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Permanente Ausweitung des DV-Wortschatzes erfordert Standardisierung:


16.06.1983 - 

DD-Systeme ebnen Weg zur genormten DV-Sprache

Data-Dictionary-Systeme, richtig eingesetzt, bieten sich als Hilfsmittel für die Standardisierung der Fachsprache In den Unternehmen geradezu an, Da es auf diesem Gebiet nur eine kleine Gruppe von Spezialisten gibt, wurde dieses Thema bislang jedoch nur sehr stiefmütterlich behandelt. Dr. Erich Ortner, der bei der Datev eG in Nürnberg derzeit mit der Auswahl und Einführung eines Data-Dictionary-Systems beschäftigt ist, gibt in diesem Beitrag Tips und Anregungen aus der DD-Praxis.

Neben zahlreichen und viel diskutierten anderen Funktionen eines Data Dictionary soll hier vor allem auf einen Aspekt hingewiesen werden, der bei den Anwendern, aber auch bei den Herstellern dieser Systeme noch relativ wenig Beachtung findet. Es geht um die Frage, inwieweit mit zunehmender Einsatzbreite und Fortentwicklung der Datenverarbeitung in Wirtschaft und, Verwaltung unser sonst gemeinschaftlich relativ "oberflächlicher" Gebrauch von Sprachen, in der Umgebung eines rechnergestützten integrierten Informationssystems genauer gefaßt werden muß und inwieweit hier das Data Dictionary das richtige Hilfsmittel für diesen Zweck ist.

Eingebettet in den Trend: 1. Data Dictionary - Einsatz; 2. Daten-Management - sämtlicher Datenressourcen; 3. Information Ressource Management - unternehmensweit, ist das Data Dictionary ein hervorragendes Werkzeug zur Standardisierung der Unternehmensfachsprache, die in der Informationssystem-Umgebung gesprochen wird und die, etwa bei Einsatz modernster Datenbanktechnologie, nicht nur in der "Oberflächenstruktur", sondern auch in ihrer "Tiefenstruktur" stimmen muß.

Diese Unterscheidung zwischen Oberflächen- und Tiefenstruktur von Sprachsystemen geht auf den Sprachforscher und Philosophen Ludwig Wittgenstein zurück. Vereinfacht ausgedruckt ging es ihm dabei um die Feststellung, daß jedes Sprachsystem nicht nur eine Syntax (Oberflächenstruktur), sondern auch eine Semantik und Pragmatik (Tiefenstruktur) besitzt, die sich gegenseitig bedingen und somit eine Sprache nur in den Griff zu bekommen ist, wenn sie als Ganzes auf einmal rekonstruiert wird und nicht sukzessive jeweils aus einer dieser Betrachtungsmöglichkeiten heraus.

Die Bezeichnungen "Syntax", "Semantik" und "Pragmatik" gehören heute zum Standardvokabular von Disziplinen wie "Linguistik", "Semiotik" (Zeichentheorie) oder "Informatik". Sie gehen auf die Zeichentheoretiker Morris und Pierce zurück und können im allgemeinen wie folgt umschrieben werden.

Alle drei Begriffe beziehen sich auf Zeichen (Wörter, Daten etc.) und deren Beziehungen untereinander (Syntax) oder zu Komponenten eines anderen Typs (Semantik, Pragmatik).

Syntax: "Strukturlehre", um nach fest vorgegebenen Regeln (Grammatik) aus einfachen Wörtern komplexe Wortverbindungen (Sätze) zu bilden.

Semantik: "Bedeutungslehre", die a) als konnotative Semantik die Bedeutung der Wörter "reflexiv" (auf begrifflicher Ebene als rekonstruierte Objekt- oder Datentypen) erforscht oder b) als denotative Semantik "exemplarisch" über Gegenstände Informationsobjekte des Anwendungsbereichs) und deren Eigenschaften die begriffliche Bedeutung der Wörter (ostensiv) erfaßt.

Pragmatik: "Gebrauchslehre", die durch Angabe von Regeln den (praktischen) Umgang mit Wörtern (Daten) durch Mensch und/oder Maschine regelt.

Leichterer Einstieg für DV-Neulinge

Alle drei Begriffe zusammen leger eine bestimmte Sprachform (Umgangssprache, Fachsprache, Programmiersprache) fest und müssen zur eindeutigen Bestimmung dieser Sprache lückenlos aufgedeckt , reichend dokumentiert und für den "Sprachneuling" zur Einübung des Sprachgebrauchs geeignet bereitgestellt beziehungsweise für den "aktuellen Sprecher" zur Kontrolle seines Sprachgebrauchs gezielt eingesetzt werden. Nicht zuletzt deshalb ist es vernünftig, ein Data-Dictionary-System in seiner Bedeutung auch wie folgt festzulegen.

Ein Data Dictionary ist eine systematische Beschreibung der Struktur (Syntax), der Bedeutung (Semantik) und des Gebrauchs beziehungsweise der Nutzung (Pragmatik) der Datenressourcen eines Unternehmens. Es erstreckt sich mit seinen Festlegungen sowohl auf die Daten als auch auf die Programme, auf die Benutzer und auf die Betriebsmittel im System, aber auch auf die Verbindung dieser Komponenten untereinander oder zu Verarbeitungsaufträgen (Jobs) und auf den eigentlichen DV-Betrieb. Durch Erklärung terminologischer und fachspezifischer Zusammenhänge legt es die Unternehmensfachsprache fest und kontrolliert ihren Gebrauch. Es integriert die getroffenen Vorkehrungen für Schutz- und Sicherungsmaßnahmen in das Gesamtsystem und implementiert darüber hinaus die Integritätsbedingungen zur Überwachung der "Richtigkeit" der Daten und ihrer Verarbeitung.

DB-Systeme anders nutzen

Sprachform ist laut Wittgenstein gleich Lebensform, das heißt Ausdruck einer Tätigkeit zur aktiven Lebensbewältigung. Die Sprache dient der Kommunikation und der Aufnahme oder dem Austausch von Informationen in bestimmten Lebenssituationen - wobei hier vor allem die Informationsverarbeitung in berufspraktischer Hinsicht interessiert.

Nun ist aber die Lebensform und damit natürlich auch die Sprachform eines Mathematikers sicherlich eine andere als die eines Buchhalters, und beide unterscheiden sich wiederum wesentlich von der Lebens- und Sprachform eines Ingenieurs. Diese Feststellung beschreibt symptomatisch die Situation während der Entwicklung, der Einführung und dem Betrieb integrierter betrieblicher Informationssysteme im Hinblick auf ihren sprachlichen Hintergrund.

Das Problem hat man auf dem Gebiet des Datenbank-Designs sehr früh erkannt. Im Gegensatz zum Software-Engineering, wo hinsichtlich des entwicklungsmethodologischen Ansatzes das "Phasendenken" vorherrscht, hat sich hier das "abstraktionsebenenorientierte Vorgehen" durchgesetzt. Es trägt obiger Tatsache Rechnung und entwirft, adoptiert und implementiert Datenbankanwendungen auf verschiedenen Abstraktionsebenen unter der jeweils vorherrschenden Sprachform. So wird beispielsweise die Inhaltsanalyse und begriffliche Rekonstruktion der Zusammenhänge (semantischer Datenbankentwurf) auf der benutzernahen fachsprachlichen Ebene unter Berücksichtigung seiner Sprachform durchgeführt. Auf der formal logischen Ebene des zu realisierenden Datenmodells (logischer Datenbankentwurf) ist vor allem die Sprachform des Mathematikers oder formalistisch eingestellten Informatikers gefragt. Und schließlich gilt es auf der physischen Ebene des Systems (physischer Datenbankentwurf) aus der Sicht des Ingenieurs und Praktikers die Datenbankanwendung vor allem unter Sicherheits- und Leistungsgesichtspunkten zu implementieren.

Daß es gelegentlich auch DV-Spezialisten gibt, die alle drei Sprachformen in sich vereinigen, soll hier nicht bestritten werden. Allerdings sind sie rar gesät, und es ist hilfreich, einen methodologischen Rahmen zu haben, der Entwicklungsvorhaben dieser Art entsprechend gliedert und so einem Team, das sich aus Vertretern verschiedenster Eignung zusammensetzt, die Lösung der Aufgabe erleichtert.

Am Schluß kommt es jedenfalls wieder darauf an, daß die Datenbankanwendung an einer Benutzerschnittstelle des Systems bereitgestellt wird, die der Sprach- und Lebensform der Benutzer weitestgehend angepaßt ist. Dies ist trotz aller Fortschritte und "Hochsprachen der 4. Generation" noch ein wenig erfüllter Wunsch. Es scheint aber, daß hier durch neue Schlagworte wie "Software-Ergonomie" wenigstens das Problem schon einen Namen hat.

Logische Ebene als erste Stufe

Um auf die Data-Dictionary-Systeme und die damit zusammenhängende Funktion "Daten-Management" in der Unternehmung zurückzukommen, muß festgestellt werden, daß Dictionary-Hersteller diese Funktion ihres Werkzeugs - nämlich die Unternehmensfachsprache zu dokumentieren und durch aktiven Einsatz in der Informationssystemumgebung zu reglementieren - noch auf einer zu sehr DV-technischen Ebene realisiert haben.

Es wird in den nächsten Jahren ihre Aufgabe sein müssen, diese Systeme zunächst auf die logische Ebene (Zugriffspfadunabhängigkeit) und dann auf die benutzernahe fachsprachliche Ebene (Datenmodellunabhängigkeit) zu transformieren.

Den Anwendern bleibt bis dahin (wenig) Zeit, ihre Unternehmensorganisation auf diese Entwicklung (personell, organisatorisch und funktional) vorzubereiten. Man kann heute schon auf diesem Gebiet sehr vieles tun, auch ohne ein technisches Hilfsmittel in aller Perfektion zur Verfügung zu haben.