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14.08.1981 - 

Die Zahl der Aussteiger und Branchenwechsler nimmt zu: .

Datenverarbeiter wollen mehr "Spiel "-Raum

MÜNCHEN - Als Aufsteiger in der Einkommenshierarchie und als Kreative, die am "Rad der Zukunft" drehen, konnten Computere bisher stets die stille Bewunderung ihrer Mitbürger genießen - und genießen sie noch heute. Dennoch scheint der DV-Job für viele nicht mehr so attraktiv wie einst: Die Pionierzeit der Datenverarbeitung ist vorbei, und die Dynamiker der ersten Stunde fühlen sich in ihrem Betätigungsfeld immer mehr eingeschränkt. Im Sog zunehmender Frustration haben bereits namhafte DV-Leute das Handtuch geworfen und Leistungsstreß sowie Establishment Lebewohl gesagt.

Der Ausstieg ist heute beileibe nicht mehr nur ein Privileg der Jungen. Vor allem jobmüde Mitvierziger - zwar gedanklich fern von Poona oder absoluter Walachei - neigen immer häufiger dazu, "in den Sack zu hauen". Sie wollen ihre Leistung nur noch darin sehen, das zu tun, was die Gesellschaft von ihnen nicht erwartet. So tauschen sie denn auch Nadelstreifen gegen Jeans und T-Shirt, Daimler gegen Ente oder Käfer und wechseln ihren traditionellen Lebensrhythmus. Getreu dem Motto: Arbeiten um zu leben, nicht leben um zu arbeiten.

Derartiges Verständnis ist auch für abstrakt und nüchtern denkende DV-Leute keine Utopie mehr - die DV-Branche hat ihre Beispiele:

- Gerd Lenkersdorfer, einst Manager im Kölner Mantey Rechenzentrum, nahm bereits vor zwei Jahren seinen Abschied von der DV-Welt und segelt seitdem rund um den Globus.

- Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau, lange Zeit einer der führenden Leute bei Olivetti, zuletzt Berater in Sachen Öffentlichkeit bei MAI, zog sich im letzten Jahr in seine gräflichen Weinberge zurück.

- Nach 18jähriger Tätigkeit für die IBM - zuletzt als Kundenberater mit einem Monatsgehalt von 7000 Mark - war der Gesundheitszustand von Horst Ebert derart angeknackst, daß ein Herzinfarkt nahezu unausweichlich schien. Auf Anraten von Internisten hängte er schließlich seinen Job an den Nagel und verdingte sich nun als Cafetier des "Karawankenblick" im österreichischen Finkenstein.

- Ex-Amdahl-Marketingchef M. E Zioutas kaufte sich vor nicht allzu langer Zeit ein One-Way-Ticket ins makedonische Griechenland, um fortan nur noch die väterlichen Plantagen zu managen.

Insbesondere Griechenland gilt als Aussteiger-Mekka für erfolgsgestreßte Top-Verdiener. Wie Hellas-Reisende berichten, sollen sich allein auf der nordgriechischen Halbinsel Pilion einige ehemalige IBM-VBs als "Olivenfarmer" oder "Lebenskünstler" niedergelassen haben. Auch wird erzählt, daß in einem Fischernest südlich der Hafenstadt Patras ein Ex-Siemens-Analyst eine Kneipe betreibe halbtags, versteht sich.

Dagmar Kirgis, früher als Betriebswirtin bei Siemens mit guten Karriere-Chancen ausgerüstet, bewies, daß nicht nur erfolgssatte Männer zu den "Ohne-mich-Typen" gehören. Sie verzog sich unIängst auf die Kykladen-Insel Katapula.

Auf einem anderen Eiland, nämlich Malta, trafen DV-Urlauber im letzten Jahr einen bärtigen Fünfzigjährigen, der sich als Aussteiger des Jahres 1980 bei Nixdorf bezeichnete. Er habe dem Manager-Dasein Adieu gesagt, um mit einem Segelboot, ähnlich wie Lenkersdorfer, die Weltmeere zu befahren.

Die Gründe, warum derzeit gerade Datenverarbeiter zum Aus- oder Umstieg neigen, beschreibt Harro Krassowski, Ex-Öffentlichkeitsarbeiter bei Data 100, jetzt Mitinhaber eines kleinen Reisebüros in Frankfurt: In der DV habe man nicht wie in anderen Branchen die Möglichkeit, sich Wissenspfründe zu schaffen, auf die man mittel- und langfristig aufbauen könne. Ein DV-Spezialist müsse Know-how-mäßig permanent am Ball bleiben - und das bis zur Pensionierung. "Der zunehmende Leistungsstreß", gesteht Krassowski, "hat mir zuletzt immer weniger behagt." Seine jetzige Aktivität gebe ihm die Möglichkeit, mehr zu leben, ohne sich - wie in der DV- "sinnlos kaputtzurackern".

Eine andere Erklärung für das Aussteiger-Syndrom weiß DV-Kenner Rolf Bildhäuser. Für die Computeure der ersten Generation- egal ob Programmierer, DV-Leiter oder VB.- habe die Datenverarbeitung erheblich an Attraktivität verloren. Der Spielraum, sich heute noch kreativ zu entfalten, werde immer geringer.

Umfragen des Instituts für Arbeits- und Berufsforschung in Nürnberg haben denn auch gezeigt, daß "bereits bei der Berufswahl zunehmend Faktoren berücksichtigt werden" (so Frank Dostal), "die weit abseits vom Einkommen liegen". So kann sicherlich inzwischen auch jene Weisheit des Historikers Theodor Mommsen .als überholt betrachtet werden, der da vor rund 100 Jahren schrieb: "Wenn der Mensch keinen Genuß mehr an der Arbeit findet so ist es nur ein Zufall, wenn er kein Verbrecher wird."