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29.10.1976

Datenbanksystem als Stücklistenprozessor

Mit Dipt.-Kfm. Gerhard Krischer, Leiter der EDV-Projektorganisations-Werke bei der Robert Bosch GmbH, sprach CW-Chefredakteur Dr. Gerhard Maurer

- Sie hielten nichts von der MIS-Euphorie und sind auch heute noch skeptisch, wenn die Datenbank-Propheten große zentrale Lösungen propagieren.

Ja, das stimmt. Wir gehen pragmatisch vor. Wir sind dabei, auf einem Großrechner ein allgemeines Datenbanksystem einzusetzen. Jedoch wollen wir unter dessen Nutzung Dateiauszüge erstellen, die wir dann auf Prozeßrechner im Vorfeld überspielen wollen, die auf Dialog-Verarbeitung spezialisiert sind.

- Also Verteilte Intelligenz, die auf Trennung von Batch- und Online-Datenbanken hinausläuft?

Ja. In der zentralen batch-orientierten Verwaltung der großen Datenbestände streben wir ein einheitliches und leicht einsetzbares Datenbanksystem an, während wir uns im Vorfeld mit einfachen File-Management-Systemen begnügen werden. Das ist wirtschaftlicher als die große zentrale Lösung.

- Um was für Anwendungen geht es bei diesem Konzept?

Um alle Anwendungen der "Werke" - wie wir sagen -, Anwendungen, die auf der Basis des Datenbestandes "Stückliste" und "Arbeitsplan", die Fertigung unterstützen, und zwar in Form von Dispositions- und Lagersteuerungs-Aufgaben - sowohl für Eigenfertigung als auch Fremdbezug. Darüber hinaus entwickeln wir ausgehend von der Betriebsdatenerfassung eine Auftragssteuerung, mit der auch Fertigungsabläufe verbessert werden.

- Also auf lange Sicht die ganze Anwendungs-Palette eines Fertigungsbetriebs. Im Herzen aber steht die Stückliste?

Das ist richtig. Durch unsere Erfahrungen mit den dafür benötigten Stücklisten-Prozessoren sind wir zu der Meinung - inzwischen zu der durch Tests und Untersuchungen abgesicherten Erkenntnis - gekommen, daß sich das auch mit Datenbanken erledigen läßt.

- Sie verwenden also ein Datenbank-Management-System als Stücklisten-Prozessor?

Nein, so weit sind wir noch nicht. Die Planungs-Phase ist abgeschlossen, und wir befinden uns jetzt in der Programmentwicklungs-Phase. Als Einführungstermin ist Anfang 1977 vorgesehen.

- Die Auswahl des Datenbank-Management-Systems ist ja eine den Anwender auf lange Sicht bindende Grundsatzentscheidung. Wie sind Sie vorgegangen?

Wir haben in der Bosch-Gruppe Datenverarbeitungsanlagen von IBM, Siemens und kleine Systeme von verschiedenen anderen Herstellern. Aus diesem Grunde war es für uns wichtig, ein nicht an einen Anlagentyp gebundenes Datenbanksystem zu finden. Wir entschieden uns schließlich für IDMS, weil diese Lösung nicht nur wirtschaftlich, sondern auch wesentlich flexibler ist als die derzeit von den Mainframern angebotenen Systeme.

- Haben Sie entsprechende Benchmarks gefahren?

Wir legten größten Wert darauf, im produktiven Betrieb diese Datenbanksysteme zu testen. Dazu haben wir für den Stücklisten-Änderungsdienst einen produktiven Datenbestand eines unserer Werke geladen, der aus 20 000 Stammsätzen und 200 000 Struktursätzen bestand. Beim Vergleich der Ergebnisse zeigte sich, daß IDMS mit Abstand am besten abschnitt.

- Was haben Sie miteinander verglichen? Sind die Ergebnisse quantifizierbar?

Wir haben alle Codasyl- und Nichtcodasyl-orientierten Datenbanksysteme verglichen sowie auch die Stücklisten-Prozessoren der Maschinen-Hersteller. Bewertet wurde die Verfügbarkeit, die Unterstützung auf dem deutschen Markt, interne und externe Funktionen und vor allem die Performance beim eben geschilderten Test. Das schließlich ausgewählte System erzielte dabei eine Performance-Verbesserung bis zu 75 Prozent.

- Was heißt hier bis zu 75 Prozent? Bezogen auf was?

Beim Stücklisten-Änderungsdienst mit IDMS wären zwischen 10 und 75 Prozent weniger I/O-Operationen als bei vergleichbaren Transaktionen der bekannten Stücklisten-Prozessoren notwendig - wobei in einigen Fällen beispielsweise beim Hinzufügen von Struktursätzen oder beim Löschen von Struktursätzen, ein Vielfaches an Verbesserungen bei den EXCPs erzielt wurde. Allerdings war dafür ein entsprechendes Datenbank-Design notwendig, denn man kann bessere Performance durch entsprechende Organisations-Intelligenz erzielen.

- Wäre nicht die CPU-Belastung ein weiteres wichtiges Kriterium gewesen?

Wir haben auch das geprüft. Die CPU-Belastung ist jedoch nicht als bedeutender Faktor gewichtet worden. Uns erscheint die Belastung einer kommerziellen Maschine mit I/O-Befehlen wichtiger, denn das ist der eigentliche Engpaß.

- Haben Sie denn jetzt nicht Schwierigkeiten mit Ihren alten, für den Einsatz von Stücklisten-Prozessoren geschriebenen Programmen, auf eine Datenbank-Organisation umzusteigen?

Wir glauben nicht und sind da ganz zuversichtlich, daß wir alle bestehenden Anwendungen möglichst unverändert laufen lassen können. Statt des Zugriffs auf die bisherigen Stücklisten-Prozessoren tauschen wir die entsprechenden Unterprogramme durch ein IDMS-Standard-Unterprogramm aus, so daß die Anwendunsprogramme relativ unberührt bleiben.

- Das klingt doch gar sehr einfach - wird mancher Kollege einwenden.

Ja, aber dann hat der Mann aus unserer Sicht, schon vorher schwerwiegende Fehler begangen. Nämlich Programme und Programmkomplexe nicht so zu strukturieren oder modularisieren, daß ein solcher Austausch leicht möglich ist.

- Manch Anwender ist mit seinem Stücklisten-Prozessor durchaus zufrieden. Warum denn bei Ihnen jetzt, das

Umsteigen auf eine Datenbank-Organisation?

Wir betrachten die Stücklisten-Daten als den zentralen Datenbestand für alle Anwendungen unserer Werke und Geschäftsbereiche. Was heute mit der Stücklisten-Verwaltung abgedeckt wird, ist noch nicht einmal ein Bruchteil der Anwendungen, die auf der Stückliste aufbauen können.

- Was haben Sie denn mit diesen Informationen vor?

Auf dem Stücklisten- und Arbeitsplan-Datenbestand basieren neben den bereits erwähnten die Disposition unterstützenden Programmen auch die gesamte Bestandsführung, Bestandsbewertung und -verrechnung, die Kalkulation, die wir im Rahmen einer Standardkosten-Rechnung durchführen. Darüber hinaus soll eine Auftragssteuerung kommen - auch als Bindeglied zwischen Vertriebs-Dispositionen und Werksdispositionen. Bei einem solchen Auftrags-Spektrum glauben wir nur mit Hilfe eines Datenbank-Management-Systems wirtschaftlich weiter vorankommen zu können.

- Soweit die Zentrale. Welche Aufgaben werden in diesem Konzept die Satellitenrechner haben?

Wir nennen diese Rechner Vorfeldrechner. Sie sollen in den Fachbereichen im Dialog Datenbestände und Programme für die laufenden Dispositionen zur Verfügung stellen. In der End-Phase werden wir Offline-DFÜ - wie wir sagen - einrichten, das heißt, die Datenübertragungs-Wähl-Leitungen dienen nachts zum billigen Tarif der Datei-Übermittlung und Datensicherung sowie gelegentlich der Aufgabenveranlassung im RJE-Betrieb.

Dipl.-Kfm. Gerhard-Krischer (35) studierte an der Universität Köln Betriebswirtschaftslehre. Seit 1960 beschäftigt er sich mit der Datenverarbeitung - und zwar in leitender Stellung bei verschiedenen Anwendern und auch international tätigen Beratungsunternehmen. Seit drei Jahren leitet er im Hause Bosch den DV-Bereich "Projektorganisation Werke", eine der EDV-Hauptabteilungen in der Stuttgarter Hauptverwaltung der Robert Bosch GmbH.