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26.01.1979

"Das zentrale Rechenzentrum ist flexibler"

Mit Dipl.-Volksw. Heinz Sebiger, Vorstand der Datev, sprach Elmar Elmauer

- Alle Welt redet von Distributed Processing, nur die Datev nicht. Sie hat sich mit ihrem Konzept der übermächtigen, allein steuernden Zentrale gegen alle Entlastungsmaßnahmen der Selbsthilfe an der Front ausgesprochen. Bereuen Sie das inzwischen?

Zunächst muß ich da etwas richtigstellen. Es Ist bei Außenstehenden ein Eindruck entstanden, der nach meinem Dafürhalten absolut unzutreffend ist. Ich darf daran erinnern, daß die Datev auf ihrem Arbeitsgebiet als erste bereits 1974 eine Art des Distributed Processing empfohlen hat: Nämlich die Installation von Terminals bei unseren Beratern, die über Telefonleitung mit der Datev verbunden sind. Ich erinnere mich, daß man uns damals vorgeworfen hat, das war im Herbst 1974, wir würden kurzsichtig handeln - wir hätten uns wahrscheinlich ein Trojanisches Pferd ins Haus geholt und damit die selbständige Datenverarbeitung beim Berater möglich gemacht, uns also selbst ausgebootet. Dazu einige Fakten: Wir haben dies damals sorgfältig überlegt und gezielt getan. Wir sind auch heute in der Auffassung bestätigt, daß diese Konzeption richtig ist. 1974 hatten wir 9780 Mitglieder, als wir die Datenfernverarbeitung einführten. Heute haben wir 14 735 Mitglieder. 1974 hatten wir 58 Millionen Umsatz, heute haben wir 112 Millionen Umsatz. Dieser Umsatzsteigerungsrate von 93 Prozent - alles ohne Preiserhöhungen - bestätigt unsere Meinung eindeutig, daß die Art des Distributed Processing wie die Datev sie sieht, richtig ist und für den Markt des Steuerberaters genau adäquat.

- Für Sie ist Distributed Processing also Fernverarbeitung an der langen Leine mit bestimmten Aufgaben in der Zentrale.

Richtig. Unser Gedanke ist einfach der: Man muß vor Ort so viel Intelligenz schaffen, als nötig, aber auch nur so viel! Und alles, was man am zentralen Rechner besser machen kann, muß man im zentralen Rechner machen. Wir haben noch nie zwischen Datenverarbeitung außer Haus und Rechenzentrumstätigkeit eine sich gegenseitig ausschließende Alternative gesehen. Sondern wir sind der Meinung, wir bringen über das Datennetz mit sehr preiswerten Terminals unsere Computer-Power an den Arbeitsplatz des Steuerberaters, der damit an seinem Arbeitsplatz über modernste Technologien verfügt, nämlich Großrechner IBM 3033, Massenspeicher 3850, 3350 Platten hoher Speicherdichte, Laser-Drucker, COM-Verfilmung, also alle Großrechnermöglichkeiten. Wir haben eben ein maßgeschneidertes Konzept gemacht, das so aussieht, daß sich der Berater am Arbeitsplatz genau diese Ressourcen schafft, die er für die Lösung seines Problems am Ort benötigt, aber alles, was mit Hilfe dieser modernen, fast möchte ich sagen, industriellen Datenverarbeitung besser gemacht wird, hier in der Zentrale erledigt wird.

- Herr Sebiger, wieviel Intelligenz billigen Sie dem Steuerberater zu, zumal die Datev-Empfehlungen, etwa bei BDE-Terminals, für immer intelligentere, programmierbare Stationen erteilt werden?

Soviel er will. Wir gehen hier einfach mit dem Trend der Zeit. Wenn beispielsweise der Anwender draußen eigene Intelligenz hat, dann benützt er diese nicht, um gewissermaßen die bisher durch das Rechenzentrum gebotene Leistung zu substituieren und damit das Rechenzentrum überflüssig zu machen. Sondern ganz im Gegenteil, er setzt diese Intelligenz ein, um neue Informationsquellen für sich zu schaffen, mit dem Effekt, daß dadurch der Prozeß der Datenverarbeitung sogar noch stimuliert wird. Es wächst ein Bedürfnis nach noch mehr Information, nach noch mehr Verarbeitung, von dem das Rechenzentrum in einem ausreichendem, fast möchte ich sagen, in einem Übermaße profitiert.

- Daß es Kapazität oder Know-how liefern kann?

Ganz präzise würde ich sagen: Man muß hier sehr streng nach der Aufgabenstellung unterscheiden. Es gibt Dinge, die ich unbedingt vor Ort machen muß, aus verschiedensten Gründen. Die Intelligenz, die man an dem Ort des Benutzers installiert, muß alle diese Bedürfnisse abdecken und darf ihn keinerlei Restriktionen unterziehen. Der weite Rahmen solcher Aufgaben, die der Anwender selbst gar nicht so wirtschaftlich machen kann, ist besser im RZ aufgehoben, wie beispielsweise die Bewältigung des Druckvolumens, das heute in einer Finanzbuchhaltung anfällt. Das ist über Laser-Drucker zu bewältigen, mit dem besseren Druckbild, der höheren Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit. Da ergibt sich's ganz automatisch, daß man das aus der Kanzlei gibt, wo die Druckkapazitäten auch bei einer größeren MDT-Anlage zwangsläufig begrenzt und beschränkt sein müssen. Genau so, wie das Speichern von großen Datenmengen hinausgegeben wird. Dennoch bleibt die Basisdatenverarbeitung für bestimmte Aufgabenstellungen, die man lieber vor Ort macht.

- Ist Zentralismus künftig nur noch dort angebracht, wo die Batch-Verarbeitung den größeren Sockel stellt?

Keineswegs. Den ganzen breiten Bereich der Dialoganwendungen beispielsweise und die echte schritthaltende Verarbeitung auf dem Gebiet einer Steuerrechts-Datenbank, wie wir sie haben - kann doch der Benutzer niemals bei sich vor Ort machen. Er kann keine Datenbank installieren, die die gesamte Rechtsprechung des Obersten Bundesgerichtes zum Steuerrecht seit dem Jahre 1950 enthält, die alle rechtskräftigen Entscheidungen der Zwischeninstanzen, der Finanzgerichte aufnimmt und sämtliche Verwaltungsanweisungen des Bundes und der Länder, einschließlich der Zeitschriftennachweise speichert. Das ist völlig unmöglich, eine solche Datenbank vor Ort zu halten, zu pflegen und fortzuentwickeln. Das muß ganz einfach zentral sein. Dies ist ein typisches Beispiel für eine Dialoganwendung, zu der Rechenzentrum dazu notwendig ist.

- Lassen Sie mich nachfragen: Ist Distributed Processing ein Ausfluß der Dialogdiskussion oder ein Ausdruck des Unbehagens der bisher gegängelten Fachabteilung?

Das ist eine interessante Frage. Ich möchte sie nur aus der Sicht der Steuerberater-Praxis und ganz pragmatisch beantworten. Es ist so, daß Distributed Processing, also das Auslagern aus zwei Hauptgründen - es gibt mehrere -, notwendig sein kann. Zunächst unter dem Punkt der Batch-Verarbeitung: Die industrialisierte Massenverarbeitung, mit allen ihren Möglichkeiten hat bestimmte Vorteile. Beispielsweise bei der Papiernachbereitung. Überlegen Sie, welche Tonnen von Papier wir drucken, beschneiden, sortieren, in Plastikfolie einschweißen und so weiter. Die müßte ja der Benutzer draußen mit der Hand machen. Hier geht das maschinell in einer ganz anderen Effizienz, Zuverlässigkeit und auch mit einem anderen Preis. Das ist mal ein Hauptanwendungsgebiet, das bestimmt beim Rechenzentrum bleibt. Hier sehe ich sogar noch Zuwachsraten. Das andere sind zentrale Datenbanken, und sehr stark rechenintensive Arbeiten, die auf großen Datenhintergrund zurückgreifen müssen. Ich denke an ein Steuerberater-Auskunftssystem: Wenn ein Steuerberater in München schnell wissen will, was hat Hamburg für einen Gewerbesteuerhebesatz. Das hat man vor Ort einfach nicht verfügbar, das kann eben nur eine Datenbank haben, die laufend gepflegt wird, die für eine Vielzahl von Anwendern zentral an einem Ort über die entsprechenden technischen Hilfsmittel verfügt. Über Rechner mit hoher Zugriffsgeschwindigkeit, optimalen Betriebssystemen und große Massenspeicher.

- Welche Gegebenheiten beeinflussen nach Ihrer Ansicht Distributed Processing-Konzepte stärker: Das Preis-/Leistungsverhältnis der Kapazität oder organisatorische Argumente?

Auf dem Gebiet der Steuerberatung eindeutig die organisatorische und Software-Restriktionen. Die ziehen hier eindeutig die Grenzen. Von der Hardware her wäre Distributed Processing noch viel besser zu verbreiten, wäre eine größere Penetration auf dem Markt zu erzielen, wenn sich nicht immer wieder in der Praxis zeigen würde, daß die Software-Entwicklung, die Software-Pflege und vor allem die organisatorischen Probleme, die damit zusammenhängen, hier wesentlich kritischere Grenzen ziehen, als die Hardware.

- Sie sagen, Sie würden mit dem Gesamtkonzept auf das technische Angebot des Marktes reagieren. Haben Sie denn bei einer Organisation mit starker Zentrale ausreichende Flexibilität oder böte nicht doch ein MDT-Einsatz noch flexiblere Möglichkeiten, das technische Angebot des Marktes zu nützen?

Also das ist jetzt natürlich Philosophie: Ich sage ganz bewußt und gezielt, nein. Tatsächlich könnte man in ersten Anschein meinen, die MDT-Anlage, die klein und flexibel ist, würde gegenüber dem straff organisierten, großen Rechenzentrum, das sich an einem bestimmten organisatorischen Arbeitsablauf orientieren muß, im Vorteil sein. Aber wie sieht es in der Praxis aus. Nehmen Sie doch mal ganz akute Beispiele. Wenn zum 1. Januar 1979 der Weihnachtsfreibetrag oder irgendein Tarif zur Lohnsteuer geändert wird, wenn der Gesetzgeber, wie es hier der Fall war, sich im Bundesrat bis zur letzten Sekunde streitet und die Programmierer draußen mit dem gespitzten Bleistift warten, was sie jetzt programmieren sollen und kurzfristig die Mitteilung kommt, jetzt ist das Gesetz in der und der Form durch, dann ist es doch ein Unterschied, ob ich für 3000 oder 5000 MDT-Terminals draußen einzelne Programmierer einsetzen müßte, die die Programme ändern und testen in kürzester Zeit, dazu noch mit den Mitteln, die vor Ort zur Verfügung stehen. Vergleichen sie's mit einem modernen großen Rechenzentrum. Das macht diese Arbeiten auf einen Schlag für viele hunderttausend Betriebe, mit Mitteln wie TSO zum Beispiel. Deshalb bin ich der Meinung, daß sich in der Praxis eben zeigt, daß letzten Endes die größere Flexibilität, so widersprüchlich das zunächst erscheint, beim Rechenzentrum liegt.