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15.05.1992

DB2 erwacht erst langsam aus dem Dornröschen-Schlaf

Mitte der 80erJahre erklärte IBM das relationale Datenbanksystem DB2 zum strategischen Produkt für die MVS-Welt. Doch Big Blue hatte die Rechnung offensichtlich ohne die Anwender gemacht. DB2 schlummert mehr oder wenigervor sich hin. Operationale Anwendungen werden meist immer noch unter demhierarchischen Datenbank-Oldie IMS gefahren. Nur zögerlich stellen die Unternehmen wichtige Applikationen auf DB2 um.

In der Unix-Welt haben sich relationale Datenbanken längst durchgesetzt, was die Verkaufszahlen von Anbietern wie Oracle, Sybase oder Ingres beweisen. Dem relationalen IBM-Datenbanksystem DB2 dagegen ist in der Mainframe-Welt der große Durchbruch bisher versagt geblieben. In den Unternehmen existieren zwar DB2-Lizenzen, das Produkt wird jedoch meist nur für kleine Aufgaben eingesetzt. Bei wichtigen Applikationen halten die MVS-Leute bisher noch dem hierarchisch strukturierten Datenbanksystem IMS die Stange.

"DB2 ist bei uns nicht die eigentliche Datenbank, sondern wir benutzen IMS/DB und DL/1 als Produktionssystem. Mit DB2 erstellen wir QMF-Auswertungen", berichtet Lothar Hirschbiegel, DV-Leiter bei AMP Deutschland. Der IT-Manager aus Langen weiter: "Wir nutzen zu 80 Prozent IMS und zu 20 Prozent DB2." Ahnlich gestaltet sich auch bei der Colonia Versicherung das Verhältnis von DB2- zu IMS-Anwendungen Arno Huppertz, der dort als Leiter für technische Standards tätig ist, spricht bei operationalen Applikationen von einem DB2-Anteil von maximal 15 Prozent.

Daß die großeren und wichtigeren Anwendungen momentan noch im IMS-Umfeld laufen, bestätigt auch Helmuth Seidel. Er ist als Geschäftsführer der Unterhachinger Dr. Seidel Informationssysteme tätig, einem Unternehmen, das überwiegend maßgeschneiderte Anwendungssoftware für IMS und DB2 entwickelt. Seidel: "DB2 wird als Datenbank für die individuelle Datenverarbeitung benutzt nicht aber für entscheidende operationale Applikationen in Größenordnungen von 130 bis 150 Mannjahren. Diese Anwendungen laufen im IMS-bisher trauen sich die Unternehmen da nicht richtig ran."

Ein Grund für die zögerliche Haltung der MVS Anwender sind sicherlich die hohen Kosten, die der Wechsel von IMS zu DB2 verursacht. Das IBM-Insider-Blatt "Insight IBM" bezeichnet die Umstiegskosten als horrend. Allein die Umschulung der IMS-Fachleute belastet das Budget enorm, stellt Seidel fest. "Bei 200 Mann in der Anwendungsprogrammierung ist es leicht vorstellbar, welche Summen so ein Projekt verschlingt."

Ein weiterer Hemmschuh für die Akzeptanz der relationalen Mainframe-Datenbank liegt offenbar auf der technischen Seite. "Ein großes Hindernis für den Siegeszug von DB2 sind Performance-Probleme" kritisiert Hirschbiegel. "Starten mehrere TSO-Anwender QMF-Abfragen geht die Geschwindigkeit drastisch runter." Der DV-Profi hat das Problem aber jetzt durch DB2-Performance-Tuning-Tools im Griff.

Wie Martin Rösch von Rösch Consulting berichtet, läßt sich die Datenbank unter der Time-Sharing-Qption (TSO) unter bestimmten Voraussetzungen jedoch nur mit Einschränkungen einsetzen. "Wenn Daten gesperrt werden, sperrt DB2 immer eine ganze Seite, das heißt bis zu 128 Sätze. Dieses Sperrverhalten ist für den Programmierer nicht kalkulierbar, da er nicht weiß, um welche Datensätze es sich handelt. Dadurch entstehen Deadlocks."

Mit dem neuen DB2-Release, das angekündigt ist, soll IBM das Problem der unkontrollierten Sperre beseitigt haben, erzählt Rösch. "Das bedeutet allerdings wieder zusätzlichen Overhead", bemerkt der Kaarster Geschäftsführer und weist damit auf einen anderen Kritikpunkt an DB2 hin, den auch Hirschbiegel anführt. "DB2 ist viel ressourcenhungriger als IMS/DB", bemerkt der DV-Leiter von AMP .

Relationale Konkurrenz muß DB2 in der MVS-Welt derzeit jedoch nicht fürchten, meinen Branchenkenner. Diese Einschätzung bestätigen auch die Anwender, die meist, wenn nicht Downsizing-Vorhaben eine Rolle spielen, keine Alternative zu DB2 in Betracht ziehen.

Warum MVS-Anwender das IBM-Produkt DB2 gegenüber anderen relationalen Datenbanken kaum in Frage stellen, erklärt Hirschbiegel. Der Support von IBM, so sein Argument, spreche für die Mainframe-Datenbank. "Wir sind IBM-Anwender und mehr oder weniger von der IBM und deren Support abhängig", unterstreicht der DV-Verantwortliche.

DB2 ist bei manchen die Zweit-Datenbank

In manchen Unternehmen fristet DB2 schon seit 1986/87 ein Dasein als Zweitprodukt- etwa bei der Colonia Versicherung, die seit 1986 eine Lizenz für die relationale Datenbank besitzt. Huppertz: "Richtig gearbeitet haben wir jedoch erst ab 1988 damit. DB2 wird auf zwei IBM-Maschinen des Typs 9021-720 eingesetzt. Neben der kompletten Kopie aller operationalen Bestände haben wir unter DB2 eine Anwendung für die Rückversicherung." 1987 entschied sich die Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) AG in Frankfurt für DB2. Das relationale System wird dort ebenfalls auf einem 9021-720-Mainframe als dispositive Datenbank verwendet. Neben dem relationalen DB2 tut hier die hierarchisch organisierte Codasyl-Datenbank "IDS II" von Bull ihren Dienst.

Dem Anschein nach planen die MVS-Anwender jetzt jedoch zunehmend, IMS durch DB2 abzulösen. Wie Marktbeobachter meinen, trägt unter anderem die Unsicherheit über die Zukunftschancen des hierarchischen Datenbanksystems dazu bei, das mittlerweile doch in die Jahre gekommen ist. Rösch glaubt aber noch nicht an einen Trend. "Sicher, die IBM bohrt heftig, und die Widerstände bröckeln etwas, aber ich glaube nicht, daß sich DB2 auf breiter Front durchsetzt," kommentiert der Softwarefachmann. Außerdem könnten seiner Meinung nach neuere Ankündigungen der IBM dazu beigetragen haben, daß die Anwender mit DB2

liebäugeln. So gebe es Gerüchte, daß Big Blue, statt das Repository weiterzuentwickeln, bei DB2 eher Objekt-Techniken einführen werde.

Hirschbiegel nennt aber klare Gründe, warum er ganz von IMS auf DB2 wechseln will. Das Unternehmen sei zum größten Teil von Individualsoftware abhängig, erklärt der ehemalige Suprenum-Mitarbeiter und weist auf die bekannten Schwierigkeiten mit Maintenance und Debugging hin. Deswegen beschäftige er sich mit einer Reorganisation der Anwendungsentwicklung. Man müsse künftig ganz neue Entwicklungsmethoden einsetzen, beispielsweise CASE-Methoden oder 4GL-Tools. "Das erfordert den Umstieg von hierarchischen auf relationale Datenbanken - in diesem Fall wirklich von IMS auf DB2", erläutert der DV-Manager, dem die relationale Welt auch aufgrund seiner früheren Tätigkeit im Unix-Umfeld nicht fremd ist.

Für den IT-Profi steht jedoch fest, daß sich die Datenbank-Umstellung nicht über Nacht realisieren läßt. "Die Tendenz ist da, DB2 zum Erstprodukt zu machen", bekräftigt Hirschbiegel, "doch das geht nicht ohne größere Restrukturierungsmaßnahmen im gesamten Bereich. Alles wegzuwerfen, davor scheut man sich doch etwas - auch wenn es manchmal nötig wäre." Die gleiche Einstellung vertreten offenbar auch andere Anwender. Die Planungen gehen im allgemeinen dahin, langsam auf DB2 zu migrieren, etwa wenn alte Anwendungen generalüberholt oder neue Applikationen geschrieben werden.

"Unsere strategische Ausrichtung, gerade bei neueren Dingen, geht in Richtung DB2. Neuere Anwendungen werden auf DB2 erstellt," berichtet Wolfgang Böttcher, Leiter der Abteilung DV-Produktion bei der Concordia Versicherung. Auch bei der Konkurrenz, der Colonia Versicherung, setzt sich die DV-Abteilung ein langfristiges Ziel. Huppertz: "Wir planen den Umstieg der restlichen 80 bis 85 Prozent von IMS auf DB2 in den nächsten acht Jahren." Eine sofortige Migration kommt für den DV-Manager nicht in Frage. Auch er will kein Ad-hoc-Verfahren, sondern hofft den Datenbankwechsel über einzelne Projekte zu realisieren

Während die Mainframe-Welt noch mit dem Wechsel von hierarchischen zu relationalen Datenbanken beschäftigt ist, wächst mit der objektorientierten Programmierung (OOP) bereits eine neue Technologie heran. Auch in der MVS-Welt spricht man bereits davon, doch eigentlich ist eine objektorientierte MVS-Umgebung für die Anwender noch Zukunftsmusik. "Ein Thema ist Objektorientierung noch nicht, aber es wird kommen, das hat die Entwicklung gezeigt", glaubt Hirschbiegel. Der DV-Leiter hält beim heutigen Entwicklungsstand eher Zurückhaltung gegenüber der neuen Technologie für angebracht. "Die allerneueste Generation ist immer mit mehr Vorsicht zu genießen als die davor." Der gleichen Meinung ist auch Huppertz. "Wir denken in Richtung Objektorientierung in der Theorie. Aber es gibt noch keine Datenbank, die das sauber kann. Ich glaube, daß man die nächsten vier oder fünf Jahre noch nicht damit rechnen muß, daß diese Technologie bei Großanwendungen sauber läuft."

Von einem Objektorientierten Ansatz seien die meisten MVS-Anwender noch weit entfernt, beobachtet auch Seidel. "Die großen und mittleren Anwender müssen erst einmal die relationale Technologie verdauen", erklärt der Software-U'nternehmer. Sind objektorientierte Projekte in der Mainframe-Welt geplant, hält Rösch IMS, das schneller und besser durchorganisiert sei, für die wesentlich bessere Basis als DB2. Anders als die Anwender setzt die IBM selbst, wie der Kaarster Geschäftsführer zu wissen glaubt, bereits voll auf Objektorientierung. Rösch: "Wer das Repository anschaut, findet überall Objektorientierung vor." Big Blue habe kein Interesse daran, daß sich die neue Technologie schnell durchsetze. "Die Mainframes haben keine Softwarebasis für Objektorientierung und bekommen wohl auch keine, weil das Betriebssystem zu dumm ist. Man merkt, daß es sehr alt ist", begründet der Da-

tenbankprofi.