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04.12.1974 - 

Vier Lösungen zeigen Trend:

Datenerfassungssysteme machen den Computer überflüssig

Von Herbert F. W. Schramm Exclusiv für CW

Mit Funktionen und Leistungen, die man bislang nur bei den Computern vermuten konnte, machen in wachsendem Maße Systeme von sich reden, die eigentlich für die tristen Massenaufgaben im Vorfeld der Datenverarbeitung entwickelt worden sind. Vielen Produktplanern schwebt eben bei Datenerfassungsgeräten nicht mehr das Vorbild der Kartenlocher vor Augen, sondern die "Intelligenz" und Funktionsspannweite der EDV-Anlagen.

Am deutlichsten ist dieser Trend, der 1965 in den USA begann, bei den Plätzen und Systemen für die autonome oder kollektive Magnetbandkodierung zu beobachten. Spürbar ist er auch bei den Terminals aus der mittleren Datentechnik. Ignoriert wird er hingegen von der Spitzengruppe der Computer-Industrie. Das beweisen die diesjährigen Marktpremieren für mehrere Kartenlocher, und das wird auch durch das Disketten-System IBM 3740 nicht widerlegt: Gerade die Funktionen dieses Produkts lassen nur wenig ahnen, daß die Lochkartenära abklingt.

Insbesondere aber haben die Anwender entdeckt, daß sie mit "intelligenten" Peripheriesystemen nicht allein das Futter für die Datenverarbeitung aufbereiten können. In manchen, keineswegs exotischen Aufgabengebieten machen solche Systeme inzwischen teure Planungen, EDV-Installationen und Rechenzeiten überflüssig. Sie versprechen dank ihres wesentlich niedrigeren Kostenniveaus hohe Einsparungen.

Den Peripherie-Spezialisten, die keinerlei Computer auf den Markt bringen, kann es nur recht sein, wenn ihre Systeme sozusagen in der Datenverarbeitung fremdgehen. In dieser glücklichen Situation steht etwa Inforex. Dieser Produzent hat denn auch erkennen lassen, daß er zur nächsten Hannover-Messe mit einem bislang ungewöhnlich anschlußfreudigen und damit funktionsreichen System aufwarten wird. Mit einigen Sorgen wird die Entwicklung hingegen von Produzenten mit universeller Hardware-Palette beobachtet. Ein Teil von ihnen trachtet danach, den entfremdeten Einsatz der Datenerfassungssysteme durch Anweisungen an die Vertriebsbeauftragten zu unterbinden. Abzuwenden sind solche Konkurrenzsituationen im eigenen Hause jedoch kaum. Denn trotz aller Assistenzleistungen bestimmt die Art der Systembenutzung noch immer der Anwender selbst.

Die Möglichkeiten, eine typische EDV-Aufgabe ohne

Computer wirtschaftlicher zu bewältigen, hat schon vor zwei Jahren ausgerechnet ein Kriminalamt demonstriert. Die Kripozentrale in Hannover wollte damals zunächst nur die umständliche manuelle Tagebuchführung in den Polizeistellen durch Maschineneinsatz ablösen. Seit Preußens Zeiten werden die Ermittlungsvorgänge in Folianten erfaßt, wo sie angesichts von 120 000 Tagebuchzeilen nur mit ebenso voluminösen Karteien wiedergefunden werden können. Das Problem ähnelt also den Sorgen eines Unternehmens, das ein Riesen-Artikelsortiment mit Hilfe von Karteikarten ständig aktuell fortschreiben und ergänzen will.

Die Kripo rüstete sich dann mit einem, einzigen Magnetband-Kodierplatz vom Typ Olivetti 520 aus, der mit zwei Magnetbandkassetten-Einrichtungen, einem zusätzlichen Speichermagnetband sowie einem Schnelldrucker arbeitet. Eine der Kassetten enthält die Erfassungs-, Such- und Druckprogramme, die zweite dient täglich zur Datenerfassung. Das Speicherband nimmt die im Jahreslauf erfaßten Daten auf. Das System braucht für eine Fülle verschiedenartiger Auswertungen keinerlei Computer. Die Suchprogramme steuern aus dem Speicherband in täglicher Routine binnen weniger Minuten Informationen mit gemeinsamen Kriterien aus, die für Ermittlungs- und Führungsaufgaben benötigt werden. Auch stellt der Schnelldrucker die in den Fachkommissariaten benötigten Tagebücher und Karteien her. Der Wirtschaftlichkeitseffekt: Statt bisher zwölf Schreibkräften reicht eine Datenerfasserin aus. Und das System liefert Informationen, die früher gar nicht erarbeitet werden konnten.

Ein jüngstes Beispiel für tüchtige Peripheriesysteme kann man auch in Hamburgs Hafenwirtschaft studieren. An der Überseeverschiffung von Ladegütern sind mehrere Branchen beteiligt, die ständig die gleichen Stammdaten in ihren Unterlagen und Dokumenten benötigen: Speditionen, Ladungskontrolleure (Tallyfirmen), Schiffsagenten und Kai-Umschlagsbetriebe. Um Doppelarbeit zu sparen und vor allem den Datenaustausch zu beschleunigen, wurde 1970 mit der Vorbereitung eines EDV-Systems begonnen, der "Datenbank Hamburger Hafen, deren Planung bis heute 3,5 Millionen DM verschlang und noch immer keine praktikablen Ergebnisse hervorgebracht hat. Dieser "zentralen" Lösung hat Nixdorf nun eine, "dezentrale" gegenübergestellt: Die einzelnen Firmen können mit Datensammelsystemen Typ 620 ihre Dokumente selbst erstellen, wozu den Systemen schnelle Drucker angeschlossen sind. Durch DFÜ-Einrichtungen können sie zugleich die in kooperierenden Firmen benötigten Stammdaten fernübertragen - auf dort installierte 620-Systeme. In dieser Konzeption wären Computer überflüssig. Die Kosteneinsparung: Bei der genannten Datenbank ist jede Sendung Im Durchschnitt mit 4 DM Systemkosten belastet, beim "intelligenten Sammelsystem" nur mit 0,75 DM.

Seit Anfang November hat sich gar das Bundesfinanzministerium in die Reihe der Datenverarbeiter mit Datenerfassungssystemen eingeordnet. In seiner Bundeskasse Bonn, die bis zu diesem Zeitpunkt im gegenwärtigen Haushaltsjahr 38 Milliarden DM auszuzahlen hatte, ist ein Datensammelsystem Philips X 1150 installiert worden. Sein einziger Zweck sollte zunächst die Magnetbandherstellung für den Datenträgeraustausch mit der Landeszentralbank und dem Postscheckamt sein. Der angeschlossene Drucker und vor allem das Sicherheitssystem in der Erfassungspraxis führten zu einer zweiten, verarbeitungsbetonten Funktion: Im Interesse einer vollständigen Kassensicherheit werden für alle Belegstapel Zwischen- und Endsummen der erfaßten Beträge gebildet, die man mit Summen vergleicht, welche von den Sachbearbeitern errechnet worden sind. Diese Systemleistungen nutzt man nun aus, um im Zuge der täglichen Erfassungspraxis (pro Tag 4000 Auszahlungsvorgänge) gleich Buchungsunterlagen für die verschiedenen Entscheidungsebenen mitzuerstellen. Statt früher mit Einzelsummen buchen zu müssen, können die Buchhalter nun Daten verarbeiten, die bereits vollständig in Einklang mit ihrem Informationsbedarf stehen: vorverdichtet, vorgeprüft und last not least sauber und formatisiert in Journalform gedruckt.

Für Verarbeitungsaufgaben mit oder ohne Zusammenhang zur Datenerfassung sind in allem hauptsächlich freiprogrammierbare Peripheriesysteme geeignet, die außer reinen Formatprogrammen auch Sortier- und Mischläufe, Datenverdichtungen und arithmetische Funktionen bieten. Wertvolle Komponenten sind dabei leistungsfähige Drucker, in Verbindung mit direktem, selektivem oder auch sequentiellem Dateizugriff.

Herbert F. W. Schramm ist freier EDV-Fachjournalist