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17.06.1994

DECs einzige Hoffnung ist der Alpha-Chip

Eine langjaehrige Serie von Management-Fehlern hat die bisherige Nummer zwei im Computermarkt an den Rand des Ruins gefuehrt. Die Schuld liegt nicht nur im starrsinnigen VAX-Kurs des lange Jahre autokratisch agierenden Kenneth Olsen, sondern auch an wenig effizienten Umstrukturierungsmassnahmen seines Nachfolgers. Seit eineinhalb Jahren klammern sich daher alle Hoffnungen von DEC, den Kunden und den Aktionaeren an einen Erfolg der Alpha-Systeme. Bisher ist es jedoch nicht gelungen, mit der neuen Hardware die ruecklaeufigen Umsaetze im VAX-Geschaeft zu kompensieren.

W ir wissen nicht, ob unsere Software auch auf den Alpha-Systemen laeuft", bringt Hilmar Overbeck, DV-Leiter der ABB Leitungsbau GmbH, Mannheim, die Probleme vieler DEC-Kunden auf den Punkt. Noch in diesem Jahr muss er seine zwei VAXen durch leistungsstaerkere Systeme ersetzen, doch sein Software-Anbieter hat ihn gewarnt, dass einige seiner Applikationen, wie etwa das Zeiterfassungsprogramm, nicht auf der Alpha-Plattform laufen werden. Bestaetigt sich dieser Einwand, muss Overbeck gegen seine Absicht einen zusaetzlichen VAX- Rechner anschaffen.

Die jetzige Situation hat dem DV-Leiter klar gemacht, wie riskant es ist, sich auf ein proprietaeres Betriebssystem festzulegen. Wenn er frei entscheiden koennte, wuerde Overeck heute "auf Unix setzen, damit ist man langfristig unabhaengiger". Aus Ruecksicht auf die nur schwer portierbaren VMS-Anwendungen bleibt ihm dieser Weg jedoch verschlossen. "Da haben wir dasselbe Problem wie die Mainframe- Anwender", klagt Overbeck.

"Derzeit laufen bereits ueber 5000 Anwendungen auf den Alpha- Systemen", wehrt Theresia Wermelskirchen, Pressesprecherin der Digital Equipment GmbH, Muenchen, den Vorwurf ab, es fehle an Applikationen. Nach ihrer Auskunft existieren jeweils 2400 Programme fuer Open VMS und fuer das OSF/1-Unix. Nur bei Windows NT gebe es mit rund 400 Programmen noch Engpaesse. Diese Zahlen werden von Otto Titze, Vorstand der Anwendervereinigung Decus, relativiert. Bei der Basissoftware herrsche inzwischen tatsaechlich kein Mangel mehr, im kommerziellen Bereich aber sei die Softwareproduktion nur zoegernd angelaufen.

Eine Erklaerung fuer die geringe Bereitschaft der Anbieter von DEC- Software, auf die neue Chipplattform zu portieren, liefert Bernd Wasserschaft, DV-Leiter der ABS Pumpcenter AG, Lohmar. So rangiere die Alpha-Portierung auf der Prioritaetenliste vieler Entwickler keineswegs ganz oben. Bevor sie eine zusaetzliche Hardware unterstuetzten, zoegen sie es vor, ihre Produkte durch die Anbindung an relationale Datenbanken und die Einfuehrung von Client-Server- Techniken fuer neue Maerkte zu oeffnen. "Dann", so Wasserschaft, "kann es ihnen gleichgueltig sein, ob ihre Produkte unter Unix oder VMS laufen." Bis dahin warten die Alpha-Kunden jedoch vergeblich auf Anwendungen.

Fuer Wasserschaft besteht eines der Hauptprobleme darin, dass DEC begonnen hat, die Alpha-Systeme zu vermarkten, ohne vorher fuer Anwendungen zu sorgen. Das fuehre dazu, dass schon aufgrund des Preis-Leistungs-Verhaeltnisses kein vernuenftiger Anwender mehr in VAX-Maschinen investiere. Solange es an Software fehle, haetten die Kunden aber auch wenig Grund, Alpha-Rechner zu kaufen.

Auf ein weiteres Problem macht Frank-Michael Fischer aufmerksam, der bei Digital Deutschland von 1985 bis 1989 zuerst fuer das VAX- Marketing und dann fuer die Grosskunden zustaendig war. Nach seiner Ansicht hat der Hersteller es versaeumt, Anwendungen zu initiieren, die den Nutzen der 64-Bit-Architektur augenfaellig machen. "In keinem Marktsegment ist es gelungen nachzuweisen", so Fischer, "dass die Alpha-Architektur gebraucht wird."

Am schwersten tut sich Digital offensichtlich mit dem Alpha-PC. Dieser wurde laut Fischer mit deutlich geringerem Engagement auf den Markt gebracht als die Intel-PCs des Herstellers. Zudem wurden die Alpha-PCs aus dem Vertrieb der PC-Division herausgenommen und dem weniger Marketing-orientierten Workstation-Bereich zugeordnet.

Hinzu kommt, dass DEC im Wettbewerb mit Intel ungluecklich operierte. Nach Informationen der britischen "Client Server News" wurde die Produktion eines Billig-Alpha-PCs mit der Codebezeichnung "Mustang" gestoppt, weil er zuwenig Vorzuege gegenueber den neuen, mit 100 Megahertz getakteten Pentium-Chips von Intel gehabt haette. Ein aehnliches Projekt mit der Bezeichnung "Morgan" war bereits im vergangenen Jahr an technischen Problemen gescheitert.

Die Verunsicherung der Anwender ueber die Alpha-Zukunft fuehrt dazu, dass sie sich inzwischen anderweitig umsehen. Fuer besonders interessant haelt DV-Manager Wasserschaft den von IBM, Apple und Motorola propagierten Power-PC.

Groesser noch als bei den Kunden, die aufgrund der Produktqualitaet meist zu ihrem Hersteller stehen, ist die Verunsicherung in den Fuehrungsetagen von DEC. So beantwortet das deutsche Management derzeit keine Fragen ueber die Zukunft des Unternehmens. Hierzulande wartet man auf Entscheidungen der US-Zentrale, die Ende dieses Monats fallen sollen.

Durch ihr Schweigen vermeiden die Manager zumindest, dass es erneut zu widerspruechlichen Aussagen kommt, die Decus-Vorsitzender Titze als Hauptfehler des Unternehmens anprangert. "Es darf einfach nicht passieren, dass CEO Palmer oeffentlich verkuenden muss, die Kunden sollen ihren Vertriebsleuten nicht mehr glauben."

Die staendigen Widersprueche erklaert Titze mit dem Fehlen einer durchgaengigen Kommunikationsstrukur nach innen und aussen. Deshalb verlangt er "die Formulierung und Verbreitung eines klaren Firmenziels".

Bei DEC ist das Problem bekannt. Presseprecherin Wermelskirchen raeumt ein, dass die klare Gliederung der letzten Restrukturierung noch nicht bis nach unten durchgedrungen sei. So habe das mittlere Management Schwierigkeiten, sich "in die Organisation hineinzudefinieren".

Um der daraus entspringenden Verwirrung Herr zu werden, hat DEC zu einer Massnahme gegriffen, die erstaunlicherweise nicht organisatorischer Natur ist. Sechs renommierte Public-Relations- Firmen wurden angeheuert, um DEC im Rahmen einer Ausschreibung ein einheitliches Profil zu verschaffen.

"Die meinen offenbar, sie haben die richtigen Produkte, die nur falsch dargestellt werden. Wer so denkt, hat am Markt nichts zu suchen", kommentiert Ex-DEC-Manager Fischer die Aktion. Nach seiner Meinung hat Digital zwar dank seiner finanziellen Ausstattung prinzipiell noch die Moeglichkeit, das Steuer herumzureissen, es fehle aber an der Kreativitaet, auf die Kunden einzugehen. Geld nuetze nichts, wenn man den Markt nicht verstehe (vgl. Kasten).

Hermann Gfaller

Die PC-Suende von 1981: Damals hat DEC einen PC auf den Markt gebracht, der absichtlich so konstruiert wurde, dass Tausende von DOS-Applikationen nicht darauf liefen. Haette sich DEC damals nicht fuer den proprietaeren Kurs entschieden, so das Urteil von Frank- Michael Fischer, Digital-Manager von 1985-1989, gaebe es heute wahrscheinlich keine Intel-Dominanz.

Die ungeliebte Apple-Allianz: 1988 blies Ken Olsen den Versuch ab, dem IBM-PC mit Hilfe einer Apple-Allianz die Stirn zu bieten. Damals waren die VAX-Verkaeufe auf ihrem Hoehepunkt, und die Macs galten als optimales Front-end-Geraet. Durch eingebaute VAX-Tools war Interoperabilitaet sichergestellt. Die IBM dagegen hatte damals Schwierigkeiten, ihre PS/2-Systeme als AS/400-Workstations zu vermarkten. Etwas spaeter hat Olsen nach Informationen des britischen Branchendienstes "Computergram" auch noch die Chance vertan, Apple zu kaufen, als ihm die Firma von Sculley angeboten wurde. Heute muss sich DECs Alpha-Chip der Konkurrenz des von Apple, IBM und Motorola entwickelten Power-Chips erwehren.

DECs folgenreichste

Fehleinschaetzungen

Der verschlafene RISC-Trend: Zu spaet erkannte DEC die Bedeutung der RISC-Architektur. Aus Angst, die technischen Anwender an konkurrierende Unix-Anbieter zu verlieren, wurde eine eigene Entwicklung zugunsten von Mips-Systemen gestoppt. Anstatt die flexible Bi-Endian-Byte-Anordnung zu verwenden, wurden die Chips auf die VAX-Anordung hingetrimmt, so dass die vorhandene Mips- Software nicht mehr genutzt werden konnte.

Arroganz gegenueber Unix: Mit russischen Lastwagen verglich DEC- Chef Ken Olsen Unix und trieb damit die Unix-Umsteiger unter seinen Kunden in die Arme der Konkurrenz. Als sich DEC dann auf das OSF/1-Unix festlegte, stiess das Unternehmen bei den Anwendern auf Unglauben. Schliesslich galt die OSF lange als eine von DEC und der IBM finanzierte Vereinigung zur Behinderung der Unix- Verbreitung.

Der ACE-Flop: Nahezu vergessen ist die ACE-Vereinigung um DEC, Mips, Microsoft und Santa Cruz Operation (SCO). Die Einigung auf eine einheitliche Mips-Plattform vom PC bis zum Mainframe und alle damit verbundenen Hoffnungen zerbrachen, als DEC seinen Alpha-Chip vorstellte.