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27.09.1996 - 

Ratgeber Video-Conferencing (Teil 2)

Dem Konferenzteilnehmer am PC ins Auge blicken

Video-Conferencing als Business-Tool ausschließlich für die interne, gleichwohl standortübergreifende Kommunikation im Unternehmen - so könnte eine der Schlußfolgerungen des in der vergangenen Ausgabe der COMPUTERWOCHE geschilderten Anwendungsbeispiels bei Ford lauten. Weit gefehlt: Nach einer Studie der Gartner Group setzen zwar derzeit 15 Prozent aller Firmen in den USA und Europa Videokonferenz zur Kommunikation mit externen Geschäftspartnern ein Ende dieses Jahres sollen es aber bereits 25 Prozent sein - Tendenz steigend.

Für die "Kollegen" von Ford bei der BMW AG in München ist dies schon lange kein Thema mehr. Dort schwört man auf Intels "Proshare", das im Konzern nahezu in allen Bereichen zu finden ist - in der Entwicklung, im Engineering, bei visualisierten Simulationen, im Konstruktionsbereich, für Kooperationen im Einkauf. Letztlich ist das Video-Conferencing oder die Telekooperation aber auch in den Bereichen Marketing und Vertrieb ein Bestandteil täglicher Arbeitsabläufe, etwa wenn es um die gemeinsame Besprechung von Broschüren-Entwürfen mit Werbeagenturen geht. Im Rahmen des Projekts "Bayern Online" der bayerischen Staatsregierung, an dem sich die Autobauer mit bis zu 300 eigenen Mitarbeitern beteiligen, ist man bei BMW derzeit bestrebt, durch die Einrichtung weiterer Telearbeitsplätze im Großraum München noch deutlicher herauszufiltern, welche prinzipiellen Auswirkungen die Auslagerung von Arbeitsplätzen für das Unternehmen haben wird. Ernst Schindler, Leiter Systemtechnik bei BMW, zieht allerdings schon jetzt ein klares Fazit: "Neben der qualitativen Verbesserung der Kommunikation führt der Einsatz von Video-Conferencing zu strafferen Kommunikationsabläufen, erhöht die Teamproduktivität über geografische Grenzen hinweg und verkürzt die Entscheidungsprozesse."

Noch Fragen? Nein, aber Antworten. Schindler und sein Kollege Rudolf Lechelmayr, zuständig für besagtes Projekt "Telekooperation", suchten nach einem flexiblen System mit einer benutzerfreundlichen Oberfläche, das den spontanen Ideenaustausch der Mitarbeiter unterstützen sollte. Darüber hinaus muß eine Lösung ihrer Auffassung nach vor allem für die Übertragung von Präsentationen, Programmen, Bildern und anderen digitalen Daten gut geeignet sein. Proshare, das bei den Münchnern über die hausinterne Hicom-Anlage, die sowohl die internen als auch die externen Verbindungen schaltet, betrieben wird, erfüllt diesen Anforderungskatalog nach Ansicht der BMW-Planer bestens. Wie überhaupt für sie das Desktop-Video-Conferencing klare Vorzüge gegenüber klassischen Raumkonferenzsystemen hat: Neben der einfacheren Handhabung und geringeren Installationskosten kann man auf die Einrichtung spezieller Konferenzräume verzichten. Weiteres gewichtiges Argument der Münchner ist, daß sich ihrer Erfahrung nach mit Raumkonferenzsystemen nur schwer Datenkonferenzen durchführen lassen.

Anders bei Siemens: Beim Münchner Elektronikriesen setzt man nach wie vor auf Raumkonferenzsysteme beziehungsweise sogenannte "Rollabouts".

Hartmut Steineck, Leiter der Abteilung Systemstrategie und -Architektur im Siemens-Bereich Business Systems, erklärt auch, warum: "Wir mußten hier etwas gegen den Strom schwimmen, denn die Low-cost-Lösungen erfüllen nicht die hohen Qualitätserwartungen, die die Benutzer in aller Regel von den Raumsystemen gewohnt sind." Gegen ein Produkt wie "Proshare" sprechen seiner Meinung nach eine Reihe von Aspekten - etwa die zu geringe Bandbreite von in der Regel 128 Kbit/s, bei der die Videoqualität mehr als zu wünschen übrig läßt. Der Grund: Auf den guten Ton kommt es zunächst zwar am meisten an geeignete Verfahren zur Videokomprimierung, mit denen sich auch bei mageren 128 Kbit/s durchaus mehr Bandbreite für eine gute Bildübertragungsqualität gewinnen ließe, fehlten aber bis heute. Das hauptsächliche Manko der Desktop-Systeme war für die BMW-Leute jedoch die bis vor kurzem nicht gegebene Interoperabilität zu Lösungen anderer Hersteller.

Stichwort Standards: Eigentlich wäre schon 1990 - zumindest bei der Bildübertragung - das Feld für die Interoperabilität zwischen den Systemen der wichtigsten Hersteller bereitet gewesen, als die besagte H.320-Spezifikation von der ITU verabschiedet wurde. Doch wie (fast) immer kam es auch hier zunächst zur Kraftprobe zweier Hersteller-Konsortien, die dem Markt ihre jeweilige (Produkt-) Philosophie aufs Auge drücken wollen. Chip-Gigant Intel kündigte 1994 kurz nach der Vorstellung von "Proshare" mit großem Pomp seine PCWG-Allianz (Personal Conferencing Work Group) an, zu der mit Firmen wie AT&T, Compaq, Digital Equipment, Hewlett-Packard, Olivetti, NEC und Novell zunächst die Créme de la créme der IT-Branche gehörte.

Das Ziel des PCWG-Lagers war klar: Video- und Data-Conferencing auf der Basis von "Proshare" und vor allem von Intels Komprimierungsverfahren "Indeo" als eigenen De-facto-Standard im Markt zu etablieren - vorbei am H.320-Standard und damit auch am "klassischen" Videokonferenz-Marktführer Picturetel. Das Ergebnis ist ebenfalls bekannt: Das Vorhaben scheiterte kläglich. Viele Anwender hatten bereits in H.320-Systeme investiert, zu denen die Intel-Lösung (bewußt) nicht kompatibel war Erweiterungen beziehungsweise Neuanschaffungen von PCWG-Produkten waren für diese Klientel demnach schlichtweg uninteressant. Zudem gab es in Insiderkreisen Gerüchte, wonach Microsoft, ohne dessen Windows-Oberfläche natürlich auch beim Desktop-Video-Conferencing kaum etwas geht, nicht nur offiziell, sondern auch hinter den Kulissen nichts getan hat, um ein Scheitern der PCWG-Initiative zu verhindern.

Schon wenige Monate später, im Frühjahr 1995, entschloß sich das PCWG-Lager, die eigenen Video-Spezifikationen, so sie überhaupt schon entwickelt waren, H.320-kompatibel zu machen. Eine Kapitulationserklärung erster Klasse, wenn man so will. Ähnliches galt für die Video-Komprimierung, wo neben der Indeo-Technik nun auch andere Verfahren zugelassen wurden.

Der Weg für einen einheitlichen Videokonferenzstandard war demnach frei - nicht nur bei der Bildübertragung, sondern wiederum ein Jahr später auch beim Application-Sharing, wo man sich ebenfalls auf eine weltweite Norm (T.120) einigen konnte. (wird fortgesetzt)

Videokonferenz

Business-Tool oder Schicki-Micki-Anwendung - die COMPUTERWOCHE versucht sich an einer grundsätzlichen Antwort. Teil 1 (erschienen in CW Nr. 38, S.31) und Teil 2 widme(t)en sich einer Chronologie des Marktes und den Erfahrungen der Unternehmen beim Einsatz entsprechender Lösungen. Im dritten und letzten Teil lesen Sie in der nächsten Ausgabe, was gemeinsame Standards in der Praxis bedeuten, und worauf bei der Implementierung von Videokonferenzsystemen zu achten ist.

*Ulrich Pesch ist freier Journalist in Hallbergmoos.