein bis zwei Jahren jedoch in zunehmendem Maße, werden auch Bilder entworfen, in denen der unvernetzte Personalcomputer oder autonome Gruppen- beziehungsweise Abteilungsrechner-Systeme den Mittelpunkt bilden.

Technik-Nutzungspfad dient als Orientierung

Das Bild vom vernetzten und integrierten Büro herrscht nicht nur in den Betrieben vor, sondern ist ähnlich bei IuK-Herstellern, Betriebsinformatikern und sich kritisch verstehenden Wirkungsforschern zu finden. Es gibt eine weitgehend einheitliche Sichtweise, wie in naher und weiterer Zukunft die IuK-Techniken in den Betrieben und jeweiligen Branchen eingesetzt werden. Allerdings endet die Gemeinsamkeit dann, wenn es um die Bewertung der Auswirkungen auf Arbeit, Arbeitsorganisation oder Gesellschaft geht. Dieser Technik-Nutzungspfad dient mehr oder minder unbewußt als Orientierung für die Informatik und wirkt zugleich handlungsleitend für die betrieblichen Systemgestalter.

Dies könnte darauf verweisen, daß Entwicklung und Nutzungspfad technisch determiniert oder von ökonomischen Zwängen gesteuert werden, so daß sich die heutigen Nutzungskonzepte der IuK-Techniken relativ unkompliziert und unmittelbar einsichtig fortschreiben lassen. In vielen Technikmodellen wird implizit diese Zwangsläufigkeit des technischen Wandels unterstellt und davon ausgegangen, daß zukünftige Entwicklungsverläufe relativ frühzeitig erkennbar sind und mit großer Wahrscheinlichkeit auch eintreten werden.

Ich vermute, daß sowohl im "Alltagswissen" wie in den Fachdisziplinen der Blickwinkel zu eng ist und einiges von dem zudeckt, das auch im Interesse eines sozialorientierten Gestaltungseinflusses offengelegt werden sollte. Sichtweisen von technischen und ökonomischen Zwängen sind deshalb nicht gänzlich bedeutungslos, sie können aber auch Wahrnehmung und Neugier eingegrenzen und ein gründlicheres Verständnis dessen, wie die Realität im Büro durch IuK-Techniken konstruiert und verändert wird, behinderen.

Geschichte und Zukunft der Büroautomation und -kommunikation sollten vielmehr als permanenter Versuch gesehen werden, wo verschiedene Akteure Orientierungen der Technikentwicklung und -nutzung aufbauen und durchsetzen. Hierbei spielen heute unter anderem Technikhersteller, Verbände, Wissenschaft und politisches Umfeld eine maßgebliche Rolle, indem sie Leitbilder und Perspektiven über "vernünftige" Techniknutzung generieren. Über Konferenzen, Fachzeitschriften, Literatur erfahren diese Leitbilder und Dogmen eine große Verbreitung, Verstärkung und Verfeinerung ihrer Werbeaussagen. Sozusagen zwangsläufig führt dies dazu, daß Forschungsprogramme und entsprechende Hochschulforschungen, die an diese Leitbilder angepaßt sind (siehe Forschungsprogramme und Kommissionen der EG, unter anderem "Esprit", "Fast"), aufgelegt beziehungsweise eingerichtet werden.

Der Vorgang des Präjudizierens und Durchsetzens von Leitbildern oder auch von Visionen der Techniknutzung hat nicht nur den Zweck, grundlegend den Technikentwicklungs- und Nutzungspfad zu determinieren, sondern das sehr konkrete Ziel der Einflußnahme auf den Anwender: Leitbilder sind das "lnnovations-Briefing" für DV-Manager und die stillen Organisations- und Arbeitsanweisungen für Systemgestalter und Benutzer sowie die "zwangsläufige" Orientierungsschneise für die Beschäftigten. Nach der Durchdringung ist es schwer, sich Alternativen vorzustellen.

Präjudizierte Leitbilder üben großen Einfluß aus

Beispiele für eher grobe Leitbilder sind das in den 60er Jahren diskutierte MIS und das bis in die 80er Jahre hinein kolportierte "papierlose Büro". Wie viele Konferenzen und Lehrbücher haben daran gearbeitet und für wie viele Systemgestalter und Organisatoren waren diese Bilder - trotz mancher Zweifel - unbewußt Richtlinie in der täglichen Arbeit Dennoch sind diese beiden Leitbilder eher untypisch: ich vermute, daß es eine ganze Reihe anderer nicht so leicht offenzulegender Bilder und Metaphern gibt, die uns bei der Bürogestaltung Orientierung geben. Heute wird uns der Computer vor allem als Werkzeug, Medium oder Partner vermittelt, der den Büroalltag erleichtert und zugleich den weltweiten Informationsaustausch und -zugriff ermöglicht.

Mit Hilfe von Leitbildern werden Orientierungen und Grundannahmen transportiert, die als richtige Wahrnehmung und richtiges Denken in bezug auf ein Problem anzusehen sind. Sie werden als gegeben angenommen und selten bewußt gemacht (vgl. Dierkes

1988, 557).

"Die Zelebration des Sinnlosen als Sinn"

Leitbilder müssen unmittelbar einsichtig und auf den ersten Blick vernünftig sein, um sinnstiftend oder handlungsleitend wirken zu können. Sie haben eine Steuerungsfunktion und setzen Ziele. Von ihnen hängt ab, wie man etwas sieht, interpretiert, bewertet oder übersieht. Der Übergang von Leitbildern zu Mythen oder Ideologien ist fließend; mythisch, so Adorno, ist die Zelebration des Sinnlosen als Sinn. Es besteht immer die Gefahr, Leitbilder für nicht offengelegte Interessen zu mißbrauchen, um inhaltliche Diskussionen zu verhindern. Leitbilder werden häufig nicht als Vermittlungshilfen zur Komplexitätsreduktion oder als Sinnangebot, sondern als Sachzwang, als einzige Möglichkeit, verstanden. Damit wird von Anfang an Denken in Alternativen eingegrenzt, Orientierungen verkommen zu Gestaltungsgrenzen der Techniknutzung im Büro.

Ich vermute, daß "Alltagswissen" und Systemgestalter-Vorstellungen, die auch der Wissenschaftsorientierung dienen, in nicht unwesentlichen Teilen auf diesen Leitbildern beruhen. Auch wenn sich vieles davon in der Realität nicht durchsetzt, so muß Realität gegen diese Leitbilder aufgebaut werden. Wer die Leitbilder macht, - so meine Vermutung - hat einen großen Vorsprung bei der Gestaltung von Bürorealität und Techniknutzung.

Die Bedeutung von Leitbildern hat Vahrenkamp in einigen Sätzen zusammengefaßt: "Sich der Stereotypen zu vergewissern, gibt eine neue Chance der Reflexion und führt auf eine neue Stufe der gesellschaftlichen Aufklärung ... Der hier vertretene "weiche" Kommunikationsansatz liegt auch deswegen nahe, da in der Computerindustrie der Kampf um Marktanteile und um die Durchsetzung neuer Produkte sich in evidenter Weise auch als ein Kampf um Begriffe darstellt .. Da sich der bis in die Normungsinstanzen

erstreckende Kampf um Markt und Macht auch als die Durchsetzung neuer Dogmen deuten läßt, ist die Analyse der in den Kommunikationsvorgängen transportierten Dogmen um so wichtiger. Technologiepolitik wird zum Kampf um Begriffe." (Vahrenkamp 88, S. 54f)

Ich fasse zusammen: Technikentwicklung und -anwendung ist ein historisch-gesellschaftlicher Prozeß, in dem vor allem starke Akteure versuchen, ihre Interessen als allgemein akzeptierte Orientierungen zu propagieren, also kulturelle Bedeutungen zu erzeugen, diese auch zu vermitteln und als Normen durchzusetzen. Diesen Versuchen kommt ein weitaus höher er Stellenwert zu, als bisher angenommen, das heißt aber auch: In diesem Konkurrenz- und Spannungsfeld um Leitbilder und Modellmacht müssen Beschäftigte, Systemgestalter und Wissenschaft sich selbst als Subjekte begreifen und - soweit sie mit den vorhandenen nicht übereinstimmen - eigene Leitbilder und Orientierungen von Arbeit und Technik im Büro entwickeln und durchzusetzen versuchen .

Erklärungsmodell soll Orientierungshilfe sein

Praktiker und Wissenschaftler haben - so meine Beobachtung in vielen Interviews unseres Tech-Forschungsprojektes - Schwierigkeiten, bei den zahlreichen Entwicklungen, Trendmeldungen und Angeboten nicht die Orientierung zu verlieren. Dies beginnt

mit der unterschiedlichen Interpretation der Begriffe Büroautomation, -kommunikation, -systeme oder Office Automation und setzt sich fort mit Beiträgen zur luK-Techniknutzung, die sich häufig auf spezifische Anwendungen konzentrieren und zuweilen, wenn sie prinzipielle Erklärungsmuster anbieten, nur Phänomene beschreiben. Praxis wie Wissenschaft tun sich schwer, Zusammenhänge aufzuzwingen und über die Sichtweise der jeweiligen Fachdisziplin oder ihren Interessenbezug hinauszugehen.

In unserem Forschungsprojekt haben wir ein Erklärungsmodell entwickelt, das die vielen Einzelaspekte der luK-Techniknutzung im Büro zu ordnen und zu strukturieren versucht. Geschichte und Gegenwart der Büroautomation und -kommunikation werden als Konkurrenz- und Spannungsfeld um konkurrierende Leitbilder, Perspektiven und Interessen zwischen den Akteuren Hersteller, Anwender, Management, Systemgestalter, Beschäftigte und Benutzer interpretiert.

Anwender wollen eigene Vorstellungen einbringen

Konkurrenz und Spannung verursachen die vielfältigen Aktivitäten auf allen Ebenen, die eigenen Leitbilder, Perspektiven und Interessen durchzusetzen. So versuchen die Hersteller von luK-Techniken, Anwender und Systemgestalter von ihren Leitbildern zu überzeugen. Die Wissenschaftsdisziplinen erarbeiten Modelle und Theorien über die Entwicklung und Nutzung von Techniken mit der Absicht, auf Systemgestalter und Management Einfluß zu nehmen - umgekehrt adaptieren sie Leitbilder und Perspektiven der

Praxis. Benutzer und Beschäftigte haben trotz des Drucks durch mächtige Leitbilder und Perspektiven starker Akteure eigene Vorstellungen und Wünsche über die Gestaltung ihres Arbeitsplatzes oder ihrer Arbeitsgruppe und zuweilen auch eigenständige Leitbilder. Sie trachten danach, all das in den täglichen Auseinandersetzungen der Systemgestaltung bewußt oder unbemerkt umzusetzen und einzubringen.

Die Katen werden neu gemischt

Interessanterweise setzen sich bislang weder Hersteller noch einschlägige Wissenschaften wie Betriebsinformatik und Informatik mit Benutzern und Beschäftigten auseinander. Bei Beschäftigten aller Hierarchiestufen scheint sich dagegen mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, daß durch den Einsalz der neuen Techniken "die Karten neu gemischt werden". Dies unterstreichen sozialwissenschaftliche Forschungen, die die betriebliche Technikgestaltung als mikropolitische Auseinandersetzung interpretieren.

Insgesamt ist das Netzwerk dieses Konkurrenz- und Spannungsfeldes in der Realität erheblich komplexer, als es hier beschrieben werden kann, es ist auch vom jeweiligen Kontext wie von der Stärke der Definitionsmacht der beteiligten Akteure abhängig.

Technikentwicklung und -nutzung im Büro als Konkurrenz- und Spannungsfeld zu interpretieren ist weder die übliche Sichtweise der Informatik, noch haben andere Wissenschaften entsprechende Modelle ausgearbeitet. Das Modell steht zum

Beispiel im Widerspruch zur Wirkungsforschung, die lange Zeit davon ausging, daß sich die Vorstellungen der Hersteller bei der Techniknutzung im Büro nahtlos durchsetzen. Ausschlaggebend sind weder allein die betrieblichen Autonomiestrategien der Anwender für die Technikgestaltung, wie dies Industriesoziologen teilweise behaupten, noch sollten Möglichkeiten und Kräfte der Beschäftigten überbewertet werden, wie es zuweilen mikropolitischen Ansätze tun. Aber auch die Sichtweise der Betriebsinformatik, die mehr oder minder explizit eine Nutzungslogik der IuK-Techniken unterstellt, ist nicht akzeptabel.

Wenn IuK-Techniknutzung im Büro als Konkurrenz- und Spannungsfeld aufgefaßt wird, eröffnet sich die Chance, Technikanwendung als sozialen Prozeß zu verstehen, der für Eingriffe und Gestaltung offen ist. Außerdem zeigt sich, daß die Gestaltungsfrage nicht allein und ausschließlich auf die betriebliche Ebene zu reduzieren ist. Technikgestaltung im Büro findet nach meiner Einschätzung ganz wesentlich außerhalb des Büros statt und muß deshalb in diesem Umfeld diskutiert werden.

Der sozialorientierten Forschungsposition fällt nach diesem Selbstverständnis die Aufgabe zu, Perspektiven und Leitbilder zu nennen, Ungleichgewichte zu erkennen und bei der Ausarbeitung von Perspektiven und Leitbildern für die Beschäftigten Unterstützung zu leisten.

Diese Position geht über den herrschenden betrieblichen Gestaltungsansatz weit hinaus: Sozialorientierte Forschungen sollten davon ausgehen, daß IuK-Technikgestaltung erst auf einer fundierten Analyse der zugrundeliegenden betrieblichen und überbetrieblichen Zusammenhänge wie der technisch-informatischen Grundlagen Sinn macht, weil nur sie vor Irrwegen und Illusionen schützt. Gestaltung, so Winograd/Flores, ist das Zusammenspiel von Verstehen und Herstellen. Verstehen setzt voraus, Denktraditionen, die unsere technologischen Entwicklungen steuern, einzubeziehen: "Nur durch Aufdecken dieser Tradition und durch explizites Bewußtmachen ihrer Hintergrundannahmen können wir uns selbst für Alternativen und für sich daraus ergebende neue Gestaltungsmöglichkeiten öffnen." (Winograd/Flores 1989, S. 21)

Technikgestaltung findet außerhalb des Büros statt

Ich fasse zusammen: Die Gestaltung der Büros durch Technik findet in einem Konkurrenz- und Spannungsfeld statt, in dem betriebsinterne wie -externe Akteure versammelt sind. In dieser Sichtweise sind zwei Dinge wichtig: Der Gestaltung liegt keine

Nutzungslogik zugrunde, vielmehr ist sie ein sozialer Prozeß, in den sich jeder einbringen muß, wenn er auf die Realitätsveränderung im Büro durch Technik Einfluß nehmen will.

Außerdem findet die Technikgestaltung ganz wesentlich außerhalb des Büros statt. Deshalb sind unter anderem Hersteller, Anwender und Wissenschaftsdisziplinen in das Spannungsfeld einzubeziehen.

Überbetriebliche Netze schaffen globale Systeme

Ein Großprojekt, das die Bürowelt verändern kann, aber bislang kaum im Vordergrund steht, versucht, Büros und Betriebe auch über die betrieblichen Grenzen hinaus zu vernetzen. Im Mittelpunkt der Bemühungen von Herstellern, großen Anwendern, Bundespost und EG-Kommission steht die zwischenbetriebliche Vernetzung der betrieblichen Informations- und Bürosysteme.

Das Leitbild, das viele andere Hersteller mit der zwischenbetrieblichen Vernetzung aufbauen wollen, läßt sich besonders gut in einer Werbeanzeige des Herstellers NEC erkennen. Hier heißt es: "Computers and Communications von NEC: Miteinander aufwachsen heißt, vieles gemeinsam haben. Kinder wachsen schnell heran. Vor zehn Jahren fingen sie gerade an zu sprechen. Jetzt haben sie Freunde, mit denen sie spielen, arbeiten und aufwachsen. Heute teilen sie sich ihre Umgebung. Morgen die ganze Welt.

Eine Welt, verändert durch eine technologische Revolution, der NEC den Namen C & C gegeben hat. Als diese Kinder geboren wurden, war C & C noch nicht viel mehr als eine neue Idee. Nur eine Handvoll Visionäre sah den Tag kommen, an dem sich Computer und Kommunikationssysteme zu einem einzigen vollintegrierten, globalen Informationssystem vereinigen würden. Doch andere schauten noch weiter voraus: Wir von NEC wußten, daß eines Tages die neue C & C-Technologie Sprach- und Kulturbarrieren überwinden würde.

Um den Menschen in aller Welt die Möglichkeit zu bieten, Informationen, Ideen und Einsichten untereinander auszutauschen - so einfach und direkt wie Kinder beim Spiel ..."

In dieser Beschreibung wird die Computervernetzung auf der Ebene der verbesserten, weltweiten Möglichkeiten der Völkerverständigung gesehen. Das Leitbild impliziert, daß damit nicht grundsätzlich Neues einhergeht, dies ist vielmehr eine ganz logische Entwicklung. Ganz ähnlich auch die Betrachtung des Herstellers IBM, der in der zwischenbetrieblichen Vernetzung eine selbstverständliche Technikentwicklung sieht und nach der Stufe der Bürokommunikation jetzt von der sogenannten Unternehmenskommunikation spricht.

Viele Anwender dagegen haben die Notwendigkeit neuer Sichtweisen bereits erkannt. Dies gilt vor allem für Betriebe in den Bereichen Güter- und Materiallogistik sowie Personenlogistik. Die Logistik-Märkte müssen aufgrund ihrer zwischenbetrieblich

ausgerichteten, branchenüberwindenden Dienstleistungsfunktion an Netzarchitekturen besonders interessiert sein. Von daher kommt gerade diesen Märkten eine Vorreiterfunktion zu.

Im Blickpunkt: Märkte und Branchen

Meiner Einschätzung nach resultiert das Veränderugspotential vieler anderer daraus daß durch zwischenbetriebliche Vernetzungen unterschiedliche Formen der - wie Mertens es zu Recht nennt - zwischenbetrieblichen Integration möglich werden. "Unter

zwischenbetrieblicher Integration der EDV (ZBI) versteht man die Erweiterung des Begriffs einer integrierten DV auf den zwischenbetrieblichen Bereich."

Aus der zwischenbetrieblichen Vernetzung folgt offensichtlich eine über den Einzelbetrieb hinausgehende Integrations- und Systemebene. Die Systemintegration hat damit eine neue Ebene erreicht. Im Blickpunkt steht jetzt nicht nur - wie im ersten Projekt - der einzelne Betrieb, sondern Märkte und Branchen. Die Konsequenz und das für die Technikgestaltung des Büros Neue und Brisante ist, daß die Computervernetzungen in den einzelnen Märkten und die daraus entstehenden Vorstrukturierungen ins Blickfeld zu nehmen und Büro und Betrieb als Teilelemente dieses vernetzten Marktsystems zu begreifen sind.

Cash/Konsynski, zwei amerikanische Managament-Theoretiker, haben auf die ökonomische Brisanz hingewiesen, die in den Computervernetzungen liegt: "Heutzutage liegt das größte Nutzungspotential von Informationssystemen in Computernetzen, die die Unternehmensgrenzen überschreiten. Solche firmenübergreifenden Kommunikationssysteme werfen zudem bedeutende gesellschaftliche und politische Fragen auf. Denn der Zusammenschluß von zwei oder mehr Firmen in einem automatisierten Informationssystem vergrößert die Produktivität, Flexibilität und Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmen. Doch darüber hinaus, das zeigen aktuelle Beispiele, können Kommunikationsnetze das Kräftegleichgewicht zwischen Anbietern und Nachfragern radikal verändern, in einzelnen Industriesegmenten Eintrittsschranken aufbauen und auf zahllosen Märkten die Positionen der Wettbewerber verschieben." (Cash, 1985, S. 54)

Kommunikationsnetze verändern Gleichgewicht

In jedem Fall können zwischenbetriebliche Vernetzungen nicht allein unter dem Aspekt des schnelleren und komfortableren Informationstransports gesehen werden: Vielmehr lassen sich dadurch offensichtlich bestehende zwischenbetriebliche Arbeitsteilungen in Frage stellen und Märkte, Branchen und Büros neu strukturieren. Zugleich fördert die zwischenbetriebliche Vernetzung das Zusammenwachsen von regional eher begrenzten Märkten. Amerikanische Management-Theoretiker (vgl. Tapscott 85) haben dies mit dem Schlagwort "Global-Marketplace-Architecture" ausgedrückt.

Ich denke, daß hier ein neuer Systemtyp erkennbar wird, der mit der Metapher "systemische Marktrationalisierung" beschrieben werden kann: Der relevante Systemausschnitt ist nicht mehr allein der Betrieb, sondern ist auf Branchen beziehungsweise Märkte zu erweitern. Die zentrale Forschungsfrage für die Zukunft wird sein, inwieweit damit eine Entwertung von Betrieb und Büro als Ort gestaltungsrelevanter und arbeitspolitischer Entscheidungen einhergeht.

Konsequenzen für die Bürokommunikation

Die konkrete Umsetzung der herrschenden Orientierungen der Büroautomation und -kommunikation vor Ort wird heute allgemein als betriebliche Aufgabe verstanden, die Systemgestalter und Organisatoren in Zusammenarbeit beziehungsweise im Konflikt

mit Beschäftigten, Management etc. Iösen. Diese betriebliche Sichtweise greift nach unserer Auffassung in der Zukunft nicht mehr, auch wenn sie natürlich nicht bedeutungslos wird.

Zwischenbetriebliche Vernetzungen von Computersystemen schränken möglicherweise die betriebliche Autonomie der Technikgestaltung erheblich ein, wichtige Vorgaben für die Gestaltung der Technik, vielleicht auch für Arbeit und Arbeitsorganisation im Büro, können jetzt von außen kommen.

Dies mag aus überbetrieblichen Systemlösungen resultieren, die ganze Branchen oder Märkte betreffen und strukturieren (siehe Dakosy, Start), aus Mehrwertdiensten (sogenannten Value-Added-Network-Services) und Standardisierungsbeschlüssen von Kommissionen (zum Beispiel Edifact), die die technische Gestaltung des einzelnen Arbeitsplatzes, der Abteilung und des Betriebes präjudizieren können. Damit wird sich die Gestaltungsfrage der Büroautomation und -kommunikation in Zukunft anders stellen.

Vor diesem Hintergrund vermute ich, daß die Einbettung in nationale und internationale Märkte, die jeweiligen Netzarchitekturen und die dort vorhandenen ökonomischen wie technischen "Systemherrscher" die Techniknutzung im Büro beeinflussen. Ob dies auf Arbeitsorganisation, Qualifikationsanforderungen etc. durchschlägt und welche betrieblichen Gestaltungsmöglichkeiten für die Bürotechnik verbleiben, hängt in erster Linie von der technischen und ökonomischen Integration in Markt- und Branchen-Systemlösungen ab.

Ich fasse zusammen: Modelle und Sichtweisen der Büroautomation und -kommunikation müssen heute, wo die zwischenbetriebliche Vernetzung vieler Betriebe ansteht, über die betriebliche Perspektive hinausgehen. Sie laufen sonst Gefahr - diese Metapher sei hier erlaubt - , sich nur mit der "Einrichtung eines Zugabteils zu beschäftigen, wobei ihnen entscheidende Einflüsse wie Reiserichtung, Reisebedingungen und Gleisbau aus dem Blickfeld geraten".

Noch zwei grundsätzliche Bemerkungen: Ich hoffe, deutlich gemacht zu haben, daß die Perspektiven der modernen Büroarbeit eingebunden sind in die - wie der Club-of-Rome es nennt - Bemühungen zur Verwirklichung des globalen Industriemodells. Daraus kann zwar keine Nutzungslogik der Bürotechnik abgeleitet werden, es zeigt aber auch den Rahmen auf, in dem die Fragen Werkzeug- oder Systemnutzung beziehungsweise Integration oder Koordination der IuK-Techniken verhandelt werden.

Die IuK-Techniken gelten als die Schlüsseltechnologien zur Realisierung der globalen Industriegesellschaft. Dieses Modell strebt die weltweite Vernetzung an, hat, wie Tapscott sagt, den globalen Marktplatz und das Wiring-the-world zum Leitbild. Unerwähnt bleibt dabei, daß die Globalisierung der Volkswirtschaften, Transportnotwendigkeiten und Energiebedarf vervielfachen mit allen bekannten Umweltbelastungen. Informatik sowie andere Disziplinen, die sich mit der Bürokommunikation beschäftigen, haben dies bislang nicht zum Thema gemacht. Zwar können Mikroelektronik und Informatiksysteme die Energie-, Material- und Arbeitsproduktivität enorm erhöhen und Schadstoffbelastungen durch entsprechende Programme und Geräte reduzieren; diese Produktivitätsverbesserungen lösen zugleich in der Logik der geltenden Wachstumsorientiertung neue Nachfrage aus, erzeugen also zusätzliche Produkte und Dienstleistungen mit allen dadurch möglicherweise auftretenden Umweltproblemen. Wir alle versuchen, uns durch die Hoffnung zu entlasten, daß es noch rechtzeitig gelingt, das Wirtschaftswachstum umweltverträglich zu machen. Zweifel daran sind angebracht.

Keiner kann sich der Verantwortung entziehen

Der eine oder andere wird fragen, ob dieses Thema zur Gestaltung der Büroarbeit gehört. In einer Zeit, in der das Überleben von Natur und Ökologie so in Frage gestellt ist, kann sich nach meiner Auffassung kein Wissenschaftler der Verantwortung entziehen. Ich denke, daß aber auch Praktiker und Systemgestalter die hier sehr grob aufgezeigten, häufig auf den ersten Blick nicht erkennbaren ökologischen Wirkungsketten mit einbeziehen müssen.

Eine zweite Bemerkung: Es ging hier um die Perspektiven der Büroarbeit. Ich habe, wie es wohl typisch für Informatiker ist, das Thema auf die Techniknutzung im Büro eingegrenzt. Dies ist zumindest einseitig, wenn nicht falsch.

Ich möchte mich dadurch aus der Schußlinie bringen, indem ich einige schon klassisch zu nennende Sätze meines Kollegen Friedrich Weltz, die er zur Büroarbeit und zur Informationsverarbeitung gemacht hat, (Kasten auf Seite 34) zitiere.