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15.06.2001 - 

Stadt München konkurriert mit Unternehmen um IT-Fachkräfte

Den Amtsschimmel auf Trab bringen

Die Kommunen stehen kurz vor dem DV-Infarkt, mahnen Branchenkenner. Allein die Stadt München benötigt in den kommenden Jahren mehrere hundert IT-Fachkräfte. Von Helga Ballauf*.

"Ich will am Abend meine zweieinhalbjährige Tochter ins Bett bringen. Meine Frau legt auch Wert darauf." Jens Barth (34), der bei der Stadt München im Amt für Informations- und Datenverarbeitung arbeitet, ist sicher, dass er die regelmäßigen freien Abende in der Privatwirtschaft nicht hätte. Athanasios Alexopoulos (33) nickt. Der Informatiker aus dem Referat für Gesundheit und Umwelt will ebenfalls planbare Zeit für seine junge Familie haben. Bei beiden IT-Angestellten im kommunalen Dienst blitzen Headhunter, die sie für einen lukrativen Job in der freien Wirtschaft werben wollen, regelmäßig ab.

Überstunden bleiben die Ausnahme

Der Personal- und Organisationsreferent Münchens, Thomas Böhle, scheint nicht ganz falsch zu liegen mit seiner Einschätzung: "Das schwierigste ist, IT-Fachkräfte zu finden. Aber wer einmal bei uns ist, bleibt auch gern." Die flexible Arbeitszeit ist ein Pfund, mit dem die Stadt wuchert. Besonders hochqualifizierte Frauen mit Kindern schätzen Teilzeitstellen. Vielen Angestellten und Beamten ist wichtig, dass nach 38,5 Stunden pro Woche in der Regel wirklich Schluss ist. Jeder Chef ist laut Dienstvereinbarung gehalten, nach Projekthochphasen mit Überstunden umgehend für Freizeitausgleich zu sorgen. "Wer dagegen höchsten Wert auf die Bezahlung legt, ist bei uns nicht an der richtigen Adresse", stellt Böhle fest.

Der dickste Hemmschuh, mit dem alle öffentlichen Arbeitgeber zu kämpfen haben, ist die Anlage 1 A zum Bundesangestelltentarif (BAT), nach der seit 1993 die Gehälter von IT-Angestellten berechnet werden. Sie ist starr, orientiert sich noch an Großrechnerstrukturen und gibt längst überholte Eingruppierungsmerkmale vor. Vorerst ist keine neue Regelung in Sicht, und Personalreferent Böhle hat sich für ein mehrgleisiges Vorgehen entschieden: "Wir wenden das geltende Tarifrecht phantasievoll an. Ich werbe im kommunalen Arbeitgeberverband für eine BAT-Änderung. Und weil der hartleibig ist, lote ich mit der Gewerkschaft aus, was sich in München machen lässt."

Phantasievoll ist es allemal, Beschäftigten durch eine "künstliche Alterung" zu einem höheren Einkommen zu verhelfen. Konkret heißt das, dass IT-Fachkräfte bei der Anstellung bis zu vier BAT-Altersstufen überspringen können. Ein 30-jähriger lediger Bewerber verdient dann beispielsweise statt brutto 5200 Mark im Monat immerhin 5800 Mark. Böhle sieht, dass bei vielen seiner Kollegen mit kommunaler Personalverantwortung das Sparen über alles geht. Sie kommen teilweise aus überschuldeten Städten und wollen keine BAT-Änderung, weil die Geld kosten würde. "Das ist verständlich, aber kurzsichtig", meint der Münchner Personalreferent, "mit DV lässt sich nämlich auch sparen - man muss aber zunächst in Technik und Personal investieren."

Mehrere hundert zusätzliche IT-Fachkräfte wird die Stadt in den kommenden Jahren brauchen, rechnet Böhle vor. Die Aufgabenliste umfasst unter anderem den Anschluss und die kontinuierliche Betreuung von 28 000 PCs des Projekts "Schulen ans Netz" sowie die Entwicklung des virtuellen Rathauses und des Internet-Portals München. Allein 90 neue Stellen sind bis 2003 schon für das neue kommunale Rechnungswesen eingeplant, mit dem die Stadt das wenig transparente, alte System der Kameralistik ablöst. Gemeinsam mit SAP-Spezialisten entwickeln die hauseigenen Fachkräfte die passende Software. Immerhin ist die Stadt München ein Großunternehmen mit 27000 Mitarbeitern in der Hoheitsverwaltung plus 23000 Beschäftigten in Eigenbetrieben wie Krankenhäusern oder Stadtwerken. Dafür gibt es keine DV-Lösungen von der Stange.

"Kommunales Call-Center"

Die Vielfalt der möglichen Aufgaben reizt die IT-Experten Barth und Alexopoulos. Der junge Grieche betreut die Datenbanken von Umweltschutz- und Gesundheitsreferat und ist Systemadministrator im Städtischen Gesundheitshaus. "Noch kommen laufend neue Aufgaben dazu. Aber wenn ich mal etwas anderes tun möchte, lasse ich mich in ein größeres Referat oder ins Amt für Datenverarbeitung versetzen." Dort arbeitet Elektrotechniker Barth im Entwicklungsteam. Gemeinsam mit verwaltungstechnisch geschulten Kollegen lässt er sich DV-Lösungen einfallen, etwa für ein "Kommunales Call-Center". Zentrale Frage: Wie kann das in den einzelnen Referaten gesammelte Behördenwissen zusammengeführt und über Intra- und Internet für auskunftsuchende Bürger und für die hausinterne Arbeit nutzbar gemacht werden?

Barth verkennt nicht, dass zu seinem Job viel Überzeugungskraft gehört: "Der Leidensdruck ist noch nicht in allen Referaten ausgeprägt. Man muss viel reden und werben." Doch genau das gefällt ihm: "Die persönlichen Eigenschaften sind entscheidend. Das Fachliche kann man dazulernen." Alexopoulos sieht das ähnlich. IT-Berufsanfänger fänden bei der Stadt München mit ihrem umfangreichen Fortbildungsprogramm einen "sanften Einstieg", sagt der Technische Informatiker: "Das ist einfacher als in der freien Wirtschaft." Er glaubt, dass nicht in erster Linie die mäßige Bezahlung viele Young Professionals vom kommunalen Arbeitgeber abhält: "Das größte Hindernis ist das Vorurteil, der öffentliche Dienst sei einfach schwerfällig."

Werbefeldzug für die Stadt

Da helfe nur eins, glauben Barth und er: Offen auf junge Leute zugehen. Je mehr sich die Stadt bei Weiterbildungsträgern und an Hochschulen bekannt mache, Praktika und Diplomarbeiten im IT-Bereich anbiete, umso leichter ließen sich die Vorbehalte abbauen. Personalreferent Böhle setzt auf einen Qualifikations-Mix: Er wirbt um Hochschulabsolventen und Quereinsteiger, baut auf die informationstechnische Weiterbildung der hauseigenen Verwaltungsfachleute und die laufende Ausbildung junger IT-Systemelektroniker.

*Helga Ballauf ist freie Journalistin in München.