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06.10.1989 - 

Neue Leitungsschaltkreise sollen die flexible Automatisierung verbessern

DDR-Kombinat entwickelt die erste eigene 32-Bit-CPU

Klaus Krakat ist Berliner Korrespondent der COMPUTERWOCHE

LEIPZIG - Ganz im Zeichen des bereits im August vom Kombinat Mikroelektronik Erfurt vorgestellten Funktionsmusters einer "echten" 32-Bit-CPU stand die diesjährige Leipziger Herbstmesse. Sowohl das Kombinat Robotron, Hauptproduzent von DDR-Rechnern, als auch der Verarbeitungsmaschinenbau der DDR begrüßten diesen Ereignis als weiteren Durchbruch zum internationalen Schaltkreisniveau und als gute Möglichkeit des Überganges zu einer neuen Etappe der flexiblen Fertigung.

Leitthema der Leipziger Herbstmesse war - wie bereits im Frühjahr - die "Flexible Automation". Einen Schwerpunkt bildete hierbei erneut das Ausstellungsprogramm des Verarbeitungsmaschinenbaues und des Chemieanlagenbaues der DDR. Andere Kombinate hingegen, die traditionell im Frühjahr ein breites Erzeugnissortiment vorstellen, waren, wie beispielsweise Robotron, nur mit einigen wenigen Exponaten vertreten, informierten unter anderem auf Pressekonferenzen über bevorstehende Entwicklungen oder waren gar nur mit Presseinformationen präsent. Ergänzt wurden die Kombinatsangebote in Leipzig durch ein von der Kammer der Technik der DDR organisiertes Veranstaltungsprogramm, zu dem das Symposium "Automatische Bildverarbeitung - CAIP" sowie Fachvorträge der Messeaussteller zählten.

Zu den nicht mit neuen Erzeugnissen auf der Messe vertretenen DDR-Firmen gehörte das Kombinat Mikroelektronik Erfurt, welches relativ ausführlich Vorabhinweise über die bereits im August vorgestellte neue 32-Bit-CPU gab: Dieser erste "echte" 32-Bit-Prozessor U 80701 ist Bestandteil des Mikroprozessorsystems U 80700. Er besteht aus rund 130000 Transistoren, die auf einer Chipfläche von 85 Quadratmillimetern untergebracht sind.

Besonders die Architektur des Prozessors offenbart einen neuen Trend: Die CPU greift nunmehr über den integrierten MMU-Baustein (Memory Management Unit) auf den virtuellen Speicher zu. Verwaltet wird ein physikalischer Speicher von 16 Megabyte beziehungsweise 4 Gigabyte virtuell. Die CPU-Architektur ist darüber hinaus durch einen Registersatz gekennzeichnet, der 16 allgemeine Register mit 32-Bit-Breite sowie 20 Prozessor- beziehungsweise interne Register aufweist. Vorhanden ist auch ein 512-Byte-seitenorientierter Schutzmechanismus sowie eine Verwaltung der Zugriffsrechte (Protected Modus). Zudem können 175 verschiedene Maschinenbefehle realisiert werden.

Mit den Entwicklungsarbeiten des Prozessorsystems wurde nach Informationen des Kombinats Mikroelektronik im September 1986 begonnen. Neben dem Erfurter Forschungszentrum des Kombinates waren hieran auch das Kombinat Robotron sowie das Institut für Halbleiterphysik Frankfurt/Oder der Akademie der Wissenschaften der DDR im Rahmen des Akademie-Industrie-Komplexes "Mikroelektronik" beteiligt. Die Grundlage für die Entwicklungen bildet dabei eine "gemeinsame Konzeption der Forschungskooperation zur Sicherung von Spitzenleistungen für neue Bauelementgenerationen bis zum Jahr 2000".

Mit der Vorlaufproduktion der zwölf zum Gesamtsystem gehörenden Schaltkreise will man möglichst schon im kommenden Jahr in den Kombinaten Mikroelektronik Erfurt beziehungsweise Carl-Zeiss-Jena beginnen. Sämtliche neuen Produktionsstätten des Kombinates Mikroelektronik im Südosten Erfurts basieren nach Mitteilungen des Kombinates auf einer in der DDR entwickelten Clean-Room-Konzeption, und sie nutzen vorrangig technologische Spezialausrüstungen verschiedener DDR-Kombinate sowie Importanlagen und -geräte aus der UdSSR und anderen RGW-Ländern.

DDR-Megabit-Projekt ist nicht ohne Widersprüche

Die Produktion des vor rund einem Jahr vorgestellten Ein-Megabit-Chips soll nach den Worten des stellvertretenden Generaldirektors des Kombinates Carl-Zeiss-Jena, Dr. Nordwig, unter anderem auch in Erfurt noch in diesem Jahr in einer Pilotserie anlaufen. Das Muster eines 4-Megabit-DRAMs will man sogar bereits im Herbst 1990 vorweisen können. Gegenwärtig sind im Südosten Erfurts die modernsten Chipfabriken der DDR angesiedelt. In der jüngsten Produktionsstätte soll in den nächsten Monaten die Serienfertigung von 256-KB-Speicherchips beginnen.

Anläßlich der Übergabe des Musters des 1-Megabit-DRAMs vor rund einem Jahr hatte Erich Honecker unter anderem hervorgehoben, daß zur Entwicklung der Mikroelektronik in der DDR bisher insgesamt 14 Milliarden Mark an Investitionen eingesetzt worden sind. Von Nordwig war unlängst das Investitionsvolumen allein für das Megabit-Projekt als Teil des Mikroelektronik-Entwicklungsprogramms mit 11 Milliarden Mark beziffert worden.

Doch diese staatlichen Förderungsmaßnahmen werden nicht überall in der DDR widerspruchslos hingenommen. Als ein "höchst kompliziertes Problem" wurde bereits vor einiger Zeit in der Zeitschrift "Wissenschaft und Fortschritt" die derzeitige DDR-Strategie bezeichnet, bei der Entwicklung mikroelektronischer Bauelemente mit der Weltspitze mitzuhalten, auch wenn das mit einem nicht unbeträchtlichen Rückstand geschehe. Die hier bereitgestellten Summen würden zeigen, vor welch schwierigen Entscheidungen ein Land mit relativ begrenzten Ressourcen wie die DDR auf diesem Gebiet stehe. Am günstigsten sei es - so hieß es hierzu weiter -, solche Aufgaben innerhalb des Comecon, zumindest aber durch die Zusammenarbeit mit einigen dieser Länder, gemeinsam zu lösen. Darüber hinaus sei eine besondere Förderung der Schlüsseltechnologien nur dann möglich und sinnvoll, "wenn sie auf einer vernünftigen, proportionalen Entwicklung aller Volkswirtschaftszweige basiert".

Für den Generaldirektor des Kombinates Mikroelektronik Erfurt, Professor Dr. Wedler, gibt es indes keine andere Alternative als die der Erhöhung der Chip-Produktion. Damit sei auch der bisherige Milliardenaufwand gerechtfertigt, weil mehr und neue Chips notwendig

sind, um DDR-Maschinen Anlagen "auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu halten". Wie er im Rahmen des mit der FDJ-Zeitschrift "Junge Welt" vor bereits über einem Jahr geführten Gesprächs unter anderem weiterhin betonte, sei es vor allem deshalb nicht sinnvoll, die in der DDR benötigten Schaltkreise auf dem Weltmarkt zu kaufen, "weil wir mit den Chips aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftssystem immer nur Mittelmaß importieren werden", und "wir wegen des westlichen Embargos gegen die sozialistischen Staaten nie das Neueste bekämen".

Robotron kündigt neuen 32-Bit-Rechner an

Der in die Vorlaufproduktion Verführte Ein-Megabit-Chip soll nach Hinweisen des Kombinates Mikroelektronik Erfurt zusammen mit dem neuen Mikroprozessorsystem die Basis für einen neuen 32-Bit-Rechner, einer Workstation des Kombinats Robotron Dresden (bezeichnet als K 1820) bilden. Vermutlich wird Robotron ein erstes Versuchsmuster dieses Rechners bereits auf der nächsten Leipziger Frühjahrsmesse präsentieren. Hinsichtlich künftiger Rechnerarchitekturen wollen sich die Dresdener an den DEC-Micro-VAX-Rechnern orientieren. Für den neuen, aber auch für den bereits gefertigten DEC-VAX-11/780-kompatiblen Supermini K 1840 soll im zweiten Halbjahr 1990 eine zweite Version des lokalen Netzwerkes "Rolanet" zur Verfügung stehen.

Auf der Robotron-Pressekonferenz wies der stellvertretende Direktor des Außenhandelsbetriebes Robotron Export/Import, Rüdiger Sobe, unter anderem darauf hin, daß die gegenwärtige Innovationsrate des Kombinates bei rund 40 Prozent liege, aber künftig weiter erhöht werden solle. Zu den Zielstellungen des Kombinates gehört auch die Konzentration der Aktivitäten auf die Erfordernisse des europäischen Binnenmarktes. Derzeit werden Erzeugnisse der Druck- und Schreibtechnik nach Robotron-Hinweisen bereits mit Erfolg in einigen westeuropäischen Ländern abgesetzt. Zudem wollen die Dresdener den Verkauf von Meßtechnik in den Westen steigern.

Als besonders interessant stuft Robotron auch den Softwareabsatz in das deutschsprachige Ausland, das heißt in die Bundesrepublik und nach Österreich, ein. Den Absatz in diese Länder gedenkt man dort über leistungsstarke Vertriebspartner zu realisieren. Dabei geht es vor allem um Software für das Hotelgewerbe sowie um Standardsoftware. Nach wie vor - das wurde mit besonderem Nachdruck auf der Pressekonferenz betont - bleibt für Robotron aber die Sowjetunion Handelspartner Nummer Eins. Verwiesen wurde im gegebenen Zusammenhang auf den im Frühjahr gegründeten gemeinsamen Softwarebetrieb Zentron, in dem 200 Robotron-Mitarbeiter tätig sind (vergleiche COMPUTERWOCHE Nr. 19 vom 5. Mai 1989, S. 36).

Von den westlichen Ländern ist dagegen die Bundesrepublik der wichtigste Handelspartner. Im Rahmen des innerdeutschen Handels erreichte das Handelsvolumen im letzten Jahr rund 40 Millionen Deutsche Mark. Robotron ist gewillt, in Richtung Bundesrepublik nicht nur seinen Absatz zu vergrößern, sondern sich jeder Form der Zusammenarbeit mit dortigen Firmen zu stellen.

Wie bereits im Vorjahr, bildeten rechnergestützte, automatisierte und verkettungsfähige Fertigudgszellen sowie Systeme mit integrierter CAD/CAM-Technik die Schwerpunkte des Kombinates Textima, dem Hersteller von Textilmaschinen in der DDR. Zu den diesmal in Leipzig vorgestellten Automatisierungslösungen zählte unter anderem der Flachstrickautomat FRJ 5480/21 mit elektronischer Musterverbereitungsanlage. Textima produziert stark exportorientiert und ist daher gezwungen, Verarbeitungsmaschinen mit neuesten Know-how anzubieten. Um für die Kundenanforderungen in den neunziger Jahren besser gewappnet zu sein, sollen in künftigen Textima-Erzeugnissen zunehmend ASICs Verwendung finden. Hierfür wurde eines der - wie es offiziell heißt - leistungsfähigsten Entwurfszentren für kundenspezifische Schaltkreise in der DDR geschaffen.

Auch die Polygrafische Industrie der DDR, repräsentiert durch das Kombinat Polygraph "Werner Lamberz", Leipzig, war mit einer Reihe neuer und weiterentwickelter Erzeugnisse in Leipzig vertreten. Zu den besonders herausgestellten Exponaten zählten unter anderem die Plamag-Tectoset, die - so war zu hören - die schnellste Zeitungs-Offset-Rotationsmaschine auf dem internationalen Markt, ist aber auch mit neuester DDR-Steuerelektronik ausgerüstete Buchbindereimaschinen sowie Bogen-Rotations-Offsetdruckmaschinen.

Vorgestellt wurden zudem Softwareprodukte aus dem CAD/CAM-Zentrum des Kombinates Polygraph. Als relativ stark westexportorientiertes Kombinat will man sich auf die Anforderungen des europäischen Binnenmarktes vorbereiten. Die bisherige Position auf dem Weltmarkt glaubt man - unter anderem gestützt auf neuer Herstellungstechnologien - auch gegen die stärker werdende Konkurrenz behaupten zu können. Darüber hinaus wurde in Leipzig ein zentraler Betrieb für Polygraph-Elektronik aufgebaut, der bereits seit Anfang 1989 für das Kombinat spezifische elektronische Baugruppen für neue Bogen- und Rollen-Offsetdruck- sowie für Buchbinderei- und Schneidemaschinen fertigt.

Das Kombinat Umformtechnik "Herbert Warnke", Erfurt, stellte als Produzent von Maschinen und Ausrüstungen für die Blech- und Massivumformung sowie für die Plastverarbeitung neue flexible Systeme zur Fertigung von PUR-Integralschaumteilen sowie spezielle

Fertigungszellen als Komplettlösungen vor. Wie verlautete bieten diese Erzeugnisse minimierte Hilfs- und Nebenzeiten, eine hohe Flexibilität und ermöglichen spürbare Produktionssteigerungen.

Auch das Kombinat Chemieanlagenbau Leipzig-Grimma hatte seine unter anderem mit DDR-Steuerungs- und Robotertechnik ausgerüsteten Erzeugnisse dem Messethema angepaßt. Wie die vorgenannten Kombinate will es nicht nur seinen Verpflichtungen gegenüber Comecon-Partnern, beispielsweise in der Sowjetunion, nachkommen, sondern sich verstärkt in Richtung Westen exponieren. Das soll vor allem mit leistungsfähigen und dem westlichen Entwicklungsstand angepaßten Erzeugnissen geschehen. Zu den westlichen Firmen, die in der Vergangenheit Lizenzerzeugnisse des Kombinates Chemieanlagenbau bezogen hatten, zählte unter anderem nach Messeinformationen die MAN Gutehoffnungshütte GmbH aus der Bundesrepublik und die Toyo Engineering Corp., Japan. Wie es hieß, strebt man die Kooperation mit westlichen Partnern(...) um die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Westmarkt zu festigen beziehungsweise auszubauen.

Kombinate haben Binnenmarkt in Visier

Die Bereitwilligkeit zur Kooperation mit bundesdeutschen Firmen wurde mehrfach auch damit begründet, sich auf diese Weise gegenüber den Anforderungen des europäischen Binnenmarktes zu behaupten. Auf der Basis des deutsch-deutschen WTZ-Abkommens vom September 1987 (Abkommen über die Zusammenarbeit auf den Gebieten der Wissenschaft und Technik) werden seit einiger Zeit zwischen Universitäten beziehungsweise Hochschulen Partnerschaften und damit eine Wissenschaftskooperation vor allem im Bereich der Produktionstechnik abgeschlossen. Jüngstes Beispiel hierfür ist die beschlossene Kooperation zwischen der TU Karl-Marx-Stadt und der Universität Stuttgart.

Innerhalb des Comecon nimmt die DDR inzwischen nicht nur bei der Entwicklung und Produktion von Leistungschips oder bei der Computertechnik, sondern auch bei der flexiblen Fertigungsautomatisierung den ersten Platz ein. Wird nunmehr der größte Teil der jährlich bereitgestellten Investitionen vorrangig für die Fortentwicklung von Schlüsseltechnologien ausgegeben, glaubt man in der DDR, auf diese Weise zunächst verstärkt Wirtschaftswachstum sichern zu können. In Leipzig wurde im Rahmen von Messegesprächen deutlich gemacht, daß von den sozialistischen Ländern allein die DDR noch in der Lage sei, bei den Schlüsseltechnologien mit dem Westen, wenn auch mit einem sichtbaren Abstand, mitzuhalten. Daher seien die Investitionen gerechtfertigt, weil auf diese Weise eine Unabhängigkeit vom Westen gesichert werden könne.