Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.


10.03.1995

Datenverarbeitung im Osten: Die Entmuendigung droht

Dr. Wolfgang Claus Geschaeftsfuehrer Fiducia Geno-Datenservice GmbH, Berlin

Die konjunkturellen Daten zeigen fuer die neuen Bundeslaender erste groessere Lichtblicke, es wird oeffentlich applaudiert, doch die dortigen Betriebe stehen vor einem erheblichen und vor allem weit in die Zukunft reichenden Problem: Es entsteht in Sachen Informationstechnik keine eigene Identitaet! Daran sind weniger die weiterhin schwache Investitionsbasis und noch weniger die Einsicht in die Notwendigkeit moderner IT-Strukturen schuld, sondern die mangelnden Entscheidungsfreiheiten derer, die vor Ort taetig sind.

Der Handel, so hat eine aktuelle Markterhebung im Auftrag der Fiducia Geno-Datenservice GmbH ergeben, haengt informationstechnisch zu drei Vierteln am Tropf einer Muttergesellschaft, die sich meist im Westen befindet. Jedes zweite Unternehmen nutzt ausschliesslich die Konzernressourcen, jedes fuenfte zumindest teilweise. Die Konsequenz: IT-Strategien werden anderswo geplant und entschieden, den Betrieben in den neuen Bundeslaendern bleibt nur die undankbare Rolle des Erfuellungsgehilfen.

Der Handel duerfte bei dieser DV-technischen Entmuendigung keine Ausnahme darstellen, eher ist davon auszugehen, dass aehnliche Vorzeichen tendenziell fuer fast alle Branchen bestehen. Fast ueberall begleiten wirtschaftlich potente Westfirmen den Konsolidierungsprozess der ansaessigen Unternehmen, die Konjunkturimpulse werden durch Opel, Quelle und andere erreicht.

Dass sich manche dieser Investoren und Berater daran eine goldene Nase verdient haben, wie jetzt bekannt wurde, ist vielleicht nur ein Nebeneffekt und moeglicherweise auch gar nicht vermeidbar gewesen. Denn ohne diesen Know-how- und Finanztransfer haette sich der Aufbau marktwirtschaftlicher Verhaeltnisse laengst nicht so schnell realisieren lassen. Doch der Preis dafuer: In wesentlichen unternehmerischen Fragen wird die Selbstaendigkeit aufgegeben. Dazu gehoert zweifellos nicht nur die Informationstechnik, aber eben auch sie. Und bedenkt man, dass sie in hohem Masse ueber Qualitaet der Produktinnovationen, Marktaktivitaeten und Wettbewerbserfolg entscheidet, wird der Grad der Abhaengigkeit deutlich. Auch langfristig, denn einmal geschaffene Strukturen verfestigen sich bekanntlich schnell.

Darin liegt wohl auch das eigentliche Problem: Eine Anschubunterstuetzung war und ist zwingend notwendig; zukuenftig bedarf es jedoch einer Vitalitaet der ostdeutschen Wirtschaft, die mit eigener Kraft, eigenem Denken und Entscheiden entsteht. Wenn auf Dauer in Stuttgart oder Hamburg vorgedacht und in Rostock oder Leipzig nur gehorsam umgesetzt wird, koennen unternehmerische Power, Kreativitaet und andere wirtschaftliche Erfolgsfaktoren schnell auf der Strecke bleiben. Schliesslich regieren aus gutem Grund beispielsweise amerikanische Konzerne nicht in die IT- Strategien ihrer Deutschland-Toechter hinein.

Notwendig ist deshalb ein grundsaetzliches Umdenken in den Chefetagen. Denn sollten die Ostunternehmen auch mittelfristig in ihrer Entscheidungskompetenz zu sehr am Tropf westlicher Muetter oder Partner haengen, droht in den neuen Bundeslaendern eine sterile Wirtschaftsstruktur, die nur ueber ein minimales Eigenleben verfuegt und deren gewachsene Eigenarten unberuecksichtigt bleiben. Das Interesse aller muesste jedoch das moeglichst florierende Eigenleben dieser Betriebe sein, das zwar die globalen Konzernstrategien beruecksichtigt, aber trotzdem nicht die Bodenhaftung in ihren Heimatmaerkten mit den gesellschaftlichen Besonderheiten verliert.

Die DV bietet vielfaeltige Werkzeuge fuer betriebswirtschaftliche Anforderungen, Produktentwicklungen, Marketing und mehr. Die entscheidende Frage ist jedoch, warum die Auswahl dieser Instrumente grundsaetzlich anderswo entschieden werden muss. Erfahrungsvorsprung hin oder her: Letztlich muessen Menschen mit dieser Technik umgehen, sie muessen sich damit identifizieren und die Loesungen kreativ umsetzen. Wer heute um des schnellen Erfolges willen die Unternehmen in den neuen Bundeslaendern nur funktionalisiert, nimmt ihnen den Atem. Abstimmung ist sinnvoll, aber sie muss enden, wo sie zur Entmuendigung wird.

Ein Ausweg aus der gegenwaertigen Sackgasse liegt allein darin, die Ziele neu zu definieren. Die Anschubhilfe in Form von Finanzmitteln und Wissen war fuer die tiefgreifende Umgestaltung des Gesellschafts- und Wirtschaftsgefueges unbedingt notwendig. Und sie ist es teilweise immer noch, damit das gegenwaertig noch zarte Pflaenzchen die notwendige Stabilitaet und Reife bekommt. Trotzdem beginnt nach diesen Jahren der ersten Konsolidierung eine neue Phase: die Verselbstaendigung. Sie gilt es zu unterstuetzen, auch durch entsprechendes Handeln der Unternehmen. Es muessen Freiraeume geschaffen werden, ohne die kein eigenes Profil des Marktes in den neuen Bundeslaendern moeglich ist. Und dazu gehoert auch, dass die IT- Strategie nicht mehr in diesem hohen Masse andernorts geplant und entschieden wird.