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07.06.1991 - 

Computermüll: Hersteller recyclen, Anwender zahlen

Das Ziel ist klar, aber keiner kennt den Weg

Computer haben auf dem Sperrmüll nichts zu suchen. Darin sind sich alle Beteiligten einig. Bei der Frage aber, wer für die Wiederverwertung verantwortlich sein soll, scheiden sich die Geister. Das Umweltministerium sieht eine Rücknahme der Geräte durch den Handel vor. Die entsprechende Verordnung soll spätestens 1994 in Kraft treten. Der Computerschrott laut Schätzungen des Umweltamtes in Berlin fallen jährlich rund 10 000 Tonnen an - soll dann in Zusammenarbeit mit den Hardwarehersteller wiederverwertet werden. Bis dahin müssen noch viele logistische Probleme gelöst werden. Auch auf der Verwertungsseite gibt es Hindernisse. So ist das Recycling von Kunststoffen und Bildröhren noch nicht zu bewerkstelligen. Zwar soll mit der geplanten Verordnung Händler und Hersteller in die Pflicht genommen werden, aber zahlen muß dies der Kunde - durch eine Abgabe beim Computerkauf.

In Zukunft ist es mit dem Verkauf des Produktes nicht getan. Die Rücknahme muß dazu gehören", erklärt das Umweltministerium kategorisch. Die Händler sollen als Anlaufstelle für den Elektronikschrott ihrer Kunden dienen. Um das eigentliche Recycling müssen sich - streng nach dem Verursacherprinzip - die Hersteller kümmern.

Über die Realisierung dieses Projektes wird allerdings noch diskutiert. Auch dem Umweltministeriums ist klar, daß die Rücknahmeverpflichtung viele organisatorische Probleme aufwirft. Fest steht bisher nur, daß die Händler in Zukunft beim Neukauf eines Computers das alte Gerät zurücknehmen müssen. Aber sind sie auch dazu verpflichtet, wenn das Gerät gar nicht bei ihm gekauft wurde? Antwort des Umweltministeriums: "Wahrscheinlich ja, aber es muß sich um die gleiche Gerätekategorie handeln. Es ist unmöglich, daß ein Kunde ein Bügeleisen kauft und einen PC zurückgeben will. Aber anders wird es nicht gehen, weil sonst die Verbraucher ihr ganzes Leben bei einem Hersteller kaufen müssen." Das Unternehmersterben in der Computerindustrie bereitet der Behörde zusätzlich Kopfzerbrechen. Bis jetzt ist noch nicht geklärt, wer sich um den Computerschrott von nicht mehr existierenden Firmen kümmern muß oder was passiert, wenn ein Kunde ein ausgedientes Gerät zurückgeben will, ohne ein neues zu kaufen.

Das Ministerium hat verschiedene Lösungsansätze parat. So könnten Händler und Hersteller zusammen ein Logistiksystem ausarbeiten oder Dritte mit dem Einsammeln und dem Recycling der Produkte beauftragen. "Die Verantwortung bleibt aber in jedem Fall bei Handel und Hersteller."

Wird in verschiedenen Punkten noch an der Lösung gefeilt, scheint man sich in puncto Kosten einig zu sein: Für die Wiederverwertung der Geräte wird der Kunde zur Kasse gebeten. Laut Umweltministerium sollen die Kosten für das Recycling bereits im Neupreis enthalten sein, wobei die Höhe nicht reglemetiert wird. Gerade dieser Plan der Behörde stößt bei den Händlern auf Mißbehagen. "Ich stehe dieser Lösung recht kritisch gegenüber. Wenn der Betrag für die Wiederverwertung bereits im Listenpreis enthalten ist und der Händler Discount gibt, werden damit die Kosten für das Recycling nicht gedeckt", argumentiert Wolfgang Hanitsch, Geschäftsführer der Computerland Deutschland GmbH. Allerdings könne dieses Problem umgangen werden, wenn der Preis für die Entsorgung wie eine Art Umweltsteuer extra ausgewiesen würde und auch auf der Rechnung getrennt erschiene.

Der Rückgabepflicht sieht er eher gelassen entgegen. "Die Hersteller haben ja bereits eine Handelsstruktur. Wenn der Händler beliefert wird, könnten auf dem Rückweg die alten Geräte mitgenommen werden." Auch eine Organisation der Händler vor Ort und die gemeinsame Einrichtung einer Rücknahmestelle wäre denkbar.

Daß das Umweltministerium die Kosten für das Recycling allein dem Kunden aufbürden will, ruft bei vielen Anwendern Empörung hervor. Auch Jürgen-Georg Hüniken, Geschäftsführer der ECS Computervertrieb GmbH, kritisiert: "Eigentlich müßten dann nur Geräte zurückgenommen werden, für die diese Abgabe gezahlt wurde. Aber was soll mit den älteren Geräten passieren?"

Auch bei den Herstellern hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, daß bei der Entsorgung oder Wiederverwertung etwas passieren muß. So hat sich letztes Jahr aus Mitgliedern des VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) und des ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik und Elektroindustrie) der Arbeitskreis "Geräteentsorgung" gegründet, der ein Recyclingkonzept für elektronische Geräte, also auch für Computer, ausarbeiten soll. Sie stehen dabei in engem Kontakt mit dem Umweltministerium. Die Gruppe arbeitet zur Zeit an einem Logistikkonzept. Man denkt hier vor allem an die Beteiligung Dritter. "Es muß nicht unbedingt der Hersteller sein, der die Geräte wieder zurücknimmt", meint Peter Günther, zuständig für den Arbeitskreis bei VDMA. Möglich sei auch, daß ein Unternehmen damit beauftragt wird, Sammelstellen einzurichten und den Computerschrott abzuholen. Prinzipiell müßten aber auch Händler und Importeure mit einbezogen werden.

Einige der Hardwarehersteller sind selbst aktiv geworden und nehmen alte Computer zurück. So auch die IBM, die die Geräte beim Kunden abholen läßt. Allerdings läßt sich Big Blue diesen Service bezahlen. Die Rückgabe eines PCs kostet 50 Mark, bei größeren Geräten entstehen Kosten bis zu 4200 Mark. Die Rechner werden in das Verteilungszentrum gebracht, in sieben bis acht Fraktionen vordemontiert und dann an die entsprechenden Recyclingfirmen weitergeleitet. 1990 hatte das 'Unternehmen 1100 Tonnen Rücklauf. Allerdings befand sich darunter erst ein verschwindend geringer Anteil von PCs. Die Wiederverwertung hält das Unternehmen im großen und ganzen für ein unproblematisches Verfahren. Fast 50 Prozent des Materials besteht aus Eisen, für dessen Verwertung es genügend Hütten gibt.

Rund 30 Prozent sind nicht eisenhaltige Metallteile wie Kupfer in Kabeln oder die verschiedenen Bestandteile von Platinen. Leiterplatten sind bei den Recyclingfirmen relativ begehrt, weil sie voller Edelmetalle stecken. Ihre Verwertung ist aber nicht unproblematisch. "Die Platten bestehen aus schwer trennbaren Metall- und Plastikverbindungen. Bei der Verschmelzung sind sehr gute Luftfilteranlagen vonnöten. Da andere, sehr vielversprechende ,Verfahren in Entwicklung sind, wird das Problem in Kürze lösbar sein", erklärt Hartmut Rhotert, Unternehmensbevollmächtigter für Umweltschutz bei IBM.

Schwieriger ist die Verwertung von Kunststoff und Bildröhren. Beim Recycling von Plastikteilen hofft die IBM auf ein Gemeinschaftsunternehmen der Chemiekonzerne Bayer, Hoechst und BASF, das sich ausschließlich mit dem Recycling von Kunststoffen befaßt. Problematischer erweisen sich Bildschirme, die aufgrund ihres unterschiedlichen Bleigehalts noch nicht wiederverwertet werden können und deshalb auf Sondermülldeponien landen. "Die Anforderungen an eine einfache Wiederverwertbarkeit muß schon im Produktionsprozeß beachtet werden. Die Geräte sollten leicht demontierbar und die verschiedenen Materialien gekennzeichnet sein", fordert Rhotert. Außerdem müßten auch für Platinen Recyclinganleitungen mitgeliefert werden.

Für SNI stellen ebenfalls die Bildröhren das Problem Nummer eins dar. Deshalb verfolgt das Unternehmen aufmerksam Versuche in der Schweiz und Holland, Bildröhren wiederzuverwerten. Bislang nimmt der Konzern kostenlos seine Produkte zurück, wobei PCs heute noch keine Rolle spielten. Das Recycling von Großrechnern wurde schon früher durchgeführt, aufgrund des hohen Goldgehalts ein lohnenderes Geschäft als die Wiederverwertung von PCs. Allerdings ist man sich bei SNI noch nicht über das künftige Recyclingkonzept einig. Auch ob die Rücknahme der Geräte wie bisher kostenlos erfolgen soll, ist bislang noch offen. Die Kriterien, die an die Recyclingpartner gestellt werden, sind jedoch schon festgelegt. So komme bei den Leiterplatten nur ein mechanisches Trennverfahren in Frage, da das Einschmelzen zu viele Schadstoffe freisetze.

Wie bei den anderen Unternehmen auch werden momentan bei Apple nur wenige Computer zurückgegeben. Das könnte sich aber in Kürze ändern, da die erste Generation der PCs bald ausgedient haben wird. Will ein Kunde seinen alten Mac zurückgeben, bleibt es ihm bisher selbst überlassen, wie sein Rechner zu Apple zurückgelangt. "Wir haben bis jetzt noch kein Konzept", erklärt Christine Möbs, Pressesprecherin bei Apple Deutschland. Bis jetzt sei die Rückgabe kostenlos. An einem umfassenden Konzept arbeite das Unternehmen noch, wobei es dabei an ähnliche Lösungen denke wie IBM.

Das Umweltministerium arbeitet emsig an einem einheitlichen Recyclingkonzept. Ein Referentenentwurf soll noch vor der Sommerpause fertig sein, im Herbst findet voraussichtlich die Anhörung statt. Mit der Verordnung wird spätestens Anfang nächsten Jahres gerechnet. In Kraft treten soll sie dann aber erst Ende 1993 oder Anfang 1994, "weil es bis jetzt noch keine Entsorgungslogistik gibt und wir bis zu diesem Zeitpunkt mit besseren Verwertungsmöglichkeiten rechnen". Bei SNI ist man mit dieser Gangart zufrieden, da "es keinen Sinn hat, Gesetze ohne die entsprechenden Technologien und Kapazitäten zu machen". Hüniken hält dagegen: "Der Handlungsbedarf besteht schon viel früher als 1993 oder 1994. Die Hersteller werden viel zu spät in die Pflicht genommen, denn das Problemgut ist doch jetzt beim Kunden installiert und nicht erst in drei Jahren."