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16.09.1994

Das Ziel sind die DV-Abteilungen grosser Anwenderunternehmen Steven Jobs: Next bietet die letzte Alternative zu Microsoft

Er war der bunte Hund der Computerbranche, Nachrichten- und Wirtschaftsblaetter, aber auch die RockAnARoll-Postille "Rolling Stone" und das Pin-up-Magazin "Playboy" widmeten ihm Titelgeschichten. Als Visionaer des Elektronikzeitalters in den Himmel gehoben und als Scharlatan verteufelt: Steven Jobs, Mitbegruender von Apple Computer und seit 1985 Chief Executive Officer der Next Computer Inc., Redwood City, Kalifornien. Nach uebereinstimmender Expertenmeinung sucht die bei Next entwickelte Software-Umgebung "Nextstep" bislang ihresgleichen. Und seit sie in einer Betriebssystem-unabhaengigen Version zu haben ist, reissen sich die Hersteller Unix-basierter Plattformen darum, eine Lizenz zu erwerben. Mit Hewlett-Packard, Sun und Digital Equipment hat Jobs bereits den groessten Teil der Workstation-Anbieter zu Partnern gemacht. Nach einer Durststrecke von acht Jahren sieht es so aus, als lerne Next endlich das Fliegen. Aber die Konkurrenz schlaeft nicht: Taligent und Microsoft sind Next auf den Fersen. Fuer Jobs kommt es jetzt darauf an, seinen Vorsprung zu nutzen. CW- Redakteurin Karin Quack traf sich in San Franzisko mit dem Next- Chef zu einem Gespraech.

CW: Als Sie den Macintosh entwarfen, waren Sie dem Markt um etwa zehn Jahre voraus. Fuer wie gross halten Sie Ihren Vorsprung mit "Nextstep"?

Jobs: Mit dem Macintosh waren wir eigentlich nicht dem Markt voraus. Schliesslich haben wir davon im ersten Jahr schon 50 000 und im zweiten gleich 500 000 verkauft. Aber sicher hatte der Macintosh einen Vorsprung vor der Konkurrenz. Den Beweis dafuer lieferte Microsoft, als sie versuchten, den Macintosh zu kopieren. Leider war der Macintosh eine "sitzende Ente" (US-Ausdruck fuer etwas, das sich nicht weiterentwickelt, Anm. d. Red.), deshalb hat Microsoft ihn nach zehn Jahren eingeholt.

CW: Wie lange wird Microsoft brauchen, um Nextstep einzuholen?

Jobs: Wir sind Microsoft technologisch um fuenf bis sechs Jahre voraus. Innerhalb der naechsten vier oder fuenf Jahre werden sie sicher kein wirklich objektorientiertes Produkt haben - auch wenn die Marketing-Abteilung etwas anderes verspricht.

CW: Trotzdem will Microsoft "Cairo" Ende naechsten Jahres auf den Markt bringen.

Jobs: Die Verkaufszahlen werden eine deutliche Sprache sprechen. Next und seine Partner liefern in diesem Jahr 100000 Kopien von "Open Step" aus, 1995 werden es mindestens 300000 sein und 1996 bereits 600000. Nun zu den Konkurrenten: Taligent kann im laufenden Jahr nichts liefern, in der zweiten Haelfte des naechsten Jahres werden sie dann mit 50 000 Lizenzen einsteigen und im uebernaechsten auf 100000 verdoppeln. Cairo kommt 1994 nicht auf den Markt und 1995 auch nicht. 1996 wird es dann aus dem Stand 250000mal verkauft, weil Microsoft eben Microsoft ist. Das heisst, Ende 1996 werden eine Million Lizenzen von Open Step installiert sein, 150000 von Taligent und 250000 von Cairo.

CW: Diese Zahlen enthalten eine Menge Spekulation. Wie sind sie zustande gekommen?

Jobs: Wissen Sie, dies ist eine kleine Welt, und wir koennen sehr gut abschaetzen, was bei unseren Konkurrenten vor sich geht.

CW: Vielleicht haben Sie einen Mitbewerber vergessen.

Jobs: Nein, dieses Rennen wird definitiv mit nicht mehr als drei Pferden ausgetragen. Etwas Derartiges zu entwickeln kostet so viel Geld und Zeit, dass wer immer es auch versuchen wuerde, Hunderte von Ingenieuren zusammenziehen muesste. Und das bliebe uns nicht verborgen.

CW: Ueber dem Gebaeude, in dem der Apple Macintosh entwickelt wurde, wehte eine Piratenflagge. Gibt es bei Next auch eine Abteilung von Abtruennigen?

Jobs: Oh nein. Dafuer sind wir noch nicht erfolgreich genug. Aber wenn wir mit dem, was wir jetzt machen, den Durchbruch geschafft haben, werden wir etwas anderes in Angriff nehmen muessen und auch wieder eine Piratengruppe haben.

CW: Was ist dann bitte das kuerzlich angekuendigte "Mecca" - nichts als ein Marketing-Gag, der "Cairo" persiflieren soll?

Jobs: Was den Codenamen betrifft, ja. Aber das, was sich dahinter verbirgt, ist sehr real, naemlich die naechste Version von Nextstep. Wir arbeiten schon seit einer Weile daran, und 1996 wird es auf den Markt kommen.

CW: Apropos Erfolg: Im vergangenen Jahr hat Next zum erstenmal schwarze Zahlen geschrieben. Sie haben also acht Jahre lang mit Verlust gearbeitet?

Jobs: Richtig.

CW: Wie haben Sie das ueberlebt?

Jobs: Indem wir eine Menge Geld herangeschafft haben.

CW: Woher?

Jobs: Von Canon, Ross Perot, Sun, einigen Universitaeten und vielen anderen.

CW: Wie haben Sie die dazu gebracht, solange stillzuhalten?

Jobs: Das ist eine Frage, die Sie den anderen stellen muessen.

CW: Anders als bei Apple adressieren Sie mit Next nicht den einzelnen Anwender, sondern die DV-Abteilungen in Unternehmen.

Jobs: Richtig. Wir wollen bei den Unternehmen die anerkannte Alternative zu Microsoft werden. Irgend jemand muss diese Aufgabe schliesslich uebernehmen.

CW: Wie meinen Sie das?

Jobs: Wir sind die letzte Hoffnung. Macintosh und OS/2 waren ebenfalls Hoffnungstraeger, aber beide sind heute auf dem Rueckzug. Ich kann nicht garantieren, dass wir Erfolg haben werden. Aber sollten wir es auch mit Hilfe der restlichen Industrie nicht schaffen, dann wird es keine Alternative zu Microsoft geben.

CW: Wieso starren eigentlich alle auf Microsoft wie das Kaninchen auf die Schlange?

Jobs: Weil Microsoft einen Marktanteil von 90 Prozent hat.

CW: Das gilt bislang nur fuer den Desktop-Bereich.

Jobs: Sicher, aber der Desktop ist heute die treibende Kraft fuer die gesamte DV.

CW: Den Voraussagen der Marktbeobachter zufolge, werden die Heimanwender in den kommenden Jahren grossen Anteil am IT-Markt haben. Will Next dort mitmischen?

Jobs: Nein, in absehbarer Zukunft werden wir uns auf die Zielgruppe der Unternehmen konzentrieren. Dort ist das Geld. Und dort werden Objekte benoetigt, um die Anwendungen schneller entwickeln zu koennen.

CW: In den grossen Anwenderunternehmen dauern Investitionsentscheidungen viel laenger als bei einem einzelnen User. Einige von Ihren potentiellen Kunden haben viel Geld in grossangelegte CASE-Konzepte gesteckt. Wenn Sie die gewinnen wollen, muessen Sie sie dort abholen, wo sie stehen.

Jobs: Nicht jeder Kunde setzt morgen schon Objekte ein, viele werden es auch im kommenden Jahr noch nicht tun. Das ist in Ordnung. Unser Ziel besteht nicht darin, dass jeder tatsaechlich Objekte einsetzt. Vielmehr wollen wir die Sache dahingehend vorantreiben, dass ihr Einsatz auf breiter Basis moeglich und wahrscheinlich wird.

CW: Und wo bleibt da die Investitionssicherheit?

Jobs: Der groesste Teil der Investitionen steckt in den Daten. Wenn Sie es den Unternehmen ermoeglichen, neue Anwendungen zu schreiben, die diese Daten besser nutzen, dann werden sie Sie lieben. Und genau das tun wir.

CW: Nach der reinen OO-Lehre lassen sich Daten und Funktionen nicht trennen. Wieso hat Next mit dem Enterprise Objects Framework eine Verbindung zwischen Open Step und relationalen Datenbank- Management-Systemen entwickelt?

Jobs: Solange wir leben, werden die Daten in relationalen Datenbanken stecken. Diese Datenbanken existieren, alle Daten stecken bereits dort drin. Und daran wird sich so schnell nichts aendern.

CW: Das hoert sich an, als haetten Sie Ihre revolutionaere Attituede gegen einen evolutionaeren Ansatz eingetauscht.

Jobs: Die Revolution steckt in der Art, wie sich die Anwendungen schreiben lassen, naemlich um Klassen schneller. Aber die Daten, die dazu benoetigt werden, stammen aus relationalen Datenbanken.

CW: Offenbar bemuehen Sie sich

neuerdings darum, beim Anwender vorhandene Systeme zu integrieren.

In der Vergangenheit haben Sie

weniger Ruecksicht darauf genommen. Ihr Betriebssystem gilt als proprietaer.

Ausserdem haben Sie sich fuer die

Programmiersprache Objective C

statt C++ oder Smalltalk entschieden.

Jobs: Diese Charakterisierung ist nicht ganz richtig. Unser Betriebssystem basiert auf Unix. Zudem nutzt es die Netzstandards NFS und TCP/IP sowie die Seitenbeschreibungssprache Postscript. Was Objective C angeht, so handelt es sich um keine Programmiersprache im eigentlichen Sinn, sondern um ein dynamisches verteiltes Runtime-System, das mit ANSI C++ arbeitet. Wir mussten, wo wir nichts Geeignetes vorfanden, einfach einige Dinge ergaenzen. Aber wenn Standards existierten, haben wir sie genutzt. Einige unserer Konkurrenten stellen uns als viel proprietaerer hin, als wir es jemals waren - zumindest nicht auf der Softwareseite.

CW: Wie schaetzen Sie die Common Object Request Broker Architecture der OMG ein?

Jobs: Wenn die zweite Version dieser Corba fertig ist, werden wir ein Gateway dafuer entwickeln, ueber das sich dann Objekte austauschen lassen. Aber hier handelt es sich eigentlich nur um die Ebene der Rohrleitungen.

CW: Ohne diese Leitungen funktioniert aber das ganze Gebaeude nicht.

Jobs: Sicher ist das nicht unwichtig. Aber es ist nicht das, was die Anwender am meisten bewegt. Die Industrie ist nur so fixiert darauf, weil die Workstation- und Betriebssystem-Leute niemals eine Anwendung geschrieben haben und deshalb nicht wissen, was die Entwickler wirklich wollen.

CW: Dann haben Sie ja wohl auch nichts dagegen, dass Ihr Partner Digital Equipment auf dieser Ebene mit Microsoft kooperiert.

Jobs: Das ist fuer mich ueberhaupt kein Problem.

CW: Neben DEC haben auch HP und Sun Open Step lizenziert. Von den grossen Workstation-Anbietern fehlt Ihnen aber noch IBM.

Jobs: Sicher haetten wir gern auch IBM. Und ich denke, wenn sie mit Taligent erst einmal eine Bauchlandung hingelegt haben, dann werden wir sie auch bekommen.

CW: Weshalb glauben Sie, dass Taligent keinen Erfolg haben wird?

Jobs: Abgesehen davon, dass wir die technisch bessere Loesung haben, wird Taligent sein Release 1.0 nicht vor Ende 1995 ausliefern - wenn ueberhaupt. Und dann dauert es weitere zwei Jahre, bis irgend jemand es wirklich nutzt. Das macht zusammen dreieinhalb Jahre. Mit anderen Worten: Es kommt zu spaet.