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19.02.1993 - 

Thema der Woche / Neuer Online-Dienst im Spannungsfeld zwischen DFUe und Dialoganwendungen

Datex-J: Auch am neuen Btx scheiden sich die Geister

Ein Blick zurueck: Mitte der 80er Jahre bot die damals noch geeinte Bundespost mit Btx einen neuen Dienst an, der auf die Bequemlichkeit der privaten Haushalte setzte: Dienstleistungen aller Art sollten via Btx im heimischen Wohnzimmer genutzt werden. Ueberzeugt von diesem Angebot, prophezeite eine Diebold-Studie bereits fuer 1988 eine Million Teilnehmer, allerdings nur im "Best Case". Doch das gelbe Mammutunternehmen hatte auf das falsche Pferd gesetzt, denn "die demokratische Nutzung dieser Dienstleistungen fand nicht statt", so der Kommentar von TK- Berater Bernd Litke aus Dreieich zu der urspruenglich anvisierten Zielgruppe der Post.

Dafuer entdeckte aber eine andere Klientel, die die Post gar nicht in ihre Rechnung aufgenommen hatte, den neuen Service fuer sich - naemlich die professionellen Anwender. Immer mehr Unternehmen nutzten Btx zur Datenuebertragung und zur Verbindung mit den zentralen Hosts. Christian Ritz, Vertriebsbeauftragter fuer Kommunikation bei NUR-Touristic, lobte gegenueber der COMPUTERWOCHE vor vier Jahren Btx als ein konkurrenzfaehiges Medium, das kein Notnagel sei. Rueckblickend bewertet der DV-Experte die Erfahrungen im praktischen Einsatz sehr positiv, da mit den angebotenen PCs und Softwaredecodern nun auch geeignetes Equipment verfuegbar sei. Die urspruenglich angebotenen Multitels wurden den Anforderungen der professionellen Klientel nicht gerecht - eine Einsicht, die sich mittlerweile auch bei der Telekom durchgesetzt hat. Heute ist der anfangs vernachlaessigte PC der Hoffnungstraeger, auf den die Telekom baut. Spaetestens mit den PCs ist fuer Eric Danke, Ministerialrat und Fachbereichsleiter der Telekom, "die Zeit reif fuer Datex-J".

Dieser Einschaetzung widerspricht TK-Berater Litke energisch. Fuer ihn ist "der PC der staerkste Feind des Btx". Zudem beklagt er "die mangelnde Kompatibilitaet von Btx zu DOS" - ein Problem, das auch den Mitarbeiter eines renommierten sueddeutschen Automobilherstellers aergert. Die Haendler des Unternehmens muessten ihre Daten zweimal erfassen, einmal fuer die eigene Inhouse-DV und dann fuer Datex-J zur Kommunikation mit dem Zentralrechner, beklagen die IT-Manager des Autokonzerns, die Datenformate oder entsprechende Import- oder Exportfilter schmerzlich vermissen. Eine Migration zu anderen Medien kommt fuer die Autobauer allerdings nicht in Betracht, da man den Haendlern innerhalb so kurzer Zeit keine neuen Hardware-Investitionen zumuten koenne.

Rigoros ist dagegen die Muenchner Osram GmbH. Waehrend Thomas Eder, Projektleiter fuer DV-gestuetzte Systeme, vor vier Jahren gegenueber der COMPUTERWOCHE noch bekannte, "Osram fahre die gesamte Uebertragung der Auftragsdaten ueber Btx", hat der Leuchtenhersteller heute damit nichts mehr am Hut. Robert Blattenberger, Leiter der Informationstechnik, zum derzeitigen Stellenwert des Dienstes: "Osram betrachtet Datex-J lediglich als Randgebiet, das fuer unser Unternehmen nicht von Bedeutung ist." Die Muenchner setzen mittlerweile bei Bestellungen, Auftragsabwicklung und Rechnungen verstaerkt auf Electronic Data Interchange (EDI).

Anders sieht die Situation in der Versandhandelsbranche aus, die unisono Datex-J als Bestellmedium fuer private Kunden schaetzt: Das Versandhaus Neckermann kommuniziert beispielsweise mit seinen Gross- und Sammelbestellern sowie dem Vertriebszweig Kauf- und Bestellshops via Datex-J. Kuenftig will das Unternehmen damit auch seine Aussendienstmitarbeiter ansprechen. Geht es nach Peter Mally, zustaendig fuer den Vertrieb Datex-J, wird bald "alles, was wir heute per Papier und Post durch deutsche Lande jagen, ueber Datex-J abgewickelt". Ein Mitarbeiter des Fuerther Konkurrenten Quelle beurteilt den Einsatz von Btx dagegen nicht so euphorisch. Im Privatkundengeschaeft zwar gelobt, kommt Datex-J fuer den professionellen Einsatz zur Unternehmenskommunikation nicht in Betracht. Hier verlassen sich die Fuerther lieber auf andere Abfragesysteme wie Modemverbindungen, Datex-P oder Audiotex, das seit 15 Jahren genutzt wird. "Das System hat sich bewaehrt, deshalb macht es keinen Sinn, es wegen Datex-J zu demontieren", so der Quelle-Mann.

Auch der Tankstellenriese Esso baut lieber auf Modemverbindungen und Telefax 400. Die Modems werden vom Prozessrechner via Telefonleitungen angewaehlt. Auf diese Weise uebertraegt das Unternehmen laut Arthur Dohm, im Marketing Tankstellenbereiche taetig, die Preise direkt bis zu den Zapfsaeulen, die sich auf den neuen Obulus automatisch umstellen. Dohms Kommentar zum Online- Dienst Datex-J: "Btx ist nichts anderes als modernes E-Mailing."

Diese Einschaetzung mag Btx-Guru Danke nicht teilen. Er sieht den Schwerpunkt von Datex-J dort, "wo der Dialog angesiedelt ist". Der Telekom-Manager rechnet denn auch vor, dass 35 Prozent der Nutzungszeit von Datex-J Durchschaltungen in externe Rechner sind, auf denen fremde Applikationen laufen. Alles in allem gebe es zur Zeit ueber 500 externe Rechner. Eine der Firmen, die Btx als externe Rechneranwendung fuer die einzelnen dezentralen Agenturbueros einsetzt, ist NUR-Touristic. Wie TK-Spezialist Ritz erklaert, hat bei dem Reiseveranstalter lediglich ein bestimmter Personenkreis Zugriff auf den Rechner und kann Applikationen wie Buchungs- oder Bestellservice aufrufen.

Aehnlich nutzt auch die Versicherungsbranche Datex-J, beispielsweise die Iduna/Nova-Gruppe in Hamburg. Die Branche spricht mit dem Online-Dienst in der Regel die vor Ort angesiedelten Agenturen und Aussendienstmitarbeiter an. Allerdings liegt John Bartels von der technischen Aussendienstunterstuetzung der Iduna-Gruppe eine Neuerung der Telekom schwer im Magen: "Der Zeittakt von Datex-J kostet Geld und ist eine zusaetzliche Belastung."

Obwohl die neuen Zeittaktgebuehren bei Datex-J zahlreichen Unternehmen Kopfzerbrechen bereiten, sieht Danke darin kein Problem. Fuer ihn ist das nur "eine Frage der Umschichtung bei innerbetrieblichen Anwendungen," wo es dann egal sei, "wer was wo verbucht".

Die Telekom-Kunden scheinen hier jedoch anderer Meinung zu sein. Die Start-Btx-Reiseberatung hat beispielsweise ihr Angebot in Btx eingestellt und einen eigenen Container mit spezieller Datex-J- Kennung eingerichtet, um so Gebuehren zu sparen.

Auch Btx-Pionier BP - hier wird das Medium zur Uebermittlung des Treibstoffbestandes, der Liefermengen, Preise und Lieferanforderungen genutzt - steht dem neuen Zeittakt eher skeptisch gegenueber. "Unser Haus ueberlegt, ob es einen eigenen BP- Container aufmacht, um den Zeittakt zu umgehen", erklaert Guenter Gross, Teamleiter Telekommunikation. Mit Argwohn blickt auch ein grosser bayerischer Automobilbauer der ersten Datex-J-Abrechnung entgegen. Eine Kostenlawine erwartend, hat das Unternehmen fuer dieses Jahr bereits Mehrkosten in Hoehe von 40 Prozent eingeplant. Auch NUR-Mann Ritz fuegt sich in sein Schicksal. Er hat sich vorgenommen, das Medium kuenftig staerker nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten einzusetzen, da jetzt bekannt sei, "dass Datex-J ja auch Geld kostet."

Deshalb ist fuer den Insider Datex-J nur ein Standbein der Unternehmenskommunikation neben anderen Medien. Fuer die konzerneigenen Vertretungen baut NUR lieber auf Datex-P oder Standleitungen, da "Datex-P und HFD-Leitungen von der Kostenseite her bei groesseren Buchungszahlen vorteilhafter sind".

Der Oel-Multi Shell hingegen setzt ganz auf Datex-P und ist mit dem technisch stabilen Tool sehr zufrieden. Zwar raeumt Dietmar Stadie vom Referat Retail-Automation ein, andere technisch stabile Loesungen seien fuer sein Unternehmen immer von Interesse, fuegt aber hinzu: "Bei Datex-J sind wir in unseren Ueberlegungen noch nicht angelangt." Gleiches gilt fuer den Konkurrenten DEA. Die Newcomer im Mineraloelgeschaeft favorisieren ebenfalls Datex-P, wenden aber haeufig noch Datex-L an.

Trotz aller Widrigkeiten gibt es fuer die Anwender auch einen kleinen Lichtblick: Der endlich angebotene flaechendeckende Zugang mit 2400 Bit/s zum Ortstarif wird fast einhellig begruesst. Nur fuer BP-Mann Gross ist die Geschwindigkeitsdebatte zur Zeit noch kein Thema, da der Konzern seine Anwendungen soweit optimiert habe, dass man mit 1200/75 Bit/s sehr gut hinkomme. Anders sieht das dagegen Ritz, der sich vor vier Jahren bei Uebertragungsgeschwindigkeiten von 1200/75 Bit/s einen Filetransfer noch nicht vorstellen konnte. Fuer die Agenturen des Touristkunternehmens wurde die DFUe erst jetzt mit 2400 Bit/s interessant.

Bartels von der Iduna-Versicherungsgruppe, fuer den Btx vor vier Jahren in Sachen DFUe via Btx kein Thema war, bekennt, heute mit den neuen Geschwindigkeiten auch Filetransfer zu den Agenturen via Datex-J zu fahren.

Ein positives Echo in puncto DFUE hat Telekom-Fachbereichsleiter Danke denn auch nicht erwartet. Fuer ihn ist DFUe ueber Datex-J "nicht das Thema, das die Telekom interessiert". Fuer den Btx- Spezialisten ist bei der Datenuebertragung immer noch ISDN mit 64 Kbit/s die erste Wahl. So vergleicht er die angebotenen 2400 Bit/s und ISDN mit einem Goggo beziehungsweise einem Porsche. Der Anwender entscheide letztlich, wieviel er fuer die Geschwindigkeit anlegen wolle. TK-Berater Litke haelt die ganze Diskussion um den Filetransfer unter Datex-J fuer Humbug, denn "Laptop und Modem sind sinnvoller als der Umweg ueber Btx".

Geben die Anwender dem neuen Telekom-Dienst im Fach Uebertragungsgeschwindigkeit nun bessere Zensuren, so hat der Netzbetreiber bei der versprochenen Transparenz das Klassenziel verfehlt. Die meisten professionellen User haben nur bemerkt, dass der

Dienst teurer geworden ist. Einem Teil der Anwender ist der Sinn der neuen Angebote nicht klar, waehrend andere Profis das X.29- Protokoll, die Container-Dienste etc. fuer Potemkinsche Doerfer halten, die meist irgend etwas Phantastisches versprechen, aber nicht erfuellen. So erwartet Gross von der neuen X.29-Spezifikation - vom Bonner Carrier als einfaches Protokoll gepriesen - nur Nachteile. "Das Multiplexen auf den einzelnen logischen Kanaelen, das sich mit den EHKP-Standards so exzellent managen laesst, wird auf der Ebene von X.29 erst gar nicht angeboten." DV-Mann Bartel weiss aus Gespraechen mit anderen Kollegen zu berichten, "dass die neuen Protokolle von Datex-J nicht so sicher sind".

Verunsichert sind die meisten Anwender auch in bezug auf die neuen Container-Dienste. Die Kunden befinden sich hier in guter Gesellschaft, denn die Telekom-Vertreter haben oft selbst keine Ahnung, wie sie das neue Angebot erklaeren sollen. Fuer einen DV- Mann, der anonym bleiben will, endete die Suche nach weiterfuehrenden Publikationen der Telekom zu den Container- Diensten im grossen Frust. Vernichtendes Urteil des enttaeuschten Anwenders: "Das Angebot entspricht einem Computer, der ohne Installationsanleitung ausgeliefert wird."

Der anonyme User ist kein Einzelfall. Viele Unternehmen sind von der Informationspolitik des Bonner Carriers enttaeuscht und verlassen sich nicht mehr auf irgendwelche Aussichten und Terminankuendingungen, die in den Raum gestellt werden. Das Beispiel Osram, einst gluehender Btx-Verfechter, heute ein Outsourcer, der seine Datenuebertragung nun ueber X.25 faehrt und die WAN-Betreuung an einen privaten Dienstleister abgibt, duerfte Nachahmer finden. Die privaten Value-Added-Service-Anbieter koennen sich freuen und die Haende reiben. Es gibt noch viel zu verdienen.

CW-Mitarbeiter Juergen Hill