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11.05.1990 - 

Ostdeutsche Software ist nicht konkurrenzfähig

DDR-Softwareteams sollten weiterhin zusammenarbeiten

11.05.1990

"In der DDR steht die Softwarebranche kurz vor dem Zusammenbruch", so die deprimierende Markteinschätzung von Wilfried Köhler-Frost und Matthias Weber*. Bürokratische Hemmnisse und fehlende Mittel machen eine Gesundung schwer, möglicherweise sogar aussichtslos. Mit Beteiligung westlicher Experten soll jetzt ein Gremium die Wettbewerbsbedingungen ausloten und konkrete Verbesserungsvorschläge machen.

Die Software-Entwicklung in der DDR steht vor zwei Problemen: Erstens kann sie mit dem internationalen Niveau nicht mithalten und zweitens findet sie keinen Markt. Grundsätzlich fehlt es an Ressourcen für Großprojekte. Hinzu kommt, daß die Verantwortlichen aufgrund der ungewissen Zukunft langfristige Projekte nicht konsequent durchführen.

Trotz dieser verhängnisvollen Marktsituation gibt es eine ganze Reihe kompetenter Software- Entwickler. Viele Programmierer hoffen auf eine Anstellung bei westdeutschen Firmen. Andere suchen ihr Glück in der Selbständigkeit.

Die Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin hat das Seminar "Software-Unternehmen - Strategien für den Markt" mit Teilnehmern aus Ost und West eingerichtet. Die Ziele sind unter anderem, Wettbewerbsmechanismen auf entwickelten Softwaremärkten zu verdeutlichen, Vorschläge zur Förderung der entstehenden Software-Industrie zu unterbreiten und strategische Entwicklungsvarianten zu erörtern.

Was geschieht mit dem Softwarepotential der DDR? Welche kreativen Leistungen, Softwareprodukte und Teams werden in der Marktwirtschaft Bestand haben? Viele Entscheidungsträger wissen, daß im Wettbewerb um die Zukunftsmärkte für rechnerintegrierte Produktion (CIM) und andere High-Tech-Bereiche nur Länder mit leistungsfähiger Software bestehen können. In der Vergangenheit fehlte es nicht an Lippenbekenntnissen, die sich herausbildende Software-Industrie allseitig zu fördern. Aber was ist daraus geworden?

Die Planbürokratie entwickelte ein scheinbar perfektes System der "Planung, Bilanzierung und Abrechnung von Software", um sich diesen Bereich geistiger Produktivität zu unterwerfen. "Wir werden die notwendigen Maßnahmen treffen, um die Softwareproduktion zu vereinheitlichen und die vorhandene Technik weitestgehend kompatibel zu gestalten", so Günter Mittag 1986.

Unter zentraler Stabsführung arbeiteten zahlreiche DDR-Ökonomen und EDV-Projektanten an der rechnergestützten sozialistischen Betriebswirtschaft. Dazu wurden im Ministerrat Beschlüsse zu durchgängigen Anwenderlösungen (zum Beispiel für Planungs- und Bilanzierungsarbeitsplätze) gefaßt. Auf administrativem Wege sollte der berechtigten Forderung nach Branchen- und auch branchenübergreifender Software entsprochen werden.

Das Resultat der Bemühungen ist nur zu gut bekannt: Kreative Leistungen und Innovation blieben auf der Strecke. In dem Maße, in dem sich die Gängelei verschärfte, blieben die Erfolge der Softwareproduktion aus: 1987 lag der Anteil der Softwareherstellung an der industriellen Warenproduktion schätzungsweise bei 0,2 Prozent, und auch der Export von Software war verschwindend gering. So haben sich bis in die Oktobertage des Jahres 1989 hinein alle Probleme bis aufs äußerste verschärft.

Dem aufmerksamen Beobachter der DDR-Marktsituation dürfte nicht verborgen geblieben sein, daß sich ein Gewitter über der ostdeutschen Softwareszene zusammenbraute. Auf Messen in der Bundesrepublik kam es zu Skandalen, als westliche Anbieter ihre Produkte im Angebot von DDR-Kombinaten entdeckten. Dbase heißt bei Robotron "Redebas", MS-DOS wurde als "DCP" sogar exportiert, darf aber nach Intervention von Microsoft nur noch als "Version von MS-DOS" vertrieben werden.

J. Gosch hatte 1989 in mehreren Artikeln für die "Electronics" darauf aufmerksam gemacht, daß DDR-Kombinate geradezu erstaunliche Leistungen in der Mikroelektronik vollbracht haben, wenn man bedenkt, daß das Land klein und durch die Cocom-Bestimmungen vom technologischen Spitzenniveau abgeschottet ist. Gosch hat aber ebenso festgestellt, daß es an der ökonomischen Kraft mangelte, komplexe Mikroprozessoren in großer Stückzahl herzustellen, durch Software und weitere Komponenten zu komplettieren und somit Weltmarkt-fähige Qualitätsprodukte anzubieten.

Viele Forschungsprojekte, die teilweise mehrere Millionen Mark kosteten, mußten jetzt mit hohen Verlusten abgebrochen werden, weil sie auf die Nachentwicklung anerkannter Technologie ausgerichtet waren. Die Projekte hatten die Entwicklung von Produkten zum Ziel, die nach der Revolution in der DDR und der nachfolgenden Öffnung des Marktes nirgendwo mehr Absatz finden können.

Frustration und erhebliche Einbuße an Selbstvertrauen bei den Entwicklerteams sind die Folge; viele qualifizierte Software-Ingenieure drehen Däumchen, weil keine neuen Projekte in Angriff genommen werden können - es fehlt an Geld. Viele eingespielte Teams sind schon auseinandergelaufen oder stehen kurz vor ihrer Auflösung.

Bundesdeutsche Unternehmen haben große Breschen geschlagen, indem sie die besten Leute abwarben. Hunderte von Softwerkern stehen Schlange bei den Amtern, um Gewerbegenehmigungen einzuholen oder um GmbHs für Software-Entwicklung, Hardwareverkauf oder DV-bezogene Dienstleistungen zu gründen. In Karl-Marx-Stadt hat sich bereits ein Verband privater Softwareproduzenten gebildet. Ein Unternehmerverband von Gewerbebetrieben für Software-Entwicklung wird schon bald in Jena aus der Taufe gehoben. Außerdem hat sich eine Gesellschaft für Projekt-Management konstituiert.

Wer in Gewerbebetrieben oder GmbHs finanzielle Verpflichtungen übernommen hat, ist gezwungen, schnell Geld zu verdienen. Für Forschungs- und Entwicklungsprojekte bleibt dann keine Zeit.

All das zeigt: Der ostdeutschen Softwareszene droht die Zersplitterung, wenn nicht innerhalb kürzester Zeit etwas unternommen wird. Die Gefahr ist groß, daß die kreativen Softwerker zwischen den Kombinaten und dem unerbittlichen Wettbewerb der ganz Kleinen aufgerieben werden. Damit sind aber katastrophale Langzeitfolgen für die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Industriebereiche verbunden.

Die DDR verfügt über rund 20 000 Softwerker, die 1989 insgesamt für etwa 1,5 Milliarden Mark Software entwickelt haben (inklusive Eigenbedarf). Unter den Betroffenen befinden sich einige versierte Teams mit stark wissenschaftlichem Hintergrund. Viele Zukunftskonzepte lassen sich nur durchsetzen, wenn die Gruppen in ihrer bisherigen Zusammensetzung weiterarbeiten. Was also ist in der DDR zu tun, um den bereits eingetretenen Substanzverlust in Grenzen zu halten?

Zur Zeit werden weniger "von oben" als "von unten" Versuche unternommen, Auswege aus dem drohenden Leistungsabfall zu finden. Oben bestimmen weiterhin die Kombinatsdirektoren, wohin die Reise geht. In ihren Bilanzen ist Software nach wie vor ein kleiner, vernachlässigbarer Posten.

Diese Kombinatsvertreter stellen den Abwanderungsplänen ihrer Softwarespezialisten keine Alternativkonzepte entgegen. Andererseits fehlt aber die Bereitschaft, kreative Softwareteams trotz wirtschaftlicher Misere aus ihrer Pflicht zu entlassen. Dabei treten in Großbetrieben häufig Konflikte mit leistungsfähigen Software-Abteilungen auf, die nicht in die Konkursmasse eingehen wollen, wenn es zum wirtschaftlichen Zusammenbruch kommt.

"Von unten" werden jedoch viele Aktionen gestartet: Software-Abteilungen lösen sich aus Kombinaten heraus oder strukturieren sich in ökonomisch selbständige Betriebe um, wobei sie selbst Entscheidungen über wissenschaftlich-technische Entwicklungen und über Verträge mit Partnern aus dem Westen treffen können.

Wirtschaftlichen Entscheidungsträgern wurden Konzepte für den Aufbau großer Software- betriebe vorgelegt, die mehreren Kombinaten als Partner für komplexe Projekte zur Verfügung stehen sollten. Dabei erwies sich jedoch, daß in einer Zeit, in der die Mehrheit der Politiker nur ökonomische Sachzwänge vor Augen hat, weit in die Zukunft reichende Vorhaben nur über geringe Chancen verfügen.

Die verschiedenen Vorschläge trafen auf ungünstige äußere Umstände und verliefen daher im Sande. Dabei wären mit solchen Entscheidungen nicht einmal große Investitionen verbunden gewesen - leistungsfähige Technik und geeignete Baulichkeiten waren aus aufgelösten Einrichtungen und Dienststellen in ausreichendem Maße vorhanden.

Fassen wir zusammen: Einigen, über längere Zeit gewachsenen, technologisch versierten und noch immer hochmotivierten Softwareteams droht das Aus. Bisherige Projekte mußten abgebrochen werden, neue Großaufträge sind nicht in Sicht, und in den nächsten zwei bis drei Jahren steht eine Durst-

Seminar soll auf den Wettbewerb vorbereiten

strecke bevor. Wer ist gegenwärtig willens und in der Lage, solchen Teams über diese Zeit hinwegzuhelfen?

In die neue Regierung setzen nur wenige Hoffnung. Was bleibt, sind Auftraggeber aus der Bundesrepublik oder anderen westlichen Ländern, die nicht über genügend eigene Softwerker verfügen, um den Softwarestau abzubauen und um Investitions-Großprojekte, wie sie sich in der DDR bereits abzeichnen, allein zu bewältigen.

Für die Realisierung dieser .Projekte müssen in der DDR leistungsfähige Softwareteams der entsprechenden Größe unbedingt erhalten werden. Außerdem sollten neue innovative Software-Unternehmen günstige Startbedingungen erhalten.

Die in der DDR bereits gegründeten und gerade entstehenden Verbände der Software-Entwickler sprechen in erster Linie ganz kleine Software-Unternehmen an. Einen Versuch, das ganze Spektrum der Software-Anbieter in der DDR abzuschätzen, unternimmt gegenwärtig die Akademie der Wissenschaften.

Der Bereich "Innovationsforschung" des Institutes für Theorie, Geschichte und Organisation der Wissenschaft hat das Seminar "Softwareunternehmen - Strategien für den Markt" gegründet. (Kontaktadresse: Dr. Heike Belitz und Dr. Matthias Weber, Prenzlauer Promenade 149 - 152, Berlin 1100, Telefon 4 79 72 75 oder Köhler-Frost & Partner, Rüdesheimer Platz 8, 1000 Berlin 33, Telefon 0 30/8 22 37 37). Die Ziele des Seminars bestehen darin,

- Wettbewerbsmechanismen auf entwickelten Softwaremärkten zu verdeutlichen und die Prämissen für Wettbewerbsfähigkeit zu erarbeiten sowie

- Interessensvertretern und Entscheidungsträgern Vorschläge über kurz- und langfristige Maßnahmen zur Förderung der entstehenden Software-Industrie zu unterbreiten und mögliche Entwicklungsvarianten für Software-Unternehmen zu erörtern.

Die Seminarteilnehmer aus Ost und West wollen in erster Linie darüber beraten, welche fördernden Rahmenbedingungen für Software-Unternehmen die öffentliche Hand entwickeln und wie sich ein Unternehmen selbst helfen sollte. Erste Ideen haben die Initiatoren der Seminarreihe in einem Thesenpapier zur Diskussion gestellt. Die Vereinigung beabsichtigt, das verfügbare Wissen und die vorliegenden Erfahrungen zur Verfügung zu stellen, um sich als Partner einer zukünftigen Regierung sowie der Länderparlamente in Fragen der Wissenschafts-, Technologie- und Innovationspolitik zu profilieren.

Experten aus dem Westen sind auf dem Seminar gern gesehene Gäste, die auch ihr eigenes Unternehmen ins Gespräch bringen und damit potentielle Zukunftsmärkte erschließen können .

Das Seminar soll nicht zuletzt der Diskussion von organisatorischen Tagesfragen Raum bieten. Thematisiert werden Gründung und Management von Software-Unternehmen sowie die Vermittlung von Geschäftskontakten durch eine Bereitstellung von Informationen über zukünftige Leistungsprofile und Strategien, Erfahrungen, vorhandene Referenzen und autorisierte Vertreter von Softwareteams. Interessenten können sich jeder Zeit bei den genannten Kontaktadressen melden.

*Wilfried Köhler-Frost ist Wirtschaftsjournalist und Sprecher des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Köhler-Frost & Partner in Berlin.

Matthias Weber ist Dozent am Institut für Theorie, Geschichte und Organisation der Wissenschaft in Ost-Berlin.