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18.07.2005

Datensprache für globale Werkbank

Günther Schuh, Benedikt Schweicher und Benjamin Walber 
Unternehmen können durch gemeinsame Fertigung in Netzen produktiver werden. Vor allem Mittelständlern fehlt jedoch ein Datenstandard. "Myopenfactory" könnte Abhilfe schaffen.
Auch mittelständische Unternehmen errichten globale Beschaffungs- und Produktionsnetze.
Auch mittelständische Unternehmen errichten globale Beschaffungs- und Produktionsnetze.
Mit Myopenfactory steht eine Spezifikation für den unternehmensübergreifenden Datenaustausch zur Produktionsplanung zur Verfügung.
Mit Myopenfactory steht eine Spezifikation für den unternehmensübergreifenden Datenaustausch zur Produktionsplanung zur Verfügung.

Unternehmen erkennen Kooperation zunehmend als erfolgversprechende Wettbewerbsstrategie. Dabei konzentrieren sie sich auf ihre Kernkompetenzen, verlagern Fertigungsschritte auf andere Unternehmen und müssen sich dadurch mit der Problematik einer verteilten Fertigung auseinander setzen. Allerdings existiert noch kein IT-Standard für den standort- und firmenübergreifenden Datenaustausch.

Hier lesen Sie …

• warum kollaborative Produktionsnetze nützlich sind;

• was Firmen daran hindert, gemeinsam mit anderen Fertigungsnetze zu errichten;

• wie der Datenaustausch für die firmenübergreifende Produktionsplanung realisiert werden kann.

Ungenutzte Chancen

Unternehmen arbeiten in Produktions- und Firmennetzen zusammen, um wettbewerbsfähiger zu werden. Diesen Trend belegt die Studie "Global Footprint Design" der RWTH Aachen aus dem Jahr 2004. Demnach planen 90 Prozent der befragten deutschen Unternehmen, in den kommenden fünf Jahren Teile ihrer Wertschöpfung ins Ausland zu verlagern.

In Deutschland nutzen erst 25 Prozent der Industrieunternehmen die Möglichkeiten zur Auslandsverlagerung in vollem Umfang. Vorreiter auf diesem Gebiet sind die Automobilindustrie und der Maschinen- und Anlagenbau, die für jede Stufe der Wertschöpfung den aus Kosten- und Qualitätsgründen optimalen Standort wählen. Dadurch entstehen immer mehr internationale Unternehmensnetze.

Kurzfristige Beziehungen

Allerdings beschränkt sich die Verlagerung überwiegend noch auf langfristige Beziehungen größerer Unternehmen. Für mittelständische Firmen fehlen derzeit sowohl die organisatorischen als auch informationstechnischen Voraussetzungen, um die zur Auftragsabwicklung relevanten Nachrichten effizient auszutauschen. Gerade der Mittelstand benötigt ausreichende Flexibilität auch für kurzfristige Geschäftsbeziehungen, um von den Vorteilen einer verteilten Fertigung zu profitieren.

Faxgerät und Telefon stellen immer noch die wichtigsten Medien bei der überbetrieblichen Auftragsabwicklung dar. Papierbasierende Vorgänge verursachen Medienbrüche, die durch nicht wertschöpfende Routinetätigkeiten wie das Übertragen von Daten und Belegen (zum Beispiel Angebote, Auftragsbestätigungen oder Rechnungen) ins ERP-System unter hohem Personalaufwand aufgefangen werden. Die damit verbundene mangelhafte Transparenz in der Bestell- und Auftragsverfolgung führt zu langen Lieferzeiten und schlechter Termintreue.

Fehlende IT-Unterstützung behindert die Kooperation mit anderen Betrieben. Es mangelt an flexibler Planungs- und Steuerungsintegration, um schnell und billig Produkt- und Produktionssteuerungsdaten austauschen zu können.

Für die transparente innerbetriebliche Auftragsabwicklung eignen sich in Industrieunternehmen ERP-Systeme. Überbetrieblich empfehlen sich diese Lösungen jedoch nicht. Im deutschen Wirtschaftsraum ist der ERP-Markt durch viele verschiedene mittelstandsorientierter ERP-Systeme geprägt. Eine Übersicht liefert der Marktspiegel Business Software ERP/PPS (http://www.it-matchmaker.com/ marktspiegel.html). Durch unternehmensspezifische Anpassung (Customizing) der ERP-Umgebungen und die Inkompatibilität der Softwarelösungen untereinander ist die Kommunikation mit externen Kooperationspartnern nur eingeschränkt möglich. Daher werden in der Praxis die erforderlichen Schnittstellen in kostenintensiven Projekten realisiert. Da sich Unternehmen zunehmend überbetrieblichen Wertschöpfungsnetzen beteiligen, erreichen die Schnittstellenkosten ein Maß, das nur große Firmen aufbringen können. Schon innerbetriebliche Systemgrenzen wie zum Beispiel zwischen Produktionsplanung- und -steuerung, Finanzbuchhaltung, Supply-Chain-Management (SCM), Customer-Relationship-Management (CRM) sind ja mittels Enterprise Application Integration (EAI) nur kostspielig zu überbrücken. In Netzen zwischen mehreren Firmen erscheint dieses Vorgehen wenig aussichtsreich.

Darüber hinaus werden Unternehmen derzeit nicht hinreichend darin unterstützt, aus der Vielfalt überbetrieblicher Auftragsabwicklungsszenarien (zum Beispiel Rahmenvereinbarungen, Kunden-Lieferanten-Beziehungen, elektronische Marktplätze) die für sie adäquaten Methoden auszuwählen und umzusetzen. Die gegenwärtig verfügbaren (technischen) Hilfsmittel adressieren jeweils nur Einzelaspekte der informationstechnischen und organisatorischen Herausforderungen. Beispielsweise erlauben EDI-Protokolle (Electronic Data Interchange) lediglich den bilateralen Austausch genormter Datenformate und strukturierter Datenvolumina bei geringer Flexibilität und hohen Kosten. Elektronische Marktplätze sind nur für Einzeltransaktionen geeignet. SCM-Systeme verlangen einen hohen Implementierungsaufwand und eignen sich daher vornehmlich für die dauerhafte Einrichtung von langfristigen, statischen Kooperationsbeziehungen.

Redundanz vermeiden

Formen der unternehmens- übergreifenden Zusammenarbeit wie beispielsweise virtuelle Unternehmen oder verlängerte Werkbänke, verlangen nach deutlich flexibleren und einfacheren Planungs- und Steuerungswerkzeugen. Derzeit pflegt jeder Partner die Daten extra und diverse Planungs- und Steuerungsoperationen laufen in unterschiedlichen PPS-/ERP-Systemen mehrmals ab. Ausweg aus diesem Dilemma ist die Schaffung eines Quasi-Standards, der eine durchgängige Auftragsabwicklung ermöglicht. Insbesondere mittelständischen Unternehmen soll es ermöglicht werden, mit anderen Betrieben über den Quasi-Standard Aufträge abzuwickeln. Die Firmen sollen von redundanter Datenpflege und aufwändiger Kopplung diverser Einzelsysteme befreit werden. Bestandteil dieses Quasi-Standards muss die informations- und datentechnische Beschreibung der überbetrieblichen Auftragsabwicklung von der Anfrage bis zum Versand einschließlich der Rechnungsstellung sein.

Zu spezielle Standards

Trotz zahlreicher Standardisierungsinitiativen hat sich ein branchenübergreifender Standard bisher nicht durchgesetzt. Dies liegt zum einen an der Komplexität von Techniken wie Edifact, zum anderen an der branchenspezifischen Ausrichtung von Spezifikationen wie etwa JADM oder VDA in der Automobilindustrie. Aus diesem Grund hat sich unter der Federführung der Aachener RWTH-Einrichtungen Forschungsinstitut für Rationalisierung (FIR) und Werkzeugmaschinenlabor (WZL) die Open-Factory-Initiative zusammengeschlossen, um die beschriebenen Missstände zu beheben. Gemeinsam mit den Projektpartnern wurde der Quasi-Standard "Myopenfactory" entwickelt, der die überbetriebliche Auftrags- und Projektabwicklung zwischen unterschiedlichen ERP-Systemen ermöglicht. Zur automatischen Daten- und Nachrichtenübertragung (Bestellung, Auftragsbestätigung, Rechnung etc.) über Myopenfactory stellen die ERP-Anbieter des Konsortiums Infor Global Solutions, Proalpha und Psi Penta Interfaces bereit.

Auch für kleine Firmen geeignet

Der Quasi-Transaktionsstandard Openfactory steht im Sinne des Open-Source-Gedankens allen interessierten Softwareanbietern offen. Aber auch kleinere Unternehmen ohne ERP-System werden Myopenfactory über ein Web-Cockpit kostengünstig nutzen können und damit an den Potenzialen einer verteilten Fertigung teilhaben. (fn)