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29.10.1993

Data-Center-Konzepte im neuen Licht/Teil 1 Masters of the Unixverse blasen zum Halali auf proprietaere Welten

MUENCHEN (jm) - Am 11. November 1993 werden nicht nur die Narren ihr grosses Coming out haben. An diesem Tag tritt Nick Donofrio, Chef von IBMs Large Systems Division, vor die Oeffentlichkeit in der DV-Welt, um die Zukunft der blauen Mainframes und deren technologische Weiterentwicklung zu eroertern.

Es wird auch Zeit, dass die IS-Masters of the Universe ihre Data- Center-Konzepte fuer die kommenden Jahre offenlegen. Denn was sich an der Unix-Basis in den vergangenen Wochen regte, geht weit ueber die Bedeutung von Produktankuendigungen der IBM-Konkurrenz hinaus, wie sie alljaehrlich zum Herbst beziehungsweise vor dem profittraechtigen letzten Jahresquartal lanciert werden.

Die selbsternannten "Masters of the Unixverse" legen Rechnerkonzepte vor, die keinen Zweifel mehr daran lassen, dass in einem ueberschaubaren Zeitraum das Ende hermetisch abgeschlossener, proprietaerer Rechnersysteme kommen wird. Der Wandel wird allerdings trotz der beschleunigten Zeitrechnung der DV-Welt moeglicherweise ueber die Jahrtausendwende hinaus Zeit in Anspruch nehmen.

Die COMPUTERWOCHE wird deshalb in einem mehrteiligen Beitrag die vielfaeltigen Ankuendigungen und Konzepte der diversen Unix- Schwergewichte vorstellen. Ihnen allen sind wesentliche Merkmale gemeinsam, die die Zukunft der DV praegen werden: Alle setzen auf Unix als Server-Betriebssystem. Dieses wird, so die Hoffnung der COSE-Mitglieder, mit den zunehmenden Konvergenzbestrebungen der Unix-Adepten - Stichwort: X/Open und 1170-Normierung - kein atomisiertes Gebilde aus lauter unvertraeglichen Derivaten mehr darstellen.

Alle erwarten sich ausserdem von Konfektions-CPUs in CMOS- Technologie e la Intel und derem CISC-Konzept sowie den RISC- Vertretern Mips, IBM-Motorola, Sun, Hewlett-Packard und Digital Equipment wesentliche Vorteile gegenueber der aufwendigen Bipolar- Technologie, die die IBM in ihrer S/370- und /390-Architektur verfolgt.

Spaetestens seit Gene Amdahl - Vater der /360-Systeme - ist zudem allen klar, dass die Leistungsfaehigkeit eines einzigen Prozessors nicht unbegrenzt gesteigert werden kann. Ehedem von dem Ehrgeiz beseelt, den schnellsten Monoprozessor zu entwickeln, konzediert auch Amdahl laengst, dass mehr Power nur noch durch eine hoehere Anzahl von CPUs in einem Rechnersystem zu erzielen ist. Folgerichtig setzen alle Hersteller auf symmetrische Multi- prozessor-Architekturen, um ihre Server-Systeme zu befeuern.

Im folgenden wird die Rede sein muessen vom Who is who der Hardware-Produzenten. Ob SNI, Sequent, Pyramid, HP, ICL, Sun, Tricord, Netframe, Compaq, AST, Bull, Wyse oder auch IBMs Advanced Workstation Systems Division - und diese Liste ist nicht einmal vollstaendig -, alle ziehen am gleichen Strang, und es wird interessant sein, was Donofrio am Tag der Narren dem entgegenzusetzen haben wird.

Bekannt ist ja schon seit der CeBIT 1993, dass Big Blue sowohl ein Data-Query- als auch ein Transaction-Processing-System praesentieren wird. Beide sollen die partielle Abkehr von der Bipolar-Technologie einlaeuten und in CMOS ausgelegt sein.

Wahrscheinlich, so der CW bekannte Quellen, wird es sich um /370- und /390-Systemen "vorgelagerte" Prozessoren handeln, an die der Anwender etwa Datenbankabfragen direkt oder via herkoemmliche Host- Systeme absetzen kann. Brancheninsider maekelten bereits, im Prinzip bemuehe die IBM mit diesem Vorgehen ein "Containment"- Konzept, das darauf abziele, ihre gesamte installierte Kundenbasis auch weiterhin an die blaue Grossrechnerwelt zu binden.

Gleichzeitig sieht sich die Large Systems Division (ehedem unter der Bezeichnung Enterprise Systems Division gefuehrt) aber den Angriffen aus dem eigenen Haus ausgesetzt, greifen doch die RISC- Vorreiter aus der texanischen Denkfabrik Somerset in Austin an allen Fronten an. In deren Konzepte werden - dies ist seit Juni 1993 beschlossene Sache - zunaechst die Midrange-Divisionaere einbezogen. Zukuenftigen AS/400-Rechnern verpassen die blauen Entwickler ein lupenreines RISC-Konzept auf Basis der Power3- Architektur (die CW berichtete).

Noch will sich die IBM nicht festlegen

Noch will sich IBM oeffentlich nicht zum grossen technologischen Revirement bekennen. Zu gross sind allerdings auch die Softwareprobleme, in die die blauen Glashaeuser stuerzten, wuerde Big Blue das Ruder e la HP oder NCR herumreissen, um sein Schicksal auf eine einzige durchgaengige Hard- und Softwareplattform zu setzen. Doch die Konkurrenz aus dem Unix-Server-Lager merkt, dass der Leitbulle waidwund ist. Und offensichtlich hat sie keine Beisshemmungen mehr, um einer proprietaeren Rechnerwelt auf absehbare Zeit den Garaus zu machen.

Die Tour d'horizon durch das Unix-Lager beginnt im chronologischen Rueckwaertslauf bei der Siemens-Nixdorf Informationssysteme AG (SNI), die auf der Systems +93 in Muenchen anlaesslich der Vorstellung von Multiprozes-sor-Unixsystemen ihre Unix-Strategie offenlegte. Danach ist Sinix fuer die Bayern das Betriebssystem der Wahl fuer Serversysteme. Windows NT bleibt auf die Client-Ebene beschraenkt.

Noch im Maerz 1993 hatte Horst Nasko, stellvertretender SNI- Vorsitzender, die herausragende Rolle von Microsoft fuer die Muenchner und die intensive Zusammenarbeit zwischen beiden Unternehmen betont. Unter anderem unterhalten die Muenchner in Redmond am Stammsitz der Gates-Company ein Entwicklungslabor und hoffen so an der Quelle wichtiger Informationen des Betriebssystem-Spezialisten zu sitzen.

Das mit viel Marketing-Vorschusslorbeeren bedachte Betriebssystem Windows NT hat fuer die SNI - zumindest im Bereich der Unix- basierten Serversysteme - nun aber doch keine groessere Bedeutung. Rudolf Bodo, Vorsitzender der Geschaeftsleitung von SNIs System Unit (SU) Midrange Systems, fasste den Gesinnungswandel kurz und buendig zusammen: "Fuer uns ist Unix das vorherrschende Betriebssystem im kommerziellen Umfeld."

Von diesem Marktsegment erwarten sich die Bajuwaren zukuenftig erhebliche Umsatzsteigerungen. Schon jetzt erweisen sich die RISC- Systeme der RM-Familie als Hoffnungstraeger. Sie belegten im Produktspektrum des Geschaeftsbereiches Midrange Systems - zu dem auch die Targon-Erblast gehoert - laut Bodo im abgelaufenen Geschaeftsjahr 1992/ 1993 mit 216 Millionen Mark einen Umsatzanteil von 15 Prozent. Nur die MX-Rechner der 300- und 500-Linie waren in diesem Siemens-Geschaeftsbereich mit erzielten 320 Millionen Mark beziehungsweise 22 Prozent vom Umsatz erfolgreicher. Allerdings werden diese Rechnermodelle nicht mehr weiterentwickelt, SNI leistet nur noch Support fuer die installierte Basis.

Mit ihren neuen RM400-Modellen (Einprozessor-Systeme) und den Multiprozessor-Rechnern der RM600 legt sich SNI voellig auf die Mips-RISC-Architektur fest.

Diese klare Ausrichtung auf eine Hardware-Plattform - haelt man in Erinnerung, dass die SNI AG in den Targon-Systemen Motorola-Chips, in den MX- und WX-Systemen wie in ihren PCs Intel-CPUs nutzte - duerfte nach Ansicht von Marktkennern von Anwendern durchaus mit Wohlwollen aufgenommen werden.

Aufhorchen liess die SNI-Aussage, dass alle vorgestellten RM-Rechner Eigenentwicklungen sind. Pyramid, Technologielieferant fuer die bislang schon verfuegbaren RM600-Modelle - die Amerikaner lieferten zunaechst die CPU-Boards, die SNI dann lizenzierte -, scheint damit weitgehend aussen vor zu sein. Nur bei der Entwicklung der Multipro-zessor-Erweiterung des Unix-Betriebssystems arbeiten beide Firmen noch zusammen.

Bei den insgesamt 14 RM400- beziehungsweise RM600-Systemen wird jeweils der aktuellste Mips-Prozessor R4400 eingesetzt. Vom Einprozessor-Unixrechner bis zum Top-end-System mit maximal 24 CPUs "fuer den Data-Center-Betrieb" (Bodo) kann SNI nun auf eine Palette in kleinen Schritten skalierbarer Unixserver verweisen, die untereinander volle Binaer- und zu den MX-, WX- sowie Targon- Systemen immerhin noch Quellcode-Kompatibilitaet besitzen.

Die RM400-Rechner kosten in Grundkonfigurationen zwischen 20 000 und 150 000 Mark, die Multiprozessor-Server der RM600-Familie liegen zwischen 100 000 und 300 000 Mark. Bis auf das 24- Prozessor-Modell, welches im Februar 1994 in die Pilotphase geht, sollen First-Customer-Shipments der jetzt praesentierten Server noch dieses Jahr erfolgen.

Stark in den Vordergrund draengt sich die Sequent Computer Systems Inc. aus Beaverton, Oregon. Sie stellte die naechste Rechnerlinie ihrer Symmetry-Familie vor: Drei Modelle, deren zwischen zwei bis maximal 30 Pentium-Prozessoren vollsymmetrisch im Parallelbetrieb (SMP) zusammenarbeiten, sowie ein Clustersystem.

Der Spezialist fuer Unix-basierte Multiprozessor-Rechner befindet sich offensichtlich in einer positiven Geschaeftsphase: Gemaess einer Studie des Marktforschungsinstituts International Data Corp. (IDC) belegte Sequent 1992 bei Unix-Multiuser-Systemen mittlerer Groesse (= Zwischen 100 000 Dollar und eine Million Dollar) nach Umsatzzahlen in Europa Platz zwei hinter der SNI.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang vor allem die wachsende Basis installierter Systeme: Laut der IDC-Studie konnte Sequent bis einschliesslich 1991 aus der Symmetry-Linie 500 Unix-Rechner an den Mann bringen.

Alleine 1992 lieferten die Amerikaner in Europa jedoch 357 dieser Mehrplatzsysteme aus. Nur SNI (1034 Einheiten), ICL (420) und IBM (369) verkauften im vergangenen Jahr mehr. Pyramid hingegen, im Segment der symmetrischen Multiprozessor-Rechner ebenfalls mit einigen Meriten bedacht, landete mit 93 verkauften Systemen weit hinter der Sequent-Konkurrenz.

Preis allein kein Hinweis auf die Systemleistung

Allerdings bedarf diese Hitliste einer kritischen Bemerkung: Eine Einteilung lediglich nach Preiskategorien beruecksichtigt beispielsweise in keiner Weise Preis-Leistungs-Argumente. Ob Systeme fuer 200 000 Dollar tatsaechlich besser sind als solche, die durch das 100 000-Dollar-Raster fallen, bleibt bei dieser Betrachtung offen. Sie beruecksichtigt auch nicht durch den kontinuierlichen Preisverfall generierte Verschiebungen. Prinzipiell sagt diese Kategorisierung wenig ueber die Gesamtleistung von Systemen aus - eine Kritik, der sich auch Andreas Zilch, Research Manager IT Markets bei der IDC in Kronberg im Taunus, nicht verschliesst.

Die Fortfuehrung der Symmetry-Rechnerlinie 2000 umfasst das Modell "290" mit zwei bis sechs Pentium-Prozessoren, Modell "490" mit bis zu zehn Intel-CPUs und das High-end-System "790" mit bis zu 30 CPUs. Die Pentium-basierten Symmetry-2000-Rechner sind nach Aussagen von Sequent-Manager Keven Joyce um den Faktor zwei schneller als die bisherigen Modelle, die jedoch durch Prozessoraustausch auf die Pentium-Architektur umgeruestet werden koennen. Sequent-Offizielle bestaetigten, dass die bisherige Symmetry-Rechnerlinie auslaufen werde.

Von wesentlicher Bedeutung fuer Multiprozessor-Architekturen ist deren Unterstuetzung durch geeignete Software. Sequent hat mit "Dynix/ptx" die SMP-Erweiterung fuer das zur OSF-Anwendungsumgebung konforme Unix geschrieben. Neben symmetrischem Multiprocessing unterstuetzt Dynix/ptx den C2-Sicherheitslevel sowie Arbeitsspeicher-Kapazitaeten von bis zu 1,5 GB.

Die Sequent-Server bedienen sowohl IBMs SNA- als auch Digitals Decnet-Umgebung. PC-Anbindungen lassen sich ueber NFS von Sunsoft, Netware, Ethernet und Token-Ring sowie ueber FDDI und TCP/IP realisieren.

Ueber die Cluster-Software "Cluster/ptx" lassen sich zwei oder mehr Symmetry-Server zu einem "2000/990"-Rechner verbinden. Fuer den Anwender erscheinen die verschiedenen Rechner als ein einziges System.

(wird fortgesetzt)