Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

17.10.1975

Datenbanken: Codasyl - Ja oder Nein!

Dr. Dieter Dippel, Selbständiger EDV-Berater, Frankfurt/M.

Es ist sehr zu begrüßen, daß die Computerwoche sich in die Diskussion über Datenbanksysteme einschaltet und renommierten Fachleuten Gelegenheit gibt, ihre Meinung zu äußern, wie dies ausgiebig in der Nummer 40 geschehen ist.

Die Äußerungen namhafter EDV-Experten in der Fachpresse tragen zweifellos zur Meinungsbildung bei und damit zur Verringerung des Unsicherheitsgefühls, das gerade gegenüber den auf dem Markt verfügbaren Datenbanksystemen immer noch weit verbreitet ist, wenn es auch oft unter einer Fülle rationaler Argumente verborgen wird.

Unter diesem Aspekt kommt allen Äußerungen, die geeignet sind, die Entwicklungstendenz grundlegend zu beeinflussen, besondere Bedeutung zu, insbesondere allen positiven und kritischen Äußerungen gegenüber den Codasyl-Spezifikationen für Datenbanksysteme. Ich denke hier insbesondere an einige Bemerkungen von Dr. P. Schnupp zu diesen Spezifikationen in der CW-Nr. 40.

Unsere ungeordnete EDV-Welt braucht dringend Normen, Standards, mit denen wir unsere Verständigung erleichtern und vor allem die Arbeit für den Computer, nämlich die Programmierung, von der Individualität der Hardware und der Menschen unabhängiger machen. Die Codasyl-Vereinigung arbeitet darauf hin und hat mit Cobol seinerzeit einen ersten Schritt auf diesem Weg getan. Bei aller - oft berechtigten - Kritik an Cobol muß dies erkannt werden. Mit den Datenbankspezifikationen wird ein weiterer und wesentlich größerer Schritt dieser Art eingeleitet. Wir befinden uns heute mit den DB-Spezifikationen in der gleichen Situation wie etwa 1960 mit Cobol. Die Cobol-Kritiker sind bis heute nicht verstummt, die Vorkämpfer sind nüchtern geworden, der Cobol hat sieh durchgesetzt.

Es ist meine feste Überzeugung, daß auch die Codasyl-Spezifikationen sich durchsetzen werden, der Prozeß des Durchsetzens ist im American National Standards Institute bereits im Gang, die Uhr tickt schon. Bereits heute werden die Spezifikationen in weiten Teilen der EDV-Welt, vor allem bei denen, die das in Codasyl vereinigte Potential kennen, de facto als Standards anerkannt. Ein "Nebenthema" sind sie keineswegs, allerdings ein Thema, bei dem man schwerlich mit neuen Ideen, höchstens mit Kritik, wissenschaftliche oder publizistische Lorbeeren ernten kann. Kritik allerdings ist in einem solchen Durchsetzungsprozeß lebensnotwendig, oder sagen wir: überlebensnotwendig.

Damit wir uns recht verstehen: weder billige ich vorbehaltlos alle Details der Codasyl-Spezifikationen noch stelle ich grundsätzlich die Möglichkeit besserer Lösungen in Frage. Ich halte jedoch die Codasyl-Spezifikationen für eine gute Lösung für die heutigen DB-Probleme und für ausbaufähig im Hinblick auf zukünftige DB-Probleme. Außerdem bin ich Realist und sehe weit und breit keine echte Alternative, die früh genug verfügbar wäre. Dieser Meinung sind nicht nur die Codasyl-Leute, sondern auch zahlreiche EDV-Anwender, die jetzt bereits die Spezifikationen als Standards akzeptieren, und schließlich eine beachtliche Zahl großer EDV-Hersteller, die sich keineswegs alle zurückhalten und die ein Codasyl-Datenbanksystem anbieten oder entwickeln, zum Beispiel DEC, Honeywell, ICL, Philips, Telefunken, Univac. Gerüchte, daß Siemens trotz der Unidata-Situation mit dem Philips-System liebäugelt, halten sich hartnäckig. Daß IBM nicht mitmacht, wundert niemanden, der die IBM-Geschäftspolitik kennt.

Daß die Codasyl-Spezifikationen von den meisten Fachleuten nicht mehr verstanden werden, wie Herr Dr. Schnupp schreibt, hat mich ehrlich verblüfft. Wenn das stimmte, gäbe es eine große Anzahl von Über-Fachleuten, die mir alle glaubhaft versichert haben, die Spezifikationen viel leichter verstanden zu haben als manches übliche Datenbanksystem. Man muß sich allerdings die Mühe machen, die Spezifikationen in einer schriftlichen oder mündlichen Präsentation kennenzulernen, und bereit sein, sich damit unvoreingenommen auseinanderzusetzen. Daß die Spezifikationen tatsächlich leicht zu verstehen sind, liegt sicher auch daran, daß sie nicht einfach ein Sud aus einer Menge guter Ideen sind, sondern systematisch und sorgfältig ausgearbeitet wurden.

Meine Prognose: In spätestens fünf Jahren sind die Codasyl-Spezifikationen genauso akzeptiert wie heute Cobol.