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12.04.1991 - 

Workgroup-Computing und Client-Server-AnwendungTeil1

Debis entwickelt innovatives Pilotprojekt mit Groupware Notes

"Anwendungen für Workgroup-Computing werden die Arbeitsweise der Menschen entscheidend verändern." Esther Dyson, Herausgeberin des bekannten US-amerikanischen Brancheninformationsdienstes "Release 1.0", unterstreicht mit dieser Aussage die überragende Bedeutung, die Groupware-Softwareprodukte für DV-Konzepte der Zukunft haben werden. Der folgende dreiteilige Beitrag von Wolfgang F. Finke* setzt sich mit der Thematik veränderter DV-Strategien mittels Workgroup-Computing anhand des Beispiels der Groupware "Notes" auseinander. Das gerade erst in Europa vorgestellte Lotus-Produkt wird in einem Pilotprojekt der Daimler-Tochter Debis Systemhaus GmbH flächendeckend eingesetzt.

Nach einer inzwischen mehr als 30-jährigen Geschichte - erste Konzepte wurden bereits von Douglas Engelbart zu Beginn der 60er Jahre am Xerox Parc entwickelt - haben Groupware-Produkte jetzt einen Stand erreicht, der ihren Einsatz sowohl im Bereich Workgroup-computing als auch im Rahmen anspruchsvoller operativer Anwendungsentwicklungen möglich macht.

Bis zum Entwicklungsstand der aktuell verfügbaren Produkte/Konzepte war jedoch ein langer Weg zurückzulegen. Mehrere Mutationen waren erforderlich:

Aus den Anfängen Host-zentrierter Electronic-Mail-Systeme entwickelten sich (eher passive, endanwenderferne) Wissensbanken und Retrieval-Konzepte, die teilweise durch Online-Diskussionsecken ergänzt wurden. Beispiele hierfür sind unter anderem "DEC-Notes", PC-Mailboxen wie "RBBS", "Teamate" oder "Fido" und bekannte Consumer-Information-Services wie Compuserve.

Wesentliches Merkmal der neuen Groupware-Systeme ist ihre LAN-Basis sowie die nahtlose Integration in die marktgängigen Metapher- und Ikonenoberflächen der PC-Endnutzer-Arbeitsplätze (zum Beispiel MS-Windows, OS/2-PM, Apple).

Groupware bringt neues Leistungsspektrum

Die Groupware-(R)Evolution ist am Endanwender-Arbeitsplatz angekommen. Sie bringt ein neues, interessantes Leistungsspektrum, aber sie verlangt auch neue Konzepte und Richtlinien zur Organisation der computergestützten Gruppenarbeit, wie umfassende Praxiserfahrungen und Forschungsarbeiten aus den USA belegen.

Die Begriffe Groupware und Workgroup-Computing scheinen aus der Marketing-Perspektive so interessant zu sein, daß sie für unterschiedlichste Konzepte oder Produkte ge- und mißbraucht werden. Im hier verwendeten Sinn handelt es sich bei Groupware-Systemen um Softwareprodukte, die es Arbeitsgruppen ermöglichen, effektiver zusammenzuarbeiten und sich kontextbezogen mit den Werkzeugen (weitgehend) selbständig zu organisieren (endanwendernahe Systemgestaltung).

Funktional geht Groupware wesentlich über den gemeinsamen Zugriff auf schwach strukturierte Informationsbestände hinaus (wie, zum Beispiel mit E-Mail- oder BBS-Sytemen realisierbar).

Neueste Produkte reichen funktional inzwischen vom Bereich der E-Mail über verteilte Datenbanken und PIM (PersonaI Information Management) bis zur endnutzernahen beziehungsweise professionellen Anwendungsentwicklung.

Bei dem Konzept Workgroup-Computing geht es darum - aus Arbeitsgruppen-Sicht - gemeinsam mit Informationen umzugehen, sie zu kreieren, zu sammeln, zu kommentieren, zu verteilen und sie vielfältig für die täglichen Aufgaben zu verwerten.

Aktuelle, leistungsfähige Groupware-Systeme bieten hierfür - neben Standardfunktionen, wie beispielsweise E-Mail, Task- und Workflow- Management, Customer Tracking - einen "Werkzeugkasten", der es Gruppen erlaubt, sich ihre individuelle Arbeits- und Informationsumgebung zu schaffen.

Es wird nicht länger versucht, mit Dynamik und Flexibilität ablaufende Gruppen-Arbeitsprozesse in die Zwangsjacke starr vorgegebener Funktionalität zu pressen: "Die Transformation des zukünftigen Büros in eine Fabrik der Vergangenheit" findet nach Barbara Garson nicht statt.

Brüche in der räumlichen und zeitlichen Struktur von Gruppenarbeitsprozessen werden durch Groupware überbrückbar: Gruppenmitglieder können beispielsweise außerhalb der Bürozeiten arbeiten und sind auch auf Reisen nicht von der elektronischen Gruppendiskussion und von gemeinsamen elektronischen Informationsbeständen abgeschnitten.

Angeregt durch neue Kommunikationsmöglichkeiten des Ende der 60er Jahre eingeführten ARPA-Net als Trägermedium für die Kommunikation zwischen einer größeren Anzahl von US-amerikanischen und europäischen Forschungseinrichtungen, entstand in den USA eine Vielzahl von Forschungsprojekten und empirischen Untersuchungen.

Diese Arbeiten hatten und haben wesentlichen Einfluß auf das Design von Groupware-Produkten: Es zeigte sich beispielsweise, daß es beim Einsatz von

Workgroup-Computing zweckmäßig ist, in den Arbeitsgruppen und für das Management des Gesamtsystems bestimmte Rollen zu definieren und zuzuordnen (zum Beispiel Autoren-, Editor-, Manager-Rolle).

Aktuelle Groupware-Systeme unterstützen derartige Rollenkonzepte unmittelbar durch Systemfunktionen oder geben sie vor. Der aktuelle wissenschaftliche Stellenwert der "Computer Supported Cooperative Work" (CSCW) wird durch den Aufbau des im vergangenen Jahr von Malone an der Sloan School des MIT (Massachusetts Institute of Technology) in Zusammenarbeit mit DEC und der National Science Foundation gegründeten Center for Coordination Science.

Steve Jobs: Tod des Personal Computings

Schon die ägyptischen Pyramiden wurden nicht an einem Tag erbaut und erforderten die Koordination einer großen Anzahl von Mitarbeitern. Das gesamte erforderliche Know-how war aber weitgehend in den Köpfen der obersten Projektleitung verfügbar.

Moderne Leistungserstellungsprozesse hingegen erfordern die Koordination oft weit verstreut arbeitender Spezialisten, komplexe Projektabläufe und eine unternehmensübergreifende Kooperation. Zusätzlich zu der wachsenden Komplexität von Produkten und Leistungen müssen erfolgreiche Unternehmen sich den ständig beschleunigenden Markt- und Wissensentwicklungen stellen. Welche Schlüsse lassen sich hieraus ziehen?

- Die fallweise Zusammenarbeit unterschiedlicher Spezialisten in zeitlich befristeten Arbeitsgruppen wird in vielen Unternehmen zum Regelfall. Workgroup-Computing kann wesentlich zur Unterstützung dieser Arbeitsorganisation beitragen. Es geht nicht um einen vorübergehenden Modetrend, sondern Groupware erschließt ein wesentliches neues Segment des Anwendungsspektrums. - Der unternehmensweite Wissensaustausch und die intensivierte Nutzung des im Unternehmen vorhandenen Wissens kann entscheidenden Einfluß auf den Unternehmenserfolg haben. Groupware kann informelle Informationskanäle eröffnen und unterstützen. Groupware-Datenbankfunktionen dokumentieren Unternehmenswissen, machen es weiter- und wiederverwendbar und tragen zu seiner Tradierbarkeit bei. Informationsressourcen-Management kann mit dem neuen Instrumentarium erstmals auf breiter Ebene verwirklicht werden.

- Die Internationalisierung von Märkten, das sich immer schneller drehende Technologie- und Innovationskarussell und die steigende Komplexität der politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erfordern das professionelle Erschließen von Wissensressourcen (zum Beispiel Branchen-Informationsdienste, internationale Online-Datenbanken) und den gezielten Import von relevanten Informationen in die Know-how-Zentren der Organisation. Groupware kann als Informations-Drehscheibe zwischen externen Informationsquellen und internen Spezialistengruppen eingesetzt werden.

- Fallweise auftretende Aufgabenstellungen nehmen zu, und die Qualität ihrer Erfüllung kann wesentlichen Einfluß auf den Unternehmenserfolg haben. Dieser Typ von Aufgaben ist mit der Anwendungsentwicklung nach "klassischem" Muster nicht zu computerisieren. Groupware-Systeme lassen sich für die endanwendernahe Anwendungsentwicklung einsetzen und machen die Computerunterstützung vieler Aufgaben Oberhaupt erst realistisch - setzt man einmal einen üblichen Applications Backlog voraus.

Nachdem das Anwendungsspektrum im Bereich der funktional orientierten operativen Großsysteme (zum Beispiel Bestell- und Lagerwesen) weitgehend abgedeckt ist, und Steve Jobs das Personal-Computing - im Sinne der individuellen PC-Arbeitsplatz-Insel - inzwischen totgesagt hat, ermöglicht Groupware die Computerunterstützung eines wichtigen neuen Anwendungssegments. Aus diesem Grund meint auch das Marktforschungsinstitut Gartner Group, Workgroup-Computingkonzepte würden sich innerhalb der nächsten fünf Jahre zu einem der hauptsächlichen Trends in der DV entpuppen.

Es erscheint nicht einfach, die am Markt verfügbaren oder unter dem Groupware-Label angebotenen Kommunikations-Produkte zu kategorisieren und zu bewerten, da sich bezüglich des Funktions- und Leistungsspektrums in diesem Bereich noch keine Standards oder Marktführer herausgebildet haben (wie sie beispielsweise für Tabellenkalkulationen oder Datenbank-Systeme vorhanden sind). Eine grobe Kategorisierung in die folgenden Gruppen soll trotzdem erfolgen:

- Stern-Konzepte: Viele Systeme - umgeht man einmal die klassische Hostwelt mit Büro-Dinosauriern wie "Profs", "Memo", "All-in-1" - haben ihren Ursprung in den in Nord-Amerika weit verbreiteten und oft von privaten "Sysops" betriebenen Bulletin-Board-Systemen.

Als Systemplattformen dienen entweder PC- oder Unix-Systeme. Üblicherweise arbeiten die Systeme mit zeichenorientierten Endgeräten im Terminalmodus und einem zentralen Host (Stern-Struktur), auf den via Wählleitung/Modem oder X.25-Strecke zugegriffen werden kann.

Die Produkte haben in der Regel eine Funktionalität, die die Anwendungsbereiche E-Mail, Online-Informationsbank, elektronische asynchrone/synchrone Gruppendiskussion und gegebenenfalls noch Projektmanagement abdecken. Bei den "Offenen" Systemen (zum Beispiel Teamate) können diese Funktionen insbesondere durch die Integration von Datenbank-Anwendungen (zum Beispiel für elektronisches Bestellwesen, Lagerhaltung) angereichert werden (zum Beispiel enge Integration von TBBS mit Dbase).

Die PC-orientierten Konzepte bieten ein interessantes Preis-Leistungs-Verhältnis, sind jedoch bezüglich ihres Funktionsangebotes relativ inflexibel. Die Integration mit Grafik-orientieren PC-Endnutzerumgebungen ist in der Regel mangelhaft. - Basis-Tool-Boxen: Diese Kategorie beinhaltet Konzepte wie beispielsweise das Apple-Betriebssystem in der Version 7.0 oder HP-"Newwave". Derartige Systeme bieten bezüglich der vorhandenen Basissoftware die Voraussetzung, zukünftig Groupware-Systeme zu entwikkeln (zum Beispiel das HP-Newwave-basierte AT&T-Produkt "Rhapsody"). Aufgrund des Low-Level-Charakters der vorhandenen Werkzeuge ist dies jedoch mit erheblichem Entwicklungsaufwand verbunden und durch Endanwenderunternehmen nicht zu leisten.

- Corporate-computing-Plattformen: Der Weg von einfachen, technisch orientierten Connectivity-Funktionen bis zur ausgereiften, betriebssystemneutralen Anwendungs-Plattform ist lang. Deshalb wird von den Herstellern versucht, auch schon "Zwischenprodukte" mit einzelnen funktionsfähigen Modulen - insbesondere E-Mail, Transfer von Compound-Documents - zu vermerkten.

Als "Zwischenprodukte" werden "HP-Newwave Office" und "Apple Integrierte Bürokommunikation" eingestuft. Schwerpunktmäßig bieten die Systeme Einzelplatz-Office-Automation (Textverarbeitung, Grafik etc.) angereichert mit Basis-Connectivity-Funktionen (E-Mail, Transfer von Compound-Documents, Printer-Sharing, Nutzung von Datenbeständen auf Serversystemen etc.). IBMs "Officevision" steht dem Zwischenprodukt-Status ebenfalls noch nahe.

Produkte der letztgenannten Kategorie sind neben IBMs Officevision AT&Ts Rhapsody und Lotus Notes. Sie setzen sich in Design-Philosophie und Funktionalität deutlich von Stand-kern der Büroautomation wie Profs oder All-in-1 ab. Die neuen Systeme verstehen sich als komplette Anwendungsplattform.

Sie unterscheiden sich von den Klassikern insbesondere

durch:

-LAN-Basierung

-Baukasten-Prinzip/Offenheit für das Einbinden von PC-Software,

-grafische Bedieneroberflächen,

-Orientierung an Gruppenarbeitsprozessen.

Generell zeigt sich im Bereich der Computerunterstützung von Büroarbeitsprozessen ein deutlicher Trend zu LAN-basierten Client-Server-Konzepten und dazu, daß man sich mit den teilweise mächtigen Sprachkonstrukten (zum Beispiel Agent-Facility bei Newwave oder "Datenbank"-Instrumentarium bei Lotus Notes) aus den Toolboxen der Systeme ein unternehmensindividuelles computergestütztes Büroinformationssystem baut.

Neben dem Einsatz oder der Anpassung vorgefertigter "Baugruppen" (zum Beispiel E-Mail, Client Tracking) fällt demzufolge in der Einführhungsphase ein erheblicher Arbeitsaufwand an, dessen Schwerpunkt im Bereich der Um- oder Neuorganisation von Arbeitsprozessen liegt.

Ein wichtiger Vorteil ist in diesem Zusammenhang jedoch die insbesondere bei Lotus Notes vorhandene Endanwenderorientierung der Design-Werkzeuge: ein zentralisiertes "EDV-lastiges" Systemdesign mit prozeduralen Sprachen wie Cobol, C etc. und damit erfahrungsgemäß verbundenen Bottlenecks gibt es nicht. Zudem wird die Akzeptanz der Systemlösungen wesentlich verbessert.