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05.08.1994

Data Telemark: Huerden auf dem Weg zum Markterfolg

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Diese Erfahrung musste im uebertragenen Sinne die Data Telemark GmbH (DTM) machen. Die Ostdeutschen entwickelten ein Produkt zur Kopplung des digitalen Telefonnetzes mit einem Satelliten - ein Projekt, das Gutachter des Bundesministeriums fuer Wirtschaft in der Form zuvor als unrealistisch bezeichneten. Nachdem deutsche Unternehmen kein Interesse an dem Konverter zeigten, sicherten sich die ISDN- Spezialisten einen amerikanischen Vermarktungspartner.

Als die in Berlin und Dresden beheimatete Data

Telemark GmbH (DTM) mit ihrer Idee hausieren ging, eine ISDN- Satelliten-Verbindung zu bauen, uebertoenten sich die Unkenrufe aus Insiderkreisen. Schliesslich muesse man doch wissen, hiess es, dass eine Kopplung des zeitkritischen ISDN mit einem Satelliten "einfach nicht moeglich ist". Die Protokolle der beiden Medien koennen nicht miteinander. Im ISDN betraegt die kleinste Zeiteinheit (Timer), in der eine Verbindung realisiert werden muss, eine Sekunde. Eine Uebertragung per Satellit - er kreist in 36 000 Kilometer Hoehe - dauert etwa 0,5 Sekunden. Hinzu kommen Zeiten fuer die Anpassung der beiden unterschiedlichen Protokolle.

Fuer die ostdeutschen Netzwerker war dieser kritische Faktor zwar gegeben, aber kein Hindernis, das man nicht ueberwinden koennte. Nach Pruefung der technischen Voraussetzungen kamen sie zu dem Schluss, dass die Verbindung des ISDN mit einem Satelliten "durchaus realistisch ist".

Dieser Meinung war jedoch nicht die Firma, die das Bundesministerium fuer Wirtschaft

(BMWI) mit der Begutachtung des ostdeutschen Projektes beauftragt hatte. Sie beantwortete den Antrag der Berliner auf Foerdermittel mit der Forderung nach "nochmaliger Ueberarbeitung des zur Zeit unrealistischen Konzeptes". Selbst erfolgreiche Unternehmen auf diesem Gebiet, waren die Wirtschaftsexperten ueberzeugt, wuerden den von den Berlinern beschriebenen Leistungsumfang "niemals innerhalb eines Jahres" bewaeltigen koennen. Von dieser Einschaetzung scheint bei der Berliner Geschaeftsstelle des BMWI jedoch niemand etwas zu wissen. Laut dem zustaendigen Referat sind alle bisher eingereichten Foerderbitten der DTM "positiv beantwortet" worden.

Das gelte zwar fuer das laufende Jahr, bestaetigen die Ostdeutschen. Doch sei das mit "diversen Auflagen" gespickte Schreiben des Gutachters der Grund gewesen, warum man mit dem Sat-Projekt in der Tasche nach anderen Wegen suchen musste. Hartmut Ilse, Geschaeftsfuehrer des 1990 gegruendeten Unternehmens mit eigenem Entwicklungszentrum in Dresden, versuchte sein Foerderglueck deshalb in der saechsischen Landeshauptstadt. Ein offenes Ohr fuer "unsere Vision" fand man beim saechsischen Ministerium fuer Wirtschaft und Arbeit. Nach Sichtung der Unterlagen und getreu dem Motto

"Wer nicht wagt, der nicht gewinnt", griff man dort risikobereiter als in Berlin in den Foerdertopf.

Trotz aller "Unwaegbarkeiten" - einige "eilfertige und weniger serioese Firmen" sollen mit ueberhoehten Preisen und anderen Tricks versucht haben, das Projekt zu kippen - wurde im Februar dieses Jahres in Dresden die neue ISDN-Verlaengerung der Oeffentlichkeit praesentiert.

Der "ISDN Sat", ein modemgrosser Konverter, der entsprechend der Schicht 1 des OSI-Modells arbeitet und damit unabhaengig von den verwendeten ISDN-Protokollen ist, ermoeglicht Endgeraeten wie PCs oder LAN-Servern ohne direkten ISDN-Anschluss den Zugriff auf das digitale Fernsprechnetz via Satellit. Das Geraet besitzt eine Schnittstelle zum Standard- oder Basisanschluss (S0-Bus) des ISDN und zum Computer sowie ein Interface zum Satellitenmodem. Fuer den Dialog brauche der Nutzer "lediglich eine ISDN-Karte" nebst passender Software, erklaert Hans-Juergen Jacob, Seniorprojektant des Berliner Herstellers.

Uebertragen werden pro B-Kanal 64 Kbit/s. Das entspricht etwa fuenf Seiten Text mit je 1600 Zeichen. Mit Primaermultiplex-Anschluessen (S2M) und einem Invers-Multiplexer seien sogar Kapazitaeten von 2 Mbit/s zu erreichen, behaupten die Ostdeutschen. Fuer die Satellitenverbindung ist zur Zeit noch eine Bandbreite von 172 Kbit/s erforderlich. In Kuerze sollen jedoch 160 Kbit/s zur Verfuegung stehen.

Die neue ISDN-Satelliten-Verbindung, so Jacob, stelle jetzt auch Regionen die digitalen Dienste zur Verfuegung, die bisher diese Technik noch nicht einsetzen konnten. Er denke da vor allem an Osteuropa: Die Datenkommunikation ueber terrestrische Kanaele sei mit diesen Staaten "aeusserst unzuverlaessig". Neben dem "schwierigen Verbindungsaufbau" sei die maximale Uebertragungsrate von nur 2400 Baud ein Hindernis.

Mit der digitalen Kommunikation ueber Satellit koenne der Anwender jetzt "schnelle und unternehmensweite Corporate Networks" aufbauen, ist Jacob ueberzeugt. Fuer die Uebermittlung von Bild, Text, Video oder Sprache spiele die geografische Entfernung "kaum noch eine Rolle". Entscheidend sei allein die Reichweite des Satelliten.

Die von den Ostdeutschen gebastelte Weltneuheit fand zwar grosses Interesse in der heimischen Presse und beim Postriesen Telekom, doch die deutsche Wirtschaft schien kaum Kenntnis von dem innovativen Produkt zu nehmen. Anders die Amerikaner: Die US- Behoerden reagierten prompt auf die Veroeffentlichungen in den saechsischen Zeitungen. Ergebnis: Die Deutschen flogen ueber den grossen Teich und praesentierten in Washington ihre drahtlose Verbindung - mit Erfolg, heisst es. Inzwischen interessieren sich auch die Niederlaender fuer das Produkt.

Der Blick zurueck, so Jacob, lasse an der kuenftigen Wettbewerbsfaehigkeit der deutschen Wirtschaft zweifeln. Innovationen aus den neuen Bundeslaendern wuerden im Ausland schneller akzeptiert als auf eigenem Terrain. Ausserdem sei Sachsen wohl "nur jenseits deutscher Grenzen ein beachtenswertes Innovationszentrum".

Fuer die Vermarktung von ISDN Sat haben die Ostdeutschen jetzt einen amerikanischen Partner gefunden. Mit einem "innovativen Satellitenservice" werden sie mit der Orion Atlantic Network aus Rockville kuenftig "Bandwidth on demand" (Bandbreite je nach Bedarf) anbieten. Derzeit arbeiten beide Unternehmen an einem "flexiblen Waehldienst" - noch braucht der Konverter einen festen Satellitenanschluss. Naechstes Jahr soll die "komplette Satellitenverbindung ueber Waehlleitung und je gewuenschte Bandbreite" auf den Markt kommen. Moeglich sind dann Basic-Rate- Interface-ISDN-Anschluesse zwischen verteilt installierten sowie privaten Netzen und dem oeffentlichen Euro-ISDN-Netz.

Jim Magruder, Vice-President fuer Marketing bei Orion Atlantic Netwerk Services, will mit der "uneingeschraenkten Satellitenkommunikation" einen ISDN-Service fuer alle Anwendungen "von Endpunkt zu Endpunkt" einrichten. Gleichzeitig biete sich hier eine "kosteneffiziente Ausweichloesung zu terrestrischen Netzen" an, die die Ausfallsicherheit von "leistungsfaehigen gesamteuropaeischen Netzen" erhoehe.

Um auch noch den letzten Zweifler zu ueberzeugen, ging die DTM auf der Networld in Berlin mit ihrer Weltpremiere in praxi: Gemeinsam mit ihrem amerikanischen Partner luden die Ostdeutschen zu einer abendlichen Bootsfahrt auf der Spree ein und versprachen eine Live-Schaltung "zwischen den Kontinenten": Von einem schwimmenden Dampfer aus sollte ueber ISDN via Funk ein

"PC-gestuetztes Video-Conferencing und Teleworking" nach Kingston (England) geschaltet und von dort ueber Satellit nach Rockville (USA) gesendet werden. In Great Britain fand die Uebertragung dann jedoch ein Ende.

Fuer die Berliner Netzspezialisten kein Grund zur Panik. Schliesslich befinde sich das Euro-ISDN noch immer in den Kinderschuhen, meinen sie. British Telecom habe wohl an diesem Abend die Datendienste nicht zugeschaltet, so Geschaeftsfuehrer Ilse. Ein Hindernis, welches in Kuerze behoben sein und der "neuen kosteneffizienten und flexiblen Datenkommunikation" nicht mehr im Wege stehen werde.